In Teheran verändert sich etwas, und es geschieht nicht im Verborgenen. Männer und Frauen stehen auf öffentlichen Plätzen und lernen den Umgang mit Sturmgewehren. Mitglieder der Revolutionsgarden erklären Handgriffe an Kalaschnikows. Militärfahrzeuge ziehen durch Straßen der Hauptstadt. Auf Massenveranstaltungen tauchen Raketen auf, dort wo früher Fahnen oder religiöse Symbole standen. Selbst bei einer Hochzeitsfeier wurde eine ballistische Rakete Teil der Inszenierung. In der iranischen Hauptstadt gehören Waffen inzwischen immer öfter zum Alltag.

Obwohl die Kämpfe offiziell unterbrochen wurden, ist die Lage alles andere als ruhig. Donald Trump macht keinen Hehl daraus, dass ein neuer militärischer Schlag gegen Iran für ihn weiterhin auf dem Tisch liegt, falls Verhandlungen scheitern oder Teheran seine Position etwa bei der Straße von Hormus nicht verändert. Gleichzeitig hatte Trump bereits erklärt, amerikanische Kräfte könnten Irans hoch angereichertes Uran notfalls mit Gewalt sichern. Hinzu kamen frühere Aussagen über Waffenlieferungen an kurdische Gruppen mit Verbindungen zu Regierungsgegnern.

In Iran wird diese Situation nicht als verschwommene diplomatische Spannung behandelt. Sie wird auf die Straße getragen.
Seit Monaten laufen auf Staatskanälen und über offizielle Nachrichtenprogramme Aufrufe an die Bevölkerung, sich den sogenannten Janfada anzuschließen, denjenigen, die bereit seien, ihr Leben zu opfern. Nach Angaben staatlicher Stellen hätten sich bereits mehr als 30 Millionen Menschen registriert. Überprüfen lässt sich diese Zahl nicht. Eine breite Mobilisierung wie einst in der Ukraine vor dem russischen Großangriff blieb bislang ebenfalls aus. Es gibt keine langen Reihen an Ausgabestellen für Waffen, keine Bilder von Menschen, die in großer Zahl Gewehre entgegennehmen oder Barrikaden errichten.
Trotzdem wird sichtbar daran gearbeitet, eine bestimmte Stimmung aufrechtzuerhalten.
Moderatoren im Staatsfernsehen treten bewaffnet auf. Öffentliche Veranstaltungen werden begleitet von militärischen Symbolen. Berichte erzählen von Menschen, die ihre Namen in Listen eingetragen haben, um sich für den Einsatz zu melden.

Die Journalistin Soheila Zarfam schrieb in einer Kolumne, sie habe im Moment ihrer Registrierung nicht über Gefahren nachgedacht. Sie habe nur an Iran gedacht. Ihr Leben könne enden, schrieb sie, aber Iran werde weiterbestehen. Die Botschaft dahinter ist deutlich. Die Führung versucht nicht nur, Entschlossenheit gegenüber möglichen Gegnern zu zeigen. Sie richtet sich auch an die eigene Bevölkerung.

Denn der Alltag vieler Menschen sieht völlig anders aus als die Bilder militärischer Stärke. Das Land kämpft mit Entlassungen, geschlossenen Betrieben und steigenden Preisen für Lebensmittel, Medikamente und Güter des täglichen Bedarfs. Die wirtschaftliche Belastung wächst. Unsicherheit gehört für viele Menschen längst zum Alltag.
In einer solchen Situation können Waffen eine zweite Funktion bekommen. Sie dienen nicht nur als Mittel zur Verteidigung gegen äußere Gegner. Sie können ebenso eine Erinnerung an Kontrolle sein. Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi reagierte besonders scharf auf Aufnahmen, in denen auch Jungen mit Sturmgewehren zu sehen waren. Solche Szenen erinnerten sie an Vorgänge bewaffneter Gruppen in anderen Regionen der Welt.

Gleichzeitig wirkt manches von dem, was derzeit öffentlich gezeigt wird, weniger professionell, als die Bilder zunächst vermitteln. Berichte im Stil eines militärischen Frühstücksfernsehens über Trainingsveranstaltungen in Teheran beschreiben Teilnehmer, die bereits bei einfachen Handgriffen Schwierigkeiten hatten. Ein Teilnehmer soll Probleme gehabt haben, das Magazin seines Gewehrs einzusetzen und richtete dabei den Lauf in Richtung anderer Anwesender. In jeder grundlegenden Waffenausbildung gilt ein solcher Vorgang als schwerer Sicherheitsfehler.
Auf die Einbindung entsprechender Videos haben wir bewusst verzichtet, da wir keine Anleitungen zur Handhabung von Waffen verbreiten möchten!

Die Revolutionsgarden haben eine abartige Rekrutierungskampagne namens „Heimatverteidigende Kämpfer für Iran“ gestartet, die Kinder ab zwölf Jahren einschließt. IRGC-Offizier Rahim Nadali erklärte im Staatsfernsehen, so viele Jugendliche hätten verlangt, an Kontrollposten eingesetzt zu werden, dass man das Mindestalter auf zwölf Jahre festgelegt habe.
Es ist bestätigt, und auch Recherchen belegen, dass Kinder mit Waffen Kontrollposten unterstützen. Amnesty International bezeichnet die Rekrutierung als Kriegsverbrechen nach internationalem Recht. Das ist kein neues Schema – Iran setzte im Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre nach eigenen Angaben Hunderttausende Kindersoldaten ein, von denen mindestens 36.000 getötet wurden, und schickte afghanische Einwandererkinder während des Syrien-Kriegs für das Assad-Regime in den Kampf. Was jetzt in iranischen Städten an Kontrollposten geschieht, ist die Fortsetzung einer Geschichte, die das Land seit Jahrzehnten schreibt.

Trotzdem scheint die eigentliche Wirkung an anderer Stelle zu liegen. Es geht offenbar nicht nur um militärische Fähigkeiten. Es geht um Sichtbarkeit. Um den Eindruck von Bereitschaft. Ein Mann sagte während einer Veranstaltung, die Menschen müssten lernen, mit Waffen umzugehen, weil Iran sich in einer Kriegslage befinde. Falls etwas passiere, müsse jeder vorbereitet sein.

Und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Gedanke hinter diesen Bildern. In Teheran wird nicht nur über einen möglichen nächsten Krieg gesprochen. Man versucht bereits, die Gesellschaft auf ihn einzustellen.
Wir leben in einer Zeit, in der die Welt jeden Weg offen hätte und doch den Weg wählt, den sie schon einmal in Trümmer geführt hat. Diktatoren, Regime, Rechte und ihre Bewunderer sind keine Rückkehr der Geschichte, sie sind ihr Beweis, dass der Mensch lieber herrscht, als zu verstehen. Die Welt von 2026 beweist, dass Erinnerung keine Frage des Wissens ist, sondern des Wollens – und dass der Mensch lieber irrt, wenn der Irrtum ihm Macht verspricht. (Kaizen Blog, Mai 2026)
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Danke für diese Recherche.
Gerade Informationen aus dem Iran bekommen ist sicher schwer.
Natürlich sorgt der Iran für solche Bilder und Aktionen.
Innere Stärke beweisen und nach außen demonstrieren „wir sind bicht besieht“.
Es stimmt mich sehr traurig, dass wieder einmal Kinder in aktive Kampfhandlungen hinein gezogen werden können.
12 Jahre ist das Mindestalter 😞
Gerne – leider hätten wir lieber „Good News“ gebracht