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Recherchen decken auf – und dann rechnete Europas höchste Menschenrechtsinstanz mit der FIFA ab, Stunden vor dem Endspiel

VonTEAM KAIZEN BLOG

20. Juli 2026

Es gibt Briefe, die einen Feiertag ruinieren, und dieser kam mit Absicht zur Unzeit. Wenige Stunden bevor in East Rutherford in New Jersey das Endspiel zwischen Spanien und Argentinien anpfiff, ließ der Europarat der FIFA ein Schreiben zukommen, das keine Bitte war, sondern eine Anklage. Die nächste Krise habe bereits begonnen, heißt es darin gleich zu Anfang, und sie trage 2 Namen, Geld und Macht. Der Satz stammt von Alain Berset, dem Schweizer, der zweimal Präsident jenes Landes war, in dem die FIFA residiert, und er weiß, wovon er spricht.

Das Pikante ist, wer hier wen angreift. Der Europarat, 46 Nationen, Urheber der Europäischen Menschenrechtskonvention, ist nicht irgendein Kritiker von außen. Er ist Vertragspartner der FIFA, seit 2018, mit einem Papier, das Infantino persönlich unterschrieb. Eine natürliche Beziehung nannte Infantino das damals, man teile dieselben Werte, Transparenz und Integrität, den Schutz der Menschenrechte und der Kinder. 8 Jahre später hält ihm derselbe Partner genau diese Worte vor die Nase, und zwar öffentlich, am Tag des größten Fußballfestes des Jahrzehnts. Wer seinen eigenen Verbündeten so vorführt, tut das nicht aus Verstimmung, sondern weil er glaubt, dass hinter verschlossenen Türen längst nichts mehr zu retten ist.

Alain Berset

Berset legt 2 Beweisstücke auf den Tisch, und beide sitzen. Das erste ist der Fall Folarin Balogun, über den wir bereits berichtet haben. Ein Stürmer wird gesperrt, ein Staatsoberhaupt greift zum Hörer und ruft den FIFA-Präsidenten an, und mitten im Turnier ist die Sperre plötzlich weg. Wenn die Regeln unter Druck nachgeben, schreibt Berset, ist jedes Ergebnis dem Zweifel preisgegeben. Die Politik sei damit auf den Rasen selbst getreten. Balogun durfte gegen Belgien spielen, die Vereinigten Staaten verloren mit 1:4 und flogen heraus, doch der Schaden bleibt, denn ein Wettbewerb, dessen Strafen sich wegtelefonieren lassen, ist keiner mehr. Selbst die UEFA sprach von einer überschrittenen roten Linie. Und bis heute hat die FIFA es nicht für nötig gehalten, die Begründung ihres Disziplinarrichters aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu veröffentlichen. Eine Strafe, unter Druck binnen Tagen kassiert, ohne ein Wort der Erklärung. So sieht Willkür aus, wenn sie sich Regelwerk nennt.

Das zweite Beweisstück ist leiser und schmutziger. Kein einzelner Bericht hätte diese Sache je ganz erfasst. Sie fügte sich erst zusammen, als die Recherchen mehrerer Journalisten ineinandergriffen und jeder Fund den nächsten erklärte.

Im April 2026 unterzeichnete die FIFA einen Sponsorvertrag mit einem Anbieter sogenannter Vorhersagemärkte, dem aus Abu Dhabi finanzierten Unternehmen ADI Predictstreet, angeblich 150 Millionen Dollar schwer. Man lese das Datum zweimal. 02. April 2026

Der Vertrag wurde eine Woche nach der Gründung dieser Firma geschlossen. Ein Unternehmen, kaum aus dem Handelsregister, kassiert einen der lukrativsten Verträge des Weltsports, und niemand im Verband fand das erklärungsbedürftig. Auf diesen Märkten wird nicht auf den Sieg gewettet, sondern auf den einzelnen Augenblick, auf einen Pass, eine Karte, einen Eckstoß, auf alles, was ein einzelner Spieler herbeiführen kann, ohne dass sich am Ergebnis etwas ändert. Es sei eine offene Tür zum Betrug, schreibt Berset, und diese Weltmeisterschaft habe sie weiter aufgestoßen.

Wer hinter dieser Firma steht, macht die Sache erst richtig unappetitlich. ADI Predictstreet gehört zur International Holding, einem Konglomerat unter Führung von Scheich Tahnoon bin Zayed Al Nahyan, einem ranghohen Sicherheitsbeamten der Vereinigten Arabischen Emirate, den man den Spionage-Scheich nennt. Man halte das neben eine andere Tatsache aus demselben Turnier. Der Disziplinarrichter, der die Sperre gegen Balogun unter Druck binnen Tagen aufhob und dessen Begründung die FIFA bis heute schuldig bleibt, stammt ebenfalls aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Zusammenhang ist damit nicht bewiesen, doch die Häufung ist bemerkenswert, wenn dasselbe kleine Land am selben Turnier zugleich den Wettpartner stellt und den Richter, der ein Ergebnis nach einem Präsidentenanruf drehte.

Scheich Tahnoon bin Zayed Al Nahyan

Wie sehr es der FIFA um den besten Partner ging und nicht um den willigsten, lässt sich beziffern. Der etablierte Anbieter Kalshi prüfte das Sponsoring, hörte den Preis von 150 Millionen Dollar und zog sich zurück. An seiner Stelle sprang ADI Predictstreet ein, eine Firma ohne jede Erfolgsbilanz, deren Handelsplattform am Tag der Unterzeichnung am 2. April noch nicht einmal lief. Infantino ließ sich beim Setzen seiner Unterschrift fotografieren. Wenige Wochen zuvor hatte das winzige britische Überseegebiet Gibraltar dem Unternehmen eine Glücksspiellizenz erteilt, in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union darf es seine Dienste bis heute nicht anbieten. Die FIFA hat also ein völlig unerprobtes Vehikel aus dem Umfeld eines Geheimdienstmannes zum offiziellen Wettpartner ihres größten Turniers gemacht, dessen Endspiel in Katar zuletzt mehr als 1,4 Milliarden Menschen verfolgten, und über den Preis dieser Ehe schweigen beide Seiten bis heute.

Was der Partner taugt, zeigte sich binnen Wochen. Auf das Finale entfielen bei ADI Predictstreet ganze 2 Millionen Dollar Wettvolumen. Bei Kalshi waren es zur selben Stunde 1,1 Milliarden, bei Polymarket 4,2 Milliarden. Der offizielle Wettpartner der Weltmeisterschaft ist im eigenen Gewerbe eine Randerscheinung, sichtbar allein deshalb, weil sein Logo bei jedem Spiel im Bild hing. Um überhaupt Kundschaft zu finden, lobte die Firma begehrte WM-Tickets aus, für Punkte, die man durch Wetten, durch das Werben von Freunden und durch Reklame in den sozialen Netzwerken sammelte. Klettert die Rangliste hinauf, gewinnt euer Ticket, hieß es in einem Werbefilm, in dem ein junger Mann vom heimischen Fernseher mitten ins tobende Stadion versetzt wird. Die Wirklichkeit sah anders aus. Nutzer berichten, die Firma habe die Stichtage der Wertung ohne Vorwarnung verschoben, die Regeln geändert und die versprochenen Tickets am Ende nicht geliefert.

Der Norweger Felix M., 23 Jahre alt und Handelsstudent, setzte nach eigener Aussage genug, um ein Wettvolumen von 19.000 Dollar zu erreichen, das ihm Tickets für 2 Runden sichern sollte. Er bekam keines. Die Tickets seien nur ein Köder gewesen, um Leute auf die Plattform zu holen, sagt er, und kaufte am Ende sein eigenes, um Norwegen beim 2:1 gegen Brasilien zu sehen. Der Serbe Vukašin Petrović, 24, träumte davon, Cristiano Ronaldo spielen zu sehen, und glaubte sich am Ziel, als die Plattform ihm ein Ticket für ein K.-o.-Spiel anzeigte. Wir mailen Ihnen, sobald es verschickt ist, hieß es zunächst, später wurde daraus die Zeile, noch kein Ticket. Ein anderes Ticket, für ein Gruppenspiel, erreichte ihn tatsächlich, per Mail, am Tag der Partie, 20 Minuten vor dem Anpfiff. Die Firma räumt betriebliche Schwierigkeiten ein und will Betroffene entschädigen. Auf ihrem eigenen Diskussionsforum behauptete sie, das Punktesystem sei geändert worden, weil Nutzer es zu manipulieren versucht hätten, was diese bestreiten. Es ist die passende Ergänzung zu einem Vertrag, der von Anfang an mehr nach Inszenierung aussah als nach Geschäft. Die FIFA hat ihren guten Namen an eine Firma verliehen, die nicht einmal ein Freilos zuverlässig zustellen kann.

Geld verwandelt oft alle Qualität in Quantität, es macht das Unvergleichliche vergleichbar, indem es ihm einen Preis gibt. Ein Tor, ein Foul, ein Moment der Schönheit, alles wird zur Wettmarke, alles bekommt einen Kurs. Der Fußball, einst ein Spiel um das Ergebnis, zerfällt in tausend handelbare Fragmente, und mit ihm zerfällt die Grenze zwischen Sport und Insiderhandel, denn genau das ist es, was diese Märkte belohnen, das Wissen, das andere nicht haben. Wer den Anruf beim Präsidenten mitdenkt, ahnt, wie nah beides beieinanderliegt.

Berset spart die Übrigen nicht aus. Die Autorität der Schiedsrichter untergraben. Rassistische Beschimpfungen von Spielern, ein Teil davon aus dem Mund gewählter Amtsträger. Wetten auf jeden Pass, jede Karte, jeden Eckstoß. Es ist die Bilanz der ersten Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften und 104 Spielen, und sie liest sich wie das Protokoll eines Ausverkaufs. Dann dreht Berset den Spieß um und macht aus der Anklage eine Falle. Die WM 2030 wird zum großen Teil in Spanien und Portugal gespielt, mit Marokko als weiterem Gastgeber, und zum Auftakt tragen Argentinien, Paraguay und Uruguay je ein Spiel aus, zur Erinnerung an das erste Turnier 1930 in Uruguay. Für diese WM, so sein Vorschlag, solle noch am Sonntagabend ein Dialog beginnen, der einen Rahmen für die Integrität schaffe, ehe der erste Ball rollt. Es ist ein Angebot, das die FIFA kaum ausschlagen kann, ohne zu gestehen, dass ihr an Integrität nichts liegt. Trump selbst, dessen Anruf beim FIFA-Präsidenten die Sperre erst ins Rutschen brachte, saß am Sonntag auf der Tribüne und reichte dem Sieger den Pokal.

Zum Glück ist diese Weltmeisterschaft vorbei. Selten hat eine Veranstaltung so viel über den Zustand der Welt gesagt, eine Welt, in der Korruption, die Willkür und behördliche Machenschaften zum guten Ton gehören. Was vor Jahren noch hinter verschlossenen Türen ablief, hinter Glasscheiben, ist heute in 4K-Auflösung im Internet zu besichtigen, und niemand muss es mehr verbergen, weil das Verbergen aus der Mode gekommen ist. Die Welt schaut zu, gute schlechte Zeiten, und gewöhnt sich an das, was sie sieht. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr, nicht im einzelnen Anruf und nicht in der einzelnen Wette, sondern in der Beiläufigkeit, mit der sehr viele es hinnehmen.

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2 Comments
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18 Stunden vor

Es geht immer noch schlimmer…

Ela Gatto
4 Stunden vor

Das endlich mal Jemand den Mund aufmacht, ist gut.

Aber viel, viel zu spät.
Die WM ist vorbei.
Was hinter den Kulissen passiert interessiert Niemanden mehr.

Richtige Konsequenz wären die Absetzung Infantinos und eine Neuregelung der FIFA, mit weniger Macht für den Vorsitzenden, mehr Transparenz.

Leider geht diese „Anklage“ in den Medien unter.

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