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Gott soll die Wahl gewinnen, weil die Wähler nicht mitspielen

VonTEAM KAIZEN BLOG

31. Juli 2026

Es gibt einen Trost, zu dem greift, wer die Zahlen fürchtet. Man nennt ihn Vorsehung. Wenn die Umfragen nichts Gutes verheißen, wird eben eine höhere Instanz zuständig erklärt, die sich um Prozentpunkte nicht schert. Genau dort steht dieser Tage Mike Johnson, der Sprecher des Repräsentantenhauses, und er steht dort mit einem Lächeln, das an Gewissheit nichts vermissen lässt.

Mike Johnson, der Republikaner aus Louisiana und Vorsitzende des Repräsentantenhauses, erklärte, seine Partei werde die Zwischenwahlen 2026 gewinnen, und zwar in wesentlichem Maße durch das Eingreifen Gottes. Vorgetragen wurde das Bekenntnis in einer weit rechts stehenden Sendung, die der Präsident des Family Research Council moderiert. Man vertraue den Republikanern im Haus die Führung dieser Regierung an, sagte Johnson, und darum werde man die Mehrheit über den November hinaus behalten. Er sei sehr zuversichtlich, mit jedem Tag mehr, man spreche ständig darüber.

Mike Johnson sagt, er sei „mit jedem Tag zuversichtlicher“, dass die Republikaner die Kontrolle über den Kongress behalten werden. Warum? „Das ist Gottes Werk. Wir haben Fürbitter, die im Kapitol vor Ort sind und dort beten.“

Der Gastgeber lieferte das Stichwort, die Republikaner überträfen stets die Erwartungen jener Kommentatoren, die noch immer die Kraft des Gebets nicht begriffen hätten. Ganz recht, rief Johnson. Dann erzählte er, wie er kürzlich vor Journalisten stand und ihnen erklärte, das Ganze sei eine Sache Gottes. Auf dem Gelände des Kapitols, führte er aus, beteten eigens organisierte Fürbittgruppen jedes einzelne dieser Vorhaben durch, Gesetz für Gesetz, das die Republikaner einbringen.

Man muss sich das Bild einen Augenblick auf der Zunge zergehen lassen. Während unten die Abgeordneten über Paragrafen feilschen, wird oben gebetet, damit der Himmel die Fraktionsdisziplin ersetzt. Es ist die eleganteste aller Verantwortungsverschiebungen. Gewinnt man, war es die Vorsehung. Verliert man, hat der Mensch zu wenig gebetet, und der Herr trifft ohnehin keine Schuld. So macht man aus Politik ein Glücksspiel, bei dem die Bank immer gewinnt, weil sie im Himmel sitzt.

Nur hat diese Frömmigkeit eine Adresse, und sie ist keine private. Wenige Monate nach Johnsons Amtsantritt hielt ein Bericht des Freidenker-Caucus im Kongress, ein Zusammenschluss von rund 35 Abgeordneten zum Schutz der Trennung von Staat und Kirche, im Januar 2024 fest, was der Mann seit Jahrzehnten betreibt. Er arbeite daran, ebendiese Trennung zu leugnen und zu untergraben, und handele dabei mit erfundenen Geschichten über die Gründung der Nation.

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Die Liste, die der Caucus zusammentrug, ist kein Kuriosum, sie ist ein Programm. Johnson deutet die Establishment-Klausel des 1. Verfassungszusatzes so, als verbiete sie allein eine offizielle Staatskirche, während der herrschende Konsens in ihr die Schranke gegen Gesetze auf religiöser Grundlage erkennt. Er wirbt dafür, öffentliche Schulen und Mittel für die Verbreitung des evangelikalen Christentums zu nutzen. Seine gegen Einwanderer und gegen queere Menschen gerichtete Politik gründet er oft allein auf seinen Glauben. Er schrieb das Vorwort zu einem rechten Buch voller haltloser Verschwörungserzählungen. Und er wirkte einst in der Neuen Apostolischen Reformation mit, einer in republikanischen Kreisen wachsenden Bewegung, die Christen dazu aufruft, die maßgeblichen Bereiche der Gesellschaft zu erobern und über sie Herrschaft zu ergreifen, von der Wirtschaft über die Medien bis zu den Regierungen.

Hier verliert die Sache ihren possierlichen Klang. Wer den Staat als Beute begreift, die es im Namen des Himmels zu nehmen gilt, betet nicht um Demut, sondern um Macht. Das Gebet auf dem Rasen des Kapitols ist dann keine fromme Geste mehr, sondern ein Anspruch, und der lautet, dass die Mehrheit von oben verliehen wird und nicht von den Wählern. Wie es dieser Frömmigkeit mit der Frömmigkeit steht, zeigte sich schon im Mai. Zu einer Veranstaltung mit dem Namen Rededicate 250, die als christlich-nationalistisches Treffen gilt und die der Präsident selbst weithin bewarb, erschien Trump am Ende nicht. Er verbrachte den Tag, so die Berichte, auf dem Golfplatz. Das Gebet ist eben Sache der anderen, solange es nützt, und der Abschlag geht vor, sobald die Andacht lästig wird. Man delegiert die Demut so bereitwillig, wie man den Ruhm für sich behält.

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Womit wir bei jenen wären, die in Johnsons Rechnung merkwürdig fehlen, den Bürgern. Ihre Meinung liegt vor, und sie ist unbarmherzig. Nach einer in dieser Woche veröffentlichten Erhebung sehen nur 32 Prozent der Amerikaner die Republikaner im Kongress mit Wohlwollen, während 58 Prozent sie ablehnen. Ob die Partei zu extrem sei, bejahten 51 Prozent, nur 34 verneinten es. Und gefragt, wen sie wählten, fände die Wahl heute statt, nannten 40 Prozent den Demokraten im eigenen Bezirk, 34 Prozent den Republikaner, ein Vorsprung von 6 Punkten wenige Monate vor dem Wahltag. Man ahnt, warum ein Mann angesichts solcher Zahlen die Zuständigkeit lieber nach oben verlagert. Der Wähler ist ein widerspenstiger Souverän, der Himmel dagegen schweigt und lässt sich alles in den Mund legen. Es ist bequemer, sich auf eine Instanz zu berufen, die keine Umfrage kennt, als sich der einen zu stellen, die ihn gerade abwählen will.

Und doch liegt in Johnsons Satz eine unfreiwillige Ehrlichkeit. Wer den Sieg zur Sache Gottes erklärt, hat den Wähler bereits abgeschrieben, denn er braucht ihn nicht mehr zu überzeugen, nur noch zu überhöhen. Genau darin steckt die Gefahr, die über den einen Spruch hinausweist. Eine Demokratie lebt davon, dass die Macht sich vor den Menschen verantwortet und nicht vor einem Himmel, der niemandem Rechenschaft schuldet. Wer das eine gegen das andere tauscht, hat die Wahl im Kopf schon abgeschafft, ehe die erste Stimme gezählt ist. Bleibt die schlichte Frage, was geschieht, wenn der Herr am Wahlabend anders abstimmt als erbeten. Man wird es, so viel steht fest, nicht als sein eigenes Versäumnis verbuchen, sondern als Prüfung, als Fügung, als alles außer dem, was es wäre, eine Niederlage bei den Menschen.

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3 Comments
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Wuschitz
Wuschitz
22 Stunden vor

Das ist weder Theologie, noch Spiritualität. Das ist Verunsicherung wegen fehlender Zustimmung, Hybris bis zum geht nicht mehr, Angst wegen Machtverlust und Missbrauch der Religion. Die Profeten in der Bibel haben ganz drastische Worte dafür gefunden. Wie : ihr widert mich an

Rainer Hofmann
Administrator
18 Stunden vor
Antwort auf  Wuschitz

…auf jeden fall an peinlichkeit wenig zu überbieten

Ela Gatto
16 Stunden vor

Die Evangelikalen sind die Taliban der „Christen“.

Passiert ein Unglück, wie die Überflutungskatastrophe letztes Jahr in Texas…. „lasst uns beten“.
Keine staatlichen Hilfen.
Kein Ausbau von Frühwarnsystemen.

Beten als Heilmittel für alle Belange des Lebens.
Klappt es „ist man ein guter Gläubiger“, klappt es nicht „hat man bicht genug gebetet“ oder „Gott hat einem diese Prüfung auferlegt“.

Wie ich diese Scheinheiligkeit und Doppelmoral der exremistischen Glaubensichtungen verabscheue.
Das schließt die Evangelikalen , die Zeugen Jehovas, streng orthodox Juden, extremistische Islamisten und auch extremistische Katholiken (Pius Brüder) ein.

Sie gandeln nicht aus Glauben und Gottesfürchtugkeit.
Das gaukeln sie sich selber vor.
Es geht nur um Macht und Kontrolle.

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