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Klimawandel: Sie sticht bei Tag und wandert nach Norden: die Tigermücke erobert Europa

VonTEAM KAIZEN BLOG

30. Juli 2026

Im September 2024 kamen in der Küstenstadt Fano an der italienischen Adria Patienten in die Notaufnahme, deren Beschwerden niemand recht deuten konnte. Ein Ausschlag an Händen und Füßen, dazu Fieber und ein rebellierender Magen. Die Ärzte schickten Probe um Probe ins Labor, bis eine anschlug, positiv auf Dengue, eine von Mücken übertragene Viruskrankheit, die man sonst aus den Tropen kennt. Man prüfte die Übrigen, und auch sie trugen das Virus. Das Rätselhafte war, dass keiner von ihnen verreist gewesen war. Das Einzige, was sie verband, war der Besuch eines bestimmten Viertels von Fano.

Es war nicht das erste Mal, dass sich Dengue auf dem europäischen Festland vor Ort ausbreitete, aber es war das größte Mal. 199 Fälle wurden zwischen Mitte August und Mitte Oktober 2024 gezählt. In denselben Jahren meldeten europäische Länder auch andere von Mücken getragene Viren, das Chikungunya-Fieber, das die Gelenke schwellen lässt, und das West-Nil-Virus. In einer sich erwärmenden Welt bleiben die sogenannten Tropenkrankheiten nicht länger den Tropen vorbehalten. Die Hauptverantwortliche trägt einen Namen, der schon eine Wanderung erzählt. Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke, längst auf allen Kontinenten heimisch. Anders als viele ihrer Verwandten sticht sie bei Tag wie bei Nacht. In Europa hat sie sich vor allem im Süden festgesetzt, und sie wird nach Norden ziehen, sagt Riccardo Moretti, der an der italienischen Forschungsagentur ENEA seit über 20 Jahren an ihr arbeitet.

Am wohlsten ist ihr zwischen 20 und 30 Grad, doch sie hält auch bei etwa 10 Grad noch aus. Schon jetzt, sagt Moretti, gebe es Bedingungen, die ihre Ausbreitung selbst in England erlaubten, vorerst nur im wärmsten Teil des Jahres. Weiter südlich aber dehnt sich ihre Zeit. In Griechenland hätten Forscher noch im Dezember 2025 erwachsene Tiere schwirren sehen und schon im März 2026 wieder, den Winter überstehen sie als Ei. Es bestehe die konkrete Gefahr, dass in wenigen Jahren eine Population das ganze Jahr überlebe.

Bislang treten die Krankheitsfälle in Europa gegen Ende des Sommers auf. Dann sind die Mücken am zahlreichsten, und dann kehren die Menschen von Reisen zurück. Einer schleppt unwissentlich eine hier fremde Ansteckung ein, wird gestochen, die Mücke sticht weiter, und die Krankheit macht die Runde. Kühlt es ab, erlahmen die Tiere, und die Fälle ebben ab. Wird die Saison länger, häufen sie sich. Am Ende droht Dengue in Teilen Europas heimisch zu werden. Es ist ein Unterschied ums Ganze, ob man es mit gelegentlicher Übertragung zu tun habe oder mit einem Dauerzustand der Möglichkeit.

Wie viel 2 Grad wiegen, zeigt eine Untersuchung aus diesem Jahr. Sie fand, dass die Tigermücke das Chikungunya-Virus schon bei 14 Grad weitergibt statt erst bei 16, was Ausbrüche in den meisten Ländern Europas und über längere Zeiträume ermöglicht. Diese Differenz von 2 Grad wiege schwer, wenn von der Erderwärmung die Rede sei, sagt Sandeep Tegar, der die Studie am britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie leitete. Doch wärmer heißt nicht ohne Weiteres besser für die Mücke. Über 35 Grad kämpft sie ums Überleben. Der Süden Frankreichs und Spaniens, von Hitzewellen und Bränden gezeichnet, könnte in diesem Jahr sogar weniger Mücken sehen. Es sei keine gute Mückensaison gewesen, sagt der Ökologe Frederic Bartumeus vom spanischen Forschungszentrum CEAB, zu heiß und zu trocken. Ebenso zählt der Regen, denn zum Brüten braucht die Mücke stehendes Wasser. Fällt zu wenig, fehlen die Brutstätten, fällt zu viel, spült es sie fort, erklärt Felipe Colón González von der britischen Stiftung Wellcome. Dazu kommt die Feuchtigkeit, dazu die Wirkung des Klimas auf die Viren selbst und auf das Verhalten der Menschen. Das macht jede Vorhersage schwierig und die fortlaufende Beobachtung unverzichtbar.

Felipe Colón González, rechts im Bild

Man kann die Populationen zurückdrängen, wenn man früh genug zugreift. Morettis Team ließ in Italien über 1 Million männliche Mücken frei, die so verändert waren, dass die Weibchen nach der Paarung unfruchtbare Eier legten. Die Zahl der befruchteten Eier sank deutlich. Nur war die Zucht in einer eigenen Fabrik teuer, die Tiere stammten aus dem Debug-Programm von Google in Miami und mussten nach Italien verschifft werden. Ausrotten lasse sich die Mücke ohnehin nicht, sagt Moretti, dazu besiedle sie neue Gebiete zu geschickt. Es gehe darum, das Risiko der Übertragung drastisch zu senken.

Und hier liegt die eigentliche Prüfung. Sie besteht nicht darin, den nächsten Ausbruch vorherzusagen, sondern ein System zu bauen, das reagieren kann, wenn das Risiko sich zeigt, sagt Colón González. Darin hat Europa einen Vorsprung, denn verlässliche Gesundheits- und Meldesysteme halten die Fallzahlen bislang niedriger als in anderen Weltgegenden ähnlichen Klimas. Der Vorsprung ist ein geliehener, und er hält nur, solange man ihn pflegt.

Denn die Gewöhnung hat längst begonnen. In Spanien haben Menschen Netze an den Fenstern und leeren regelmäßig das stehende Wasser aus den Blumentöpfen. Abends, wenn die Menschen hinausgehen, tragen viele lange Hosen und ein Mittel gegen die Stiche ist oftmals auch dabei. Einfache Dinge, mehr kann man nicht tun. Bald bekommt die Tigermücke Gesellschaft. Die Gelbfiebermücke, Aedes aegypti, hat sich auf Zypern und auf Madeira eingerichtet und trägt außer dem Gelbfieber auch Dengue, Chikungunya und Zika. Kälte verträgt sie schlechter, doch auf Frachtwegen wagt sie Ausflüge nach Norden. Ihr jüngstes Ziel war eine Tankstelle in Luxemburg.

Am Ende schmilzt mit den Graden eine Grenze, die es nur in unseren Köpfen gab. Das Wort tropisch war stets eine Ortsangabe, und die Natur hat unsere Landkarten nie gelesen. Sie kennt keine Ferne, nur Temperaturen, und wo diese steigen, rückt näher, was wir für weit weg hielten.

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