Tschernobyl lebt noch – in den Wäldern Bayerns

VonRainer Hofmann

April 19, 2026

39 Jahre nach der Explosion im Reaktorblock vier des Kernkraftwerks Tschernobyl schießen Jäger in deutschen Wäldern Wildschweine und schicken das Fleisch nicht in den Handel. Nicht weil es zäh wäre oder krank. Sondern weil es strahlt.

2025 wurden in Deutschland 2.927 erlegte Wildschweine mit einer Radioaktivität über dem gesetzlichen Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Das ist kein Ausreißer, kein Einzelfall, kein Relikt aus einer vergessenen Debatte. Das ist der Alltag des deutschen Forstes, vier Jahrzehnte nach einer Katastrophe, die offiziell als bewältigt gilt.

Der Mechanismus ist so simpel wie unaufhaltsam. Die Waldböden in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen tragen noch immer Cäsium-137 in sich – eingetragen durch den radioaktiven Niederschlag, der sich nach der Explosion vom 26. April 1986 über Europa verteilte. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren. Das bedeutet, dass der Stoff noch bis weit in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts hinein messbar im Boden verbleiben wird. Pilze und Waldpflanzen nehmen das Cäsium aus dem Boden auf. Wildschweine fressen Pilze. Und so wandert die Strahlung von 1986 in das Tier von 2025.

Bayern trägt die größte Last. Rund 2.300 der 2.927 betroffenen Tiere wurden dort registriert. Baden-Württemberg folgt mit 491 Fällen, Sachsen mit 109, Thüringen mit 18. Das sind die Regionen, über die der radioaktive Regen damals am stärksten niederging – kein Zufall, sondern Geografie und Wetterlagen vom April 1986, die bis heute ihre Spur hinterlassen.

Fleisch, das den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm überschreitet, darf nicht verkauft werden. Die Tiere werden entsorgt. Für jeden erlegten erwachsenen Eber zahlt der Staat 204,52 Euro Entschädigung an den Jäger, für ein Jungtier 102,26 Euro. Über die Summe der ausgezahlten Entschädigungen wird die Zahl der betroffenen Tiere überhaupt erst erfasst – es gibt keine flächendeckende Beprobung, nur den Umweg über die Jagd und das Geld.

Was sich verändert hat, ist die Zahl. 2022 waren es noch rund 7.500 strahlende Wildschweine. 2025 sind es knapp 3.000. Die Kurve zeigt nach unten, Experten sprechen von einer langsamen Verbesserung. Das stimmt – aber es verdeckt, dass 39 Jahre nach Tschernobyl noch immer fast drei Tausend Tiere pro Jahr aus dem deutschen Wald geholt werden müssen, weil ihr Fleisch zu radioaktiv für den menschlichen Verzehr ist.

Tschernobyl ist kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist ein Prozess mit einer langen Zeitachse, der sich still in den Böden und Körpern vollzieht, ohne Aufmerksamkeit zu verlangen und ohne auf Erinnerung angewiesen zu sein. Die Wälder erinnern sich selbst.

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Lili Fullerton-Schnell
Lili Fullerton-Schnell
2 Tage vor

Danke für die interessante Info über die Folgen von Tschernobyl und infolgedessen die Cäsiumbelastung bei Wildschweinen.

Anja
Anja
2 Tage vor

Wir haben den Regen in Baden Württemberg mitbekommen, da wusste man noch nichts von dem Unfall und im Strahleninstitut ging der Alarm los, als kontaminierte Mitarbeiter hinein wollten. Erst danach gab es erste offizielle Meldungen.

Ela Gatto
1 Tag vor

Eine interessante Recherche.

Der Boden vergisst nicht.
Radioaktivität baut sich leider nur langsam ab.

Das es sich derart in Wildschweinen ablagert, war mir nicht bewusst.
Ob das auch für Rotwild in der Region gilt?

Ich kann mich noch gut an die ersten Fernsehbilder erinnern.
Die Warnungen keine heimischen Pilze zu Essen.
Von Wild war da nie die Rede.

Nach gut 5 Jahren wurden die Warnungen für Pilze aufgehoben.

Wobei eigentlich Jedem, der etwas Ahnung von Chemie hat, dass 5 Jahre zu kurz sind

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