Welcome to The Kaizen Blog   Click to listen highlighted text! Welcome to The Kaizen Blog

Trump wünscht sich ein Betteln, Italien bettelt nicht

VonTEAM KAIZEN BLOG

Juni 19, 2026

Donald Trump behauptete im italienischen Fernsehen, Regierungschefin Giorgia Meloni habe ihn beim G7-Gipfel um ein Foto angefleht, er habe nur aus Mitleid zugestimmt. Rom reagierte scharf, der Außenminister sagte seine Reise nach Washington ab, und Meloni antwortete, Italien und sie bettelten nicht.

Am Freitagmorgen, im Gespräch mit dem italienischen Sender La7, sollte Trump über die Ukraine sprechen. Stattdessen kam er auf Giorgia Meloni und gab seine Fassung ihrer Begegnung beim G7-Gipfel zum Besten. Sie sei wohl froh, dass er mit ihr geredet habe, er habe gar nicht mit ihr reden müssen, sie habe ihn so sehr um ein Foto angefleht, eigentlich hätte er es nicht getan, doch sie habe ihm leidgetan. In seiner Erzählung also stand die Regierungschefin Italiens vor ihm wie eine Bittstellerin, und er, der Großmütige, gewährte ihr die Gunst aus Mitleid.

Die Begegnung war gefilmt. Man sah die beiden in Evian mehrfach miteinander reden, an einer Stelle allein auf einem kleinen Sofa. La7, das ihm die Worte entlockte, zeigte sie in einer nachgesprochenen italienischen Fassung, nicht im englischen Original. So lebt das Betteln in der Nacherzählung, nicht in den Aufnahmen.

Rom ließ es nicht durchgehen. Außenminister Antonio Tajani sagte seine für den 21. und 22. Juni geplante Reise in die Vereinigten Staaten kurzerhand ab und nannte Trumps Worte schwer und beleidigend, für Meloni und für ganz Italien.

Meloni antwortete in einem Video, manche Dinge verdienten eine sofortige Erwiderung. Trumps Aussagen seien vollständig erfunden, sie sei aufrichtig fassungslos, und sie wisse nicht, warum sich der Präsident der Vereinigten Staaten so gegenüber seinen eigenen Verbündeten verhalte, zum ersten Mal sei das nicht. Schade nur, fügte sie hinzu, dass er nicht dieselbe Entschlossenheit gegenüber den Feinden des Westens und der Vereinigten Staaten zeige, deren Anführer er im Gegenteil mit weit größerer Nachsicht behandle. Eines aber solle er sich merken, weder sie noch Italien bettelten je.

Giorgia Meloni: „Weder ich noch Italien betteln jemals.“

Der Streit hatte eine Vorgeschichte. Im April hatte Trump dem Corriere della Sera gesagt, er nehme es Meloni übel, dass sie den amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran nicht mittrage, den sie für rechtswidrig hält, und sie hatte damals geschwiegen. Zuvor schon hatte sie ihn dafür gerügt, dass er Papst Leo wegen dessen Worten zum Iran-Krieg angegriffen hatte, woraufhin Trump ihr vorwarf, es fehle ihr an Mut. An diesem Freitag hatte sie genug von seinen Prahlereien.

Auch Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto wandte sich gegen Trump. Er glaube nicht, dass Meloni je jemanden um ein Foto betteln würde, nicht einmal unter Zwang. Er könne sich aber denken, wie viel es sie gekostet habe, das beiseitezuschieben, was Trump vor Wochen gesagt hatte, im Interesse Italiens und Europas, auch des Westens. Scherze dieser Art nützten niemandem, schrieb er, weder den Vereinigten Staaten noch Italien, auch nicht dem Bündnis. Der Staatssekretär Giovanbattista Fazzolari, ein enger Verbündeter Melonis in der italienischen Regierung, ging weiter und meinte, es sei unklar, ob aus Absicht oder aus Unvermögen, jedenfalls zerstöre Trump die historischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Der Journalist Antonello Guerrera brachte es auf den Punkt, zwischen den beiden sei die Hölle los.

Der Bruch macht zunichte, was wenige Tage zuvor nach Tauwetter ausgesehen hatte, zwei Politiker der Rechten im engen Gespräch auf jenem gemeinsamen Sofa. Meloni gehörte einst zu seinen sichtbarsten Freunden in Europa, sie war die einzige Spitze der Europäischen Union bei seiner Amtseinführung 2025, und sie hatte sich als Brücke zwischen Washington und Brüssel verstanden. Über den Iran-Krieg, den sie rechtswidrig nennt, und über seine Haltung zur Ukraine, die Italien entschieden stützt, war diese Brücke brüchig geworden, dazu über seine Zölle und seine feste Unterstützung Israels im Krieg in Gaza. Nun hat die Brücke genug davon, betreten zu werden.

So zeigt sich, wozu die Eitelkeit den Menschen treibt. Sie erträgt keinen Ebenbürtigen, sie muss aus jeder Begegnung einen Hof machen, mit sich auf dem Thron und dem anderen auf den Knien. Und so erfindet ein Mann ein Betteln, das keine Kamera festhielt, und gewährt in seiner Erzählung eine Gunst, um die niemand gebeten hat, aus einem Mitleid, das niemand brauchte. Er wollte angefleht werden, und um angefleht zu werden, musste er es sich ausdenken. Gekostet haben könnte es ihn eine seiner letzten engen, mal engeren, mal distanzierteren politischen Verbündeten in Europa. Und sie antwortete ihm mit einem einzigen Satz: Sie bettele nicht.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x
Click to listen highlighted text!