Fast jeden Tag ging ein Notruf ein. Über Monate hinweg. Aus einem Ort, der offiziell als kurzfristige Unterbringung gedacht ist, faktisch aber für viele zum Stillstand ihres Lebens wurde. Camp East Montana in Texas, das größte ICE-Abschiebegefängnis der Vereinigten Staaten, liegt am Rand von El Paso auf dem Gelände von Fort Bliss. Sechs lange, weiße Zelte in der Wüste. Tausende Menschen in farbigen Uniformen und Plastikschuhen. Und hinter diesen Planen eine Wirklichkeit, die sich in 911-Mitschnitten, Gerichtsakten und Gesprächen mit Betroffenen offenbart.

Die Anrufe berichten von Suizidversuchen, Krampfanfällen, Prügeleien, Brustschmerzen, Kopfverletzungen. Eine schwangere Frau mit starken Rückenschmerzen und Corona. Männer, die sich selbst verletzen. Einer schlägt seinen Kopf gegen die Wand, nachdem er Suizidgedanken geäußert hat. Ein anderer weint, nachdem er von einem Mitgefangenen angegriffen wurde. Mindestens sechs dokumentierte Fälle von Selbstverletzungen mit Notruf. Zwei Tote innerhalb weniger Tage im Januar.

Owen Ramsingh, 45 Jahre alt, früher Hausverwalter in Columbia, Missouri, war mehrere Wochen dort interniert, bevor er im Februar in die Niederlande abgeschoben wurde. Er sagt: Jeder Tag fühlte sich wie eine Woche an, jede Woche wie ein Monat, jeder Monat wie ein Jahr. Das Lager sei tausend Prozent schlimmer gewesen als ein Gefängnis.
Ramsingh kam mit fünf Jahren in die USA. Seine niederländische Mutter heiratete einen amerikanischen Soldaten. 2015 heiratete er seine heutige Ehefrau Diana, US-Bürgerin.. Im September wurde er am Flughafen Chicago O’Hare festgesetzt, als er von einem Familienbesuch zurückkehrte. Der Grund: eine Drogendeliktsverurteilung von 1996 aus seiner Jugend. Er war damals 16 Jahre alt. Er gehörte zu den ersten, die nach Camp East Montana gebracht wurden. Wochenlang blieb er dort, weil seine Abschiebung verzögert wurde. Recherchen deckten auf, dass die Behörde seinen niederländischen Pass „verlor“. Auch persönliche Gegenstände, darunter Goldschmuck, verschwanden.

Angaben zur Todesursache macht die Familie bewusst nicht öffentlich. Auch der Name der zweiten Tochter wird auf ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen nicht genannt. Seine Ehefrau und die zweite Tochter werden in den nächsten Tagen ebenfalls in den Niederlanden eintreffen.
Seine Abschiebung führte ihn am 9. Februar nach Schiphol. Vierzig Jahre nach seiner Ausreise als Kind kehrte er in ein Land zurück, das für ihn kaum mehr als Erinnerung war. Die Haft fiel in eine Zeit, die ohnehin von Verlust geprägt war. Am 21. März 2025 war seine 21-jährige Tochter gestorben. Während seiner monatelangen Inhaftierung sah er weder seine Frau noch seine Kinder. Eine Woche lang wusste seine Familie nicht, wo er sich befand. Er sagt, die Kombination aus dem Tod seiner Tochter und der Isolation im Lager habe ihn an die Grenze gebracht. Nun versucht er, in den Niederlanden neu zu beginnen, will die Sprache lernen und arbeiten. Seine Hoffnung richtet sich auf einen späteren Zeitpunkt: nicht um zurückzukehren, sondern um eines Tages das Grab seiner Tochter in den Vereinigten Staaten besuchen zu dürfen.
Owen beschreibt überfüllte, laute Schlafbereiche. Ungeziefer. Schmutzige Duschen. Essen in kleinen Portionen, teils ungenießbar. Hunger führte zu Diebstahl untereinander. Diebstahl zu Prügeleien. Er sagt, die Zustände hätten seine Psyche zerstört. Besonders erschütternd sei für ihn ein Gespräch gewesen, das er nach eigenen Angaben mitanhörte: Ein Wachmann habe von einer internen Wette gesprochen, welcher Häftling als Nächster durch Suizid sterben werde. 500 Dollar Einsatz. Die Behörde bestreitet das, nennt seine Darstellung falsch, ohne offenzulegen, wie sie dies überprüft hat. Am 3. Januar reagierten Sicherheitskräfte laut ICE auf einen 55-jährigen Kubaner, der sich selbst verletzen wollte. Er wurde mit Handschellen fixiert. Der Gerichtsmediziner stufte den Tod von Geraldo Lunas Campos später als Tötungsdelikt durch Ersticken ein. Am 14. Januar meldeten Mitarbeiter den Suizid eines 36-jährigen Nicaraguaners, der kurz zuvor in Minnesota bei der Arbeit festgenommen worden war.
Die Zahlen zeigen ein anderes Bild als die politische Rhetorik. Unsere Recherchen ergaben, dass 80 Prozent der dort Inhaftierten keine Vorstrafen haben. Viele leben seit Jahren oder Jahrzehnten in den USA. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt laut ICE neun Tage, doch viele bleiben Monate, weil Gerichtsverfahren laufen oder Abschiebungen organisatorisch scheitern. Wir betreuen dort derzeit mehr als 40 Fälle.
Roland Kusi, 31, floh 2022 aus Kamerun vor politischer Gewalt. Im September wurde er in Chicago bei einem Termin mit seiner Ehefrau festgenommen, die der Army National Guard angehört. Er sagt, es sei psychologisch kaum auszuhalten. Man denke ununterbrochen nach, suche nach einer Lösung, finde keine. Es zermürbe einen. Ein kubanischer Mann in den Fünfzigern berichtet, er habe während sechs Wochen Haft vergeblich auf Medikamente gegen Diabetes, Bluthochdruck und eine vergrößerte Prostata gewartet. Ein Beamter habe ihm Ibuprofen angeboten und vorgeschlagen, freiwillig auszureisen. Man habe nicht genug für alle, habe er gehört. Wenn er nach Mexiko oder Kuba gehe, könne er dort seine Medikamente bekommen. Aus Angst zu sterben willigte er ein und ließ sich nach Ciudad Juárez abschieben. Seine Frau und sein elfjähriger Sohn blieben in El Paso zurück. Derzeit läuft ein rechtliches Verfahren mit dem Ziel, seine Rückkehr zu erreichen.
Mehr als 130 Notrufe zwischen Mitte August und dem 20. Januar dokumentieren medizinische Notfälle. Mindestens zwanzig Mal ging es um Krampfanfälle, teils mit Kopfverletzungen. Männer berichten von Tritten gegen Ohr und Rippen. Einer konnte nach einer Attacke sein linkes Auge nicht mehr bewegen. Eine Frau in der zwölften Schwangerschaftswoche hatte keine Vorsorgeuntersuchung erhalten und litt unter starken Schmerzen. Auch interne Spannungen werden hörbar. In einer Aufnahme weist ein Arzt einen Kollegen scharf zurecht, weil dieser einen suizidgefährdeten Gefangenen zurück ins Lager bringen wollte statt in die Notaufnahme. Später stellt sich heraus, dass zwei Patienten verwechselt wurden. Nach einem weiteren Suizidversuch in einem Isolationsraum hört man einen erschütterten Mitarbeiter, dem ein Sicherheitsleiter versichert, so etwas dürfe nicht passieren.
Das Lager wurde im vergangenen Sommer hastig errichtet. Der Auftrag ging an Acquisition Logistics LLC aus Virginia, ein Unternehmen ohne vorherige Erfahrung im Betrieb von ICE-Einrichtungen. Das Vertragsvolumen kann bis zu 1,3 Milliarden Dollar erreichen. Subunternehmer sind unter anderem Akima Global Services für Sicherheit und Loyal Source für medizinische Versorgung. Akima reagierte nicht auf Anfragen, Loyal Source lehnte eine Stellungnahme ab. Im September 2025 wurden bei einer vorgeschriebenen ICE-Inspektion Verstöße gegen mindestens 60 Bundesstandards festgestellt. Der Bericht wurde jedoch nie veröffentlicht.Auch eine jüngere Prüfung durch das Office of Detention Oversight blieb unter Verschluss. Eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums wies Vorwürfe unzureichender Bedingungen zurück und erklärte, die Einrichtung werde regelmäßig gereinigt, die Inhaftierten erhielten Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung.
Die Realität vor Ort wirkt anders. Bei Regen tropft Wasser durch die Decken der fensterlosen Zelte. Sonnenlicht gibt es nur bei kurzen Ausgängen ein- oder zweimal pro Woche in einen engen Hof. Krankheiten verbreiten sich schnell. Wegen eines Masernausbruchs wurde das Lager bis mindestens 19. März für Besucher geschlossen, wie die Kongressabgeordnete Veronica Escobar aus El Paso mitteilte. Zuvor hatte man sie auf gravierende hygienische und medizinische Missstände hingewiesen und Rechercheunterlagen vorgelegt. Bei einem ihrer Besuche war die Belegung zeitweise unter 1.900 gesunken, nachdem auch Tuberkulosefälle gemeldet worden waren.

Escobar spricht von einem Ort, der nicht betrieben werden dürfte. Eine Insassin habe ihr Rührei gezeigt, das in der Mitte noch gefroren war. Nach dem Wegfall von Saft, Obst und Milch habe es Proteste gegeben. Ein Mann aus Ecuador habe ihr einen gebrochenen Arm gezeigt, Wochen nach einer gewaltsamen Festnahme in Minnesota. Die Knochen zeichneten sich unter der Haut ab. Auf ihre Frage, ob er um Hilfe gebeten habe, habe er geantwortet: jeden Tag, den ganzen Tag. Man gebe ihm nur Aspirin. Während Milliarden in den Ausbau der Abschiebeinfrastruktur fließen, wächst hinter den Zäunen eine Wirklichkeit aus Angst, Schmerz und Ohnmacht. Die 911-Anrufe sind nüchterne Protokolle. Sie klingen nicht wie politische Debatten. Sie klingen nach Atemnot, nach Schreien, nach dem Satz: Wir brauchen sofort Hilfe. Und sie werfen eine Frage auf, die sich nicht mit Dementis beantworten lässt: Wie viele Notrufe braucht es noch, bis jemand zuhört?
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Nicht ohne Grund nennen sich diese Einrichtungen KZ!
Schlimm, dass man Menschen, die meist nichts getan haben, in solche Situationen bringt.
Das selbe frage ich mich oft in europäischen Auffanglagern – da kaserniert man unschuldige Menschen ein – weil diese nicht gewollt sind.
Wie sieht denn die rechtliche Lage aus?
Ich ging bislang immer davon aus, dass jemand nicht abgeschoben werden darf wenn er eine*n amerikanischen Partner*in hat?
Das scheint ja nicht (mehr?) der Fall zu sein?
Und was mich besonders zornig macht: Wenn man dann Trumps Gelage in seiner furchtbaren Villa sieht!
Wenn man erkennt, wie sehr sich dieser hoch kriminelle Mann erhöht, wie geringschätzig er mit dem Leben anderer Menschen umgeht.
Ich hoffe so sehr auf das Karma!!!!!!!!!!
All meine Gedanken und guten Wünsche zu diesen armen Opfern und an euch, damit ihr dieses leid selbst ertragen könnt und die Kraft findet weiter zu machen.
👍
Es wird alles abgeschoben, was keine US-Staatsbürgerschaft hat.
Egal ob der Ehegatte, die Kinder und ggf Enkel US-Bürger sind.
Nach Aufenthalten von Jahrzehnten.
Meist „einfach so“.
Fast nie liegt eine wirkliche kriminelle Vita vor.
Alleine das zu lesen ist furchtbar.😞
Wie muss Euch vor Ort, mit all dem Leid, gehen?
Fühlt Euch umarmt!
Diese unmenschlichen Lager werden immer mehr zu KZ.
Unmenschliche Unterbringung.
Kein vernünftiges Essen
Keine medizinische Versorgung
Keine medizinische Akutversorgung
Wertgegenstände verschwinden.
Und das Geld fließt…. in weitere Detention Center, in die große Abschiebemaschinerie.
Es ist Geld da.
Sehr viel Geld.
Die Ausrede, dass über die „Standards“ hinaus (die zumeist eben nicht erfüllt werden) eine Funanzierung bicht möglich sei, zieht nicht.
Meine Gedanken sind bei all diesen Menschen und ihren Familien.