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Die Vorsorge zahlt die Kasse, das Sicherheitsgefühl zahlen Sie selbst

VonTEAM KAIZEN BLOG

Juni 22, 2026

Ein Vordruck aus einer gynäkologischen Praxis trennt, was das Gesetz vorsieht, von dem, was extra kostet. Er räumt ein, dass die gesetzliche Früherkennung genügt, und bietet auf demselben Blatt die Sicherheit gegen Rechnung. Verboten ist das nicht, kritisiert wird es seit Jahren!

Eigentlich waren einige von uns für die laufenden Recherchen über die AfD nach Deutschland gekommen. Doch das Land bietet einen Fundus, der aufhorchen lässt, von den Frauenärzten über die Seebrücke und den Herzenswunsch der Malteser bis zu den Rentenreformen, und überall scheint das Land seine Bürger nicht mehr zu kennen. Hier eine kleine nachdenkliche Geschichte, die uns in die Hände kam.

Auf einem Klemmbrett in einer Frauenarztpraxis liegt ein Blatt, das auf den ersten Blick wie eine Drohung wirkt, Krebsvorsorge gegen Aufpreis. Das ist es nicht. Es ist eine Erklärung über individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, der deutsche Name für das, was die Patientin selbst bezahlt, und in vielen Praxen ein gewohnter Anblick. Das Blatt selbst hält fest, dass die von der Kasse gewährten Leistungen im Sinne des Gesetzes eine ausreichende Früherkennung sicherstellen. Und dann bietet es mehr. Seit Anfang 2020 gelten diese Regeln. Frauen zwischen zwanzig und vierunddreißig erhalten jährlich einen Abstrich, den Pap-Test, um Gebärmutterhalskrebs früh zu erkennen, ab fünfunddreißig wird er alle drei Jahre mit einem HPV-Test verbunden. Der jährliche Gang zur Frauenärztin bleibt für alle ein wichtiger Teil der Früherkennung. Das ist das Programm, und das Blatt verschweigt es nicht.

Über dieses Programm legt die Praxis eine Preisliste. Fünfzig Euro für den vaginalen Ultraschall, sechzig Euro und einunddreißig Cent für den der Brust, für den ein eigener Termin nötig ist, zehn Euro für den jährlichen Abstrich ab fünfunddreißig und vierzehn Euro sechsundfünfzig fürs Labor, zehn Euro für den HPV-Test und einundvierzig Euro neunundfünfzig fürs Labor, sechzehn Euro acht Cent für den Abstrich auf Geschlechtskrankheiten und neunundneunzig Euro neun Cent fürs Labor. Die Rechnung kommt nach der ärztlichen Gebührenordnung und lässt sich bei der Kasse nicht einreichen. Die Begründung, die das Blatt gibt, ist nicht medizinisch, sondern gefühlt. Viele Patientinnen, heißt es, fühlten sich mit den längeren Abständen unsicherer, und weil Gebärmutterhalskrebs lange unbemerkt bleiben könne, sei eine regelmäßige Kontrolle für das persönliche Sicherheitsgefühl entscheidend. Verboten ist daran nichts. Doch die Worte arbeiten am Gefühl, und genau darüber wird seit Jahren gestritten.

Der jährliche Abstrich ab fünfunddreißig ist die verräterische Zeile. Viele Frauen glauben, die Kasse habe ihnen etwas genommen, dabei wurde die Früherkennung nur umgestellt, Pap und HPV alle drei Jahre statt allein Pap in jedem Jahr. Ob häufiger zu testen sinnvoll ist, ist eine Frage des Risikos und der eigenen Vorgeschichte, die eine Ärztin abwägt, nicht eine Frage des Wunsches nach mehr Kontrolle. Als Beruhigung verkauft, lebt die Zeile von einem Verlust, den es nicht gab. Das Gesetz zieht einen Boden unter all das. Eine individuelle Gesundheitsleistung muss freiwillig und ohne Druck sein, und ihr Nutzen wie ihre Grenzen müssen erklärt werden. Ablehnen darf man sie, und die Patientin muss danach genauso behandelt werden wie zuvor. Das Blatt hält das Kästchen für das Nein bereit, gesetzt neben jene für den Ultraschall und den Abstrich, dazu eine saisonale Grippeimpfung. Dieses Kästchen ist der Beweis, dass der Rest freiwillig ist, und die Erinnerung daran, dass freiwillig nicht dasselbe ist wie ohne Gewicht.

Dazu kommt, was das Blatt nicht erwähnt. Die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland zählen zu den höchsten in Europa, Monat für Monat geht ein erheblicher Teil des Lohns dafür ab, und am Ende dieser Kette sitzt eine Frau auf einem Stuhl und soll für die Gewissheit, gesund zu sein, noch einmal zahlen. Etwas Erniedrigendes liegt darin, ein solches Formular auszufüllen, nachdem man ein Leben lang eingezahlt hat. Wer so viel gibt, sollte nicht an der Schwelle der Vorsorge um ein Gefühl feilschen müssen.

Die Angst ist der älteste Verkäufer, und sie verkauft am besten, wo die Ware wirklich ist. Der Krebs ist wirklich, und der Wunsch, vor ihm sicher zu sein, ist der menschlichste, den es gibt. Gerade das macht die Preisliste unbehaglich. Wenn eine Praxis schreibt, die kostenlose Vorsorge genüge, und in der nächsten Zeile die Sicherheit gegen Geld anbietet, hat sie einem Gefühl einen Preis gegeben, und ein Gefühl mit einem Preis lässt sich nie wieder umsonst haben. Die Patientin unterschreibt, dass die Vorsorge des Gesetzes ausreicht, und zahlt dennoch, weil das Blatt ihr schon beigebracht hat, dass ausreichend sich nicht nach genug anfühlt. Krebsvorsorge muss man in Deutschland nicht kaufen. Das Gefühl, sicher zu sein, ist aber leise zu einer Ware geworden.

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1 Kommentar
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Ela Gatto
3 Stunden vor

Das Geschäft mit der Angst funktioniert seit Jahren sehr gut.

IgEL Leustungen sind zur festen Einnahmequelle bei Ärzten geworden
Die Patienten werden tells drastisch gedrängt diese Leistungen „es ist doch für die Gesundheit“ abzuschließen.

Sei es der vaginas Ultraschall, die Augeninnendruckmessung, Hyaloronsäure-Injektionen.
Die Liste ist lang.
Die Angst ist immer dabei, dass man etwas verpasst, wenn man diese Leistungen nicht (auf eigene Kosten) nutzt.
Ärzte sind da auch schon firm drin die Patienten zu überzeugen, dass die Leistungen wichtig sind und nur nicht von den Kassen bezahlt werden, weil die Kassen sparen müssen.
Das es keine evidenzbasierten Studien zum Nutzen der meisten Extraleistungden gibt, wird verschwiegen.

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