Ein Kreuz auf dem Wahlzettel dauert eine Sekunde. Seine Folgen tragen Gesetze und Haushalte, jahrelang. Journalistische Verantwortung beginnt deshalb vor dem Kreuz. Nach der Auszählung lässt sich alles erklären, ändern lässt sich nichts mehr. Die Reihenfolge ist schlicht: erst hinsehen, dann urteilen. In Mecklenburg-Vorpommern lässt sich gerade besichtigen, wie schnell diese Reihenfolge verrutscht, und wie wenig davon jemand bemerkt, solange die Sätze nur flüssig genug klingen.

Stralsund, Regen. Er fällt auf rund 550 Anhänger, die Björn Höcke zuhören, und auf etwa 2.000 Menschen, die gegen ihn protestieren. Unsere Leute stehen seit Stunden darin. Regen hat eine Eigenschaft, die jeder Pressemitteilung fehlt. Er lässt sich nicht bestellen, und er sortiert. Nach der ersten Stunde stehen nur noch jene da, die tatsächlich etwas wissen wollen. Höcke verlangt eine andere Russlandpolitik, er wolle wieder „Brücken“ nach Moskau bauen. Für das Nationalpark-Zentrum Königsstuhl fordert er freien Eintritt für Deutsche. Wie dessen Betrieb danach bezahlt werden solle, erklärt er nicht. Nach der Rede hören wir seinen Anhängern zu. Einer behauptet, der Ausländeranteil in Mecklenburg-Vorpommern liege bei 40 Prozent. Auf die Frage, was politisch besser gemacht werden müsse, bleibt nach unserer Beobachtung kaum mehr als ein einziger Satz: Im Land lebten zu viele Ausländer. Eine Zahl, laut genug wiederholt, ersetzt bei manchen jede weitere Begründung. Deutsche Medien sind auch hier erstaunlich spärlich zu sehen. Unsere Leute bleiben. Am Ende eines solchen Tages steht keine Schlagzeile. Es stehen Notizen da, eng beschrieben, und ein genaueres Bild dieses Landes.

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Greifswald. Fast zwei Stunden stehen wir bei Peter Hahne. Vor ungefähr 170 Menschen reiht er Behauptung an Behauptung. 9 von 10 Waldbränden gingen angeblich auf Brandstiftung zurück. Millionen Frauen hätten wegen einer Corona-Impfung Fehlgeburten erlitten. Eine Flut aus dem Jahr 1428 soll die Katastrophe im Ahrtal 2021 relativieren. Selbst beim angekündigten Auftritt Sahra Wagenknechts liegt er um drei Tage daneben. Die Zuhörer belohnen das mit Beifall, danach wandern Bücher über den Tisch. Eine Unwahrheit, die beklatscht wird, lässt sich hinterher auch verkaufen. Zweifel dagegen hat noch nie jemand signiert. Anschließend prüfen wir jede seiner Aussagen einzeln. Übrig bleiben falsche oder unbelegte Behauptungen. Politische Wirklichkeit wird selten mit einem Paukenschlag umgebaut. Meist geschieht es leise, in zwei solchen Stunden, Satz für Satz. Sichtbar wird es nur für jene, die diese Stunden aushalten und danach die Quellen öffnen.

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Und dann Grimmen. Wochen vor einer AfD-Veranstaltung mit Alice Weidel und Tino Chrupalla stoßen wir bei der Anmeldung auf ein Pflichtfeld. Jeder Besucher soll dort seine Personalausweisnummer eintragen. Die Partei beruft sich auf angebliche Sicherheitsauflagen von Behörden. Welche Behörde das verlangt haben soll, bleibt offen. Ebenso offen bleiben die Rechtsgrundlage und die Frage, wie lange die Daten gespeichert würden. Wir fragen bei Partei und Behörden nach. Wir lesen das Polizeirecht Mecklenburg-Vorpommerns und die Datenschutzregeln, und wir dokumentieren das Formular, bevor sich daran etwas ändern kann. Nach unserer Recherche kann zunächst niemand eine behördliche Anordnung vorlegen, die genau diese Speicherung verlangt. Bürger sollten einer Partei vorab die Nummer ihres staatlichen Ausweises übermitteln, um eine politische Versammlung zu besuchen. Kleinigkeiten sehen anders aus. Eine Nummer, die der Staat vergibt, damit man sich ihm gegenüber ausweisen kann, sollte in einem Parteiformular landen. Ohne Begründung, die jemand belegen konnte. Die Frage lag offen auf einer Internetseite, sichtbar für jede Redaktion, die hinsehen wollte.

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Manchmal saßen wir stundenlang direkt neben AfD-Ständen, manchmal half ein Café in unmittelbarer Nähe. Wir hörten zu, wenn mit Bürgern gesprochen wurde. Wir hörten ebenso zu, wenn Funktionäre oder Helfer glaubten, gerade müsse niemand für eine Kamera sprechen. Bei Veranstaltungen und Protesten fiel uns immer wieder auf, wie dünn die Präsenz deutscher Medien war. Redaktionen, die länger blieben, waren auffällig häufig englischsprachig. Der Stoff lag buchstäblich auf der Straße. Aufheben musste man ihn selbst. Das kostet Zeit und manchmal einen trockenen Mantel. Reichweite am selben Abend bringt es keine.
Ein Wahlkampf hat zwei Stimmen. Eine gehört dem Mikrofon. Die andere erklingt, wenn keine Kamera danebensteht. Dann werden Sätze gröber und Gewissheiten fester, und der Ton untereinander verrät mehr als jede vorbereitete Antwort. Das Mikrofon hört nur, was gesagt werden soll. Der Rest bleibt in der Luft hängen, für jeden, der daneben steht. Das gilt für jede Partei, und gerade deshalb geht man hin. Reporter sollen nicht warten, bis Politik ihnen eine Pressemitteilung schickt. Hinsehen und zuhören. Danach prüfen. Wir haben in diesen Stunden manches gehört, das unsere Skepsis gegenüber einfachen Erklärungen deutlich verstärkt hat. Daraus folgt kein Anspruch auf die einzig richtige politische Deutung. Daraus folgt ein Anspruch an das Handwerk.
Das sind die Stunden hinter einem Wahlartikel, die später niemand sieht. Stehen und zuhören. Zurückfahren und Dokumente sichern. Zahlen prüfen, und einen Satz lieber ein Tag später veröffentlichen, wenn er dann trägt. Unsere Beobachtungen sind kein statistischer Beweis für die gesamte Medienlandschaft. Sie erklären aber, weshalb wir unseren eigenen Wahlartikel zurückgehalten haben. Der Leser sieht am Ende einen Artikel. Die Stunden davor sieht er nie, und so soll es auch sein.

Dann kommt der 20. September. Nach der Auszählung erscheint ein Kommentar. Sulamith Hensen, Volontärin der Ostsee-Zeitung, fordert darin, Ministerpräsidentin Manuela Schwesig müsse mit der AfD reden. Schwesigs Weigerung sei falsch. Als Gründe führt Hensen unter anderem weite Wege zum Arzt und eine schwache Infrastruktur an. Hinzu kämen niedrigere Löhne und weniger Arbeitsplätze auf dem Land. Die Ostsee-Zeitung fasst ihre Position so zusammen: Eine pauschale Verweigerungshaltung schwäche den Zusammenhalt und stärke die Rechten. Hensen argumentiert mit einer ländlichen Bevölkerung, die sich nicht vertreten fühle. Der Text liest sich entschlossen. Er hat eine klare Adresse und einen klaren Schuldigen. Das alles sind reale Fragen. Gerade deshalb hätte vor dem Ruf nach einem Gespräch eine andere Arbeit stehen müssen. Das Programm der Partei lesen, ihre Antworten prüfen. Den Lesern vor der Wahl zeigen, was davon im Land überhaupt trägt.
Link zum Beitrag von Sulamith Hensen, Volontärin der Ostsee-Zeitung,: https://www.facebook.com/reel/1678235453634432 und unserer Facebook-Post https://www.facebook.com/reel/1450586380279221
Die öffentlich auffindbaren Beiträge Hensens leisten diese Prüfung nicht. Auffindbar sind ein Kandidierendencheck auf Grundlage von 19 Thesen einer externen Plattform und ein Grundlagenartikel über die Bedeutung der Landtagswahl. Eine eigene, vertiefte Untersuchung des AfD-Programms zu jenen Problemen, die sie später anführt, ist auf ihrer Autorenseite nicht zu erkennen. Eine Autorenseite ist ein stilles Archiv. Sie verrät, was jemand geschrieben hat. Mit derselben Ruhe zeigt sie, was fehlt. Diagnose und Forderung stehen in ihrem Kommentar dicht beieinander. Zwischen beiden klafft ein Loch, und durch dieses Loch passt erstaunlich viel Meinung.
Der Text von Frau Sulamith Hensen zum Video:
Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern legt tiefe Gräben zwischen Stadt und Land offen. Während Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) Gespräche mit der AfD ablehnt, warnt unsere Reporterin Sulamith Hensen: Eine pauschale Verweigerungshaltung schwächt den Zusammenhalt und stärkt die Rechten.
Hintergrund: Die SPD von Manuela Schwesig sicherte sich zwar rund 36 Prozent der Stimmen, verdankt diesen Erfolg jedoch vor allem den Wählern in Rostock und Schwerin. Auf dem Land dominiert die AfD mit mehr als 38 Prozent – in manchen Dörfern auf Rügen wählte sogar mehr als jeder Zweite die Rechtsaußen-Partei.
Dass Schwesig nun jeden Dialog mit der AfD verweigert, hält Sulamith Hensen für einen schweren Fehler. Außerhalb der Großstädte fühle sich eine Mehrheit nicht mehr vertreten. Zwar punktete die Ministerpräsidentin laut Infratest dimap bei drei Vierteln der Befragten mit ihrer Kritik an Berlin, doch den Frust im ländlichen Raum hat sie unterschätzt: weitere Wege zum Arzt, lückenhafte Infrastruktur, niedrigere Löhne und weniger Jobs.
Wer als Regierungschefin den Austausch mit der AfD kategorisch ausschließt, sende ein fatales Signal an deren Wählerschaft, findet unsere Reporterin. Und zwar: Eure Sorgen zählen nicht. Eine solche Ausgrenzung treibe die Menschen erst recht in die Arme der AfD – ihr habe diese Taktik bislang mehr genützt als geschadet.
Dabei gehe es keineswegs um eine Koalition oder Regierungsbeteiligung, sondern um sachliche Gespräche auf Augenhöhe. Wolle Schwesig den Rechtsruck stoppen und das Land einen, müsse sie auf die Menschen zugehen. Wer echten Zusammenhalt wolle, dürfe den Dialog nicht verweigern.

Der Name Sulamith begegnet auch in den Biografien jüdischer Frauen und Mädchen, die von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden, darunter Sulamith Starke, geboren am 18. Mai 1924 in Hamburg, am 12. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet, Sulamith Streim, auch Sulamed oder Sulamit Streim, geboren am 18. Mai 1932 in Hamburg, am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt und am 28. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, sowie Sulamith Lasdun, geboren am 18. November 1918 in Hamburg, am 6. November 1942 von Westerbork nach Auschwitz deportiert und am 9. November 1942 ermordet.
Dabei lag das Programm längst da. Die AfD Mecklenburg-Vorpommern hatte ihr Regierungsprogramm bereits Ende Mai beschlossen und öffentlich bereitgestellt. Kein Flugblatt mit drei Forderungen. Darin stehen Vorhaben, die tief in Verwaltung und Gesellschaft eingreifen würden, mit sehr konkreten Folgen für einzelne Menschen. Die Partei fordert eine eigene Grenz- und Rückführungspolizei innerhalb der Landespolizei. Sie will eine landeseigene Abschiebungshafteinrichtung. Genannt wird die aktive Vorbereitung der „Remigration“ syrischer Staatsangehöriger, sofern deren Schutzgrund entfallen sei. Der Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern soll nach dem Willen der Partei keine Landesmittel mehr erhalten. Nichts davon muss man dramatisieren oder sprachlich dramatisieren. Man muss es lesen. Danach kann jeder Wähler selbst beurteilen, ob diese Politik seine Vorstellung vom Land trifft. Die Aufgabe bestand aus Papier und Zeit. Entscheidend wäre Aufmerksamkeit gewesen. Ein Programm verrät oft mehr als jede Rede, weil eine Partei darin für die eigenen Leute schreibt. Gelesen wird es trotzdem am seltensten.
Gerade bei „Remigration“ genügt keine beiläufige Erwähnung. Das Wort wandert durch politische Debatten und wechselt dabei seine Bedeutung. Wörter, die lange unterwegs sind, nehmen Gepäck auf. Im Regierungsprogramm steht es im Zusammenhang mit der Rückkehr syrischer Staatsangehöriger, deren Schutzstatus nach Auffassung der Partei überprüft und gegebenenfalls beendet werden solle. Daneben stehen Rückführungspolizei und Abschiebungshaft. Hineinlegen darf man nicht mehr, als dort steht. Weglassen darf man nichts. Präzision schneidet an dieser Stelle schärfer als jedes Adjektiv.

Daneben wirtschaftliche und soziale Versprechen. Die AfD will das Tariftreue- und Vergabegesetz abschaffen und fordert flexiblere Arbeitszeiten. Energiepolitisch setzt sie auf eine Rückkehr zur Atomenergie. Sie verspricht Entlastung und weniger Bürokratie. Obendrauf liegt das Versprechen einer besseren medizinischen Versorgung. Weniger Bürokratie klingt angenehm. Das Ende des Tariftreue- und Vergabegesetzes (Das Tariftreue- und Vergabegesetz verpflichtet öffentliche Auftraggeber vereinfacht gesagt dazu, Aufträge nur an Unternehmen zu vergeben, die bestimmte tarifliche oder gesetzlich festgelegte Arbeitsbedingungen einhalten) hätte konkrete Folgen für öffentliche Aufträge und für die Arbeitsbedingungen, die daran hängen. Über eine Rückkehr zur Atomenergie entscheidet keine Landesregierung allein. Praxen entstehen nicht durch einen Satz im Programm. Ein Versprechen kostet seinen Absender nichts. Bezahlt wird es später von jenen, die ihm geglaubt haben. Ein Programm darf vieles versprechen. Journalismus beginnt mit der Frage nach der Rechnung, und mit der Frage, ob ein Land für das Versprochene überhaupt zuständig ist. Danach lässt sich die Wirkung untersuchen. Entscheiden kann dann der Leser. Die Entscheidung abnehmen muss ihm niemand.
Manche Forderungen scheitern schon an der Zuständigkeit. Im Programm steht ein möglicher Aufnahmestopp für Mecklenburg-Vorpommern. Ein solcher Schritt verstoße gegen Bundesrecht, erklärte der Politikwissenschaftler Wolfgang Muno. Auch eine Landespolitik, die ausdrücklich auf die Begrenzung muslimischer Migration ziele, halte er für rechtswidrig, weil muslimische Einwanderer dieselben Rechte hätten wie andere Einwanderer. Eine Partei kann beschließen, was sie will. Ein Land kann nicht jedes politische Ziel allein verwirklichen. An dieser Linie trennt sich Wahlwerbung von Regierungsfähigkeit. Eine Redaktion muss dem Leser nicht vorschreiben, was er davon halten soll. Kenntlich machen muss sie, was rechtlich möglich ist und was auf einer Wunschliste steht. Nach der Wahl erklärt, taugt dieser Unterschied nur noch als Gebrauchsanweisung für ein Gerät, das längst gekauft ist.

Das Wort „Lösung“ verlangt Sorgfalt. Die AfD verspricht bessere Gesundheitsversorgung, und Hensens Kommentar nennt ausgerechnet lange Arztwege als Grund für den Frust auf dem Land. Zwischen beidem fehlt die entscheidende journalistische Strecke. Wie viele zusätzliche Ärzte sollen woher kommen? Mit welchem Instrument, aus welchem Haushalt? Eine Überschrift ersetzt diese Rechnung nicht. Einen Arzt kann man nicht herbeikommentieren. Bei den Löhnen stellt sich dieselbe Frage, sobald zugleich das Tariftreue- und Vergabegesetz fallen soll. Eine Partei, die angeblich für die Abgehängten spricht, muss sich an den Lebenslagen dieser Menschen messen lassen. Sonst wird politische Nähe behauptet, bevor ihre Folgen geprüft sind. Der Frust erklärt eine Wahlentscheidung vielleicht. Dass das gewählte Angebot ihn beseitigt, beweist er noch lange nicht. Solche Fragen gehörten vor den 20. September, in großer Schrift. Ein Nachtrag nach dem Urnengang erreicht niemanden mehr, der noch wählen muss.
Beim Nahverkehr zeigt sich, wie schnell eine Forderung zur Idee geadelt wird. Rufbusse hat die AfD nicht erfunden. Greifswald führt ab 4. Oktober den Rufbus „Friedrich“ als Ergänzung des regulären Linienverkehrs ein. Die Stadt hatte das neue Netz bereits am 18. September angekündigt, mit zusätzlichen Verbindungen und einer besseren Anbindung der Universitätsmedizin. Als Beweis für die Notwendigkeit eines besonderen Dialogs mit der AfD taugt ländliche Mobilität deshalb schlecht. Ein bestehendes Instrument und eine Parteiforderung gehören sauber getrennt. Politik besteht häufig darin, Vorhandenes auszubauen und zu bezahlen. Ein Etikett macht daraus noch keine Erfindung. Der Bus fährt ohnehin, gleichgültig, welche Partei ihn für sich beansprucht.
Fairness verlangt auch das Gegenbild. Die Zeitung selbst kann Programme prüfen. Ihr großer Wahlprogramm-Check fragt nach Umsetzbarkeit und Zuständigkeiten und stellt Forderungen der Parteien einander gegenüber. Die heute auffindbare Fassung trägt das Datum 23. September, gewählt wurde am 20. September. Zugleich zeigt das OZ-Archiv den Beitrag bereits in einer Übersicht vom 14. September. Das spricht dafür, dass der Text oder zumindest seine Sammelseite schon vor der Wahl vorhanden war und später aktualisiert worden sein könnte. Der gesamten Zeitung pauschal vorzuwerfen, sie habe Programme erst nach dem Wahltag gelesen, wäre deshalb unseriös. Genauigkeit gilt auch für die eigene Kritik, sonst wird sie zu dem, was sie beklagt. Der genauere Vorwurf trifft den Kommentar und die öffentlich auffindbare Arbeit seiner Autorin. Die Fragen, die Hensen später so schwer gewichtet, verbinden ihre eigenen Wahlbeiträge vor dem Urnengang mit keiner erkennbaren Prüfung des AfD-Regierungsprogramms.
Auch die OZ-Wahlforen ändern daran nur begrenzt etwas. Die Zeitung organisierte vor der Wahl vier Veranstaltungen mit Spitzenkandidaten, darunter Leif-Erik Holm von der AfD. Das ist journalistische Arbeit und gehört fairerweise genannt. Ein Kandidatengespräch ersetzt allerdings keine Programmanalyse. Politiker beherrschen die Kunst, eine Frage mit 5 Minuten Redezeit zu überleben. Ein Mensch am Podium kann lächeln und die Frage umschiffen. Ein gedrucktes Programm kann nicht ausweichen. Es liegt still da und sagt, was beschlossen wurde. Genau deshalb braucht es die Gegenprüfung.
Der härteste Vorwurf richtet sich damit weniger gegen eine politische Meinung als gegen die Abkürzung dorthin. Hensen ist Volontärin. Junge Journalisten sollen lernen, Kommentare zu schreiben und sich festzulegen. Verantwortung trägt ebenso die Redaktion, die solche Texte veröffentlicht. Eine Zeitung wie die Ostsee-Zeitung, die einen Kommentar veröffentlicht, unterschreibt ihn mit. Ein Kommentar darf kantig sein. Er darf auch falsch liegen. Eine dünne Recherche unter einer schweren Forderung verträgt er nicht. Einer Ministerpräsidentin nahezulegen, mit einer in wesentlichen Teilen radikal auftretenden Oppositionspartei auf Augenhöhe zu sprechen, verlangt mehr als eine Beobachtung vom Wochenmarkt. Verlangt ist Kenntnis dessen, worüber gesprochen werden soll. Die Forderung nach mehr „Dialog“ wirkt billig, solange kaum untersucht wurde, was an diesen Ständen tatsächlich gesagt und verlangt wurde. Und was dort politisch vorbereitet wird. Den demokratischen Parteien mangelnden Dialog vorzuwerfen setzt voraus, den Ort selbst betreten zu haben, an dem dieser Dialog angeblich fehlt. Über den Frust der Menschen lässt sich nach einer Wahl leicht reden. Glaubwürdig wird es erst mit dem Weg dorthin, wo dieser Frust vorher in politische Angebote verwandelt wurde.

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Die Reaktionen unserer Leser auf Facebook trafen diesen Punkt schneller als manche Überschrift. Eine Leserin schrieb, Schwesig solle auf die Menschen in den ländlichen Regionen zugehen, dafür brauche es keine Gespräche mit der AfD. Eine andere unterschied ausdrücklich zwischen dem Gespräch mit AfD-Wählern und Gesprächen mit der Partei. Ein weiterer Leser verwies darauf, die strukturellen Probleme des ländlichen Raums gehörten dringend auf die politische Tagesordnung, einen überzeugenden Ansatz der AfD dafür erkenne er aber nicht. Das sind Meinungen, keine Tatsachenfeststellungen. Sie zeigen jedoch, dass Leser sehr wohl zwischen den Sorgen eines Menschen und dem Programm einer Partei unterscheiden.
Andere Kommentare wurden noch konkreter. Eine Leserin beschrieb lange Schulwege und einen mangelhaften Nahverkehr. Auch der Weg zum Arzt sei schwierig. Dass eine Regierungsbeteiligung der AfD daran etwas verbessern würde, bezweifelte sie. Ein Leser bemängelte, AfD-Politik werde gerade für den ländlichen Raum zu selten an ihren eigenen Vorschlägen gemessen; ein paar verständliche Grafiken vor der Wahl hätten seiner Ansicht nach bereits geholfen. Leser verlangen selten Wunder. Meist verlangen sie Vorarbeit. Genau dort liegt der Auftrag. Niemand braucht vor einer Wahl 90 Seiten Parteiprogramm auf dem Frühstückstisch. Fünf zentrale Vorhaben lassen sich erklären und in ihren Kosten prüfen. Dazu gehört die Angabe, welche Ebene darüber entscheidet. Dafür existieren Redaktionen.
Mit Menschen reden und ihre Probleme ernst nehmen, so haben es unsere Leser formuliert. Die politischen Angebote gehören daneben geprüft, Zeile für Zeile. Daraus folgt keine Pflicht, jede Partei gesellschaftlich aufzuwerten. Ebenso wenig folgt daraus ein Recht, Wähler zu übergehen. Demokratie bleibt unbequem, weil beides zugleich möglich sein muss. Journalismus steht dazwischen, mit einem schlichten Werkzeug: Recherche.
Wir haben unseren eigenen Wahlartikel bewusst zurückgehalten, weil weitere Recherchen nötig sind. Das kostet Zeit. Manchmal kostet es auch die schöne Geschwindigkeit, mit der andere längst kommentieren. Ein Artikel, der einige Tage später erscheint und dafür 10 Fragen mehr beantwortet, kann nützlicher sein als die erste Meinung im Netz. Schnelligkeit gilt im Nachrichtenbetrieb als Tugend. Bei politischen Urteilen wird sie leicht zur Ausrede. Die erste Meinung hat den Vorteil, dass niemand sie mehr einholt. Die richtige braucht länger, und sie kommt trotzdem an. Wir nehmen den Umweg in Kauf.
Ein Wahlprogramm ist geduldig. Es liegt monatelang da und wartet auf einen Leser. Der Wähler hat nur einen Wahltag, und an diesem Tag wartet nichts mehr auf ihn. Aufklärung verlangt deshalb, vorher da zu sein, an den Ständen und über den Programmen. Hinterher lässt sich jedes Ergebnis erklären. Vorher zeigt sich, ob Journalismus seinen Beruf ernst nimmt. Ein Kreuz dauert eine Sekunde. Die Arbeit davor dauert Wochen, und sie gehört auf die richtige Seite des Wahltags.
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