Donald Trump greift per Anordnung in den Impfschutz amerikanischer Kinder ein, obwohl führende Kinderärzte und inzwischen selbst ein republikanischer Arzt im Senat seiner Entscheidung frontal widersprechen. Der Präsident verlangt größere Abstände zwischen Impfungen und will den kombinierten Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln künftig durch einzelne Impfstoffe gegen die drei Krankheiten ersetzen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die diesen Eingriff begründen würden, legte das Weiße Haus nicht vor. Trumps Sprecher Kush Desai erklärte stattdessen, der Präsident gehöre zu zahllosen Eltern, die Fragen und Bedenken gegenüber dem kombinierten Impfstoff hätten. Getrennte Impfstoffe sollten Eltern mehr Möglichkeiten bei Zeitpunkt und Häufigkeit geben und nach Darstellung des Weißen Hauses am Ende sogar die Impfquoten erhöhen.
Nur zeigen Untersuchungen bei Babys und Kleinkindern in den USA etwas anderes: Kombinationsimpfungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder bis zum Alter von zwei Jahren sämtliche empfohlenen Impfungen erhalten. Die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde widerspricht Trump entsprechend deutlich. Aaron Milstone, Leiter der Infektionsprävention für Kinder am Johns Hopkins Health System, verweist auf viele Jahre wissenschaftlicher Daten, die die Sicherheit von Impfstoffen bei Kindern belegen. Auch der Zeitpunkt der Impfungen wurde gründlich untersucht. Kinder werden früh geimpft, weil die Impfstoffe in diesem Alter sicher sind und der Körper rechtzeitig einen Schutz gegen Infektionen entwickeln soll. Trump greift nun aus dem Weißen Haus in genau diese medizinisch erprobte Planung ein.
Mit sofortiger Wirkung werden Impfungen gegen Hepatitis B, COVID-19 und Influenza sowie weitere Impfungen nach Angaben der Trump-Regierung nicht mehr allgemein für alle kleinen Kinder empfohlen. Die neue Regelung sieht außerdem vor, Impfungen bei getrennten Arztbesuchen statt gleichzeitig zu verabreichen. Zudem wird der Justizminister angewiesen, rechtlich gegen Bundesstaaten vorzugehen, die die Rechte von Kindern auf religiös oder medizinisch begründete Ausnahmen von Impfpflichten verletzen.
Die praktische Folge seiner Forderung wären mehr einzelne Spritzen und zusätzliche Impftermine, um denselben Schutz zu erreichen. Zugleich besteht die Gefahr, dass Kinder länger nicht vollständig gegen Masern, Mumps und Röteln geschützt sind, wenn einzelne Impfungen verschoben oder ausgelassen werden. Die Regierung nennt das mehr Wahlfreiheit und hofft auf zusätzliches Vertrauen bei impfskeptischen Eltern. Kinderärzte sehen dagegen die Gefahr, dass genau diese Politik bestehende Zweifel verstärkt und vollständige Impfungen erschwert.
Noch schwerer wiegt, dass Trump gleichzeitig die alte Behauptung eines möglichen Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus wieder in die amerikanische Gesundheitspolitik trägt. Einen neuen wissenschaftlichen Beleg dafür präsentierte er nicht. Mehr als 40 gut angelegte Studien aus über sieben Ländern mit insgesamt mehr als fünf Millionen Kindern haben diese Frage bereits untersucht. Andrew Racine, Präsident der Amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde, sagt, kaum eine medizinische Frage sei so gründlich geprüft worden. Das Ergebnis ist eindeutig: Impfstoffe verursachen keinen Autismus. Trotzdem finanziert das Nationale Gesundheitsinstitut seit mehr als einem Jahr Forschungsgruppen, die nach Ursachen von Autismus suchen, wobei ein Teil erneut die behauptete Rolle von Impfstoffen untersucht. Institutsleiter Jay Bhattacharya trat bei Trumps Unterzeichnung auf und erklärte, Wissenschaft brauche Zeit und Antworten kämen nicht sofort. Einen belegten Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus behauptete auch er nicht. Stattdessen sagte Bhattacharya, die Regierung habe Wissenschaftlern die Erlaubnis gegeben, diese Frage ehrlich zu beantworten und erstmals nach einem Zusammenhang zu suchen. Dieser Satz steht neben Jahrzehnten Forschung und Daten von mehr als fünf Millionen Kindern. Er erweckt den Eindruck, Wissenschaftler hätten zuvor nicht frei oder ehrlich nach einem solchen Zusammenhang suchen können. Einen Beleg dafür legte Bhattacharya nicht vor. Niemand muss Forschung verbieten, eine bereits vielfach untersuchte Frage erneut zu untersuchen. Etwas völlig anderes geschieht jedoch, wenn eine Regierung gleichzeitig politische Entscheidungen trifft, die bei Eltern den Eindruck erwecken können, der seit Jahren verbreitete Verdacht sei medizinisch weiterhin offen.

Genau dagegen stellt sich nun ausgerechnet ein führender Republikaner. Senator Bill Cassidy aus Louisiana ist Arzt und Vorsitzender des Senatsausschusses, der die amerikanischen Gesundheitsbehörden beaufsichtigt. Seine Reaktion auf Trumps Anordnung ist vernichtend. Die Anordnung sei falsch, erklärte Cassidy, und der Präsident besitze nicht die Fachkenntnis, solche Änderungen vorzunehmen. Impfstoffe seien überwiegend sicher und wirksam, und sie verursachten keinen Autismus. Cassidy warnt außerdem vor der einfachen praktischen Folge der von Trump verlangten Aufteilung: Kinder müssten mehr einzelne Spritzen bekommen, um denselben Schutz zu erreichen. Nach seiner Einschätzung wird das die Skepsis gegenüber Impfungen erhöhen und Kinder weniger sicher machen. Eltern sollten bei Impfentscheidungen auf den Kinderarzt ihres Kindes hören und nicht auf eine unzutreffende Anordnung des Präsidenten. Cassidy beendet seine Stellungnahme mit einem Satz, der aus der eigenen Partei kaum härter ausfallen könnte: Das sei so falsch.
Der Konflikt lässt sich damit nicht als üblicher Streit zwischen Trump und Demokraten abtun. Ein republikanischer Arzt, der als Ausschussvorsitzender die Gesundheitsbehörden beaufsichtigt, erklärt öffentlich, dass seinem eigenen Präsidenten die medizinische Fachkenntnis für diese Entscheidung fehlt. Doch Trumps Eingriff endet nicht bei Masern, Mumps und Röteln. Auch die allgemeine Empfehlung für die Grippeimpfung von Kindern fällt unter seiner neuen Linie, obwohl führende medizinische Organisationen noch im Januar ausdrücklich daran festgehalten hatten. Die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde veröffentlichte zu Jahresbeginn ihre Impfempfehlungen für 2026 und empfahl darin weiterhin die Grippeimpfung für Kinder. Zwölf medizinische Organisationen unterstützten diese Empfehlung, darunter die Nationale Ärztevereinigung und die Gesellschaft für pädiatrische Infektionskrankheiten. Dahinter steht eine Zahl, die sich nicht wegreden lässt: Mehr als 80 Prozent der mit Grippe verbundenen Todesfälle bei Kindern betrafen ungeimpfte oder nicht vollständig geimpfte Kinder. Besonders gefährdet sind Kinder unter fünf Jahren. Trump erklärt nun, die Grippeimpfung werde nicht länger für alle Kinder empfohlen. Damit stellt seine Regierung eine medizinische Empfehlung auf den Kopf, die führende Kinderärzte und Infektionsmediziner wenige Monate zuvor gemeinsam bestätigt hatten. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die diesen Kurswechsel tragen könnten, legte das Weiße Haus auch dafür nicht vor.
Medizinische Empfehlungen können geändert werden, wenn neue Daten eine Änderung verlangen. Hier wurden solche neuen Daten nicht präsentiert. Stattdessen verändert Trump gleichzeitig mehrere Teile des bisherigen Impfschutzes für Kinder, während Ärzte ihm widersprechen, mehr als fünf Millionen untersuchte Kinder gegen die erneut aufgewärmte Autismusbehauptung stehen und sogar ein republikanischer Arzt im Senat Eltern ausdrücklich auffordert, ihrem Kinderarzt statt dem Präsidenten zu folgen. Trump kann eine Anordnung unterschreiben und damit die amerikanische Impfpolitik verändern. Er kann mit seiner Unterschrift aber weder jahrzehntelange Forschung beseitigen noch aus einem widerlegten Zusammenhang plötzlich einen wissenschaftlichen Verdacht machen. Und wenn mehr als vier von fünf Kindern, die im Zusammenhang mit Grippe starben, ungeimpft oder nicht vollständig geimpft waren, ist die Abschaffung einer allgemeinen Impfempfehlung keine belanglose Änderung auf einem Merkblatt. Es geht um den Schutz von Kindern vor Krankheiten, die schwer verlaufen und töten können. Zwölf medizinische Organisationen haben sich für diesen Schutz ausgesprochen. Donald Trump stellt sich unverantwortlich darüber und entscheidet anders.
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