Beten auf Befehl – wie aus dem wichtigsten Land der Welt unter Trump ein evangelikaler Gottesstaat wird

VonRainer Hofmann

Mai 18, 2026

Washington – Es gibt Bilder, die sagen mehr über den Zustand eines Landes als jede Wahlanalyse, jede Umfrage, jede politische Talkshow. Am Sonntag war Washington genau so ein Bild. Tausende Menschen, viele in Rot, Weiß und Blau, strömten auf die National Mall, dorthin, wo sonst Geschichte gemacht wird, und verwandelten den zentralen Boulevard der amerikanischen Demokratie in einen einzigen großen evangelikalen Gottesdienst. „Wir heißen Jesus an diesem Ort willkommen!“, rief einer der ersten Sänger von der Bühne, im Hintergrund elfenbeinfarbene Säulen, die bewusst an die klassische Architektur der Hauptstadt erinnerten. Es war keine Kirche. Es war die National Mall. Und genau das war der Punkt.

Das Ganze trug den Namen „Rededicate 250: A National Jubilee of Prayer, Praise & Thanksgiving“, organisiert von der Freedom-250-Initiative, einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit Rückendeckung des Weißen Hauses. Finanziert wurde die Veranstaltung mit Millionen an Steuergeldern. Anlass war das 250. Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit. Was tatsächlich gefeiert wurde, war etwas anderes: die endgültige Verschmelzung von Staat und einer ganz bestimmten Form des amerikanischen Christentums. Nicht der Glaube an sich, sondern eine politische, evangelikale, weiß dominierte, von Donald Trump persönlich autorisierte Variante davon.

Robert Jeffress

Auf der Bühne stand unter anderem Reverend Robert Jeffress, einer der prominentesten Südstaaten-Baptisten des Landes. Er griff den Begriff, mit dem Kritiker dieses Phänomen seit Jahren beschreiben, ohne zu zögern auf. „Wenn christlicher Nationalist sein bedeutet, Jesus Christus und Amerika zu lieben, dann zählt mich dazu“, sagte Jeffress. Damit hat er den eigentlich abwertend gemeinten Begriff einfach umgedreht, ihn als Auszeichnung getragen, fast wie eine Medaille. Was vor wenigen Jahren noch ein Vorwurf war, ist heute Programm.

Die Liste der Redner liest sich wie ein Familientreffen der evangelikalen Trump-Bewegung. Franklin Graham, Chef der Hilfsorganisation Samaritan’s Purse und Sohn des Predigers Billy Graham. Jonathan Falwell, Sohn des Liberty-University-Gründers Jerry Falwell. Gordon Robertson, Präsident des Christian Broadcasting Network und Sohn des Medien-Imperiums-Gründers Pat Robertson. Es ist eine Erbfolge, fast schon dynastisch, in einer Bewegung, die offiziell behauptet, sich allein an Gott zu orientieren. Dazu Paula White-Cain aus dem Faith Office des Weißen Hauses, Kardinal Timothy Dolan, Bischof Robert Barron und Schauspielerin Sadie Carroway Robertson aus der Reality-Serie „Duck Dynasty“, neben Jonathan Roumie, dem Hauptdarsteller der Jesus-Serie „The Chosen“. Eine Mischung aus Predigern, Politikern und Popkultur, perfekt abgestimmt für eine Inszenierung, die weniger Gottesdienst war als politische Show mit himmlischer Untermalung.

Von den höchsten Vertretern des amerikanischen Staates fehlte fast niemand. Verteidigungsminister Pete Hegseth schaltete sich per Video zu und forderte die Menge auf, „auf gebeugten Knien“ zu beten und sich an „unseren Herrn und Erlöser Jesus Christus“ zu wenden.

Außenminister Marco Rubio und Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson waren ebenfalls vorgesehen. Vizepräsident JD Vance wurde im Livestream angekündigt, im offiziellen Programm tauchte sein Name allerdings nicht auf. Und Präsident Donald Trump selbst sollte sich, wie könnte es anders sein, per Videobotschaft an die Gläubigen wenden. Hegseth, der inzwischen christliche Sprache und Gottesdienste fest in seine Rolle an der Spitze des Pentagons integriert hat, hatte schon zuvor bei einer christlichen Andacht im Verteidigungsministerium offen für „Gewalt gegen diejenigen, die keine Gnade verdienen“ gebetet. Wenn der Mann, der den größten Militärapparat der Welt befehligt, in Andachten um Gewalt bittet, ist das keine private Frömmigkeit mehr. Das ist politische Marschroute in religiöser Verkleidung.

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Nur ein einziger nicht-christlicher Geistlicher stand auf der Rednerliste: Rabbi Meir Soloveichik, ein orthodoxer Rabbiner aus New York, gleichzeitig Mitglied der „Religious Liberty Commission“ der Trump-Administration. Er erzählte auf der Bühne die Geschichte von Irving Berlin, dem jüdischen Einwanderer aus Russland, der einst „God Bless America“ geschrieben hatte. Eine schöne Erinnerung. Aber auch ein bezeichnender Hinweis darauf, wie schmal die religiöse Vielfalt dieser Veranstaltung tatsächlich war. Kein muslimischer Geistlicher. Kein hinduistischer, kein buddhistischer Vertreter. Keine Stimme der indigenen Religionen, die lange vor der Gründung der Vereinigten Staaten auf diesem Kontinent existierten. Über muslimische Beteiligung wurde gar nicht erst diskutiert, obwohl die ersten Muslime nachweislich bereits vor der amerikanischen Staatsgründung im Land waren, verschleppt über den transatlantischen Sklavenhandel.

Rabbi Jonah Dov Pesner vom Religious Action Center of Reform Judaism brachte es deutlich auf den Punkt. Er erinnerte daran, dass das frühe Amerika religiös vielfältig war: Juden, Muslime, indigene Völker. „Ich möchte ein Licht auf Amerikas Geschichte werfen als eine Nation, die Menschen aller Glaubensrichtungen und auch jene ohne Glauben willkommen heißt, feiert und schützt“, sagte Pesner. Eine Erinnerung daran, dass die religiöse Wirklichkeit dieses Landes nie schwarz-weiß und nie nur christlich war.

Und auch innerhalb des Christentums regte sich Widerstand. Reverend Adam Russell Taylor, baptistischer Pastor und Leiter der progressiven christlichen Organisation Sojourners, fasste die Sorge vieler Gläubiger in einem klaren Satz zusammen: „Wir sind zutiefst besorgt, dass hier in Wahrheit eine Nation einer sehr engen und ideologischen Spielart des christlichen Glaubens neu geweiht wird, die das fundamentale Bekenntnis unseres Landes zur Religionsfreiheit verrät.“ Die liberale Watchdog-Organisation Public Citizen formulierte es noch zugespitzter. „Das Programm dieser ‚Jubilee‘-Veranstaltung liest sich weniger wie eine traditionelle religiöse Feier, sondern eher wie das Programm der Kirche Trumps“, hieß es in einer Erklärung. Genau darum geht es. Nicht um Gott. Nicht um Glauben. Sondern um Macht, die sich religiös tarnt.

Auch die Geschichte selbst muss dabei verbogen werden. Auf der Bühne sprach Pastor Gary Hamrick aus Virginia davon, dass „Gott seit ihrer Gründung im Jahr 1776 im Zentrum unserer Nation steht“. Es gehe um einen „spirituellen Krieg“, einen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Licht und Dunkelheit. Solche Worte klingen groß und pathetisch. Sie ignorieren aber bewusst, dass die Gründerväter der Vereinigten Staaten in der Verfassung sehr genau geregelt haben, was Religion im Staat darf und was nicht. Der erste Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung sagt es so deutlich, wie man es nur sagen kann: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das eine Religion einsetzt oder die freie Ausübung einer Religion verbietet.“ Trennung von Kirche und Staat. Nicht Verschmelzung. Nicht Krönung. Trennung.

Der Historiker Joseph Ellis, Pulitzer-Preisträger und einer der bekanntesten Kenner der amerikanischen Gründungszeit, nannte die Vorstellung, Amerika sei als christliche Nation gegründet worden, in einem Wort „Unsinn“. Die Gründerväter hätten genau gegen die mittelalterliche Annahme angeschrieben, dass ein Staat eine gemeinsame Religion brauche, um zu funktionieren. „Es ist eine Verfälschung der Bedeutung der amerikanischen Revolution“, sagte Ellis. Doch was nützen Historiker, wenn Geschichtsbilder längst über virale Bilder, Predigten und Sender wie das Christian Broadcasting Network neu geschrieben werden.

Spannend ist, was die Amerikaner selbst dazu sagen. Eine aktuelle Erhebung des Pew Research Center zeigt, dass die Mehrheit der erwachsenen Amerikaner Christentum nicht als offizielle Staatsreligion will. Allerdings ist der Anteil derer, die sich genau das wünschen, in den vergangenen zwei Jahren von 13 auf 17 Prozent gestiegen. Republikanische Wähler wünschen sich diese Verschmelzung deutlich häufiger als Wähler der Demokraten. Es ist also eine Minderheit, die hier auf der National Mall feiert. Aber eine Minderheit, die sich in den höchsten Ämtern des Staates wiederfindet, die das Verteidigungsministerium kontrolliert, das Außenministerium, das Repräsentantenhaus und das Weiße Haus.

Auf der anderen Seite der Stadt formierte sich Gegenwehr. Die Freedom From Religion Foundation und die christliche Gruppe Faithful America planten Proteste. Schon am Donnerstagabend hatte die Interfaith Alliance auf eine Außenwand der National Gallery of Art Botschaften projiziert. „Demokratie, keine Theokratie“, stand dort. Und: „Die Trennung von Kirche und Staat ist gut für beide Seiten.“ Wenige Blocks von der Hauptveranstaltung entfernt sollte ein etwa viereinhalb Meter hoher Luftballon aufgestellt werden, der ein goldenes Kalb mit den Gesichtszügen Donald Trumps darstellt. Ein biblisches Symbol für den falschen Götzen, dem das Volk Israel hinterherläuft, während Moses gerade die Zehn Gebote empfängt. Ein Bild, das schärfer kaum sein könnte. Rachel Laser, Präsidentin von Americans United for Separation of Church and State, sagte es klar: Die Trennung von Kirche und Staat stehe „unter extremem Angriff“. Ihre Organisation hat bereits sieben Klagen gegen die Trump-Administration eingereicht, alle im Zusammenhang mit deren Hinwendung zum Christentum als Staatsreligion in allem außer dem Namen.

Auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es Distanz. Kardinal Robert McElroy, Erzbischof von Washington, warnte in einem Interview, die Beschreibung Amerikas als christliche Nation könne „destruktiv“ sein, vor allem, wenn sie dazu benutzt werde, eine Kultur um den Ausschluss bestimmter Gruppen herum aufzubauen. Er erinnerte daran, dass vor rund 80 Jahren Katholiken im öffentlichen Leben Amerikas regelmäßig ausgegrenzt wurden. Damals sagte man nicht „christliche Nation“, damals sagte man „protestantische Nation“. Religiöse Mehrheiten haben in Amerika schon immer dazu geneigt, andere Gruppen zur unsichtbaren Minderheit zu erklären. Heute trifft es Muslime, Hindus, Buddhisten, Atheisten, Agnostiker, Säkulare. Morgen vielleicht andere.

Asma T. Uddin, Juraprofessorin an der Michigan State University, die zu Muslimen und Religionsfreiheit in den USA forscht, brachte den Effekt solcher Veranstaltungen auf den Punkt. Sie würden „die Grenze zwischen Menschen, die dazugehören, und Menschen, die nicht dazugehören, schärfer ziehen“. Eine Idee von Amerika als christlicher Nation, die immer schon fundamental christlich gewesen sei, lösche die lange Geschichte anderer religiöser Gemeinschaften aus. Die Vereinigten Staaten haben rund 330 Millionen Einwohner. Davon bezeichnen sich etwa zwei Drittel als Christen, ein Viertel als evangelikal. Rund 30 Prozent haben keine religiöse Bindung. Das ist die reale, gelebte Vielfalt eines Landes, das auf der National Mall am Sonntag bewusst zu einem einzigen Glaubensbekenntnis verdichtet wurde.

Und dann gibt es Stimmen, die zeigen, wie tief diese Erzählung bereits im Alltag verankert ist. Lisa Wyzkiewicz, 66 Jahre alt, aus Jeannette in Pennsylvania, kam in einem Reisebus, gechartert von ihrer Gemeinde. Trump sei der „christlichste Präsident“ zu ihren Lebzeiten, sagte sie. Abtreibung und Rechte für Trans-Personen seien für sie der Beweis, dass die Nation vom Weg abgekommen sei. Über Charlie Kirk und Eric Metaxas habe sie sich überzeugt, dass die Bundesregierung viel stärker vom Glauben beeinflusst werden müsse. „Sie sollten fast miteinander verbunden sein. Ich liebe Jesus, ich liebe mein Land, und ich möchte wirklich, dass wir zu Gott zurückkehren.“ Es ist ein ehrlicher Satz, ein zutiefst persönlicher Satz, aber er beschreibt ein politisches Programm, das mit Religionsfreiheit, wie sie die Verfassung meint, nichts mehr zu tun hat.

Und so steht am Ende dieses Sonntags weniger ein Gottesdienst als ein politisches Signal in der Hauptstadt. Das wohl wichtigste Land der Welt, oder das, was an Bedeutung davon noch übrig ist, wird gerade öffentlich, mit Mikrofon, Bühne, Lichttechnik und Steuergeld, zu einem ganz bestimmten Glauben hin verschoben. Während Hegseth um göttliche Gewalt bittet, während Johnson erklärt, die Trennung von Kirche und Staat sei „missverstanden“, während Trump per Video die Nation neu weiht und Vance ohne offizielles Programm im Livestream auftaucht, schiebt sich Schritt für Schritt eine Idee in den Vordergrund, die Amerika so noch nie gewesen ist. Ein Land, in dem nicht mehr Recht und Verfassung über das Zusammenleben entscheiden, sondern eine schmale, laute, gut vernetzte Spielart des Christentums. Geschichte wird umgeschrieben, Verfassung wird umgedeutet, Religion wird zur Waffe. Die Veranstaltung in Washington war kein Ausreißer, keine fromme Sonntagsstunde, kein harmloses Gebet. Sie war ein weiterer Meilenstein einer Bewegung, die seit Jahren systematisch daran arbeitet, die Grenzen zwischen Glauben und Staat aufzulösen. Und während sich die Welt fragt, wie weit Donald Trump diesmal gehen wird, gehen seine Vorbeter, seine Minister, seine Heimstaaten-Pastoren und seine treuesten Wähler längst Hand in Hand voran. Wer am Ende dieses Tages noch glaubt, das alles sei Religion, hat einen Trick übersehen. Es ist Macht. Religion ist nur das Kostüm.

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