Der Mann, den niemand erwartet hatte – Wie ein Krieg gegen Iran offenbar weit mehr werden sollte

VonRainer Hofmann

Mai 20, 2026

Wenige Tage nach Beginn des Krieges hatte Donald Trump öffentlich erklärt, es wäre am besten, wenn „jemand aus dem Inneren“ Irans die Führung übernehmen würde. Damals wirkte die Bemerkung wie einer jener Sätze, die schnell ausgesprochen werden und ebenso schnell wieder verschwinden. Nun zeichnen Berichte amerikanischer Regierungsvertreter ein deutlich größeres Bild. Demnach ging es hinter verschlossenen Türen offenbar um weit mehr als Raketenstellungen, Atomanlagen oder militärische Infrastruktur. Im Hintergrund soll ein Plan existiert haben, der auf einen politischen Umbau Irans abzielte. Noch erstaunlicher als dieser Gedanke selbst ist allerdings die Person, die dabei nach Angaben mehrerer Beteiligter eine Rolle gespielt haben soll: Mahmoud Ahmadinedschad.

Für viele Menschen außerhalb Irans gehört Ahmadinedschad zu den bekanntesten Gesichtern der Islamischen Republik. Zwischen 2005 und 2013 führte er das Land als Präsident. Seine Jahre an der Macht waren geprägt von scharfen Angriffen auf Israel, offenen Konflikten mit den Vereinigten Staaten, harter Unterstützung des iranischen Atomprogramms und einem kompromisslosen Vorgehen gegen innenpolitische Gegner. International wurde er zum Symbol einer aggressiven Linie Teherans. Umso erstaunlicher erscheint nun die Vorstellung, dass amerikanische und israelische Stellen ausgerechnet ihn später als mögliche Figur einer neuen Ordnung betrachtet haben sollen.

Nach Angaben mehrerer amerikanischer Quellen sollen israelische Planer innerhalb eines größeren Konzeptes sogar direkt mit Ahmadinedschad gearbeitet haben. Berichten zufolge sei er über Teile des Vorhabens informiert worden. Das Ziel soll weit über militärische Schläge hinausgegangen sein. Hinter den Luftangriffen habe demnach ein mehrstufiges Konzept gestanden, an dessen Ende eine neue politische Führung in Teheran stehen sollte.

Doch bereits am ersten Kriegstag geriet der Plan offenbar aus der Bahn

Nach Aussagen amerikanischer Regierungsvertreter und Personen aus Ahmadinedschads Umfeld wurde sein Wohnumfeld in Teheran Ziel eines israelischen Angriffs. Der Schlag soll nicht darauf ausgerichtet gewesen sein, Ahmadinedschad zu töten, sondern ihn aus einem faktischen Hausarrest zu befreien. Ahmadinedschad wurde dabei verletzt, überlebte jedoch. Menschen aus seinem Umfeld erklärten später, dass ihn der Angriff tief erschüttert habe. Danach habe er zunehmend Abstand zu den Überlegungen eines politischen Umbaus genommen.

Seitdem ist Ahmadinedschad öffentlich kaum noch aufgetreten. Über seinen Aufenthaltsort und seinen Gesundheitszustand existieren widersprüchliche Angaben.

Zusätzliche Verwirrung entstand bereits in den ersten Kriegstagen. Am 1. März berichteten mehrere Medien unter Berufung auf israelische Angaben, Mahmoud Ahmadinedschad sei bei israelischen Luftangriffen getötet worden. Die Meldungen verbreiteten sich innerhalb weniger Stunden weltweit. Doch kurz darauf entstanden erhebliche Widersprüche. Iranische Stellen konnten seinen Tod zunächst nicht bestätigen. Später erklärten Personen aus seinem Umfeld sogar, Ahmadinedschad habe den Angriff überlebt. Aus einer vermeintlich gesicherten Todesmeldung wurde damit einer jener Momente, die Kriege immer wieder begleiten: Informationen rasen um die Welt, während gesicherte Fakten oft deutlich langsamer eintreffen.

Schon die Auswahl Ahmadinedschads wirkt ungewöhnlich. Selbst ungewöhnlich wäre vermutlich noch zu schwach formuliert. Während seiner Präsidentschaft war er bekannt für Aussagen, die weltweit Empörung auslösten. Er unterstützte das iranische Atomprogramm offen und gehörte zu den schärfsten Gegnern amerikanischer und israelischer Politik. Gleichzeitig war seine politische Entwicklung in den vergangenen Jahren komplizierter geworden.

Das Verhältnis zur Führung in Teheran verschlechterte sich zunehmend. Ahmadinedschad beschuldigte Teile des Systems der Korruption und des Machtmissbrauchs. Mehrfach versuchte er erneut als Präsidentschaftskandidat anzutreten. In den Jahren 2017, 2021 und 2024 blockierte der Wächterrat seine Kandidatur. Unterstützer wurden festgenommen. Seine Bewegungen wurden eingeschränkt. Innerhalb der Führung galt er zunehmend als schwer kontrollierbar.

Dennoch blieb die Frage bestehen, warum ausgerechnet jemand wie Ahmadinedschad als denkbare Figur betrachtet worden sein soll.

Nach Aussagen amerikanischer Stellen wurde zu Beginn des Krieges nach Personen gesucht, die innerhalb des iranischen Systems arbeiteten, aber gleichzeitig bereit sein könnten, mit den Vereinigten Staaten zusammenzuarbeiten. Dabei soll es nicht um klassische Oppositionelle gegangen sein. Vielmehr sei nach Personen gesucht worden, die innerhalb der Machtstrukturen über Beziehungen verfügten und gleichzeitig bereit gewesen wären, eine andere politische Richtung einzuschlagen.

Selbst innerhalb amerikanischer Kreise sollen erhebliche Zweifel bestanden haben. Mehrere Regierungsvertreter sollen die Vorstellung skeptisch betrachtet haben, Ahmadinedschad wieder in eine führende Rolle zu bringen.

Während das Weiße Haus öffentlich erklärte, die militärischen Ziele seien begrenzt gewesen, zeichneten interne Gespräche offenbar ein größeres Bild. Nach Angaben israelischer Verteidigungsvertreter sollte der Krieg mehrere Phasen durchlaufen. Zunächst sollten Luftangriffe und die Ausschaltung zentraler Führungspersonen die Machtstruktur erschüttern. Parallel dazu soll über Einflusskampagnen und zusätzliche Kräfte innerhalb des Landes weiterer Druck entstehen.

Die Hoffnung dahinter war offensichtlich. Die Führung in Teheran sollte Kontrolle verlieren. Danach sollte eine alternative Regierung entstehen.

Ein wesentlicher Teil dieser Überlegungen scheint jedoch nie Wirklichkeit geworden zu sein.

Am ersten Kriegstag trafen israelische Luftschläge mehrere Ziele in Teheran. Nach den vorliegenden Berichten wurde dabei auch Ayatollah Ali Khamenei getötet, der bis zu seinem Tod als Oberster Führer Irans die höchste politische und religiöse Autorität des Landes gewesen war. Khamenei starb am 28. Februar 2026. Mit seinem Tod verlor die Islamische Republik ihre zentrale Machtfigur, deren Einfluss sich über Militär, Justiz und nahezu alle entscheidenden staatlichen Strukturen erstreckte. Doch die erwartete politische Kettenreaktion blieb aus. Die Führung brach nicht zusammen. Das politische System blieb handlungsfähig.

Gerade dieser Punkt scheint rückblickend eine der größten Fehleinschätzungen gewesen zu sein. Die Vorstellung, dass militärischer Druck allein ausreichen könnte, um eine bestehende Machtstruktur rasch zusammenbrechen zu lassen, erwies sich offenbar als deutlich komplizierter als angenommen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Ahmadinedschads Kontakte außerhalb Irans. In den vergangenen Jahren hatte er Reisen unternommen, die Spekulationen auslösten. 2023 reiste er nach Guatemala. 2024 und 2025 besuchte er Ungarn. Dort sprach er an einer Universität mit Verbindungen zum damaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der als enger Verbündeter Benjamin Netanjahus gilt.

Kurz vor Beginn der Angriffe auf Iran kehrte Ahmadinedschad aus Budapest zurück. Als der Krieg begann, fiel vielen Beobachtern auf, wie ungewöhnlich zurückhaltend er sich verhielt. Für jemanden, der Israel über Jahre als Hauptgegner dargestellt hatte, blieb seine öffentliche Reaktion auffallend leise.

Selbst Monate später scheinen Teile der damaligen Überlegungen nicht vollständig verschwunden zu sein. Nach Angaben mehrerer Personen soll David Barnea, der Leiter des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, intern weiterhin die Ansicht vertreten haben, dass der Plan bei vollständiger Umsetzung gute Erfolgschancen gehabt hätte.

Ob Ahmadinedschad jemals tatsächlich bereit gewesen wäre, eine solche Rolle anzunehmen, bleibt offen.

Fest steht lediglich etwas anderes. Hinter den offiziellen Erklärungen über Raketen, Infrastruktur und militärische Ziele scheint sich ein wesentlich größeres Vorhaben verborgen zu haben. Und ausgerechnet der Mann, der einst weltweit zum Gesicht der kompromisslosen iranischen Linie geworden war, soll dabei plötzlich Teil einer völlig anderen Rechnung geworden sein.

Fortsetzung folgt …

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Ela Gatto
1 Stunde vor

Was für eine Recherche!

Wenn man das liest, würde man denken, dass Hollywood übertreibt.

Aber 2026 übertrumpft die Realität jede Dystopie.

Die USA haben aus der Geschichte nichts gelernt.
Afghanistan, Syrian, Iran und Iran.

Der Iran ist nicht Venezuela.
Wo man Jemanden aus dem „inneren Kreis“ an die Macht bringt und den dann kontrolliert.

Israel und USA müssen ja derart dumm sein, den Wolf im Schafspelz –Ahmadinedschad- an die Spitze bringen zu wollen.

Einen Antisemiten, USA Hasser, islamischen Hardliner.
Der soll dann nach der Pfeife der USA und Israel tanzen? Haben die sich das echt so vorgestellt?

Dazu fällt mir echt nichts mehr ein.



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