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Ich bewerbe mich ums Kabinett und bringe mit, was zählt, einen Scheitel, ein Einstecktuch und ein weites Gewissen

VonTEAM KAIZEN BLOG

24. Juli 2026

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, hiermit bewerbe ich mich um das nächste frei werdende Ministeramt. Ich weiß, das ist ungewöhnlich, aber nach dem Studium dieser Woche bin ich zuversichtlich, die Anforderungen zu übertreffen. Zeit hätte ich dienstags und donnerstags, das Ressort ist mir gleich, und sollte es mir gesundheitlich einmal nicht so gut gehen, nehme ich das Verkehrsministerium, dort scheint das kein Hindernis zu sein.

Lassen Sie mich meine Eignung an Ihrem eigenen Personaltableau erläutern. Ihr Fraktionschef Jens Spahn ist zurückgetreten, weil er sich in den Vereinigten Staaten eine Leihmutterschaft leistete, verboten in Deutschland durch Gesetze, an denen er als Gesundheitsminister mitwirkte. Ich verstehe daraus die erste Anforderung. Man verbietet dem Volk, was man selbst begehrt, und tritt zurück, sobald es auffliegt, wobei Rücktritt hier bedeutet, dass man Fraktionsvorsitzender wird, bis der nächste Stuhl frei ist. Diese Fähigkeit, ein Verbot zu erlassen und es zugleich zu umgehen, bringe ich mit. Ich habe sie nie gebraucht, aber das gilt für vieles in diesem Land.

Besonders ermutigt hat mich Ihr Griff nach Philipp Amthor, 33 Jahre alt, künftig Staatsminister für die Beziehungen zwischen Bund und Ländern. Sein Werdegang liest sich wie meine eigene Bewerbung, nur erfolgreicher. 2020 saß er im Aufsichtsrat des IT-Unternehmens Augustus Intelligence, hielt Aktienoptionen und machte Lobbyarbeit, während man ihn nach New York, Korsika und St. Moritz einlud. Er nannte es später eine Funktion ohne regelmäßigen Arbeitsaufwand. Genau so eine suche ich. Transparency und Lobbycontrol bescheinigten ihm damals einen Eindruck der Käuflichkeit, und 5 Jahre später macht man ihn zum Mann, der zwischen den Interessen von Bund und Ländern vermittelt. Wenn das die Beförderungslogik ist, dann melde ich hiermit an, dass auch ich einmal genommen habe, was mir nicht zustand, wenn auch nur einen Kugelschreiber aus einem Konferenzraum. Ich bitte, das wohlwollend als Grundeignung zu werten.

Hier zeigt sich, was diese Personalie über den ganzen Betrieb verrät. Ein Gemeinwesen offenbart seine Werte nicht in seinen Reden, sondern in dem, was es belohnt. Wird der bestraft, der sich am Amt bereichert, so gilt Redlichkeit. Wird er befördert, so gilt sie nicht mehr, und jeder Bürger, der zusieht, lernt die Lektion. Ich habe sie gelernt, Herr Bundeskanzler, und bewerbe mich als Musterschüler.

Zu meiner Person, gemessen an den weiteren Kriterien, die Herr Amthor gesetzt hat. Ich sehe ordentlich aus im Anzug, ein Einstecktuch bekomme ich hin, einen Deutschland-Pin trage ich gern, und einen strengen Scheitel übe ich noch. Ich rede gern und viel, notfalls auch in Talkshows, und ich drehe kurze Filmchen für das Internet, die mir selbst peinlich sind, was mich nicht abhält, denn Aufmerksamkeit wiegt Scham auf. Herr Amthor hat das vorgemacht, ich muss es nur nachahmen. Andere kochen den Kaffee, sagte er einmal, er bringe den Kuchen. Ich verspreche Ihnen, ich koche nichts.

Sollten Sie Bedenken haben, ich sei zu wenig belastet, kann ich Sie beruhigen. Ich habe im Februar aufmerksam verfolgt, wie Herr Amthor eine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger begrüßte, es sei eine Frage der Gerechtigkeit, dass jeder, der beitragen könne, dies auch tue. Ich teile diese Ansicht vollständig, solange sie für andere gilt. Der Empfänger möge für 563 Euro seine Arbeitsfähigkeit nachweisen, während der künftige Staatsminister sich seinerzeit für die Anwesenheit ohne Arbeit nach Korsika fliegen ließ. Gerechtigkeit, so habe ich gelernt, ist eine Übung, die man stets den Schwächeren empfiehlt. Auch das habe ich verinnerlicht und bin bereit, es glaubwürdig zu vertreten.

Falls alle Ministerien besetzt sein sollten, habe ich Verständnis, denn ich habe gesehen, wie eng es zugeht. Als Spahn ging, rückte Thorsten Frei an die Fraktionsspitze, Nina Warken wanderte aus dem Gesundheitsministerium ins Kanzleramt, Carsten Linnemann nahm ihren Platz, und Amthor griff nach dem Ring, der ganz außen am schnellsten kreist. So dreht sich das Karussell, und niemand steigt ab, es wird nur weitergereicht. Ich stünde bereit, sobald einer von ihnen etwas benötigt, das in Deutschland verboten ist.

Am dringlichsten aber empfehle ich mich fürs Verkehrsministerium, weil dort in diesem Augenblick eine besonders reizvolle Unklarheit herrscht. Patrick Schnieder, 58, teilte einzelnen Abgeordneten am frühen Morgen per SMS mit, Sie hätten ihn am Vortag entlassen und würden dies um 9 Uhr öffentlich machen, und bedankte sich artig für die großartige Unterstützung. Dann traten Sie vor die Presse, ließen keine Fragen zu und schwiegen zu ihm. So erfährt ein deutscher Minister von seiner Entlassung, verkündet sie selbst, und sie tritt trotzdem nicht ein. Ich bringe die nötige Gelassenheit mit, ein Ressort zu führen, von dem ich nicht sicher weiß, ob ich es noch habe, denn genauer betrachtet geht es den meisten Bürgern mit ihrer Zukunft ebenso.

Ich räume ein, es gibt Bewerber mit mehr Erfahrung im Nehmen. Aber ich lerne schnell, ich bin formbar, und ich verspreche, den Unterschied zwischen meinem Vorteil und dem öffentlichen Auftrag ebenso zuverlässig zu verwechseln, wie es das Amt offenbar verlangt. Die Landesregierungen, höre ich, waren mit dem Vorgänger unzufrieden. Mit mir werden sie es auch sein, aber wenigstens ehrlich.

In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich, dienstags und donnerstags erreichbar, mit vorzüglicher Hochachtung. Sie kochen den Kaffee. Ich bringe den Kuchen. Wer ihn bezahlt, das klären wir nach der Vereidigung.

Liebe Grüße aus D.C.

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