El Paso – Camp East Montana: Aus einem Zelt in der Wüste von West-Texas, in dem man sich daran erinnern muss, ein Mensch zu sein, so könnte man beginnen. Man kann aber auch mit einer anderen Nachricht beginnen: Es handelt sich nicht um ein Lager. Darauf legen gewisse Kritiker großen Wert, und Wert auf die richtige Benennung zu legen ist bekanntlich der erste Schritt zur Zivilisation. Das Wörterbuch freilich, jener unbestechliche Pedant, hält die Bezeichnung „Konzentrationslager“ für die fragliche Einrichtung schlicht für zutreffend – aber das Wörterbuch hat ja auch nie eine Pressestelle besessen, die ihm hätte erklären können, welche Wörter in der Gegenwart erlaubt sind und welche der Vergangenheit gehören sollen.

Worum es geht: Ein Bündnis von Rechtsschutzorganisationen – die American Civil Liberties Union, ihr texanischer Ableger, das Texas Civil Rights Project, Human Rights Watch, Journalisten, NGOs und die Kanzlei Farella Braun + Martel LLP – hat jetzt vor dem Bundesbezirksgericht für den Western District of Texas in El Paso Klage erhoben. Beklagt sind die Einwanderungsbehörde ICE, das Heimatschutzministerium, das Verteidigungsministerium und die dazugehörigen Amtsträger. Vorgeworfen werden ihnen die Zustände in der größten Anlage, die im Rahmen der Massenabschiebungen der Trump-Regierung für inhaftierte Migranten betrieben wird. Die Klage trägt das Wort „inhuman“ in sich, was insofern bemerkenswert ist, als es einen Gegenbegriff voraussetzt, an den hier offenbar nicht mehr jeder glaubt.

Geführt wird das Verfahren stellvertretend für vier Personen, die für sämtliche Insassen eine Sammelklage anstreben. Schauplatz ist Camp East Montana, eine vierundzwanzig Hektar – Verzeihung, sechzig Acres – große Anlage in der Chihuahua-Wüste, errichtet auf dem Gelände der Militärbasis Fort Bliss. Der Name dieser Basis bedeutet „Seligkeit“, und es gehört zu den Feinheiten der amerikanischen Geschichte, dass ebendort schon im Zweiten Weltkrieg ein Lager für japanischstämmige Amerikaner und japanische Staatsbürger stand. Der Boden hat, wie man so sagt, Erfahrung. Rund 2.500 Menschen werden hier gegenwärtig festgehalten. Die Klageschrift versammelt nun, was die ACLU mit dem unschönen, aber präzisen Ausdruck „entsetzliche Rechtsverletzungen“ belegt. Da wäre die schwere medizinische Vernachlässigung samt Krankheitsausbrüchen, darunter eine monatelang grassierende Masernepidemie, die wenigstens vierzehn Menschen befiel – ein medizinisches Kunststück eigener Art, eine im einundzwanzigsten Jahrhundert beinahe museal zu nennende Seuche unter freiem Wüstenhimmel wiederzubeleben. Da wären die gewaltsamen Übergriffe von Bediensteten und die nötigenden Abschiebedrohungen. Da wäre die ausgiebige und willkürliche Einzelhaft, mit der man Menschen dafür bestraft, dass sie um so Ausschweifendes wie ärztliche Hilfe oder die Möglichkeit zur Körperhygiene bitten. Da wäre die unzureichende und ranzige Verpflegung, an der die Inhaftierten in einem Maße abmagern, das man der Erwähnung für wert hielt. Da wäre der durch Öffnungen in den Zeltwänden hereinwehende Staub der Wüstenstürme, der den Atemwegen das Ihre antut. Und da wären, der guten Ordnung halber, die gefährlichen und unhygienischen Lebensumstände im Zeltlager überhaupt.

Die vollständige Klage können Sie hier lesen
Die Beklagten, heißt es in der Schrift, hätten angesichts bekannter Risiken weiter nichts getan; ihr Verhalten zeuge von einer „bewussten Gleichgültigkeit – nicht bloßer Fahrlässigkeit“ gegenüber den verfassungsmäßigen Rechten der Inhaftierten. Man halte einen Moment bei dieser juristischen Unterscheidung inne, denn sie ist die philosophisch interessanteste des ganzen Vorgangs. Fahrlässigkeit wäre, wenn man das Unglück nicht kommen sah. Bewusste Gleichgültigkeit ist, wenn man es kommen sah und beschloss, dass es einen nichts angeht. Es ist der Unterschied zwischen dem Schläfer und dem Wachenden, der die Augen schließt – und es ist, wenn man Hannah Arendt glauben will, der eigentliche Ort, an dem das Böse seinen Wohnsitz nimmt: nicht im Ungeheuer, sondern im Schreibtisch, der seine Zuständigkeit pünktlich um siebzehn Uhr beendet.

Drei Menschen sind in Camp East Montana mindestens schon gestorben. Einer von ihnen war Geraldo Lunas Campos, fünfundfünfzig Jahre alt, aus Kuba. Er starb, nach Aussage von Zeugen, nachdem Wachleute ihn gefesselt und in einen Würgegriff genommen hatten. Das rechtsmedizinische Institut des El Paso County befand seinen Tod als Tötung durch Ersticken. Hier endet die Ironie, weil sie hier enden muss; ein Würgegriff, der einen gefesselten Mann tötet, verträgt keine Pointe, und wer ihm eine abringen wollte, hätte die Seite gewechselt. Inhaftierte berichten zudem von Schlägen und sexuellem Missbrauch, von verweigerter ärztlicher Hilfe, von Hunger und vom Entzug des Zugangs zu Anwälten.
Einer der Kläger, der Kameruner Gerald Akari Angye, hat es in eigenen Worten gesagt. Die Zustände in diesem Zeltlager in der Wüste seien unmenschlich und grausam; kein Mensch sollte so etwas durchmachen müssen. Er habe in seiner Heimat Kamerun bereits Folter erlebt und nie gedacht, derart schwere Gewalt ausgerechnet in den Vereinigten Staaten von Amerika zu erfahren. Man habe ihn geschlagen; noch an jenem Tag habe er eine Schiene an Hand und Gelenk getragen, er habe Schmerzen und fürchte sich. Niemand verdiene eine solche Behandlung, fügte er hinzu, man sei doch sämtlich Menschen und verdiene, als solche behandelt zu werden. Es ist ein eigentümliches Maß für den Zustand einer Republik, wenn ein Mann, der einer Diktatur entkam, in ihr daran erinnern muss, dass er ein Mensch sei – und wenn diese Erinnerung neu erscheint.

Kyle Virgien, leitender Anwalt am National Prison Project der ACLU, nannte Camp East Montana nichts Geringeres als eine „Bürgerrechtskatastrophe“. Seit dem Tag der Eröffnung mache die Anlage mit grauenhaften Rechtsverletzungen und mittlerweile drei Todesfällen Schlagzeilen, und dennoch sei ICE jeder Rechenschaft entgangen. Man klage, damit kein weiterer Mensch ertragen müsse, was die Regierung den Mandanten zugefügt habe.
Ein weiterer Kläger, in der Schrift Navdeep genannt, sprach den Satz aus, der die ganze Sache auf ihren Begriff bringt: Man fühle sich wie ein politischer Spielstein, herausgerissen aus Arbeit und Familie und in ein Zelt verbracht, das nicht für menschliches Leben gemacht sei. Man könne hier sterben, und es scheine, als kümmerte es niemanden. Hinter verschlossenen Türen, fürchtete Navdeep, könnten die Betreiber die Wahrheit über einen Tod oder über die anderen Übergriffe vertuschen; deshalb sei es wichtig, dass die Menschen draußen erführen, was hier geschehe. Viele seien verletzlich oder würden unter diesen Bedingungen schwach; so verschieden ihre Herkunft auch sei, man sei doch sämtlich Mensch, und man wolle für alle hier eine Stimme sein. Auch dies ist, nüchtern besehen, ein philosophischer Akt: Wer in einem Zelt, von dem er annimmt, dass es sein Sterbeort werden könnte, noch darauf besteht, für andere zu sprechen, vollzieht eine Solidarität, die der Apparat um ihn herum gerade abzuschaffen versucht.

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Die Politik hat das Ihre vernommen. Fünfunddreißig demokratische Abgeordnete des texanischen Parlaments forderten nach „zahlreichen glaubwürdigen Berichten über Folter, Tötung und unmenschliche Behandlung“ bereits in diesem Jahr eine Untersuchung. Demokratische Mitglieder des US-Kongresses schlugen ebenfalls Alarm; die Abgeordnete Veronica Escobar prangerte überdies an, dass die privaten Betreiber an alldem auch noch verdienen. Womit wir bei der eigentlichen Poesie des Vorgangs wären, der Poesie der Firmennamen. Die Geschäfte führt seit diesem Jahr die Amentum Services Inc., die sie von der Acquisition Logistics LLC übernahm – „Beschaffungslogistik“, ein Wort, das man bislang eher Paletten als Personen zugedacht hätte. Die Vorgängerin war in Texas nie zum Geschäftsbetrieb registriert; die Nachfolgerin verfügt laut der Verbraucherschutzorganisation Public Citizen über eine Vorgeschichte von Gesundheits-, Sicherheits- und sonstigen Verstößen gegen Bundesrecht. Man hat das Menschliche, kurz gesagt, an einen Dienstleister vergeben, der mit dem Recht schon einschlägig in Berührung kam.

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Und der Apparat wächst. Die Trump-Regierung treibt einen Plan voran, Industrielagerhallen in weitere ICE-Lager umzuwandeln; mindestens elf solcher Hallen in acht Bundesstaaten sind im Rahmen eines achtunddreißig Milliarden Dollar schweren Vorhabens bereits gekauft oder unter Vertrag. Die Lagerhalle, jener Ort, an dem die Marktgesellschaft das aufbewahrt, was sie noch nicht verkauft oder schon nicht mehr braucht, wird damit zum Aufenthaltsort des Menschen. Selten hat eine Architektur ihre Gesinnung so offen ausgesprochen. Bleibt die Frage der Definition, mit der wir begannen. Manche nehmen, wie gesagt, an der Bezeichnung Anstoß. Die nüchterne Auskunft lautet, dass die Einrichtungen der Wörterbuchbedeutung des Begriffs entsprechen und dass die Vereinigten Staaten auf eine lange Übung im Betrieb solcher Lager zurückblicken: bei den indigenen Stämmen während des Trail of Tears und des Long Walk, bei entflohenen und befreiten Sklaven, die man im Bürgerkrieg amtlich „Konterbande“ nannte, bei Filipinos, Okinawanern und Vietnamesen in drei verschiedenen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts und eben bei den japanischstämmigen Amerikanern und japanischen Staatsbürgern im Zweiten Weltkrieg. Es ist eine Tradition, auf die hinzuweisen als unhöflich gilt.
Auch Deutschlands Lager haben nicht sofort als Werkzeuge des Massenmords begonnen, aber sie waren sehr früh Instrumente von Verfolgung, Entrechtung, Zwang und politischer Unterdrückung. und die amerikanischen machen es auch nicht; beide begannen als Einrichtungen für jene Menschen, die der jeweilige Führer zum Problem erklärt hatte. Genau diese Entwicklung treibt ICE nun voran. Die Geschichte flüstere ihre Warnung nicht, sie schreit sie. Man muss ergänzen, dass das Schreien der Geschichte den Vorteil hat, überhörbar zu sein, sofern man die Fenster geschlossen hält. In der Chihuahua-Wüste gibt es keine Fenster, nur Öffnungen in den Zeltwänden, durch die der Staub kommt. Es sind, wie sich zeigt, dieselben Öffnungen, durch die die Wahrheit hinaus will. Hier eine geschliffene Fassung, die den Gedanken vollendet (dein Entwurf bricht ja vor dem zweiten Teil ab) und tonal an den Schlussbildern andockt:
Wir aber werden nicht ruhen, ehe sich nicht allein dieses Lager, sondern jedes seiner Art für immer die Tore schließt – und mit ihnen die Sprache, die solche Tore zu verharmlosen weiß. Auch Deutschland sollte dies als Warnung verstehen. Dass die AfD eines Tages regierungsfähig sein könnte, lässt sich nicht mehr von der Hand weisen – und es beginnt nie mit dem Lager, sondern mit dem Satz, der bestimmt, wer dazugehört. Und wer unsere Arbeit bis zum heutigen Tag nicht verstanden hat, versteht sie nun vielleicht ein wenig besser: Sie ist nichts anderes als der Versuch, eine jener Öffnungen offenzuhalten, durch die die Wahrheit hinausfindet – und Hilfe zu leisten, wo sonst nur ganz wenige sie leisten.
Fortsetzung folgt …
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Es erschüttert mich wirklich. Vor allem das soviel mitmachen. Die Wächter, der Verwaltungsapparat. Eine brutale Diktatur. Ja es ist notwendig, darauf hinzuweisen, dass uns in Deutschland mit der Afd sehr ähnliches bevorsteht. Eigentlich überall dort wo Faschisten in Regierungen kommen.
Genau das ist es, was wir eigentlich in D als Lehre aus der NS Zeit ziehen sollten. Leider haben wohl viele in der Schule geschlafen, oder es interessiert sie nicht.