Unter demselben Regen – Als Nordkoreas Fußballerinnen eine vergessene Grenze für einen Abend durchbrachen

VonRainer Hofmann

Mai 21, 2026

Es regnete an diesem Abend, und der Regen machte keinen Unterschied. Er fiel auf den Rasen, auf dem geschubst und getreten und geflucht wurde, und er fiel auf die Tribünen, wo alte Menschen unter durchsichtigen Mänteln saßen und in beiden Händen die Fahnen beider Mannschaften hielten. Vielleicht war das der erste stille Satz dieses Abends. Der Himmel kennt die Grenze nicht, die Menschen unter ihm gezogen haben. Während unten ein Halbfinale der Asiatischen Frauen-Champions-League lief, suchten oben Menschen nach etwas, das auf keinem Spielplan stand.

Acht Jahre lang hatte niemand aus Nordkorea den Boden des Südens betreten. Man muss sich klarmachen, was diese Zahl bedeutet, denn sie ist mehr als eine Zahl. Zwischen beiden Staaten gibt es keine Leitung, durch die ein Wort fließen könnte, keinen Brief, der ankommt, keinen gemeinsamen Morgen. Als der Naegohyang Women’s Football Club ankam, war es, als betrete jemand einen Raum, dessen Tür man längst zugemauert geglaubt hatte. Die Grenze zwischen Nord und Süd ist eine der bestbewachten der Welt, aber das ist nur ihre äußere Wahrheit. Ihre innere Wahrheit ist, dass sie nicht durch Land verläuft, sondern durch Menschen. Durch Familien, durch Erinnerungen, durch das, was Mütter ihren Kindern noch erzählen konnten und was Enkel schon nicht mehr verstehen.

Naegohyang Frauenfußball-Club aus Nordkorea

Denn der Krieg hat damals nicht nur ein Land geteilt, er hat Familien zerschnitten wie mit einer Schere, die niemand führte und doch jeder spürte. Eltern hier, Kinder dort. Geschwister, die sich zum letzten Mal sahen, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal war. Die Jahrzehnte taten danach, was Jahrzehnte tun. Sie ließen die Menschen alt werden und dann verschwinden, und mit jedem, der ging, schloss sich eine Tür, hinter der ein Wiedersehen gewartet hatte, das nie kam. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum für die Alten auf den Rängen ein Fußballspiel kein Fußballspiel war. Es war ein Fenster. Klein, beschlagen, für ein paar Stunden offen.

Darum hatten Bürgergruppen Freiwillige zusammengerufen, damit die Gäste aus dem Norden sich nicht fremd fühlten in einem Land, das einmal ihr eigenes war. Vor dem Stadion schlugen Musiker auf Trommeln und Metallgongs und riefen die Namen beider Mannschaften in den nassen Abend. Es war der Versuch, mit Lärm zu sagen, was sich mit Worten nicht mehr sagen ließ. Wir sehen euch noch.

Die Ankunft des Naegohyang Frauenfußball-Club aus Nordkorea

Und doch ließ derselbe Abend keinen Zweifel daran, wie kalt es zwischen beiden Seiten geworden ist. Die nordkoreanische Mannschaft wollte nicht unter demselben Dach schlafen wie das Heimteam. Man musste in aller Eile andere Zimmer finden. Die Vereinigungsflagge, die einmal das Bild eines gemeinsamen Korea trug, blieb verboten, und auch die Nationalflaggen durften nicht gezeigt werden. So sah die Begegnung aus. Man kam zusammen, aber jede Geste wurde im selben Moment wieder eingefangen, in dem sie entstand. Nähe unter Aufsicht ist eine seltsame Form von Nähe, und doch war sie mehr als nichts.

Der Cheftrainer des nordkoreanischen Frauenfußballclubs Naegohyang Women’s FC erklärte, dass sich sein Team ausschließlich auf das Spiel gegen Suwon FC Women konzentriere und nicht auf die südkoreanischen Fans, die angekündigt haben, beide Mannschaften anzufeuern.

Auf dem Platz selbst sprach Suwons Trainer Park Kil young von einem Krieg ohne Waffen. Nordkoreas Kapitänin Kim Kyong yong sagte vor dem Anpfiff, ihre Mannschaft wolle das Vertrauen ihrer Familien und ihrer Landsleute nicht enttäuschen. Südkoreas Ji So yun antwortete im selben Ton. Werde geflucht, werde zurückgeflucht. Werde getreten, werde zurückgetreten. Es klingt nach Härte, und doch liegt etwas Versöhnliches darin. Wer zurückflucht, erkennt sein Gegenüber als gleichwertig an. Auch der Zorn ist ein Eingeständnis, dass der andere wirklich da ist.

Naegohyang, Nordkorea gewann mit zwei zu eins, Suwon vergab einen Strafstoß, der das Spiel hätte drehen können. Aber wer an diesem Abend dabei war, wird sich an das Ergebnis kaum erinnern. Was blieb, war eine andere Erkenntnis. Unter dem Regen wurde sichtbar, dass die Teilung längst nicht mehr nur zwei Staaten trennt, sondern zwei Zeiten. Die Alten halten an der Hoffnung auf ein vereintes Korea fest, weil sie es noch kennen oder von denen gehört haben, die es kannten. Den Jungen ist Nordkorea fern geworden, ein Thema aus einem anderen Jahrhundert, fast die Geschichte eines fremden Volkes statt der eigenen halben Heimat.

Vielleicht ist das die leise Tragödie hinter diesem Spiel. Eine Grenze trennt am Anfang Menschen, doch wenn man sie lange genug bestehen lässt, trennt sie am Ende die Erinnerung von der Gegenwart. Was den einen noch wehtut, ist für die anderen nur noch eine Linie auf der Karte. Und trotzdem geschah unter diesem Himmel für wenige Stunden etwas Seltenes. Aus Parolen wurden wieder Gesichter. Aus einem verschlossenen Land wurden wieder Menschen, die rennen, schwitzen, verlieren und gewinnen wie alle anderen auch. Es brauchte dafür keinen Vertrag und keine Rede. Es brauchte ein Spiel, einen nassen Abend und Menschen, die bereit waren, nebeneinander auszuharren, während es auf sie alle herabfiel. Vielleicht fängt Versöhnung nirgends anders an. Nicht mit einer großen Lösung, sondern mit dem schlichten Gefühl, dass der Regen, der auf den Norden fällt, derselbe ist, der auf den Süden fällt.

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1 Kommentar
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Ela Gatto
19 Tage vor

Ein interessanter Bericht, Rainer.

Aber auch irgendwie Wasser auf den Mühlen, die behaupten Fußball (Sport) verbindet und ist nicht politisch.

Die Jahrzehnte der Gehirnwäsche in Nordkorea haben nicht nur Spuren hinterlassen.
Sie haben die Menschen „umgeprägt“

Wie damals in der DDR.
Wobei da die Zeit der „Nicht Kommunikation mit dem Westen“ kürzer war.
Menschen aus dem Westen ihre Verwandten in der DDR besuchen konnten.

All das haben Nord- und Südkorea nicht.

Mit Kim und seiner Entourage wird sich nichts ändern.
Eher wird Südkorea „einverleibt“, als dass sich der Norden etwas öffnet.

Die Familien sind in der Zwischenzeit so entfremdet, dass sie sich als Fremde gegenüber stehen würden 😞

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