Anfang September öffnete sich über den Grenzfluss Tumen eine neue Straßenbrücke zwischen Russland und Nordkorea. Über sie könnten bald Soldaten und Waffen rollen, für einen Krieg, der Pjöngjang aus dem Abseits geholt hat. Was Kim Jong Un jahrzehntelang fehlte, hat ihm dieser Krieg gegeben. Mächtige Verbündete besaß er längst. Was ihm fehlte, waren Verbündete, die ihn selbst brauchen.

Seit dem Sommer 2023 zählt Nordkorea zu den wichtigsten Lieferanten von Artilleriemunition und ballistischen Raketen für Moskau. Die südkoreanische Zentralbank schätzte im Juli, dass die Wirtschaft des Landes das 3. Jahr in Folge um mehr als 3 Prozent gewachsen sei. Damit ist überwunden, was 2017 begann, als das bis dahin schärfste Sanktionspaket der Vereinten Nationen in Kraft trat. Der Weg dorthin führte über eine langsame Öffnung. Die Pandemie hatte Nordkorea in beinahe vollständige Selbstabriegelung getrieben, der Handel mit China fiel von 2,8 Milliarden Dollar im Jahr 2019 auf 318 Millionen im Jahr 2021. 2023 erreichte er wieder rund 2,3 Milliarden. Wieder kamen Treibstoff und Maschinen ins Land, wieder fanden nordkoreanische Waren den Weg auf den chinesischen Markt.
Kim erklärte den Bau und die Provinzen zur Sache des Staates. 2021 begann ein Programm für 50.000 Wohnungen in Pjöngjang, 2024 folgte die Politik „20×10″, die 10 Jahre lang jährlich Fabriken in 20 Städten und Kreisen erneuern soll. Wo früher die Hauptstadt und die Schwerindustrie fast alles bekamen und die Provinz mit veralteten Anlagen sich selbst überlassen blieb, sollen nun Lebensmittel und einfache Güter auch in der Fläche entstehen. Ob die neuen Betriebe bei fehlendem Strom und knappem Material dauerhaft laufen, bleibt offen.

Die Satellitenbilder zeigen Betrieb. Schon Wochen nach der Ankündigung wurde gebaut, im ersten Jahr entstanden in allen beteiligten Orten Fabriken, 2025 kamen Krankenhäuser und Anlagen für die Landwirtschaft hinzu. Im Februar 2026 erklärten die Behörden den Wohnungsbau in der Hauptstadt für abgeschlossen, das meiste davon im neuen Viertel Hwasong, das auf früheren Feldern in die Höhe wuchs. Besucher berichten von Taxis per App und von Zahlungen über den Bildschirm. Dazu kommen importierte Autos aus China, deren Einfuhr gegen die Sanktionen verstößt. Das Geld für all das kam zum größten Teil aus dem Krieg. Nach Angaben des südkoreanischen Geheimdienstes lieferte Nordkorea bis August 2026 mehr als 15 Millionen Artilleriegranaten an Russland. Das Institute for National Security Strategy schätzt die Einnahmen allein aus Waffen auf mehr als 10 Milliarden Dollar, bei einer jährlichen Wirtschaftsleistung von rund 27 Milliarden eine gewaltige Summe. Die etwa 15.000 nach Russland entsandten Soldaten brachten weitere Hunderte Millionen, von denen nur ein kleiner Teil in den Haushalt floss. Der Rest dürfte in Technik und Material beglichen worden sein oder als offene Rechnung stehen.

Die Höhe der Zahlungen ist dabei nicht das Entscheidende. Schwerer wiegt, dass Moskau die Sanktionen von innen aushöhlt. Wirksam waren sie nach 2016 vor allem, weil Russland und China die Abriegelung mittrugen und Pjöngjang der Zugang zu Treibstoff und Devisen versperrt blieb, ebenso zu den Exportmärkten. Heute kauft Russland genau die Rüstungsgüter, gegen die sich die Beschränkungen richteten, und liefert zugleich, was sie vorenthalten sollten. Aus Moskau kommt zudem Militärtechnik, von der Luftabwehr bis zur Raketen- und Satellitentechnik, für eine Armee, die noch weithin auf sowjetischem Gerät steht.
Das Gewicht dieser Wende zeigt sich an Putin selbst. 2017 verurteilte er die nordkoreanischen Atomtests noch als eindeutig und versicherte, Russland halte sich vollständig an die Beschlüsse des Sicherheitsrats. 2024 reiste er nach Pjöngjang und unterschrieb einen Vertrag über gegenseitige Verteidigung. Munition im Wert von Milliarden ließ er zugleich kaufen. Im März 2024 blockierte Moskau die Verlängerung jener UN-Expertengruppe, die über die Sanktionen wachte, und nahm dem Sicherheitsrat damit eines seiner schärfsten Werkzeuge aus der Hand.

Nordkoreas alte Last ist zu seinem Pfund geworden. Schon im Koreakrieg griff das kommunistische China ein, aus Furcht vor einem Washington zugewandten Nachbarn an seiner Grenze, und bis heute ist Nordkorea Pekings einzige Pflicht zur gemeinsamen Verteidigung. Seit dem Ende des Kalten Krieges hatte Pjöngjang seinen großen Nachbarn wenig zu bieten, ein zu armer Binnenmarkt und ein steter Strom von Skandalen um das Atomprogramm. Der Krieg drehte das um. Was das Land zur Bürde machte, seine Waffen und seine Bereitschaft, sie zu liefern, wurde plötzlich gefragt.
Die neue Eigenständigkeit hat auch Peking wieder in Bewegung gebracht. Im Juni 2026 besuchte Xi Jinping erstmals seit 7 Jahren Nordkorea und sagte weitere Unterstützung zu. Indem Moskau Kim eine weitere Quelle der Hilfe eröffnete, zwang es Peking zurück in den Wettbewerb. Kim nimmt heute Wirtschaftshilfe aus China und Waffen aus Russland. Er hält beide auf Abstand und lässt keinen seinen Einfluss für selbstverständlich nehmen.
Die Geometrie der neuen Weltordnung
Was sich in Peking abzeichnet, ist mehr als symbolische Politik. Die vertiefte Kooperation zwischen Moskau, Peking und Pjöngjang hat konkrete Auswirkungen auf die globale Sicherheitsarchitektur. Nordkoreas massive Munitionslieferungen an Russland – Experten sprechen von Millionen Artilleriegeschossen und zehntausenden Soldaten – haben den Verlauf des Ukraine-Krieges beeinflusst. Im Gegenzug erhält Pjöngjang nicht nur wirtschaftliche Unterstützung, sondern möglicherweise auch fortgeschrittene Militärtechnologie, die das nordkoreanische Raketenprogramm auf eine neue Stufe heben könnte.

China, das 98 Prozent von Nordkoreas Außenhandel kontrolliert und Russlands wichtigster Wirtschaftspartner geblieben ist, spielt in dieser Konstellation eine Schlüsselrolle. Pekings Strategie ist subtiler als die offene Konfrontation Moskaus oder die Provokationen Pjöngjangs, aber nicht weniger wirkungsvoll. Durch die Aufrechterhaltung wirtschaftlicher Verbindungen zu beiden Ländern unterläuft China faktisch westliche Sanktionsregime und schafft einen alternativen Wirtschaftsraum, der sich westlichem Einfluss zunehmend entzieht.

In einem Sonderzug, schwer gepanzert und eskortiert, reiste der nordkoreanische Diktator am 1. September 2025 über die Grenze nach China, um an den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs teilzunehmen.
Die Unterzeichnung des Verteidigungspakts zwischen Putin und Kim im Juni dieses Jahres, der gegenseitigen militärischen Beistand vorsieht, hat die Sicherheitsgleichung in Ostasien fundamental verändert. Zwar hat China sich formal nicht diesem Pakt angeschlossen, doch die demonstrative Einheit bei der Militärparade sendet ein deutliches Signal: Diese drei Mächte sehen sich als Gegengewicht zur westlich dominierten internationalen Ordnung.
Deshalb braucht Pjöngjang die Annäherung an Washington nicht mehr so dringend wie 2018, als Trump und Kim sich als erste Staatschefs ihrer Länder überhaupt gegenübersaßen. Damals war das Land beinahe abgeschnitten, und die USA konnten mit gelockerten Sanktionen und normalen Beziehungen locken. Heute hat Kim sein Arsenal behalten und sein Raketenprogramm ausgebaut. Seinen Handel hat er wiederhergestellt. Vieles, was einst nur eine Einigung mit Amerika versprach, hat er sich anders geholt.
Trump drängt seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus auf neue Gespräche. Am 16. August ordnete er wenige Stunden vor Beginn des jährlichen Manövers „Ulchi Freedom Shield“ mit Südkorea an, dessen Umfang stark zu verkleinern. Die Übungen seien teuer und sendeten ein vollkommen unangebrachtes und feindseliges Zeichen an Pjöngjang, das sich unter ihm harmlos und respektvoll verhalten habe. Aus 11 Tagen wurden fünf Tage. Seine Begründung ist ungewöhnlich offen: Seoul habe sich geweigert, die USA bei der Entnuklearisierung Irans zu unterstützen, außerdem habe Nordkorea sich während seiner Amtszeit „nicht bedrohlich und respektvoll“ verhalten. Die Übungen seien teuer und gegenüber Pjöngjang unangemessen feindselig, schrieb Trump. Weil eine vollständige Absage wenige Tage vor Beginn nicht mehr möglich sei, habe er Kriegsminister Pete Hegseth angewiesen, den Umfang erheblichSpäter sagte Washington auch gemeinsame Landungsübungen für September ab. Der Grund war nicht diplomatische Rücksicht, sondern fehlende Truppen. Der Krieg mit Iran bindet inzwischen so viele amerikanische Kräfte, dass Washington für die Manöver auf Divisionsniveau nicht mehr genug Personal bereitstellen konnte.

Da Nordkorea solche Manöver als Probe für einen Einmarsch liest, wirkt das wie ein Entgegenkommen, für das Trump nicht einmal ein Treffen mit Kim verlangte. Ob auch sein Ärger mitspielte, dass Seoul ihn im Krieg gegen Iran nicht stützte, bleibt offen. Ähnlich handelte er schon 2018, nach dem ersten Treffen in Singapur. Damals aber lief die stärkste Annäherung zwischen Nord und Süd seit der Teilung, Moon Jae In und Kim hatten erklärt, es werde zwischen beiden Koreas keinen Krieg mehr geben.
Von dieser Nähe ist nichts geblieben. Pjöngjang hat die Wiedervereinigung verworfen und den Süden zum Feind erklärt. Straßen und Gleise, die beide Seiten einst verbinden sollten, ließ es zerstören. Kim betrachtet seine Atomwaffen nicht mehr als Verhandlungsmasse. Sie sind ihm Bestandteil des Staates und Garantie seiner Souveränität. Der Krieg der USA gegen Iran habe ihm bestätigt, so Fachleute, dass der Angriff auf Teheran nur möglich gewesen sei, weil dem Land die nukleare Abschreckung fehlte. Ein Treffen mit Trump sei jederzeit denkbar, heißt es aus Seoul, doch zu ganz anderen Bedingungen als früher.
Auf der Halbinsel selbst liegt das Gewicht weiter klar im Süden. 2025 lag Südkoreas Volkseinkommen 56-mal höher als das des Nordens, allein der Wehretat Seouls übertrifft die geschätzte Wirtschaftsleistung Pjöngjangs. Die Volksarmee ist zahlreich, doch technisch unterlegen und auf altes Gerät angewiesen. Nur an einer Stelle schmilzt der Abstand, in der Bevölkerung. Südkoreas Geburtenrate fiel 2025 auf 0,8 Kinder je Frau, zwischen 2019 und 2025 sank die Zahl der 20-jährigen Männer um 30 Prozent, das Heer schrumpfte um 20 Prozent auf 450.000. Rund 50.000 Mann fehlen, aufgefangen bislang durch stärkere Rekrutierung und durch Technik.

Das 129-seitige Dokument stammt vom Institut für Friedens- und Vereinigungsstudien der Seoul National University. Die Studie trägt den Titel „Gesellschaftlicher Wandel in Nordkorea 2012-2020“ und untersuchte, wie sich das Alltagsleben, soziale Strukturen und die nordkoreanische Gesellschaft in diesen Jahren verändert haben. Sie gehört zur wissenschaftlichen Reihe des Instituts und dient als südkoreanische Forschungsgrundlage zur Entwicklung Nordkoreas unter Kim Jong Un
Auch im Norden liegt die Geburtenrate mit 1,8 unter dem Erhalt der Bevölkerung, und seit 2020 schwindet der arbeitsfähige Teil um fast 1 Prozent im Jahr. Kim schickt junge Menschen in Bergwerke und aufs Feld und zieht verheiratete Frauen in die Fabriken. Der Vorsprung des Nordens ist nur ein Aufschub, denn dieselbe Not kommt später auch über ihn, mit weniger Mitteln, sie abzufedern. Doch der Aufschub könnte reichen, um das Gleichgewicht zu verrücken, bevor es so weit ist.
Seit den späten 1980er-Jahren arbeitete die Zeit für Seoul, die Wirtschaft wuchs und die Armee wurde stärker, während der Norden verarmte. Dass die Zeit allein für den Süden läuft, lässt sich nicht mehr sagen. Setzen Trump und Kim sich wieder an einen Tisch, treffen die USA nicht mehr den abgeschnittenen Außenseiter von 2018. Sie treffen ein Land, das gelernt hat, im Zerfall der alten Ordnung zu seinen eigenen Bedingungen zu bestehen.
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