Es gibt Phänomene, die sich nicht verhandeln lassen. El Niño ist eines davon. Kein Abkommen, kein Gipfel, kein gut gemeinter Appell an die Vernunft der Völker wird die Passatwinde aufhalten, wenn sie verlangsamen oder umkehren, wenn das warme Wasser im tropischen Pazifik ostwärts treibt und die Atmosphäre über einem Planeten neu verteilt, der ohnehin schon fiebert. Die amerikanische Wetterbehörde NOAA hat es offiziell bestätigt: El Niño hat begonnen. Meteorologen warnen, es könnte das stärkste Ereignis dieses Jahrhunderts werden. Und wer jetzt noch glaubt, das sei eine Nachricht für Fachzeitschriften, hat nicht verstanden, was auf dem Spiel steht!
El Niño ist kein Ausnahmefall. Es ist ein Zyklus – ein natürlich wiederkehrendes Muster, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt und das Klima der gesamten Erdhälfte neu organisiert. Südamerikanische Fischer nannten es nach dem Jesuskind, weil es um Weihnachten herum spürbar wurde. Dass ausgerechnet dieses Kind nun als apokalyptisches Symbol taugt, gehört zu den Ironien einer Zivilisation, die in heiligen Namen Kriege führt und in technologischen Triumphgefühlen erfriert, während die Welt um sie herum abbrennt.
Typischerweise beginnt El Niño im Sommer und erreicht seinen Höhepunkt im Dezember oder Januar des Folgejahres. Was das bedeutet: Die schlimmsten Auswirkungen stehen noch bevor. NOAAs jüngste Berechnungen zeigen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein „sehr starkes“ El-Niño-Ereignis – durchschnittliche Oberflächentemperaturen im Pazifik, die um mehr als zwei Grad Celsius ansteigen. Manche Experten sprechen bereits von einem „Super-El-Niño“, auch wenn die Weltorganisation für Meteorologie diese Sprache zurückweist. Ob das eine terminologische Präzision ist oder institutionelle Vorsicht vor dem eigenen Urteilsvermögen, sei dahingestellt.

Die US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA hat offiziell die Rückkehr eines El-Niño-Ereignisses bestätigt, das sich nach aktuellen Modellen mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent bis Ende 2026 zu einem außergewöhnlich starken „Super-El Niño“ entwickeln könnte. Durch die ungewöhnlich schnelle Erwärmung des tropischen Pazifiks drohen Meerestemperaturen deutlich über dem langjährigen Mittel und damit einer der stärksten El-Niño-Zyklen seit Beginn der modernen Messungen im Jahr 1950. Forschende warnen, dass die zusätzliche Wärme die bereits vom Menschen verursachte Erderwärmung weiter verstärken und bis 2027 neue globale Temperaturrekorde sowie mehr Überschwemmungen, Dürren und Waldbrände weltweit auslösen könnte.
Die Klimawissenschaftlerin Deepti Singh von der Washington State University hat eine Studie über das El-Niño-Ereignis von 1877 verfasst – eines der stärksten je aufgezeichneten. Es war verbunden mit historischen Dürren in Asien, Teilen Brasiliens und Nordafrikas. Diese Dürren, verschärft durch koloniale Ausbeutungspolitiken, führten zu Hungersnöten, deren Opferzahl auf über fünfzig Millionen Menschen geschätzt wird. Fünfzig Millionen. Zahlen dieser Größenordnung überfordern die moralische Vorstellungskraft – nicht weil sie zu groß sind, sondern weil wir gelernt haben, sie wegzudenken. Singh selbst nennt diese Zahl „demütigend“. Das ist das richtige Wort. Demut ist das, was fehlt.

Das letzte El-Niño-Ereignis trat 2023 und 2024 auf – eines der fünf stärksten je gemessenen. Es gilt als mitverantwortlich für die historischen Temperaturen des Jahres 2024, das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. In Subsahara-Afrika trieb es Dürren an, die Ernährungsunsicherheit und Unterernährung in mehreren Ländern verschärften. Wer das gelesen und vergessen hat, weil damals kein Krieg im Fernsehen lief, dem sei gesagt: Es war ein Krieg. Nur ohne Uniformen und ohne einen Feind, den man bombardieren kann.

Weston Anderson, Klimawissenschaftler an der University of Maryland, betont, dass El Niño keine gleichförmigen Auswirkungen hat. Es trifft „eine vielfältige Geografie“, sagt er – und genau darin liegt die heimtückische Qualität dieses Phänomens. In einer Region bringt es verheerende Dürre, in der nächsten Überschwemmungen. Beide Extreme zerstören Ernten. Beide destabilisieren Gesellschaften. Der Unterschied zum Krieg ist nur, dass der Krieg einen Anfang hat. El Niño hat keinen. Es war immer da, und es wird immer wiederkommen, und diesmal kommt es auf einen Planeten, dessen Atmosphäre durch menschengemachten Klimawandel bereits mit zusätzlicher Wärme und Feuchtigkeit aufgeladen ist. Was das heißt, hat Singh klar formuliert: Wir müssen damit rechnen, dass „Schwere, Ausmaß und Wahrscheinlichkeit“ von Extremwetterereignissen in dem heute wärmeren Klima höher ausfallen werden.

Die amerikanische Landwirtschaft gerät nach mehreren Krisenjahren erneut unter Druck: Nach Inflation, hohen Finanzierungskosten, Trumps Zollpolitik und dem Einbruch der Sojabohnenexporte nach China belasten nun auch gestiegene Diesel- und Düngemittelpreise infolge des Iran-Krieges die Betriebe. Gleichzeitig warnen Wetterdienste vor einem möglichen starken El Niño, der in Teilen der USA über Jahre Dürre verschärfen und Ernteausfälle verursachen könnte. AccuWeather hält sogar ein Szenario für möglich, das an eine abgeschwächte Form der historischen Dust-Bowl-Krise erinnert, auch wenn die Fachleute ausdrücklich keine Wiederholung der 1930er-Jahre prognostizieren. Sinkende Erträge könnten Lebensmittel verteuern, Wasserreserven zusätzlich belasten und den wirtschaftlichen Druck auf Landwirte weiter erhöhen. Trotz milliardenschwerer Hilfsprogramme steigen die Insolvenzen weiter – allein 2025 nahmen Familienfarm-Insolvenzen um 46 Prozent zu.
Indien, von dem der Großteil des weltweiten Reises stammt, steht vor einer schwächeren Monsunzeit – was die Ernteerträge drücken wird. In Südafrika drohen trockenere, heißere Bedingungen, die die Maisernte gefährden. Die südlichen US-Bundesstaaten, von Kalifornien bis zur Ostküste, werden nässer als gewöhnlich – mit Überschwemmungsrisiken, die den Anbau empfindlich stören können. Hinzu kommen Düngemittelknappheit und Preisanstiege, die Landwirte weltweit bereits seit dem Frühjahr belasten, als die Schließung der Straße von Hormuz infolge des Iran-Krieges die globalen Lieferketten erschütterte. Das jetzige El-Niño-Ereignis fällt also nicht in ein politisches Vakuum – es trifft eine Weltwirtschaft, die ohnehin schon unter dem Druck geopolitischer Brüche ächzt.
Jennifer Burney, Professorin an der Stanford Doerr School of Sustainability, macht auf eine Verschiebung aufmerksam, die in den üblichen Ernährungssicherheitsdebatten zu kurz kommt. Lokale Regierungen in vulnerablen Regionen können Anbaustrategien anpassen, früher in der Saison pflanzen, Importe erhöhen – und damit sicherstellen, dass „genug Essen“ vorhanden ist. Aber, sagt Burney, das werde nicht „die Menschen schützen, deren Lebensunterhalt von der Landwirtschaft abhängt“. Eine Wahrheit, die politisch bequem vergessen wird: Es geht nicht nur um Kalorien. Es geht um Existenzen. Um Würde. Um die Frage, ob eine bäuerliche Familie, die seit Generationen dasselbe Land bestellt, nach El Niño noch eine Zukunft hat.

Das eingezeichnete Gebiet zeigt den tropischen Pazifik entlang des Äquators – genau dort entsteht El Niño. Die roten und pinken Bereiche bedeuten, dass die Meeresoberfläche deutlich wärmer ist als im langjährigen Durchschnitt, teilweise um mehrere Grad. Diese zusätzliche Wärme wird an die Atmosphäre abgegeben und kann weltweit Wetterlagen verändern – mit mehr Überschwemmungen in manchen Regionen und mehr Dürre, Hitze und Waldbränden in anderen. Je stärker und länger diese Erwärmung anhält, desto größer wird auch das Risiko für neue globale Temperaturrekorde.
Das ist die philosophische Zumutung dieses Phänomens. El Niño zwingt uns, über Zeit nachzudenken – über die Trägheit natürlicher Systeme, über die Unverhältnismäßigkeit zwischen menschlichem Handeln und planetarischer Reaktion. Die Emissionen, die diesen Super-El-Niño verstärken, wurden vor Jahren, vor Jahrzehnten ausgestoßen. Die Menschen, die damals entschieden, Kohle zu verbrennen und Wälder zu roden, werden die Konsequenzen nicht tragen. Sie werden von Farmern in Maharashtra, von Hirten in Malawi, von Reisbauern in Bangladesch getragen werden, die für den Klimawandel global gesehen am wenigsten verantwortlich sind. Das ist keine rhetorische Figur. Das ist die nüchterne Beschreibung einer Ungerechtigkeit, die so strukturell ist, dass sie kaum noch empört.

Und die Wissenschaft? Sie beobachtet. Sie misst. Sie modelliert. Was genau dieses El Niño in Wechselwirkung mit dem menschengemachten Klimawandel auslösen wird – in welchen Regionen, mit welcher Intensität – bleibt, wie die Forscher selbst einräumen, „wichtige offene Wissenschaft“. Das ist ehrlich. Es ist auch erschreckend. Denn es bedeutet: Wir wissen, dass es schlimm wird. Wir wissen nur nicht genau, wo. Und wir werden es wissen, wenn es zu spät ist, um zu handeln – aber früh genug, um rückblickend zu begreifen, was wir hätten tun können. Es gibt eine Art kollektives Vergessen, das Gesellschaften gegenüber langsamen Katastrophen entwickeln. Man kann es schlicht die „slow violence“ – schleichende Gewalt nennen, die keine Schlagzeilen produziert, weil sie kein dramatisches Bild liefert. El Niño ist slow violence mit Ansage. Es ist ein Phänomen, das Wochen und Monate braucht, um seinen Höhepunkt zu erreichen, das seine schlimmsten Folgen erst zeigt, wenn die politische Aufmerksamkeit längst woanders ist. Es ist ein Phänomen, das Arme tötet, langsam und ohne Spektakel, während die Welt über anderes redet.
Was bleibt, ist eine bittere Erkenntnis: Wir haben die Werkzeuge, um diese Zusammenhänge zu verstehen. Wir haben die Wissenschaft, die Modelle, die historischen Daten. Was wir nicht haben, ist eine politische Kultur, die bereit ist, Konsequenzen zu ziehen, bevor der Schaden eingetreten ist. El Niño hält keine Reden. Es ist bereits unterwegs.
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