Was wir heute unter unserem Bericht erleben mussten, lässt sich mit Worten kaum noch fassen, sondern fast nur mit Verachtung. Doch das wäre zu einfach. Die Zeiten sind in vielem empathielos geworden. Offener Hass wird ausgelebt, und hinter ihm stehen oft die Einsamkeit und die Angst vor dem Ungewissen, dazu ein Rassismus, der sich nicht länger versteckt. In Teilen entwickelt sich eine Gesellschaft zurück, in der Zukunft und Vielfalt, ja die Menschlichkeit selbst als Tribut an das Böse behandelt wird.
Eine Gesellschaft zeigt ihr Gesicht nicht im Umgang mit den Ihren, sondern mit den Fremdesten und Schwächsten. Und das Gegenteil der Menschlichkeit ist nicht immer der Hass, oft ist es das Achselzucken vor dem Leid eines Kindes.
Wir haben uns untereinander kurzgeschlossen und rücken dieses Thema nach ganz oben. Wir stellen Planungen um und suchen das Gespräch mit deutschen Politikern, die Anfragen sind bereits versandt. Es braucht Widerstand gegen den offenen Rassismus, es braucht ein Ende dieser rechten Kreuzzüge. Und es braucht Grenzen für jene Meinungsmacher auf beiden Seiten des Aufruhrs, die mit Desinformation und der Jagd nach Klicks genau das befeuern, woran hier Kinder zugrunde gehen.
Wir recherchieren und schreiben nicht, um zu gefallen. Wir recherchieren und schreiben, damit sichtbar bleibt, was geschieht, und damit am Ende die Frage steht, auf welcher Seite jeder hätte stehen wollen.
Unter dem Bericht über die gestrandeten Kinder von Ceuta steht ein Satz und dahinter eine Kette von 26 Daumen. „Geht halt zurück“, schreibt Monika R., und die Reihe der Symbole macht aus der Zurückweisung eine kleine Feier. Das Leid wird nicht nur abgelehnt, die Ablehnung wird sichtbar genossen. Wer die Spalte im Lauf des Tages weiterliest, sieht kein Meinungsbild, sondern ein Kräftemessen. Auf der einen Seite eine Abwehr, die sich seit dem Vormittag verhärtet und verzweigt hat, auf der anderen eine Gegenwehr aus Mitgefühl, Quellen und Spott. Beide Lager reden kaum miteinander, sie reden übereinander, und dazwischen liegt ein Bericht über mehr als 800 Kinder, den jede Seite benutzt, um etwas zu bestätigen, das schon vorher feststand.

Hier geht es zu dem besagten Artikel: Seit Tagen allein in Ceuta: das Schicksal von mehr als 800 Kindern
Am offensten tritt das Zurückschicken auf, und es hat jetzt Gesichter. Wolfgang S. ruft „Zurück nach Marokko, sofort!“, Anna J. meint, die Kinder könnten „einfach zurück gehen und wären in fünf Minuten zu Hause“, Beate M. will sie den marokkanischen Grenzern überlassen. In all dem ist die Grenze eine Haustür und Marokko ein Wohnzimmer nebenan. Unsere Hinweise, dass Tanger nur 90 Kilometer entfernt liegt und Kinder teils mit Geschwistern geflohen sind, laufen ins Leere, weil diese Kommentare gar keine Entfernung wissen wollen. Sie wollen eine Tür, die sich schließen lässt.
Monika W. liefert die Rechtfertigung dazu und presst das Leid in eine Rangliste. Diese Kinder seien „ganz einfach nicht so arm dran“ wie jene, die 2015 „3000km“ zu Fuß hinter sich gebracht hätten, also könnten sie „die paar Meter zurück“ und man solle sie „Einfach zurück bringen über die Grenze“. Die Entfernung wird zum Maßstab der Schutzwürdigkeit. Wer nicht weit genug gelaufen ist, verliert den Anspruch. Dass ein Kind auch 90 Kilometer von zu Hause, ohne Eltern und ohne Essen, vollständig verloren sein kann, kommt in dieser Buchführung nicht vor. Dieselbe Kälte trägt Doris B., die annimmt, die Kinder „sollten nachhause zu ihren Eltern gehen, die sich hoffentlich auch Sorgen machen“, als stünde die Familie unversehrt am Herd, während der Bericht von Ertrunkenen und Vermissten erzählt.
Der zweite Griff ist die Aberkennung des Kindseins, und er tritt geballt auf. Siegfried F. setzt das Wort „Kinder“ in Anführungszeichen, Helmut G. schreibt „Kinder mit Bärten!!!!!!!!!!“, Monika H. fragt „Wieso wurde bisher keine 800 Kinder gezeigt?“, Antonia K. fragt „Jugentliche vieleicht aber Kinder?“. Weil ein Teil der Minderjährigen 16 oder 17 sein könnte, wird getan, als seien die Kleinen erfunden. Unsere Antwort an Antonia K., dass 5- bis 10-Jährige darunter sind, war nötig, weil schon das Wort Minderjährige Misstrauen weckt. „Kinder mit Bärten“ ist dabei keine Altersfrage, sondern eine seit Jahren eingeschliffene Formel, die geflüchtete Minderjährige pauschal zu erwachsenen Betrügern erklärt. Der einzelne Mensch verschwindet, zurück bleibt eine verdächtige Gruppe, die sich angeblich Schutz erschleichen will.
Der dritte Griff schiebt die Schuld auf Kinder und Eltern und kleidet sich in Fragen, die längst Urteile sind. Hans-Uwe L. fragt „Wer nimmt denn Kinder mit bei so einer Aktion“, Regina J. hängt an ihre Frage gleich das „Sehr unverantwortlich“, Franz M. fragt „Sind diese Kinder vom Himmel gefallen??“. Mike R. steigert das zur Kriegsmetapher, man solle „nicht die Kinder mitnehmen, wenn man ein anderes Land überfällt“, und macht aus einer Flucht einen Überfall. Christina B. tritt sachlicher auf, sie nennt die Aktion „unverantwortlich, menschenverachtend“ und fragt zugleich nach Marokkos Verantwortung und der ausbleibenden humanitären Hilfe, ein berechtigter Punkt, doch auch bei ihr steht die Schuld der Eltern vor der Sorge um die Kinder.
Am kältesten wird es, wo die Not selbst zur Strategie umgedeutet wird. Birgit K. schreibt, die Kinder hätten es „eh geschickt eingefädelt denn jetzt muss sich die spanische Jugendwohlfahrt drum kümmern“. Claudia E. geht weiter und behauptet in einem Atemzug beides, die Kinder seien „doch auch eigenständig gekommen“ und zugleich von den Eltern „nach Europa zum Betteln“ geschickt, „damit sie zu Hause gut leben und der Alte weiter Kinder produzieren kann“. Der Widerspruch stört sie nicht, weil es ihr nicht um eine Erklärung geht, sondern um eine Entlastung. Aus der Not wird ein Familiengeschäft, aus dem Kind ein Werkzeug. Ein Grundsatz der Sittlichkeit verbietet, einen Menschen je zum bloßen Mittel für fremde Zwecke zu machen, und genau das geschieht hier, wo Trennung und Betteln als berechnete Strategie gelesen werden. Dass Elfriede L. ihr daraufhin schreibt, sie sei „ein Beispiel dafür, dass nicht jeder Mensch einen Internetzugang bekommen sollte“, benennt die Kälte, zieht den Streit aber ins Persönliche und damit vom Kind weg.
Der lehrreichste Fall ist Eleonore W., weil sich an ihr die ganze Beweglichkeit der Abwehr studieren lässt. Sie beginnt vernünftig, man solle Eltern und Verwandte ausfindig machen und die Kinder übergeben. Als wir erklären, dass genau das läuft, dass Eltern an der Grenze stehen und Journalisten bei der Suche helfen, als Sabina K. ergänzt, lokale Portale seien voll mit Vermisstenanzeigen, weicht sie nicht zurück, sondern verschiebt ihre Sicht. Nun seien die Jugendlichen „dort zuhause“ und hätten „alle Eltern und Verwandte“, ein Wissen, das sie nicht haben kann. Sabine V. begegnet ihr menschlich und wünscht ihr, nie in eine solche Lage zu geraten, worauf Eleonore W. bei ihrer Formel bleibt, dann sei es ja am besten, sie kämen zu ihren Eltern. Kris D. hält ihr entgegen, das täten die Behörden doch, und sie erklärt mit „eben, und das ist gut so“ die Sache für erledigt. Als die Waisen ins Spiel kommen, fragt sie schließlich, „woher weiss man dass das Waisenkinder sind?“. Jede neue Angabe wird nicht aufgenommen, sondern in eine neue Annahme verwandelt, die ihre erste Forderung bestätigt. Das ist keine Diskussion, das ist ein Karussell, das sich immer so weit dreht, dass der Schutzbedarf erneut bezweifelt werden kann.
Eine eigene Betrachtung verdient die Wirkungslosigkeit des Textes bei manchen. Gudrun S. schreibt „Ich habe keine Kinder gesehen“, Christian D. fragt, wie die Kinder dorthin kamen und wie alt sie seien, Marianne R. fragt, ob die Eltern ihre Kinder nicht suchten, obwohl der Bericht jede dieser Fragen beantwortet. Unsere Antwort an Marianne R., sie möge einfach den Bericht lesen, trifft den Punkt. Diese Leute reagieren auf Überschrift und Bild, nicht auf den Inhalt. Für sie ist die Spalte kein Ort, an dem man eine Information aufnimmt, sondern eine Fläche, auf der man die vorhandene Ansicht ablegt. Siegfried F. antwortet auf Christian D.s ernste Frage nur höhnisch „Geschwommen, wie alle anderen?“, und selbst dort, wo jemand wirklich fragt, steht der Spott sofort bereit.

Besonders unangenehm ist der Strang von Elifa K., weil er das Leid der Kinder in eine antisemitisch grundierte Weltdeutung einspeist. Sie nennt den marokkanischen König einen „izrael Sklave“ und behauptet, die ganze Geschichte habe sich nur abgespielt, um den spanischen Regierungschef Pedro Sánchez wegen seiner Verteidigung der Palästinenser zu entmachten. Einen Beleg liefert sie für nichts davon. Das ist die gefährlichste Form der Vereinnahmung, weil sie die wirklichen Kinder in eine Erzählung auflöst, in der sie nur noch Kulisse sind. Politische Interessen hinter der Grenzpolitik mögen zu prüfen sein, diese Behauptung aber ist keine Prüfung, sondern eine Unterstellung, und ihr Ton macht sie zusätzlich untragbar.
Dem steht der stärkste sachliche Strang gegenüber, der von Rieke B. Sie bringt Zahlen, rund 193 Millionen Euro EU-Migrationsmittel für Marokko in den Jahren 2021 bis 2023, ein 2023 vereinbartes Programm über 152 Millionen, seit 2015 mindestens 234 Millionen über den damaligen Treuhandfonds, alles zweckgebunden für Grenzschutz, Rückkehr und den Schutz von Migranten, und sie verlinkt die Unterlagen. Aus dem Zorn wird hier eine überprüfbare Frage, ob Marokko die gebundenen Gelder bestimmungsgemäß verwendet. Christian F. wirft ein, Marokko sei „Verursacher dieser Notlage“. Diese Unterscheidung zwischen Kälte und Unwissen ist wichtig, sonst wird jede Verwirrung als Bosheit gelesen.
Ein weiterer Weg ist das Abschieben der Verantwortung an eine Institution. Christine G. fordert, der UNHCR müsse sofort handeln, um Menschenhandel zu verhindern, eine ernste Sorge gerade bei unbegleiteten Kindern. Paula W. ruft nach UNHCR und Rotem Kreuz, Be K. fragt nach den Kinderhilfswerken und sogar nach „RTL WIR HELFEN KINDERN“. Angelika L. hält dagegen, das Rote Kreuz sei mit den übrigen Tausenden ausgelastet. In vielem davon steckt echte Sorge, zugleich entsteht der Eindruck, mit dem Nennen einer Organisation sei die eigene Pflicht erledigt. Unsere Antworten, dass Unterlagen nach Genf unterwegs sind und zwei Leute von uns vor Ort, verschieben die Debatte vom bloßen Aufschrei zur Handlung, und genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Ausruf und einer Hilfe.
Der Strang ist eben nicht nur kalt. Marlit H. spricht vom „Trauma für die armen Kinder“, Lili F. schreibt, das sei „so schrecklich, dass man diese Nachrichten kaum aushält“, Ingrid E. kamen „schon beim Lesen die Tränen“, Wiebke B. nennt es „eine Tragödie von grenzenlosem Ausmass“. Diese Stimmen erfinden keine Tatsachen und knüpfen den Schutz nicht an Herkunft oder Alter, sie bleiben am Kind. Sandra H. dankt dafür, dass der Fall überhaupt erzählt werde, weil er in den Nachrichten fehle, und wird prompt von Jürgen Z. mit „Du musst nur nachdenken! Tut nicht weh!“ angefahren, ein Zeichen, wie sein Zorn sogar die eigenen Verbündeten trifft. Am stärksten wirkt der von Irene S. geteilte Satz „Solltet ihr jemals der Hilfe bedürfen, dann mögt ihr euch selbst begegnen.“ Er kehrt die Probe um, die über jede Regel entscheidet, ob man wollen könnte, dass alle nach ihr verfahren, auch gegen einen selbst. Das trifft härter als jeder Appell an das Mitgefühl. Jutta B. schließlich benennt das Verstörende offen, sie sei entsetzt über die Kommentare, das kenne sie hier nicht, und es sei nur Glück gewesen, nicht in einem solchen Land geboren zu sein, ein Glück, zu dem niemand etwas beigetragen habe. Das ist der ruhigste und zugleich schärfste Kommentar des ganzen Strangs.

Die spöttische Gegenwehr ist zweischneidig. Jürgen Z. leistet die meiste Arbeit gegen die Kälte, sein Aufruf, die 800 Kinder „bei Eleonore zu Hause“ zu verwahren und bis 20 Uhr abholen zu lassen, führt die Absurdität ihrer Forderung vor, seine Frage an Helmut G., ob dessen Kinder mit 14 Bärte getragen hätten, zerlegt die Bärte-Formel. Angelika K. spottet ähnlich, „Kann man ja auch mal eben erledigen“. Doch Jürgen Z. kippt immer wieder ins politische Etikett. Sein „Deshalb nie AFD“ mag stimmen, liefert aber Gabriele W. die bequeme Gelegenheit, mit „Hauptsache hetzen“ das eigentliche Thema, die Kinder, ganz zu verlassen und den Streit in eine Parteifrage zu drehen. Sobald die Debatte in Hohn und Etiketten kippt, fühlen sich die Getroffenen nicht geprüft, sondern bestätigt, und die kälteste Seite bekommt die Rolle des Angegriffenen geschenkt.
Wir selbst haben die redaktionelle Ebene eröffnet. Auf Jutta B. haben wir geantwortet, dass wir bestimmte Kommentare bewusst stehen lassen, um sichtbar zu machen, welche Menschen hinter solchen Aussagen stehen, und dass wir dazu Recherchen begonnen haben. Das hat journalistischen Wert, weil der Strang zeigt, wie über schutzlose Kinder geredet wird, sobald man glaubt, nur über Migration zu reden. Es ist zugleich der heikelste Schritt, denn dort, wo aus dem Dokumentieren das Vorführen einzelner Privatpersonen wird, verschiebt sich die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und persönlicher Bloßstellung. Tragfähig bleibt es, solange sauber zwischen Personen des öffentlichen Lebens und privaten Nutzern getrennt, dokumentiert statt provoziert und rechtlich abgesichert wird, was am Ende erscheint.
Der härteste Befund ist derselbe wie am Vormittag, nur breiter belegt. Ein Teil der Kommentierenden braucht keine Information, sondern eine Rechtfertigung, nicht helfen zu müssen, und durchsucht den Bericht nur nach einem Grund zur Abwehr. Sind die Kinder älter, heißen sie „Kinder mit Bärten“. Sind sie jünger, sind die Eltern unverantwortlich. Sind die Eltern verschwunden, sollen sie gesucht werden. Suchen sie bereits, sollen die Kinder trotzdem zurück. Ist Marokko schuld, soll Spanien nichts tun. Ist Spanien zuständig, haben die Kinder es eingefädelt. Die Abwehr ist beweglich, sie passt sich jeder Tatsache an, und das unterscheidet sie von einer Meinung, die sich an Tatsachen noch ändern ließe.
Und doch hat die Kälte nicht das letzte Wort. Neben Monika R., Monika W., Claudia E. und Helmut G. stehen Jutta B., Irene S., Ingrid E., Sabine V., Kris D. und Rieke B. Der Strang ist kein Bild einer abgestumpften Leserschaft, er ist ein Ringen darum, ob diese Kinder zuerst als Menschen oder zuerst als Migranten gesehen werden. Was er sichtbar macht, ist nicht allein die politische Haltung der Schreibenden, sondern die Bedingung, die ein Kind bei manchen erfüllen muss, bevor sein Leid überhaupt zählt. Diese Bedingung heißt Herkunft, und dass sie offen ausgesprochen wird, ist das eigentlich Verstörende.
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