Am Montagmorgen um 7:34 Uhr Ortszeit riss ein Beben der Stärke 7,4 den Westen Kolumbiens auf. Sein Herd lag 103 Kilometer tief bei San José del Palmar im Departamento Chocó, und der Stoß war so heftig, dass ihn Menschen bis nach Venezuela, Ecuador und Panama spürten. Zu spüren war er ebenso in Bogotá, Medellín, Popayán und vielen weiteren Städten des Zentrums und Westens. Der Kolumbianische Geologische Dienst nannte es das stärkste Beben, das im Land in diesem Jahrhundert verzeichnet wurde, und zugleich das schwerste der vergangenen 10 Jahre. Bis zum Dienstag, 11. August, 13 Uhr MEZ, waren über 160 Tote bestätigt, und in Dutzenden Städten und Gemeinden gruben Rettungskräfte weiter nach Verschütteten.
Die Zahl der Opfer stieg im Lauf des Montags in bedrückenden Schüben. Die ersten 18 Toten wurden aus Pereira gemeldet, dann waren es 71, wenig später 111, am Abend 132, ehe die Bilanz am Dienstag über 160 hinauswuchs. Am Vormittag lag der Schwerpunkt in Risaralda mit rund 40 Toten und im Valle del Cauca mit 27, in Chocó waren es zunächst 4, ein großer Teil davon in den Hauptstädten der Departamentos. Auf von Bürgern betriebenen Internetseiten trugen Angehörige die Namen ihrer Vermissten zusammen; bis zum Montagabend galten mehr als 2.700 Menschen als vermisst, allein in Cali nach Angaben von Präsident Abelardo de la Espriella etwa 188. Als verletzt wurden zunächst 87 Menschen geführt, doch schon aus einzelnen Städten wie Armenia kamen 64 Verletzte hinzu, und in Risaralda meldeten mehrere Krankenhäuser schwere Schäden, darunter das Universitätskrankenhaus San Jorge und das ohne Strom gebliebene Santa Mónica. Rund 1.600 Gebäude galten als beschädigt oder eingestürzt, unter ihnen 37 zerstörte Wohnhäuser und 61 zusammengebrochene Bauten. Vielerorts hoben Soldaten und Familien die Betonbrocken mit bloßen Händen und reichten sie über Ketten aus Freiwilligen nach hinten.

Am schwersten aber traf es die Gegend, von der man am wenigsten erfuhr. Chocó, die Region um das Epizentrum, zählt zu den ärmsten und am stärksten vernachlässigten Landstrichen Kolumbiens, immer wieder heimgesucht von den Kämpfen bewaffneter Gruppen. Weite Teile sind nur über das Wasser oder aus der Luft erreichbar, manches allein auf Wegen durch den Dschungel, und so blieb das wahre Ausmaß der Schäden dort zunächst im Dunkeln; die Gouverneurin sprach davon, man beginne gerade erst mit der Erfassung. In El Cairo, einem Ort mit etwa 7.000 Einwohnern nahe dem Herd des Bebens, waren nach Angaben der Behörden 80 Prozent der Häuser beschädigt. Doch die Erschütterung reichte weit nach Osten. In Armenia nahmen rund 40 Gebäude strukturellen Schaden, beschädigt waren dort Schulen und Universitäten, dazu der Flughafen, und selbst in Gemeinden rund um Bogotá rissen Rathäuser und Schulen.

Hinter den Zahlen stehen Gesichter. Dana Carolina Zamora stellte das Bild ihres vermissten Onkels ins Netz, Miguel Ángel Zamora, 60 Jahre alt, einen Landwirt, der seinen Hund im Arm hielt. Er lebte nahe dem Epizentrum in einem Haus aus Holzstöcken und Lehm, wenig gebaut, um einem solchen Stoß standzuhalten, und seit dem Beben fehlte jedes Lebenszeichen. In Bahía Solano starb Mateo Valencia, der Sohn des Bürgermeisters, unter einstürzendem Mauerwerk. In Támesis erschlug ein herabstürzender Fels einen 73 Jahre alten Mann, im Valle del Cauca kamen 3 Kinder in Calima El Darién und ein weiteres in Yumbo ums Leben. Mónica Sánchez, die in Pereira eine kleine Werkstatt für Arbeitskleidung führt, konnte mit ihren 12 Beschäftigten das Gebäude gerade noch verlassen, ehe eine Wand einstürzte. Um sie herum, sagte sie, sei die Stadt zusammengebrochen.

Diese Bilder der Vermissten sind mehr als Suchanzeigen. Ein französischer Philosoph hat das Gesicht des Anderen zum Ursprung aller Ethik erklärt, es blickt uns an, ehe wir es einordnen, und legt uns eine Verantwortung auf, der wir uns nicht entziehen können. Ein Land der Vergessenen ist eines, in dem man gelernt hat, an solchen Gesichtern vorbeizusehen. Nun zwingt das Beben das ganze Land, sie anzusehen, den alten Mann mit seinem Hund und die Näherin, die ihre Werkstatt verlor. Die Frage ist, ob dieser Blick länger hält als die Trümmer.

Für Präsident de la Espriella ist die Katastrophe die erste große Prüfung. Er war erst am Freitag vereidigt worden und ist wegen seines Versprechens, mit aller Härte gegen kriminelle Gruppen vorzugehen, umstritten. Schon am Morgen berief er einen zentralen Einsatzstab ein und kündigte an, die staatliche Antwort selbst von Bogotá aus zu leiten; später rief seine Regierung den nationalen Katastrophenfall aus, als die Zahl der Toten die 71 überschritt. Er habe den gesamten militärischen und polizeilichen Apparat in Bewegung gesetzt, erklärte er, schickte Ingenieure und Rettungskräfte in die Region, dazu Suchhunde, und kündigte Mietzuschüsse für jene an, deren Häuser wieder bewohnbar gemacht werden müssen. Am Abend reiste er in die Chocó-Hauptstadt Quibdó und versprach, Chocó werde nie wieder das Land der Vergessenen sein. Den Kolumbianern in ihren schweren Stunden sagte er, sie seien nicht allein.

Die Nacht legte sich als Ausnahmezustand über das Land. In Cali, Manizales, Pereira und weiteren schwer getroffenen Städten galten Ausgangssperren, während die Suche weiterging. An sechs Flughäfen ruhte der Betrieb, 18 Straßen waren unterbrochen, vielfach von Erdrutschen. Die Strommenge im Netz brach um 18 Prozent ein, und in mehreren Departamentos fielen zeitweise die Telefonverbindungen aus. In Manizales beschädigte der Stoß einen Turm der Kathedrale. Die Schulen und Universitäten setzten den Unterricht aus, im Coliseo Mayor entstand eine Notunterkunft. Das weitgehend verschonte Medellín schickte Ingenieure zur Prüfung der Gebäude und Rettungskräfte in die betroffenen Gebiete, Bogotá entsandte 100 weitere. In Cali und der Hauptstadt entstanden Sammelstellen für Wasser und Matratzen, für Helme und Schutzbrillen, die Lebensmittelbank Bogotás rief zu Spenden auf, und die Fluggesellschaft Avianca ließ Betroffene ihre Flüge ohne Zusatzkosten umbuchen. Cali verschob die 30. Das Musikfestival Petronio Álvarez, das vom 12. bis 17. August hätte dort stattfinden sollen, auch die Fußballspiele in Pereira wurden ausgesetzt. Bis zum Abend zählte der Geologische Dienst 47 Nachbeben, das stärkste erreichte eine Stärke von 4,8, und noch am späten Abend bebte die Erde in Chocó erneut.

Die Behörden bemühten sich zugleich, Gerüchte einzudämmen. Für einen Tsunami bestehe keine Gefahr, hieß es, und mit der Unruhe des Vulkans Puracé, für den seit Wochen die Warnstufe Orange gilt, habe das Beben nichts zu tun. Seine Ursache liegt tiefer, im langsamen Abtauchen der Nazca-Platte unter die Südamerikanische Platte, das den Westen des Landes seit jeher erschüttert. Ein Beben ähnlicher Wucht, mit der Stärke 7,2, hatte die Region zuletzt am 23. November 1979 heimgesucht.

Hilfe kam rasch und von weit her. Das US-Außenministerium sagte 15,5 Millionen Dollar für Notunterkünfte und Nahrungsmittel zu, dazu weitere Hilfe, und Außenminister Marco Rubio bot dem Land die Unterstützung Washingtons an, während US-Bürger im Land aufgerufen wurden, sich registrieren zu lassen; Regierungen in ganz Lateinamerika boten das Ihre. Der Zeitpunkt trifft ein ohnehin erschüttertes Andengebiet, denn erst Ende Juni hatten zwei aufeinanderfolgende Beben das benachbarte Venezuela verwüstet und dort mehr als 6.300 Menschen getötet.

Zwischen all dem zeigte sich auch das andere Kolumbien. In Medellín, das ohne Tote blieb, liefen bei der Notrufnummer Hunderte Anrufe ein. Freiwillige reihten sich in die Sammelstellen, und Nachbarn gruben neben den Soldaten. Wo der Staat die Ärmsten lange sich selbst überlassen hatte, trugen nun Fremde die Betonplatten gemeinsam fort. Es ist ein bitterer Trost, dass eine Gesellschaft ihre Verbundenheit oft erst im Unglück wiederfindet, und eine offene Frage, ob sie diese über den Tag der Trümmer hinaus bewahrt.

Über Chocó ist am Dienstag die Sonne aufgegangen, und zwischen den Trümmern arbeiten die Rettungskräfte weiter, viele erschöpft nach einer Nacht in den Ruinen. Viele Kolumbianer beginnen erst zu ahnen, was ihnen die Katastrophe auf Dauer nimmt. Ein Versprechen ist rasch gegeben, das Land der Vergessenen solle es nie wieder geben; ob es hält, entscheidet sich erst in den Wochen, in denen die Kameras längst fort sind. Die Gesichter auf den Suchseiten aber bleiben, und mit ihnen die Pflicht, die sie auferlegen.
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