Donald Trump wollte eigentlich über eine Sanierung sprechen. Herausgekommen ist stattdessen die nächste Zahlenakrobatik aus dem Weißen Haus. Bei einer Kabinettssitzung behauptete der Präsident, Barack Obama und Joe Biden hätten „hunderte Millionen Dollar“ ausgegeben, um das berühmte Wasserbecken vor dem Lincoln Memorial zu reparieren. Trotzdem hätten sie versagt. Seine eigene Lösung sei dagegen nahezu ein Schnäppchen. Nur rund 1,5 Millionen Dollar werde die Sanierung kosten.
Die Zahlen erzählen jedoch eine völlig andere Geschichte.

Das Wasserbecken zwischen Lincoln Memorial und Washington Monument gehört zu den bekanntesten Orten der Vereinigten Staaten. Es wurde in den 1920er Jahren gebaut, ist mehr als 600 Meter lang und wurde weltweit bekannt, als Martin Luther King dort 1963 seine Rede „Ich habe einen Traum“ hielt. Seit Jahren kämpft die Anlage allerdings mit Problemen. Das Becken verlor Wasser, es kam zu Algenbildung und Teile der Konstruktion zeigten erhebliche Verschleißerscheinungen.

Unter Barack Obama wurde deshalb eine umfassende Modernisierung durchgeführt. Die Arbeiten dauerten zwei Jahre und wurden 2012 abgeschlossen. Das Wasserbecken erhielt ein neues Umwälz- und Filtersystem, das künftig Wasser aus dem nahegelegenen Tidal Basin statt kostbarem Trinkwasser nutzen sollte. Die Tiefe wurde verändert, um Wasser zu sparen. Der Boden wurde neu gestaltet, damit sich das Washington Monument besser im Wasser spiegelt. Zusätzlich entstanden neue Wegeanlagen rund um das Gelände. Die Kosten lagen bei rund 34 Millionen Dollar. Weitere Aufträge erhöhten die Summe später um mindestens 1,3 Millionen Dollar.
Joe Biden ließ dagegen keine vergleichbare Großsanierung durchführen. Chuck Sams, der während eines Großteils der Biden-Regierung die Nationalparkbehörde leitete, erklärte, dass eine vollständige Erneuerung zwar geprüft worden sei. Die geschätzten Kosten hätten jedoch bei über 100 Millionen Dollar gelegen. Das Vorhaben wurde deshalb nicht umgesetzt. Stattdessen wurde das Becken regelmäßig gereinigt, um die Algenbildung unter Kontrolle zu halten.

Trotzdem erklärte Trump nun, Obama und Biden hätten „hunderte Millionen Dollar“ ausgegeben und seien gescheitert. Für diese Behauptung gibt es keinerlei Belege und sind frei erfunden.
Noch bemerkenswerter wird die Geschichte beim Blick auf Trumps eigenes Projekt. Bereits im April kündigte der Präsident an, das gesamte Becken mit einer neuen Beschichtung in einem von ihm als „amerikanisches Flaggenblau“ beschriebenen Farbton zu versehen. Die jahrzehntealte Granitoberfläche sei undicht wie ein Sieb, sagte Trump. Gleichzeitig erklärte er, die Arbeiten würden lediglich 1,5 Millionen Dollar kosten. Später sprach er von maximal 2 Millionen Dollar.

Die Unterlagen zeigen einen Eintrag aus der offiziellen US-Bundesdatenbank USASpending.gov. Dort wird die Firma Atlantic Industrial Coatings als Auftragnehmer des National Park Service geführt. Besonders auffällig ist die markierte Summe: Die Bundesdatenbank weist bereits ein Auftragsvolumen von 13,1 Millionen Dollar aus, verteilt auf zwei Transaktionen. Genau diese Firma wurde mit den Arbeiten am Wasserbecken vor dem Lincoln Memorial beauftragt. Die Angaben stammen nicht von politischen Gegnern, sondern direkt aus unseren Recherchen in den Ausgaben- und Vergabeunterlagen der US-Regierung. Damit dokumentieren die Bundesdaten selbst ein deutlich höheres Finanzvolumen als die 1,5 bis 2 Millionen Dollar, von denen Donald Trump öffentlich gesprochen hatte.
Bundesunterlagen zeigen jedoch etwas anderes. Nach den bisher vergebenen Verträgen belaufen sich die Kosten bereits auf mindestens 14,8 Millionen Dollar. Die Arbeiten umfassen umfangreiche Reinigungen, Dampfreinigungen, Desinfektionsmaßnahmen, Sandstrahlarbeiten, zusätzliche Oberflächenbehandlungen sowie neue Abdichtungen gegen Leckagen. Während einer Kabinettssitzung berichtete Trump stolz, Arbeiter hätten mehr als zehn Container Müll entfernt, das Becken gereinigt, beschichtet und mit einer „hochentwickelten Form von Gummi“ gegen weitere Schäden geschützt.

Auf die Frage nach dem gewaltigen Unterschied zwischen Trumps Angaben und den tatsächlichen Vertragswerten wich das Innenministerium aus. Sprecherin Katie Martin erklärte lediglich, die Kosten spiegelten den zusätzlichen Personalaufwand, mehr Material, zusätzliche Ausrüstung und längere Arbeitszeiten wider, um die Fertigstellung rechtzeitig vor den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten zu gewährleisten. Damit bleibt eine bemerkenswerte Bilanz zurück. Trump wirft seinen Vorgängern vor, hunderte Millionen Dollar verschwendet zu haben. Tatsächlich kostete die große Obama-Sanierung rund 34 Millionen Dollar. Biden ließ keine vergleichbare Erneuerung durchführen. Gleichzeitig spricht Trump von einem Projekt für 1,5 Millionen Dollar, während die offiziellen Vertragsunterlagen bereits fast das Zehnfache ausweisen. Am Ende geht es deshalb längst nicht mehr um ein Wasserbecken. Es geht um die Frage, warum die Zahlen aus dem Weißen Haus immer wieder etwas völlig anderes erzählen als die Dokumente der eigenen Regierung.
Auch in anderen Bereichen laufen unsere Recherchen auf Hochtouren. Und wie so oft führt die Spur zum selben Problem. Gelder verschwinden in undurchsichtigen Strukturen, Bundesmittel werden den Wählern nicht vollständig offengelegt und auf konkrete Fragen folgen keine klaren Antworten. Statt Transparenz gibt es Ausflüchte, statt Zahlen gibt es Geschichten.
Fortsetzung folgt …
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English