Welcome to The Kaizen Blog   Click to listen highlighted text! Welcome to The Kaizen Blog

Bitte kommt: Trump fleht, die Mall leert sich, und eine tote Katze singt die Nationalhymne

VonTEAM KAIZEN BLOG

Juni 25, 2026

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen ein politisches System sich selbst so präzise karikiert, dass jeder Kommentar von außen überflüssig wird. Der Abend des 24. Juni 2026 auf der National Mall in Washington war so ein Moment. Donald Trump, 80 Jahre alt, Präsident der Vereinigten Staaten, stand hinter kugelsicherem Glas und bat seine Anhänger, zu seinem nächsten Auftritt zu erscheinen. Nicht mit Überzeugungskraft. Mit der nackten Angst eines Mannes, der weiß, was leere Ränge bedeuten.

„Euer Lieblingspräsident wird sprechen, also erscheint bitte“, sagte er. „Denn wenn wir zwei leere Sitze haben, wisst ihr, was passieren wird? Die Lügenpresse wird sagen, er hat die Arena nicht gefüllt.“

Jeb Bush sagte 2016 zu einem Raum schweigender Unterstützer: „Bitte klatscht.“ Er verlor danach jede Vorwahl. Trump hat aus dieser Episode offenbar keine politische Lehre gezogen, sondern nur eine ästhetische: Man muss lauter betteln.

Der Abend war als Eröffnungsfeier der Great American State Fair gedacht, einer 16-tägigen Veranstaltung auf der National Mall zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Trump hatte sie als „die Kundgebung, die alle Kundgebungen beendet“ angekündigt. Was der Abend tatsächlich beendete, war schwer zu sagen – möglicherweise der Glaube, dass MAGA-Mobilisierung noch zuverlässig funktioniert.

CNN-Reporter Donie O’Sullivan berichtete zwanzig Minuten vor Trumps Auftritt live vom Gelände. Hinter ihm: erheblicher Leerstand auf dem Rasen. Eine Stunde vor Trumps Rede war das Areal etwa halb gefüllt. Landwirtschaftsministerin Brooke Rollins teilte auf X ein Foto von sich und der Menge – auf dem leere Stühle deutlich zu erkennen waren. Das Foto verschwand nicht. Es existiert. Parallel dazu postete Trump auf seiner Plattform Truth Social eine Aufnahme derselben Veranstaltung, gefilmt von der Bühne, in einem Winkel, der die Lücken kaschiert. Zwei Bilder derselben Realität, und beide haben recht: Es waren Menschen da. Nur nicht genug, um das Schweigen zu übertönen.

Trumps Version
Realität

Menschen verließen das Gelände, während der Präsident noch sprach. Um 9:18 Uhr, knapp dreißig Minuten nach Beginn seiner Ansprache, hatte die Menge sich deutlich gelichtet. Trump, der hinter kugelsicherem Glas seine vertrauten Themen abarbeitete – Ölpreise, Medikamentenrabatte, die „Verstümmelung“ von Kindern durch Geschlechtsangleichungen – schien das zu ahnen. Er bat um Applaus für den 4. Juli. Er bat um Anwesenheit. Er bat.

Was das Programm des Abends über den Zustand der Veranstaltung verrät, ist vielleicht noch aufschlussreicher als die Bilder der leeren Rasenflächen. Ursprünglich waren Martina McBride, Bret Michaels, die Commodores und Milli Vanilli gebucht. Alle sagten ab. Milli Vanilli – eine Gruppe, die 1990 ihren Grammy verlor, weil sie auf ihrem Erfolgsalbum kein einziges Wort gesungen hatte – nannte die Veranstaltung einen „Zirkus“ und zog es vor, dem Zirkus fernzubleiben. Wenn eine Gruppe, deren gesamte Karriere auf Hochstapelei basierte, einen Auftritt aus ethischen Gründen absagt, ist das eine kulturelle Diagnose, die keiner weiteren Erläuterung bedarf.

Als Ersatz trat Lee Greenwood auf, 83 Jahre alt, der seit 1984 „God Bless the U.S.A.“ singt und seitdem im Wesentlichen dasselbe tut. Seine Stimme kämpfte an diesem Abend hörbar. Am Ende seines Auftritts übertönte ein B2-Bomber den Applaus – eine militärische Überfliegung, die als Höhepunkt inszeniert worden war und die vor allem die Frage aufwarf, ob das Flugzeug das einzige zuverlässige Element des Abends war.

Den Abend eröffnet hatte Alexis Wilkins, 27, Sängerin aus Nashville, Freundin von FBI-Direktor Kash Patel, am Vortag kurzfristig für die Nationalhymne gebucht. Ihre erfolgreichste Aufnahme auf Spotify hat einige hunderttausend Aufrufe – ein Maßstab, der in der Musikbranche ungefähr dem entspricht, was ein mittelgroßes Tierheim auf Instagram erreicht. Eine Besucherin sagte auf die Frage, ob sie sich auf Wilkins‘ Auftritt freue: „Naja, ich denke, die Armeekappelle und die Chöre, die werden wirklich gut sein.“ Das war das wohlwollendste öffentliche Urteil des Abends.

Online ging es weniger höflich zu. „Sie klingt wie eine TOTE KATZE“ schrieb jemand. „Hello, D.C. Police. Ich möchte einen Mord melden. Ja, jemand hat die Nationalhymne brutal ermordet.“ Ein anderer fragte: „War Milli Vanilli nicht verfügbar?“ – was angesichts von Milli Vanillis eigener Absage eine besondere Tiefenschärfe hatte.

Wilkins selbst reagierte auf die Kritik mit einer Gegendarstellung, in der sie erklärte, eine „erfolgreiche Karriere in Musik und Kommentierung/Strategie“ vorzuweisen, für den Auftritt keine Bezahlung angenommen zu haben und auf eigene Initiative gebucht worden zu sein – nicht durch den Einfluss ihres Freundes Kash Patel. Die rechte Reporterin Sara Higdon hatte zuvor gefragt, ob die Buchung der Freundin des FBI-Direktors auf Kosten der Steuerzahler nicht gegen Bundesethikgesetze verstoße. Die Organisation hinter der Veranstaltung ist eine vom Trump-Umfeld gegründete gemeinnützige Organisation, die laut NOTUS rund 80 Millionen Dollar an Steuergeldern erhalten hat. Ob das die Frage nach der Ethik beantwortet oder erst recht aufwirft, sei dahingestellt.

Sean Duffy: „Wir sollten unserer Militärkapelle und den Sängerinnen und Sängern einen großen Applaus geben – viel besser als diese linken Spinner, die uns abgesagt haben.“

Trump hatte seinen Auftritt auf Truth Social vorangekündigt mit dem Satz: „Wir wollen keine Sänger ohne Talent, aber mit hohen Gagen, die euch einschläfern. Wir haben ihnen allen gesagt, sie sollen zuhause bleiben. Alles, was wir wollen, seid ihr, ich, ein paar Redner und die größte Musik, die je gespielt wurde.“

Die größte Musik, die je gespielt wurde, war an diesem Abend „God Bless the U.S.A.“ von 1984 und „Hallelujah“ von Leonard Cohen – Letzteres trotz ausdrücklichem Einspruch des Cohen-Nachlasses, der in einem öffentlichen Statement erklärte, diese Nutzung sei „nicht autorisiert“ und der Nachlass unterstütze sie nicht. Der von Trump ausgewählte Opernsänger Christopher Macchio sang das Lied trotzdem. Es war das dritte Mal, dass Trump „Hallelujah“ bei einer Veranstaltung verwenden ließ, nachdem der Cohen-Nachlass es untersagt hatte.

Den Abend rahmte auch das laufende Desaster rund um den Lincoln Memorial Reflecting Pool ein. Trump hatte das Becken für die Feierlichkeiten in „American Flag Blue“ streichen lassen wollen. Das Ergebnis war Farbe, die oben aufschwimmt, dazu Algen, tote Enten und Proteste. An diesem Abend erklärte Trump, das Becken sei „wunderschön“ und sehe „jetzt schon perfekt aus“, es werde „bald so aussehen wie vor zwei Wochen“. Die Farbe schwimmt weiter.

Guy Debord schrieb in den 1960er Jahren über die Gesellschaft des Spektakels – über eine Welt, in der das Bild die Wirklichkeit nicht mehr abbildet, sondern ersetzt. Was am 24. Juni auf der National Mall stattfand, war das Spektakel in seiner Spätform: eine Staatsfeier ohne Künstler, eine Volksmenge, die geht, bevor der Präsident fertig ist, ein Präsident, der seine eigene Veranstaltung bewirbt wie ein Promoter, dem die Ticketverkäufe eingebrochen sind, und ein Bild auf Truth Social, das zeigt, was hätte sein sollen.

Der demokratische Parteivorsitzende Ken Martin kommentierte: „Donald Trump macht, was er am besten kann: Er gibt Geld für glitzernde, Trump-zentrierte Veranstaltungen aus, während er die Amerikaner die Rechnung bezahlen lässt.“ Das ist keine Analyse. Das ist die Zusammenfassung eines Abends, der sich selbst erklärt hat.

Am 4. Juli soll Trump wieder auf der National Mall sprechen. Er bat darum, dass dieses Mal mehr Menschen kommen. Sein Lieblingspräsident wird sprechen. Bitte erscheint.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste Meistbewertet
Ela Gatto
10 Sekunden vor

Warum klagen die Musiker bzw die Nachlassverwalter nicht gegen die unauthorisierte Nutzung ihrer Musikstücje?
Warum machen sie das nicht groß öffentlich publik?
Hätte ich das hier nicht gelesen, hätte ich es nicht gewusst.

Pashtels Freundin klingt wie eine 10 jährige unbegabte Schülerin, die beim Schulspoetevent singt.

Nun ja, nachdem sogar Milli Vanilli abgesagt hat, war das wohl das Beste, was sie buchen konnten.
Und nein, es hat ganz sicher nichts damit zu tun, dass sie Pashtels Freundin ist.

Und Trump, seine ewige alte Leier.
Die Meisten waren wohl nur wegen dem Überflug, vielleicht noch für den Musikcorps der Army gekommen.

Die gezeigten Stühle, da sitzen doch zumeist ausgewählte Personen.
Vielleicht sogar Army-Angehörige in Zivil.

Aber der Rasen spricht, wie die Reflecting Pools eine andere Sprache.

Bis zum 4. Juli werden die toten Tiere heimlich entsorgt, der Pool neu bemalt (Hauptsache es hält vom 3. Bus 5. Juli).
Und Trump, der beste Präsident ever 🤬, wird seine Rede halten.
Die alte Leier der Selbstinszinierung.

Vielleicht sollten Trump Kritiker die Veranstaltung „kapern“ und in solchen Mengen erscheinen, dass es erst super voll wirkt.
Dann nach 10 Minuten geschlossen aufstehen, sich umdrehen, um nach weiteren 5 Minuten gemeinschaftlich zu gehen.
Dabei schön die amerikanische Flagge zeigen.
Damit MAGA sie nicht als unpatriotisch beschimpfen kann.

Also, dass wäre mal ein klares Statement, was in der ganzen Welt sichtbar wäre.

Und dann ein gemeinsamer Marsch zu einer alternativen 4. Juli Veranstaltung, bei der es nicht um Trump geht.

Träumen darf man ja mal.

1
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x
Click to listen highlighted text!