In Chile haben Aktivisten 2024 Googles Expansionspläne gestoppt. In den Niederlanden blockierten Demonstranten in diesem Monat den Zugang zu einer Microsoft-Baustelle. In Malaysia erhoben Bürger im Bundesstaat Johor erstmals landesweit öffentlich Einspruch gegen ein geplantes Rechenzentrum. In Utah zogen Tausende gegen das Stratos-Rechenzentrum in Box Elder County auf die Straße. In Mexiko berichten Anwohner nahe einem Microsoft-Rechenzentrum von häufigeren Stromausfällen und wochenlangen Wasserunterbrechungen, die Schulen und Krankenhäuser treffen. In Spanien, Australien, Brasilien und Großbritannien laufen ähnliche Proteste.
Deutschland wirkt bislang gespalten. Eine aktuelle Umfrage zeigt gleichzeitig, dass eine Mehrheit Rechenzentren grundsätzlich befürwortet. Die repräsentative YouGov-Umfrage vom Juni 2026 im Auftrag der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen unter dem Internetverband eco kam zu dem Ergebnis, dass 60 Prozent den Ausbau von Rechenzentren in Deutschland für wichtig oder sehr wichtig halten, während ihn nur 7 Prozent als eher oder sehr unwichtig bewerten. Gleichzeitig würden 50 Prozent den Bau eines Rechenzentrums in der eigenen Region unterstützen, 11 Prozent lehnen ihn dort ab. Die größten Sorgen betreffen jedoch genau die Umwelt- und Infrastrukturfolgen: 43 Prozent nennen den Stromverbrauch, 31 Prozent die Belastung der Stromnetze, 29 Prozent den Wasserverbrauch und 22 Prozent den Flächenbedarf.

In Irland ist eine Massenbewegung entstanden, weil die Rechenzentren in Dublin allein mehr Strom verbrauchen als alle städtischen Haushalte des Landes zusammen – über zwanzig Prozent des nationalen Stromverbrauchs. Eine Untersuchung von Friends of the Earth zeigt, dass die Zentren stark auf fossile Brennstoffe angewiesen sind und die Energiepreise treiben. Haushalte sollen dadurch in den nächsten Jahren Mehrkosten von bis zu 740 Dollar auf ihren Stromrechnungen tragen. In den USA lehnen sieben von zehn Menschen Rechenzentren in ihrer Nachbarschaft ab. Universitätsabsolventen buhen bei Abschlussreden, sobald KI erwähnt wird. Bis Juni 2026 wurden über hundert Moratoriumsanträge auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene eingebracht. Im Mai 2026 wurde die KI-Widerstandsliste gegründet, eine öffentlich zugängliche globale Datenbank, die Widerstandsaktionen gegen die KI-Landnahme weltweit dokumentiert. Anarchisten, Gewerkschaftsaktivisten, indigene Organisationen und enttäuschte Trump-Wähler finden sich dabei Seite an Seite.
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„Nicht klug, nur riesig“ – Der Widerstand gegen KI
Was diese Menschen verbindet, ist nicht Technikfeindlichkeit. Es ist die Erfahrung, dass Rechenzentren Land fressen, Wasser abziehen, Strom verteuern, Lärm produzieren und Gemeinden zerstören – und dass niemand gefragt wird. Die Konzerne entscheiden, wo gebaut wird. Die Gemeinden zahlen die Rechnung. Von 809 geplanten Rechenzentren in den USA liegen 517 in Gebieten, die im vergangenen Jahr durchgehend von Dürre betroffen waren. Ein einziges hypergroßes Rechenzentrum kostet mehr als 100 Milliarden Dollar, erzeugt über ein Gigawatt Strom – vergleichbar mit einem Kernkraftwerk – und erstreckt sich über tausende Hektar. Das Rechenzentrum, das derzeit in Utah gebaut wird, wird nach Fertigstellung doppelt so viel Fläche einnehmen wie die Insel Manhattan, mehr Strom verbrauchen als der gesamte Bundesstaat Utah und enorme Wassermengen in einer der trockensten Regionen des Landes beanspruchen. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass die globale KI-Entwicklung bis 2030 jährlich 945 Terawattstunden Strom und 9,3 Billionen Liter Wasser benötigen wird – das entspricht dem Wasserbedarf von 1,3 Milliarden Menschen. Sam Altman, Chef von OpenAI, hat dazu erklärt, er rechne damit, dass weite Teile der Welt irgendwann mit Rechenzentren bedeckt sein werden. Es war keine Warnung. Es war eine Ankündigung.

Der Boom folgt dem Kapital, nicht dem Bedarf. In Südostasien entstehen Ballungszentren in Malaysia, Thailand, Vietnam, auf den Philippinen, in Indonesien und Singapur. In Lateinamerika wächst das Netz durch Mexiko, Brasilien, Chile, Kolumbien und Peru, verbunden durch Unterseekabel. Afrika hat seine Knotenpunkte in Südafrika, Kenia, Nigeria und Marokko. Saudi-Arabien hat 2024 mit einem 40-Milliarden-Dollar-Fonds die weltweit größte Einzelinvestition in KI getätigt. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben im selben Jahr Pläne über je 100 Milliarden Dollar angekündigt. Das US-Außenministerium nennt diese neue Weltordnung Pax Silica. Wenn das zwanzigste Jahrhundert auf Öl und Stahl lief, läuft das einundzwanzigste auf Rechenleistung und den Mineralien, die sie speisen, erklärte Jacob Helberg, Unterstaatssekretär des US-Außenministeriums für Wirtschaftswachstum, Energie und Umwelt“, im Dezember 2025. Hinter diesem Begriff verbirgt sich keine neutrale technologische Entwicklung. Es ist die bislang umfassendste Runde kapitalistischer Landnahme seit der Kolonialzeit – diesmal ohne Flaggen, aber mit denselben Strukturen: Land wird beschlagnahmt, Energie abgezogen, Arbeit ausgepresst, Widerstand unterdrückt.
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Die Arbeitsverhältnisse entlang der KI-Wertschöpfungskette bestätigen das. Eine Recherche verfolgte die Beschäftigten, die ChatGPT von OpenAI mit Daten versorgen. Die Löhne waren so niedrig, dass sich mehrere dieser Mitarbeitenden keine Wohnung leisten konnten. Sie waren obdachlos. Gleichzeitig beschleunigt KI die Entwertung von Arbeit in allen anderen Sektoren. Fast hundert Prozent des amerikanischen Wirtschaftswachstums 2025 stammten aus Investitionen in digitale Technologien. Weltweit werden für 2026 KI-Ausgaben von 2,5 Billionen Dollar prognostiziert, ein Anstieg von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die privaten Investitionen in digitale Infrastruktur in den USA sind bis 2026 auf 1,5 Billionen Dollar gestiegen – von 17 Milliarden im Jahr 1970. Biden nannte das in seiner Abschiedsrede im Januar 2025 einen entstehenden Technologieindustriekomplex, eine Oligarchie, die sich durch die gefährliche Machtkonzentration in den Händen weniger Superreicher forme. Es war eine Neuauflage von Eisenhowers Warnung vor dem militärisch-industriellen Komplex von 1961. Diesmal ohne Uniformen, aber mit denselben Strukturen: Eine Industrie wächst so tief in staatliche Strukturen hinein, dass ihre Interessen und die des Gemeinwesens nicht mehr zu unterscheiden sind.

Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez haben im März den KI-Rechenzentren-Moratoriums-Akt eingebracht, der eine Pause fordert, um die Sicherheit für die Menschheit zu gewährleisten. Sanders schlug zusätzlich vor, dass die Öffentlichkeit eine fünfzigprozentige Eigentümerbeteiligung an KI-Unternehmen erhalten solle. Altman traf Sanders auf dessen eigenen Wunsch hin, signalisierte grundsätzliche Offenheit für öffentliche Beteiligung – aber nicht für einen Anteil, der die Kontrolle der Konzerne gefährdet. Die US-Regierung hat Anfang 2026 zehn Milliarden Dollar in Beteiligungen an privaten KI-Unternehmen investiert, darunter Intel, den Rüstungskonzern L3Harris sowie Seltene-Erden-Firmen. Trump hat per Dekret die Rüstungsindustrie zur Priorisierung militärischer Einsatzfähigkeit verpflichtet. Staatliche Beteiligung an KI ist in diesem Rahmen kein Gegengewicht zur Konzernmacht. Sie ist deren Verlängerung.

Die Sicherheitsbehörden reagieren auf den wachsenden Widerstand mit Überwachung. Es gibt konkrete Hinweise, dass Polizei und Geheimdienste Kritiker von Rechenzentren bereits beobachten und die Kriminalisierung des Widerstands vorbereiten. Das ist keine Überraschung. Wer eine Infrastruktur aufbaut, in der 78 Prozent aller weltweit befragten Organisationen bereits KI einsetzen – 82 Prozent in Nordamerika, 80 Prozent in Europa, 77 Prozent in Schwellenländern – und wer dabei plant, dass diese Infrastruktur in Militär, Geheimdienste und staatliche Repression integriert wird, der hat ein starkes Interesse daran, dass niemand dagegen auf die Straße geht.
Die Menschen, die es trotzdem tun, kämpfen nicht gegen Technologie. Sie kämpfen dafür, dass über ihre Wasser- und Stromversorgung nicht ohne sie entschieden wird. Das ist kein kleines Ziel. Es ist das einzige, das zählt.
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