Fünf Stunden Tapferkeit – „Bombe abgesagt, Börse begeistert

VonRainer Hofmann

Juni 11, 2026

Trump drohte, den Iran in der letzten Nacht zu treffen und seine Ölindustrie an sich zu reißen, und sagt fünf Stunden später alles ab, mit Verweis auf einen Frieden, den niemand unterschrieben hat. Die Börse jubelt, der Krieg bleibt ohne Ende!

Wieder hat Donald Trump einen geplanten Angriff auf den Iran in letzter Minute abgeblasen, kaum fünf Stunden, nachdem er gedroht hatte, das Land in dieser Nacht sehr hart zu treffen und sich am Ende dessen Öl- und Gasindustrie ganz einzuverleiben. Es ist das jüngste vom Präsidenten selbst verursachte Schleudertrauma, und es trägt schon einen Namen, denn man spottet längst, dieser Mann kneife stets im letzten Augenblick. Am Donnerstagnachmittag verkündete er die Absage, unter Verweis auf Fortschritte hin zu einem Abkommen.

Trump: „Wir werden den Iran heute hart treffen – falls Sie nicht den Fernseher einschalten.“

Weil die Gespräche mit der Islamischen Republik Iran auf die höchste Ebene der iranischen Führung gebracht und dort gebilligt worden seien, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social, habe er als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die für diesen Abend angesetzten Schläge und Bombardements abgesagt. Die Seeblockade aber bleibe in voller Kraft, bis diese Transaktion abgeschlossen sei, Zeit und Ort der Unterzeichnung würden in Kürze bekannt gegeben. So verkündet ein Mann den Frieden, den noch niemand unterschrieben hat, und das Wann und Wo der Unterschrift reicht er als Versprechen nach, als ginge es um die Eröffnung eines Geschäfts.

Die Börse fragte nicht lange. Der Leitindex S&P 500 schoss unmittelbar nach der Veröffentlichung in die Höhe, als sei ein Eintrag in den sozialen Netzen schon der Friede selbst.

Fünf Stunden zuvor hatte derselbe Mann etwas ganz anderes geschrieben, in Großbuchstaben, er werde den Iran in dieser Nacht sehr hart treffen und sich irgendwann die völlige Kontrolle über dessen Öl und Gas nehmen. Das hieße, die Insel Kharg und weitere Anlagen der Ölwirtschaft zu erobern, und das wiederum könnte amerikanische Soldaten auf iranischen Boden bringen, mit allem, was das vor den Zwischenwahlen im November bedeutete. Die Ölanlagen habe er bislang aus Gründen des Anstands verschont, ließ er wissen, während er den Iran dazu drängt, die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Anstand, aus dem Mund dessen, der eben noch erwog, einem Land seine Ölindustrie zu nehmen, ist ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss.

Viele blieben misstrauisch, wie es weitergehe in einem Krieg, der noch immer kein Ende kennt. Es seien die verkorkstesten Verhandlungen, die er je gesehen habe, wenn es darum gehe, einen Krieg zu beenden, sagte Leon Panetta, einst Verteidigungsminister und Geheimdienstchef unter Obama, dem Sender CNN. Man könne weder dem glauben, was der Präsident sage, noch dem, was das Regime sage, das Ganze sei zu einem Kabuki-Tanz geworden, einem höfischen Schauspiel mit festen Schritten, und man wisse nicht recht, wer oben und wer unten sei.

Trumps frühere Drohungen folgten auf eine Reihe von Schlägen zwischen beiden Ländern nach dem Abschuss eines amerikanischen Hubschraubers und auf seinen erklärten Verdruss über die Friedensgespräche. Der Sprecher des iranischen Parlaments, Mohammad Bagher Ghalibaf, eine wichtige Gestalt der Verhandlungen, hatte vor solchen Drohungen gewarnt. Falsche Strategien und unüberlegte Entscheidungen setzten das ganze Brett zum Schlechteren zurück, schrieb er, sie ließen die Energieanlagen und die Märkte explodieren, dazu schüfen sie einen endlosen Sumpf, in dem man über Jahre feststecke. Ihr werdet einen anderen Iran erleben, fügte er hinzu.

Ob der Iran am Ende irgendein Abkommen besiegelt, weiß niemand. Trump aber lässt verlauten, die Gespräche und die letzten Punkte seien im Grundsatz wie im kleinsten Detail von allen Beteiligten gebilligt worden, von den Vereinigten Staaten und Israel, von Saudi-Arabien, den Emiraten, Katar, der Türkei, Pakistan, Bahrain, Kuwait, Jordanien, Ägypten und anderen mehr. Eine halbe Welt soll dem Frieden zugestimmt haben, nur unterschrieben hat ihn keiner.

Es ist die Wiederkehr desselben Vorgangs. Eine Drohung in Großbuchstaben am Nachmittag, eine Absage am Abend, dazwischen kein Ereignis als das Reden selbst. Der Präsident verkündet einen Frieden, ehe es ihn gibt, so wie er die Inflation liebt, die er nicht besiegt. Und er schickt Öl durch eine Meerenge, die er geschlossen hält. Immer steht das Wort an der Stelle der Tat, und die Welt richtet sich danach, die Börse steigt, die Schlagzeile dreht sich, bis am Abend nichts geschehen ist und am nächsten Morgen alles von vorn beginnt. Vielleicht ist das die eigentliche Strategie in diesen Zeiten, die keine ist, dass ein Krieg sich am Leben hält, weil nichts, was über ihn gesagt wird, wahr sein muss, und dass ein Mann, der heute Nacht sehr hart zuschlagen wollte, am Ende nur eines zuverlässig trifft, die nächste Schlagzeile.

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