KI sollte die Zukunft verkaufen – jetzt verkauft sie plötzlich Angst: Ex-Google-Chef gnadenlos ausgepfiffen – Unsere Recherchen gegen Musk

VonRainer Hofmann

Mai 19, 2026

Noch vor kurzer Zeit klang künstliche Intelligenz wie ein Werbeversprechen ohne Ende. Schneller arbeiten. Besser lernen. Krankheiten früher erkennen. Das Leben einfacher machen. Wer die großen Technologiekonzerne hörte, bekam den Eindruck, dass Widerstand kaum existiere. Die Zukunft sei angekommen und jeder werde davon profitieren. Inzwischen zeigt sich in den USA ein anderes Bild. Die Technik wächst weiter. Der Widerstand wächst schneller.

Eric Schmidt – Gnadenlos ausgepfiffen

Der frühere Google-Chef Eric Schmidt bekam das vor wenigen Tagen direkt zu spüren. Bei einer Abschlussrede an der University of Arizona sprach er über den gewaltigen Wandel durch künstliche Intelligenz. Er erklärte den Studenten, dass die Entwicklung größer, schneller und folgenreicher sein werde als frühere technische Umbrüche. Statt Applaus kamen Buhrufe.

Es war kein Einzelfall. In den vergangenen Wochen häufen sich Umfragen, die eine deutliche Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz zeigen. Die Gründe sind dabei sehr unterschiedlich. Verbraucher ärgern sich über steigende Strompreise. Beschäftigte fürchten um Arbeitsplätze. Eltern sorgen sich um Auswirkungen auf Bildung und die psychische Gesundheit von Kindern. In vielen Regionen ist die Debatte inzwischen längst aus dem Internet herausgewachsen. Menschen demonstrieren gegen Rechenzentren. Kommunalwahlen werden davon beeinflusst. Lokalpolitiker berichten von wachsendem Druck. Teilweise wurden Grenzen überschritten. Im April soll ein zwanzigjähriger Mann aus Texas einen Molotowcocktail auf das Wohnhaus von OpenAI-Chef Sam Altman geworfen und zusätzlich Drohungen gegen die Firmenzentrale in San Francisco ausgesprochen haben. Gegen einen Stadtrat in Indianapolis wurden kurz zuvor dreizehn Schüsse auf seine Haustür abgegeben, nachdem er einem Rechenzentrumsprojekt zugestimmt hatte.

Ron Gibson fand zusätzlich Nachrichten vor seiner Tür. Auf einem Zettel stand: „Keine Rechenzentren.“ Wenige Tage später folgte ein weiterer mit einer deutlich aggressiveren Botschaft.

Selbst Menschen, die sich seit Jahrzehnten mit gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigen, beschreiben die Geschwindigkeit dieser Entwicklung als ungewöhnlich. Gregory Ferenstein, der zusammen mit Forschern von Stanford und der University of California in Berkeley eine aktuelle Umfrage durchführte, erklärte, er habe noch nie erlebt, dass sich Stimmungen so schnell verschärfen.

Die Zahlen zeigen deutliche Unterschiede. Nur etwa dreißig Prozent der befragten Demokraten unterstützen eine möglichst schnelle Beschleunigung von KI-Entwicklungen. Bei Republikanern liegt der Wert deutlich höher. Unter Technologiegründern sogar bei 77 Prozent.

Gleichzeitig wird künstliche Intelligenz zunehmend zu einem politischen Thema. In Festus im Bundesstaat Missouri verloren vier Stadtratsmitglieder ihre Ämter, nachdem sie ein Rechenzentrum im Wert von sechs Milliarden Dollar genehmigt hatten. In Bundesstaaten von Maine bis Arizona versuchen Gemeinden inzwischen, neue Anlagen vollständig zu verbieten. Nach Angaben von Organisationen, die den Ausbau neuer Rechenzentren bekämpfen, beteiligen sich inzwischen rund 360.000 Menschen an entsprechenden Facebook-Gruppen. Das sind ungefähr viermal so viele wie noch im Dezember.

Josh Hawley erklärte, viele Menschen hätten das Gefühl, unter Druck zu stehen. Der republikanische Senator aus Missouri brachte inzwischen Gesetzesvorschläge ein, die neue Anforderungen für Rechenzentren und KI-Unternehmen schaffen sollen. Für die Unternehmen selbst entwickelt sich daraus zunehmend ein Problem. Investoren haben viele Milliarden Dollar in Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic gesteckt. Diese Firmen benötigen immer größere Mengen an Rechenleistung. Dafür wiederum werden neue Rechenzentren benötigt.

Doch genau dort entstehen inzwischen immer mehr Konflikte.

Nach Angaben von Data Center Watch wurden im vergangenen Jahr mindestens 48 Projekte mit einem Gesamtwert von rund 156 Milliarden Dollar blockiert oder verzögert. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden weitere zwanzig Projekte nach Protesten vollständig gestoppt. Texas-Agrarkommissar Sid Miller forderte inzwischen sogar ein Moratorium für neue große Rechenzentren in seinem Bundesstaat. Er verwies auf Belastungen für Stromnetze und mögliche Auswirkungen für Landwirte.

Besonders deutlich wird die Stimmung an einzelnen Beispielen.

Der Werbefachmann und Künstler Ndubisi Okoye aus Detroit erfuhr vergangenes Jahr, dass sein Energieversorger Strom für ein neues Rechenzentrum bereitstellen wollte, das Oracle in der Nähe von Ann Arbor errichten möchte. Seine Reaktion fiel eindeutig aus. „Wir wollen keine Rechenzentren. Vor allem nicht in Michigan. Bringt das niemals hierher.“ Okoye sorgt sich um Umweltfolgen. Gleichzeitig fürchtet er Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf seine Arbeit als Künstler.

Auch in Tennessee verändert sich die politische Diskussion. Der Kongresskandidat Justin Pearson sammelt Unterstützung, indem er sich gegen Rechenzentrumsprojekte stellt. Pearson gehört zu den Kritikern von Elon Musks Unternehmen xAI. Die Bürgerrechtsorganisation NAACP hat inzwischen Klage gegen xAI eingereicht und wirft dem Unternehmen vor, Gasturbinen ohne gültige Genehmigung betrieben zu haben.

Wochenlange Recherchen in Mississippi

Elon Musks Unternehmen xAI betreibt nach aktuellen Berichten an seinem Rechenzentrum in Mississippi inzwischen nahezu 50 Gasturbinen, um den enormen Energiebedarf seiner KI-Systeme zu decken. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, eine rechtliche Lücke auszunutzen, indem die Anlagen als mobile Systeme eingestuft werden und dadurch bestimmte Umweltauflagen umgehen könnten. Die NAACP und weitere Gruppen haben deshalb Klage eingereicht. Im Mittelpunkt stehen mögliche Belastungen durch Stickoxide, Feinstaub und andere Schadstoffe. Doch damit endet es nicht. Besonders brisant ist dabei, dass sich die Anlage in der Nähe von Wohngebieten, Schulen und Kirchen befindet. Für Kritiker zeigt der Fall eine Entwicklung, die inzwischen immer mehr Menschen beschäftigt: Während Milliarden in künstliche Intelligenz fließen, wächst gleichzeitig die Frage, welchen Schaden sie anrichtet.

Unsere Recherchen zeichnen ein Bild, das für xAI zunehmend unangenehm wird. Geschwindigkeit wird über Vorsicht gestellt und Umwelt- sowie Sicherheitsfragen werden an den Rand gedrängt. Im Fokus stehen dabei auch die eingesetzten Systeme zur Emissionskontrolle und die Art des Betriebs in Southaven im Bundesstaat Mississippi. Die Diskussion reicht weit über Technikfragen hinaus. Feinstaub kann sich in Luft und Boden ablagern und wird mit Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht. Gasturbinen stoßen Kohlendioxid aus und tragen zur Erderwärmung bei. Hinzu kommen mögliche Methan-Leckagen bei Förderung und Transport von Erdgas, die kurzfristig stärkere Auswirkungen auf das Klima haben können als CO₂. Diskutiert werden außerdem Belastungen der Luftqualität in Wohngebieten, hoher Wasserverbrauch für Kühlsysteme, dauerhafter Lärm sowie zusätzlicher Druck auf Stromnetze und Infrastruktur.“

Während die Ablehnung wächst, versuchen Unternehmen gegenzusteuern. Hunderte Millionen Dollar fließen inzwischen in politische Kampagnen. Donald Trump erklärte zuletzt sogar, Rechenzentren bräuchten „etwas Hilfe bei der Öffentlichkeitsarbeit“.

Chris Lehane von OpenAI macht dagegen Menschen verantwortlich, die ständig vor schlimmsten Szenarien warnen, sowie anhaltende Wut über soziale Netzwerke und negative Berichterstattung. Er sagt, wenn über künstliche Intelligenz dauerhaft nur mit Angst gesprochen werde, entstehe Angst.

Andere Stimmen aus der Branche wirken deutlich gereizter. Auf einer Konferenz in Washington bezeichnete ein Teilnehmer Gegner neuer Projekte als „Höhlenmenschen“, die jede Entwicklung blockieren wollten. Vielleicht liegt genau dort inzwischen das eigentliche Problem. Denn viele Menschen haben längst aufgehört darüber zu streiten, ob künstliche Intelligenz mächtig wird. Diese Frage scheint für viele bereits beantwortet. Der Streit dreht sich inzwischen um etwas anderes.

Wer den Preis dafür bezahlt.

Fortsetzung folgt …

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