Ferraris stille Revolution – 550.000 Euro für eine neue Zukunft

VonRainer Hofmann

Mai 26, 2026

Ferrari verlässt den vertrauten Motorensound und wagt einen Schritt, den selbst einige der größten Namen der Branche zuletzt wieder vorsichtiger betrachteten. Während Porsche und Lamborghini ihre Erwartungen bei Elektrofahrzeugen zuletzt zurückgeschraubt haben, schlägt Ferrari nun bewusst den entgegengesetzten Weg ein. Der italienische Hersteller stellte seine erste vollständig elektrische Modellreihe vor. Der Name lautet Luce. Auf Deutsch bedeutet das schlicht „Licht“. Für Ferrari könnte dieses Fahrzeug jedoch deutlich mehr sein als nur ein neues Modell. Es könnte über die Richtung entscheiden, in die sich die Marke in den kommenden Jahren bewegt.

Ferrari setzt dabei nicht auf ein kleines Experiment am Rand der Produktpalette. Luce wurde als eigenständiges Prestigeprojekt entwickelt und soll gleichzeitig neue Märkte erschließen. Besonders China steht im Fokus. Dort gehören Elektrofahrzeuge längst zum Straßenbild, und der Markt entwickelt sich weiterhin mit hoher Geschwindigkeit. Ferrari hofft offenbar, mit Luce auch Käufer zu erreichen, die bislang nicht zu den klassischen Kunden der Marke gehörten.

Die technischen Daten zeigen, dass Ferrari trotz des neuen Antriebs an seinem sportlichen Anspruch festhalten will. Das Fahrzeug soll Geschwindigkeiten von bis zu 310 Kilometern pro Stunde erreichen und mit einer vollständigen Ladung mehr als 500 Kilometer weit fahren können. Auffällig ist außerdem ein anderer Punkt. Luce wird zum ersten Fünfsitzer in der Geschichte des Unternehmens. Für Ferrari bedeutet das eine deutliche Veränderung. Die Marke stand über Jahrzehnte vor allem für Zweisitzer, Motorensound und eine sehr klare Vorstellung davon, wie ein Ferrari auszusehen und sich anzufühlen hat.

Auch im Innenraum fällt auf, dass Ferrari nicht vollständig dem Trend riesiger Touchflächen folgt. Während Unternehmen wie Tesla fast sämtliche Bedienelemente auf Bildschirme verlagert haben, setzt Ferrari weiterhin auf mehrere klassische physische Schalter und Bedienelemente. Die Entwickler scheinen bewusst versucht zu haben, das Gefühl eines Fahrzeugs zu erhalten, das man nicht nur berührt, sondern tatsächlich bedient.

An der Gestaltung des Fahrzeugs arbeitete außerdem Jony Ive mit, der frühere Chefdesigner von Apple. Nach seinem Abschied von Apple gründete er sein eigenes Designunternehmen und beteiligte sich an der Entwicklung des Projekts. Bei der Vorstellung zeigte Ferrari mehrere Varianten von Luce, von dem typischen Ferrari-Rot bis hin zu weißen und hellblauen Ausführungen. Billig wird der Schritt nicht. Der Preis liegt bei 550.000 Euro. Die ersten Auslieferungen sollen gegen Ende des Jahres 2026 beginnen. Firmenchef Benedetto Vigna bezeichnete das Fahrzeug als Ergebnis von fünf Jahren Entwicklungsarbeit.

Trotzdem bleiben Zweifel bestehen. Nicht bei der Geschwindigkeit und auch nicht bei der Technik. Die eigentliche Frage betrifft etwas anderes. Ferrari verkauft seit Jahrzehnten mehr als Autos. Die Marke verkauft Emotionen, Bilder und eine sehr genaue Vorstellung davon, was Menschen empfinden sollen, wenn sie den Namen hören. Der Klang eines Motors gehörte immer dazu.

Genau deshalb betrachten einige Beobachter Luce als eines der riskantesten Projekte der Unternehmensgeschichte. Anleger reagierten bereits vorsichtig. Die Aktie verlor am Dienstagmorgen rund sechs Prozent ihres Werts. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Ferrari ein schnelles Elektroauto bauen kann. Das kann das Unternehmen offensichtlich. Die Frage lautet vielmehr, ob Menschen bereit sind, mehr als eine halbe Million Euro für einen Ferrari auszugeben, der zwar die Geschwindigkeit mitbringt, aber etwas hinter sich lässt, das viele jahrzehntelang als unverzichtbaren Teil dieser Marke betrachtet haben.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Monika SpNNEKREBS
Monika SpNNEKREBS
4 Minuten vor

Dinge die kein Mensch braucht 😁

1
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x