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Die schwarze Karte: Wie Epsteins Netzwerk nach dem Urteil erst richtig zu fliegen begann

VonTEAM KAIZEN BLOG

26. Juli 2026

Ein Schuldspruch gilt gemeinhin als Ende. Bei Jeffrey Epstein war er ein Anfang. 2008 hatte er sich vor einem Gericht in Florida schuldig bekannt, eine Minderjährige der Prostitution zugeführt zu haben, er musste sich als Sexualstraftäter registrieren und stand offiziell als Mann unter Auflagen. Genau in den Jahren danach aber, so das Ergebnis einer Recherche, die Tausende Unterlagen des Justizministeriums auswertete, E-Mails, Skype-Nachrichten und Flugbuchungen, wuchs sein Apparat erst zu voller Größe. Zwischen 2009 und 2019 sollen seine Mitarbeiter mehr als 3.700 kommerzielle Flüge gebucht haben. Den größten Teil dieser Reisen trug nicht die berüchtigte Privatmaschine, sondern der ganz gewöhnliche Linienverkehr. In ihm wird ein Verbrechen unsichtbar, weil es aussieht wie jede andere Buchung auch, ein Ticket unter Millionen.

Lesen Sie dazu auch unseren Artikel: Der verborgene Pakt – Warum man den Fall Jeffrey Epstein nur versteht, wenn man das erste Verfahren von 2007 rekonstruiert – und der Fake-Wahnsinn 2026

Die Routen zeichnen eine Landkarte der Rekrutierung. Sie führten aus Russland, der Ukraine, Polen, den baltischen Staaten und Brasilien nach Paris, nach New York und auf die Insel Little St. James in den Amerikanischen Jungferninseln, jene Orte also, an denen es nach Angaben der Ermittler zu den Übergriffen kam. Bei fast der Hälfte der Buchungen fehlen die Namen der Passagiere, weil das Justizministerium die Identitäten mutmaßlicher Opfer geschwärzt hat. Was bleibt, ist die Bewegung ohne Gesicht, ein System, dessen Betrieb man lückenlos verfolgen kann, während die Menschen darin verschwinden. Die Recherchen dazu dauern an. Bis die meisten der beteiligten Namen offengelegt sind, werden voraussichtlich noch Monate vergehen.

Angeworben wurden die Frauen mit dem ältesten Versprechen der Branche, der Karriere als Model. In den freigegebenen Nachrichten sprechen die Anwerber von Castings, von Fotografen, von einem Kunstsammler, den man kennenlernen solle, und sie erwägen offen, Modelagenturen, Zeitschriften und Schönheitswettbewerbe zu kaufen, um sich einen dauerhaften Zugriff auf junge Frauen zu sichern. Fachleute für Menschenhandel, die für die Recherche befragt wurden, kommen zu dem Schluss, dass die dokumentierten Wege der Anwerbung und des Transports den Merkmalen eines international organisierten Menschenhandels entsprechen. Mehr als 100 Frauen haben Epstein des Missbrauchs beschuldigt, mehrere berichteten, auf verschiedenen Wegen zu seinen Anwesen in den Vereinigten Staaten, in Europa und in der Karibik geflogen worden zu sein. Das Wort, das die Behörden 2008 noch klein gehalten hatten, steht nun in voller Größe im Raum.

Wie aber bewegt man über 10 Jahre hinweg Hunderte Frauen über Grenzen, an Konsulaten und Einreisebeamten vorbei? Die Antwort trägt einen Namen aus der Welt des Luxus. Epsteins Büro nutzte den Centurion-Dienst von American Express, die auf Einladung vergebene schwarze Karte, deren Betreuer für die zahlungskräftigste Kundschaft die Rolle von Reisebüro und Türöffner zugleich spielen. Was für andere ein Concierge ist, wurde hier zur Infrastruktur des Verbrechens. Denn die Betreuerin buchte nicht nur Flüge, sie buchte auch Scheinreisen, die niemand antreten sollte, allein zu dem Zweck, den Frauen bei den Konsulaten ein Visum zu verschaffen.

Hier verrät sich die eigentliche Natur des Geldes, das keine Unterschiede kennt. Auf denselben Abrechnungen, auf denen ein Schlosser auftauchte, Klempnerbedarf, Schokolade, Kinokarten und ein teures Restaurant in Manhattan, standen die Flüge junger Frauen aus Osteuropa, und die Karte machte zwischen dem einen und dem anderen keinen Unterschied. Was sich beziffern lässt, wird gleich, und der Preis ebnet ein, was das Gewissen trennen müsste. Eine Assistentin bat einmal um ein Reiseprogramm für die Frauen, wörtlich mit Preisschildern versehen, und in dieser Wendung liegt die ganze Kälte eines Systems, das Menschen wie Fracht behandelte und wie Fracht verrechnete.

Die Betreuerin, eine aus Russland stammende Managerin des Centurion-Programms, die vor Atlanta saß und einst in einer Visa-Agentur gearbeitet haben soll, wusste, was sie tat. Ob die Reservierung nur dem Visum diene, fragte sie im Dezember 2012 mit Blick auf eine osteuropäische Buchung, das verstoße ehrlich gesagt gegen die Regeln von American Express, man könne die Option aber bis zum Abend halten. Auf Fragen der Reporter reagierte sie nicht, und das Unternehmen wollte nicht sagen, ob sie noch dort beschäftigt sei. Nach dem Konsulatstermin wurde die Reise storniert. Sie hätten das großartig gemacht, schrieb die Assistentin. Im Januar 2016 ging es um einen Täuschungsflug von Rom nach London, den die Betreffende nicht wirklich antreten werde, für den sie aber ein Reiseprogramm vorzeigen müsse. Im März 2018 fragte die Betreuerin nach, ob sie Flüge stornieren dürfe, die für ein kanadisches Visum gebucht worden seien. Über ein Dutzend Kollegen halfen mit, die Flüge zu organisieren, die Moskau, Miami, Minsk, New York, St. Petersburg und Warschau verbanden; einmal stellte die Assistentin klar, eine der Reisenden sei über 25. Es war Routine geworden.

Dass hier etwas hätte auffallen müssen. Genau solche Buchungsabläufe und erfundenen Reiseverläufe seien die Warnzeichen, die ein Betreuer melden müsse. Ein früherer Mitarbeiter von American Express beschreibt, warum das ausblieb. Die Betreuer der schwarzen Karte seien dazu da, den Kunden zu ermöglichen, nicht sie zu befragen; ihre Pflicht zur Meldung verdächtiger Vorgänge trete hinter die Pflicht zurück, den Kunden bei Laune zu halten. American Express erklärte, man habe Epsteins Konten nach der Anklageerhebung geschlossen und verurteile Menschenhandel; man nehme die rechtlichen Pflichten ernst und melde verdächtige Aktivitäten.

Epstein war seit 1977 Kunde und ein einträglicher dazu, zeitweise gab er mehr als 1 Million Dollar im Jahr aus. Eine Centurion-Karte besaß er seit mindestens 2004, 2012 waren es 3, im Jahr 2017 bis zu 9. Eine der Karten lief auf den Namen der Tochter befreundeter Milliardäre, eine weitere auf die Lebensgefährtin Karyna Shuliak, mit einem monatlichen Rahmen von 60.000 Dollar. Über solche Zahlen kaufte er sich, was Millionen Haftentlassene nie erhalten, den nahtlosen Anschluss an ein Leben, in dem eine Verurteilung nur eine Fußnote war.

Über allem lag der Zwang zur Geheimhaltung. Als 2017 eine Flugbestätigung an mehrere Empfänger gelangte, verlangte die langjährige Assistentin Lesley Groff, sämtliche Adressen aus dem Konto zu entfernen, Epstein sei außer sich, er sei äußerst verschwiegen und wolle Bestätigungen bei niemandem als bei ihr. Sie habe schreckliche Angst, so Groff, all die anstehenden Tickets von Russland nach Paris könnten wieder auftauchen und an jemanden auf der Verteilerliste geraten, das sei ein gigantisches Problem. Die Betreuerin bot 60.000 Bonuspunkte an, um die Stimmung zu glätten, man schätze das Geschäft mit Herrn Epstein und die harte Arbeit der Assistentin.

Der Ton zwischen den beiden Frauen blieb dabei von einer Herzlichkeit, die schwerer erträglich ist als jede Grobheit. Man plauderte über Kaffee, über Zahnoperationen, über Tanzwettbewerbe und Urlaube. Zum Internationalen Frauentag 2017 wünschte die Betreuerin alles Gute und lehrte die Assistentin den russischen Gruß, den sie ihren russischen Mädchen sagen solle. Ob ihr Büro die Flüge öfter umbuche als andere Kunden, fragte Groff einmal. Ja, kam die Antwort, aber Sie sind die Beste, die verständnisvollste und geduldigste, ich liebe Sie. In diese Freundlichkeit war der Handel mit Menschen eingewickelt wie ein Geschenk in Seidenpapier.

Die Transporte liefen bis zuletzt. Von März bis Juni 2019 verzeichnete das Konto mehr als 2,5 Millionen Dollar, ein Großteil über eine Karte, die nach seiner Privatinsel benannt war. In den letzten Wochen reisten Frauen aus Kiew, Moskau, Warschau und London nach Paris, während Epstein dort Diplomaten, Wissenschaftler und Geschäftsleute traf. Am 6. Juli 2019 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück und wurde vom FBI festgenommen; einen Monat später starb er in Bundesgewahrsam. 5 Tage nach seiner Verhaftung aber schickte das Reisebüro von American Express der Lebensgefährtin noch ein Programm für einen Businessflug von New York nach Warschau und weiter nach Minsk. Man wünsche eine gute Reise, hieß es darin.

Es bleibt die Frage, die diese Jahre über allem aufhängt. Während Epstein amtlich als verurteilter Sexualstraftäter geführt wurde, sollen zur selben Zeit Tausende internationale Reisen organisiert worden sein, und niemand griff ein. Die Recherche kann das Schicksal jeder einzelnen Frau nicht klären, dafür sind zu viele Namen geschwärzt; einige Routen ließen sich bekannten Betroffenen zuordnen. Vor einem Jahr hielt die Familie von Virginia Giuffre, einer seiner Anklägerinnen, eine Mahnwache zu ihrem Todestag. Die Schilder der Erinnerung stehen. Die schwarze Karte hat ihre Rechnung längst beglichen.

Fortsetzung folgt …

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