Robert F. Kennedy Jr. bindet sich die Schürze um. In einer Schulküche in Austin schöpft der Gesundheitsminister Mittagessen auf die Teller, und seit vergangener Woche tut er es auch vor laufender Kamera. Seine Sendung heißt The Real Food Show, zu sehen auf der Seite seines eigenen Ministeriums, und sie führt vor, was er im Januar als Ernährungsleitlinie ausgerufen hat, eine auf den Kopf gestellte Pyramide, in der Fleisch und Milchprodukte oben stehen, dazu reichlich Fett. Als er die Leitlinie vorstellte, warnten Fachleute, gerade diese Kost treibe Herzkrankheiten und Diabetes, von Fettleibigkeit ganz zu schweigen. Kennedy, der weder Arzt ist noch je Ernährung gelernt hat, blieb bei seiner Pyramide. Dass ein Mann ohne Ausbildung dem Land vorschreibt, was auf den Teller gehört, stört ihn nicht, es ist ja Fernsehen, und dort zählt die Überzeugung mehr als der Nachweis.
RFK Jr. kündigte am 31. Juli „The Real Food Show“ an, eine Kochsendung des US-Gesundheitsministeriums (HHS). In der Sendung wird Kennedy gemeinsam mit prominenten Köchen durch die USA reisen und den Menschen gesunde Ernährung, preiswerte Rezepte und grundlegende Kochtechniken näherbringen.
Vor der ersten Folge räumte er ein, es habe eine gute erste Reaktion gegeben, aber auch die Sorge, sein Essen sei viel teurer als die stark verarbeitete Kost, die man bisher aß. Das stimme nicht, sagte er. Die Zahlen sagen etwas anderes. Unter dieser Regierung sind die Lebensmittelpreise im letzten Jahr gestiegen, der jüngste Verbraucherpreisindex weist ein Plus von 3 Prozent aus, Milch wurde um 6,6 Prozent teurer und Hackfleisch um 12,4 Prozent, zwei Zutaten, die in seiner Pyramide ganz oben prangen. Ausgerechnet Milch und Hackfleisch, die Grundpfeiler seiner Empfehlung, sind am stärksten teurer geworden, während er behauptet, sein Essen koste weniger. Die Sendung zeigt die Mahlzeit, die Quittung zeigt sie nicht.
Die Show läuft, während im Land ein Parasit sein Werk tut. Der Erreger der Zyklosporose, der Durchfall auslöst, hat sich in 45 Staaten ausgebreitet, und die Seuchenbehörde CDC hat die Beobachtung im vergangenen Jahr eingestellt, unter Kennedys Aufsicht. Zugleich kehren die Masern zurück, die seit 2000 als praktisch besiegt galten. Nach 285 Fällen im Jahr 2024 waren es 2025 schon 2.286, und bis Juli dieses Jahres hat das Land die Zahl des Vorjahres bereits überholt. Der Minister aber steht am Herd. Eine Krankheit, die das Land 25 Jahre lang für erledigt hielt, ist zurück, und die Behörde, die sie zählen soll, hat mit dem Zählen aufgehört. Wer nicht misst, hat auch keine schlechten Zahlen.

Damit ist er in bester Gesellschaft, denn das ganze Kabinett sendet. Verkehrsminister Sean Duffy hat sein eigenes Format, eine Reise mit der Familie quer durchs Land, ausgerechnet in einer Zeit, in der Millionen Amerikaner an den steigenden Spritpreisen zu tragen haben. Duffy war mit seiner Frau schon einmal Fernsehgesicht, bei der MTV-Reihe Road Rules. Seine jetzige Show wird von Firmen gesponsert, die ausgerechnet seine eigene Behörde beaufsichtigt, darunter der Autobauer Toyota und der Flugzeughersteller Boeing, dazu die Fluglinie United Airlines. Ein Interessenkonflikt, sagen manche, doch das Wort scheint aus der Mode. Ein Verkehrsminister, dessen Reiseshow von den Firmen bezahlt wird, deren Flugzeuge und Autos er beaufsichtigen soll, wäre in einer nüchternen Zeit ein Skandal. In dieser ist es ein Sendeplatz.
Schon im vergangenen Jahr soll das Heimatschutzministerium über eine Show für Einwanderer nachgedacht haben, mit der damaligen Ministerin Kristi Noem als Hauptfigur, die für ihre häufigen Fototermine und Kostümwechsel bekannt war. Der Gewinner des Wettbewerbs, so der Einfall, hätte die Staatsbürgerschaft erhalten. Ein Mensch also, der seine Papiere gewinnt wie andere eine Reise oder ein Auto, und das war ernsthaft gedacht.

An der Spitze steht ein Präsident, der selbst über Jahre die Sendung The Apprentice moderierte. Donald Trump umgibt sich im Weißen Haus mit Prominenz wie ein Sender mit seinem Ensemble. Den Talkshow-Arzt Mehmet Oz machte er zum Chef der Behörde für Medicare und Medicaid. Sein Heimatschutzminister Markwayne Mullin trat früher als Käfigkämpfer im Bezahlfernsehen an. In seiner ersten Amtszeit holte er für kurze Zeit Omarosa Manigault Newman, eine Kandidatin aus eben jener Apprentice-Show. Das Bildungsressort führt Linda McMahon, einst Vorsitzende des Ringkampfunternehmens WWE, das Verteidigungsressort Pete Hegseth, vormals Moderator bei Fox & Friends, einer Sendung, in die Trump bis heute gern anruft. Zuletzt unterstützte er den Reality-Darsteller Spencer Pratt bei dessen Bewerbung um das Bürgermeisteramt von Los Angeles und sprang ihm bei, als der nach seiner Niederlage von Betrug fabulierte, ganz wie Trump selbst nach 2020. Auch seine Begnadigungen tragen auffällig oft prominente Namen.
In einer Regierung, die sendet, tritt das Bild an die Stelle der Sache. Eine Kochshow steht für die Ernährungspolitik, eine Familienreise für die Verkehrspolitik, und beinahe wäre sogar die Staatsbürgerschaft zum Gewinn einer Spielshow geworden. Was gezeigt wird, wirkt wirklicher als das, was geschieht. Regieren heißt hier auftreten, und wer auftritt, muss nicht liefern, er muss nur gesehen werden. Der Parasit taucht in keiner Sendung auf, er wird ja auch nicht mehr gezählt, und die Masern kehren still in ein Land zurück, das seinem Gesundheitsminister beim Kochen zusieht.
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