Es gibt einen rhetorischen Trick, der so alt ist wie die Vermischung von Kirche und Staat selbst: Man nennt das Religiöse Kultur, das Konfessionelle Geschichte, das Missionarische Bildung. Texas hat diesen Trick am Freitag in ein Gesetz gegossen. Das texanische Bildungsministerium, das State Board of Education, hat eine verbindliche Leseliste für den Englisch- und Literaturunterricht aller öffentlichen Schulen beschlossen. Auf dieser Liste stehen klassische Werke der Weltliteratur. Und Bibelverse. Pflichtlektüre, vollständig zu lesen, für mehr als fünf Millionen Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur zwölften Klasse.
Was die Befürworter als literarische Bereicherung verkaufen, ist in seiner Konsequenz etwas anderes. Texas könnte der erste Bundesstaat der USA sein, der einen verbindlichen Literaturkanon für jeden einzelnen öffentlichen Schüler vorschreibt – das bestätigen gleich zwei Bildungsexperten. Antero Garcia, Präsident des nationalen Verbands der Englischlehrer und Bildungsprofessor in Stanford, kennt keinen anderen Bundesstaat mit einer vergleichbaren Liste. Kasey Meehan vom Freedom-to-Read-Programm der Organisation PEN America bestätigt auf Nachfrage: empfohlene Leselisten gibt es in vielen Bundesstaaten. Eine verpflichtende dieser Art wäre einzigartig.
Der Inhalt der Liste verrät, worum es geht. Grundschüler der dritten Klasse lesen „ROAR! – Daniel und die Löwengrube“ neben „Stuart Little“ und „Charlotte’s Web“. Sie bekommen eine Bilderbuchfassung der Geschichte von David und Goliath. Ältere Schüler lesen Passagen über Adam und Eva. Sechstklässler studieren den 23. Psalm, den „Psalm des Hirten“, neben religiösen Schriften George Washingtons und Gedichten von Langston Hughes und Robert Frost. Die Bibelpassagen werden nicht angedeutet oder zitiert. Sie werden gelesen, vollständig, verpflichtend, geprüft.

Denn das ist der Punkt, den die freundliche Verpackung als „literarischer Kanon“ verschleiert: Weil die Texte Teil des Lehrplans sind, können sie Teil der standardisierten Tests werden. Eltern können ihre Kinder von einzelnen Lektionen abmelden – aber wer abmeldet, riskiert schlechtere Testergebnisse, die wiederum die Bilanz des gesamten Schulbezirks belasten. Die Freiwilligkeit ist auf dem Papier garantiert und in der Praxis bestraft. Tiffany Clark, demokratisches Board-Mitglied, Christin, aus dem Raum Dallas-Fort Worth, hat genau das benannt. Sie hat den Lehrplan abgelehnt, mit einem Satz, der die ganze Debatte zusammenfasst: „Bibelstunden sollten sonntags unterrichtet werden.“
Die Vorschrift geht ins Detail, und im Detail offenbart sich die konfessionelle Schlagseite. Der Lehrplan schreibt bestimmte Bibelübersetzungen vor, darunter die King-James-Bibel – jene Fassung, die von protestantischen und evangelikalen Kirchen genutzt, von der römisch-katholischen Kirche aber gemieden wird. Texas verordnet also nicht nur die Bibel. Es verordnet eine bestimmte Bibel, die einer bestimmten konfessionellen Tradition gehört. Etwa ein Drittel der Erwachsenen in Texas identifiziert sich laut Pew Research Center als nicht-christlich. Diese Familien sollen ihren Kindern künftig erklären, warum die Schule eine Heilige Schrift unterrichtet, die nicht die ihre ist – in einer Übersetzung, die selbst innerhalb des Christentums umstritten ist.
Die Argumente der Befürworter folgen einem Muster, das sich selbst entlarvt, sobald man es zu Ende denkt. Board-Mitglied Brandon Hall, Republikaner und Pastor aus Springtown, nannte die Reform auf einer Pressekonferenz eine „Chance einer Generation“. Dann sagte er den Satz, der die literarische Tarnung fallen ließ: „Wir hören auf, die amerikanische Geschichte zu verwässern. Wir werden die Wahrheit lehren. Unsere Nation wurde als christliche Nation gegründet, und Texas ist ein christlicher Staat.“ Das ist keine Aussage über Literatur. Es ist ein theologisch-politisches Bekenntnis, vorgetragen von einem Pastor, der über den Lehrplan von fünf Millionen Kindern mitentscheidet. Wer die Bibel als Literatur unterrichten will, sagt nicht, er lehre „die Wahrheit“. Er sagt, er lehre einen Text.
Brandon Hall würdigt die WarRoom Posse für ihre Unterstützung bei der Verteidigung des Lehrplans in Texas.
Hall: „Viele unserer Erfolge haben wir WarRoom und den großartigen Patrioten in Texas zu verdanken, die ihre Stimme erhoben haben. Wir haben nicht zugelassen, dass uns dieser Kampf entgleitet.“
Bannon: „Das Mindeste, was wir tun können. Ihr leistet die harte Arbeit. Wir sitzen nur hinter einem Mikrofon und schreien.“
Susan Perez, Gründerin einer christlichen Eltern-Lobbygruppe, lieferte die historische Begründung: Man müsse nicht jeden religiösen Glauben in Geschichte und Literatur einbeziehen, weil die Nation auf „jüdisch-christlichen Werten“ gegründet worden sei. Sie verwies auf christliche Bezüge in der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung, die „im Jahr unseres Herrn“ 1787 unterzeichnet wurde. Das Argument hat einen wahren Kern und eine falsche Schlussfolgerung. Dass historische Dokumente religiöse Formeln ihrer Zeit verwenden, ist unbestreitbar. Dass daraus eine staatliche Pflicht folgt, Kindern eine bestimmte Bibelübersetzung als Wahrheit zu vermitteln, ist ein Sprung, den kein Verfassungsgericht der vergangenen siebzig Jahre mitgemacht hätte. Bis jetzt.

Der Kontext macht klar, dass die Leseliste kein Einzelfall ist, sondern ein Baustein. Im selben Treffen am Freitag beschloss das Board eine Neufassung des Sozialkundelehrplans. Texanische und US-Geschichte werden ausgeweitet, Weltgeschichte und fremde Kulturen werden zurückgedrängt. Ein Sechstklasskurs über „Weltkulturen“ wird gestrichen. Der Unterricht über Kommunismus wird erheblich ausgebaut. Im vergangenen Jahr wurde Texas der größte Bundesstaat, der die Anzeige der Zehn Gebote in Klassenzimmern vorschreibt – ein Gesetz, das ein Bundesgericht kürzlich bestätigt hat. 2023 erlaubte Texas als erster Bundesstaat Kapläne, Schüler zu beraten. Im Jahr darauf wurde mehr Geld für Schulen bereitgestellt, die einen bibeldurchsetzten Grundschullehrplan anbieten. Das Bildungsgesetz verlangt bereits, dass Schulen „religiöse Literatur, einschließlich der hebräischen Schriften und des Neuen Testaments“ und ihren Einfluss auf Geschichte und Literatur unterrichten. Was jetzt hinzukommt, ist die Verbindlichkeit. Aus dürfen wird müssen.
Die Gegenstimmen kamen nicht nur von Demokraten. Evelyn Brooks, das einzige republikanische Board-Mitglied, das gegen die neuen Pflichttexte stimmte, nannte den Schritt schlicht „verfassungswidrig“. Sie verteidigte die Autonomie der Lehrer, die seit Jahrzehnten ihre Bücher selbst auswählen. Kimmie Fink, Mutter einer Militärfamilie im aktiven Dienst, stationiert in Texas, fragte das Board, ob die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit ihrer Kinder intakt bleibe – in einem Staat, der sich angeblich für Elternrechte einsetze. Rabbiner Joshua Fixler von der Houstoner Gemeinde Emanu El brachte den entscheidenden Unterschied auf den Punkt: Die Liste sei voller christlicher Texte, die in öffentliche Klassenzimmer nicht gehörten. Das Board müsse unterscheiden zwischen dem Unterrichten über Religion und dem Unterrichten von Religion. Diese Liste zwinge Lehrer, genau diese Grenze zu überschreiten.

Es ist die zentrale Unterscheidung, und sie ist nicht akademisch. Über Religion zu unterrichten heißt, Kindern zu erklären, was Menschen glauben, warum sie es glauben, und welche Folgen dieser Glaube in der Geschichte hatte. Religion zu unterrichten heißt, Kindern beizubringen, dass ein bestimmter Glaube wahr ist. Der erste Ansatz bildet. Der zweite missioniert. Board-Mitglied LJ Francis behauptet, es gehe nicht um Missionierung, sondern darum, „großartigen texanischen Kindern den Reichtum des westlichen Literaturkanons“ nahezubringen. Er erwartet steigende Lesewerte und Kinder, die das Lesen wieder lieben lernen. Vielleicht. Aber ein westlicher Literaturkanon, der eine konkrete protestantische Bibelübersetzung verpflichtend macht und katholische, jüdische, muslimische und konfessionslose Kinder vor die Wahl zwischen Teilnahme und schlechteren Noten stellt, ist kein Literaturkanon. Es ist eine Katechese mit Benotung.
Die Reform tritt erst im Schuljahr 2030/2031 in Kraft. Bis dahin bleibt Zeit für Klagen, und Brooks hat das Wort „verfassungswidrig“ nicht zufällig gewählt. Der erste Verfassungszusatz verbietet dem Staat, eine Religion zu etablieren. Jahrzehntelang hat die amerikanische Rechtsprechung das so gelesen, dass öffentliche Schulen keine Religion vorschreiben dürfen. Die jüngsten Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs, der die Zehn Gebote in texanischen Klassenzimmern passieren ließ, deuten an, dass diese Mauer bröckelt. Texas testet, wie weit man gehen kann. Fünf Millionen Kinder sind das Experiment.
Am Ende bleibt eine schlichte Frage, die alle freundlichen Formeln über Literatur und Kultur nicht beantworten können: Wenn es wirklich nur um den literarischen Wert biblischer Texte ginge, warum schreibt der Lehrplan dann eine bestimmte Konfession vor? Literatur fragt nicht nach der richtigen Übersetzung. Glaube tut es. Und Texas hat sich entschieden.
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Die USA kommen dem Talibanstaat immer näher.
Gilead lässt grüßen.
Was mich erschreckt, wie vehemennt vor allem auch Frauen in Elternbeiräten dafür kämpfen vermeintlich pornografische Bücher aus den Büchereien zu entfernen.
Frauen sind maßgeblich an der Abschaffung von Frauenrechten beteiligt.😞
Wer devot sein möchte, soll das bitte privat machen.
Nun wird eine bestimmte Religionsauslegung als einzig Wahre etabliert und verpflichtend den Schülern eingetrichtert?
Wie war das doch bleich mit der viel beschrienenen Indoktrination von Kindern?
Es ist ok, wenn es der eigenen Sache dient.
Aber ansonsten wird lautstark dagegen protestiert.
Wie sollen Klagen Erfolg haben, wenn der oberste Gerichtshof das Alles passieren lässt.
Einschließlich der 10 Gebote.
Erstens sollte da die Verfassung hängen und zweitens sollten diese Religionsfanatiker erstmal letnen die 10 Gebote zu befolgen.
Es werden sicher bald Tennessee, Oklahoma, Alabama und Florida folgen.
Eine beängstigende Entwicklung.
Die sich in diesen Staaten sicher nicht umkehren lässt.
Sie waren immer tiefrot und werden auch tiefrot bleiben.