Washington D.C. – Am Freitagabend, unter den Kronleuchtern des Waldorf Astoria, das früher sein eigenes Hotel war und heute nur noch nach ihm riecht, trat der mächtigste Mann der westlichen Welt an ein Rednerpult und wusste selbst nicht, wer er gerade sein sollte. Was tun wir hier eigentlich, fragte er in die Runde, soll das lustig sein, soll ich ernst sein, soll ich ein Komiker sein. Er versprach von allem ein wenig, und er hielt dieses Versprechen auf die schlimmste denkbare Weise: 1 Stunde lang war er tatsächlich von allem ein wenig, nur nicht komisch.

Es war das nachgeholte Essen der Vereinigung der Weißen-Haus-Korrespondenten, jenes Abends, der vor 3 Monaten in Panik geendet hatte, als ein Bewaffneter im Washington Hilton durch die Sicherheitsschleuse brach. Nun also die Neuauflage, kleiner, leichter zu bewachen, in einem Saal, dessen Prunk der Redner nicht für sich behalten konnte. Sehen Sie diese schönen Kronleuchter, sagte er, ich könnte Ihnen alles über sie erzählen. Später kam er darauf zurück und verriet, was er eigentlich hatte verschweigen wollen, dass es böhmisches Kristall sei, nicht amerikanisches, und dass er die Dinger am liebsten unter dem Arm hinaustragen würde, weil man sie nirgends kaufen könne. Ein Mann, der einen Presseabend besucht und dabei laut überlegt, das Mobiliar zu stehlen, hat über sich mehr gesagt, als jede Kolumne es könnte.

Der Präsident, der an diesem Abend die Arbeit von Journalisten ehren ließ, ist derselbe, der 1 Woche zuvor gefordert hatte, 2 Fernsehsendern die Lizenz zu entziehen, weil ihre Nachrichten ihm nicht gefielen. Man bat den Saal, den Pentagon-Korrespondenten zu applaudieren, und niemand erwähnte, dass sein Verteidigungsminister, der leibhaftig im Raum saß, ebenjene Korrespondenten aus dem Pentagon zu werfen versucht, während seine Regierung einen neuen Krieg führt. Diesen Monat hatte die Regierung Vorladungen verschickt, um an die Telefondaten und die Aussagen von Journalisten zu kommen, die über die Sicherheitsmängel des von Katar geschenkten Präsidentenflugzeugs berichtet hatten. Ein Richter in Manhattan las der Justiz dafür am Donnerstag die Leviten, woraufhin die Regierung die Vorladungen zurückzog. Einer der bedrohten Reporter, Tyler Pager, nahm am Freitag vorn einen Preis entgegen, und der Präsident, dessen Ministerium ihn eben noch hatte durchleuchten wollen, saß dabei und klatschte oder klatschte auch nicht.
Der peinlichste Moment gehörte nicht ihm, sondern galt ihm. Wolf Blitzer rief die Reporter des Wall Street Journal nach vorn, ausgezeichnet für ihre Recherche über die frühere Verbindung des Präsidenten zu dem Finanzier Jeffrey Epstein. Und Blitzer sprach weiter, klar und ohne Gnade: Der Präsident habe daraufhin eine Klage über 20 Milliarden Dollar gegen das Blatt eingereicht und dabei die Wohnadresse der Reporterin Khadeeja Safdar öffentlich gemacht, ihre Familie habe umziehen müssen, das Blatt sei von der Air Force One verbannt worden. Als die Ausgezeichneten ihre Trophäen entgegennahmen, warf der Präsident theatralisch die Hände in die Luft, so wie einer, der sagen will, tja, was soll man machen. Durch den Saal lief nervöses Lachen, das Lachen von Menschen, die in dieser hochgeworfenen Hand ein Eingeständnis erkannten und nicht wussten, wohin mit sich, während die Preisträger ihre Trophäen an sich drückten.
Es gibt eine alte Beobachtung über das Lachen, wonach wir immer dann lachen, wenn ein Lebendiges für einen Augenblick zur Maschine erstarrt, wenn ein Mensch nicht mehr auf die Welt reagiert, sondern nur noch sein Räderwerk abspult. An diesem Abend lief das Räderwerk vor aller Augen, und niemand lachte, weil das Erstarrte nicht komisch war, sondern regierte. Denn was folgte, war kein Vortrag mehr, sondern die immergleiche Kundgebung, abgespielt vor Leuten, die dafür nicht gekommen waren. Ich hasse manche Menschen, sagte er und begann mit Adam Schiff. Es folgten Rosie O’Donnell, Alexandria Ocasio-Cortez, Chris Christie, Jerry Nadler, keine Pointen, nur die Textbausteine, die man von jedem seiner Auftritte kennt.
Er verglich die zerschlagenen Gesichter von Käfigkämpfern mit denen von Bette Midler, Jane Fonda und Bruce Springsteen. Über Springsteen legte er nach, der Mann sehe zum Fürchten aus, seine Tournee müsse man umbenennen in Gelangweilt in den USA. Er spottete über das Aussehen und die Laufbahn einzelner Reporterinnen, die im Saal saßen. Kaitlan Collins sei eine junge, attraktive Frau, die nie lächle, er habe sie erst für das Gesicht auf der Bierdose gehalten, dann aber festgestellt, das sei nicht sie gewesen, sondern Dylan Mulvaney. Man sitzt da und hört einem Präsidenten zu, der eine Journalistin mit einer Werbekampagne verwechselt und den Irrtum für einen Witz hält.

Dazwischen die billigen Witze, die er selbst nicht mehr auseinanderhielt. Dass dumm im Englischen ein stummes B enthalte, wofür er keine Anerkennung bekomme. Dass nach den Schüssen beim Attentat viele get down gerufen hätten, woraufhin Nicki Minaj zu twerken begonnen habe. Dass er 450.000 Menschen habe abweisen müssen, die zu seiner Rede hätten kommen wollen, worüber der Saal nicht einmal mehr den Kopf schüttelte. Über den Gesundheitsminister, der neben ihm saß, sagte er, das sei ein sehr besonderer Mensch, und behauptete zum Abschluss, ebendieser Minister habe das Rind für das Abendessen persönlich mit dem Auto überfahren, zerlegt und hergebracht, als Vorspeise habe er zudem seinen Lieblingsschnitt empfohlen, überfahrenen Waschbär.
Zwischen die Beleidigungen streute er die Sätze, an denen der Abend gemessen werden wird. Über den Gouverneur von Illinois sagte er, man dürfe ihn kein fettes Schwein nennen, er selbst verteidige den Mann, dann komme die Presse nicht an ihn heran. Über die Ausgezeichneten insgesamt sagte er, es sei kein leichter Abend, all diese Preise. Und dann, beinahe beiläufig, jener Satz, der die höfliche Fassade zerriss: Einige von Ihnen könnten froh sein, dass das letzte Essen abgebrochen wurde, denn er habe vorgehabt, sie sich vorzunehmen, ihre Leben seien beim letzten Mal wirklich in Gefahr gewesen, aus einem anderen Grund, ihre Karrieren aber seien gerettet worden. Ein Präsident, der einem Saal voller Journalisten drei Monate nach einem Attentat erklärt, ihr Überleben sei ein Betriebsunfall gewesen, sagt damit genug über sich, und er sagt es freiwillig.
Bemerkt hat es an diesem Abend die Reporterin Weijia Jiang, die aussprach, was der Anlass eigentlich hätte verhandeln sollen. Es bestehe ein wesenhafter, ein existenzieller Unterschied zwischen Kritik an der Presse und dem Versuch, sie zu zerstören, sagte sie, das eine mache alle besser, das andere sei genau das, was die Gründerväter hätten verhindern wollen. In einem Saal, der eine Stunde lang beschimpft worden war, war das der einzige Satz, der stehen blieb.
Der Präsident dagegen war längst bei der Abrechnung mit allem, was ihn je gekränkt hatte. Die späten Talkmaster, Kimmel, Fallon, Colbert, seien ohne Talent, keine Komiker, sondern zornige, kranke Menschen. Don Lemon habe einen Wettbewerb um die niedrigste Einschaltquote und den niedrigsten Verstand gewonnen. Schumer sei zum Palästinenser geworden, er werde ihm ein palästinensisches Gewand schicken. Über eine feindlich übernommene Nachrichtenredaktion sagte er, sie werde nun von einem schwulen Diktator geführt, und wünschte der neuen Leiterin dann doch alles Gute. Als das Publikum längst erstarrt war, gestand er selbst den Zusammenbruch ein: Ein Witz über die Vergreisung des Kongresses sei das einzig Gute an dieser ganzen verdammt dummen Rede gewesen, und selbst der sei nicht mit großem Gelächter aufgenommen worden. Er riss die Arme hoch, und aus Erschöpfung oder Mitleid lachten sie wieder.
Er hatte für jeden etwas. Rosie O’Donnell habe sich gemeldet, um ihn zu ehren, sie liebe ihn sehr und sei verzweifelt darauf aus gewesen, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren und Donald J. Trump ihre Aufwartung zu machen, es habe nur leider niemand gewollt, dass sie zurückkomme, eine kranke ältere Frau. Man habe für den Abend einen Berufsclown zur Unterhaltung erwogen, doch Adam Shifty Schiff sei nicht verfügbar gewesen. Seiner eigenen Sprecherin bescheinigte er einen der härtesten Posten im Weißen Haus, sie könne fies sein, aber manchmal habe sie keine Wahl, schließlich müsse sie sich mit allen hier herumschlagen. Über einen texanischen Abgeordneten sagte er, der hasse den Sex und hasse die Frauen und werde deshalb gegen Ken Paxton nicht gut abschneiden. Alle sähen glänzend aus heute Abend, fügte er hinzu, und er wisse, wie schwer es gewesen sei, zu den kugelsicheren Westen die passenden Schuhe zu finden, die viele lieber nicht getragen hätten, weil sie eher sterben als um 20 Pfund schwerer wirken wollten.
Es sei ein interessanter Abend gewesen, er habe nicht recht gewusst, was ihn erwarte, und es sei, ehrlich gesagt, weit schlimmer, als er gedacht habe. Er habe gelesen, dass er zu 93 Prozent negativ dargestellt werde, und sich gefragt, wie zum Teufel er die Wahl dann mit solchem Vorsprung gewonnen habe; hier sitze wohl die größte Ansammlung von Menschen mit Trump-Wahn, die je zur gleichen Zeit an einem Ort versammelt gewesen sei. Ein befreundeter Fernsehsender fand später, er habe brilliert, die Verlierer des Abends sei der Saal gewesen, ein Haufen Nieten. Am Telefon aber sagte einer, er habe aus den falschen Gründen gelacht, es sei so schlecht gewesen, dass er sich, während die Welt zusehe, für Amerika schäme.

Zum Ende zog er einen Hut hervor, setzte ihn sich mit großer Geste auf und ließ ihn sprechen: Trump 2028. Einige klatschten, andere lachten, die meisten Reporter starrten geradeaus. Es sei, wie bei seiner Präsidentschaft, sagte er, das zweite Mal immer besser als das erste, und das dritte werde noch besser. Er sei zu der Ankündigung bereit, und das sei sozusagen ein Knüller, er beabsichtige, für eine vierte Amtszeit zu kandidieren, gewonnen habe er ja bereits 3 Mal. Wer die amerikanische Verfassung noch für ein Hindernis hält, dem war an diesem Abend im Waldorf zu widersprechen.
Und dann kam der Satz, der aus der Realsatire herausragt, weil er sie versehentlich erklärt. Wenn ich weg bin, sagte der Präsident in den Saal seiner Feinde, werdet ihr pleite sein, dann gibt es niemanden mehr, über den ihr berichten könnt. Es war als Drohung gemeint und geriet zum Geständnis. Ein Mann, der glaubt, ohne ihn habe die Öffentlichkeit keinen Gegenstand mehr, hat den Unterschied zwischen sich und dem Gemeinwesen aufgegeben, und ebendieser Verlust ist es, den 1 Stunde unter böhmischem Kristall vorgeführt hat. Draußen läuft ein Krieg, drinnen zählt ein Präsident die Kronleuchter und kündigt seine dritte Wiederwahl an. Wer da noch nach dem Witz sucht, hat den Abend verstanden, und genau das ist die Nachricht, die aus dem Waldorf nach draußen dringt, dorthin, wo der Krieg keine Kronleuchter zählt.
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