Durch eine schmale Meerenge geht ein Großteil des Öls und Gases der Welt, und derzeit geht dort fast nichts. Die Straße von Hormus, vor dem Krieg eine internationale Wasserstraße, ist beinahe leer, die Zahl der Passagen bleibt niedrig. Der Krieg, den die Vereinigten Staaten und Israel im Februar gegen Iran begannen, ruht auf dem Papier, doch an diesem Samstag zeigte sich, wie wenig das heißt. Bekannt ist der Satz, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. In Hormus lässt sich gerade die Umkehrung besichtigen, die Politik als Fortsetzung des Krieges. Wer die engste Stelle hält, hält den Hahn, durch den die halbe Weltwirtschaft atmet, und Teheran hat gelernt, wie viel Druck in diesem einen Punkt liegt.
Das dem Politbüro ähnliche Gremium in Teheran, der Oberste Nationale Sicherheitsrat, ließ erklären, die Meerenge werde nicht geöffnet, ehe die USA ihr Verhalten korrigierten. Verlesen wurde die Erklärung seines Sekretärs Mohammad Bagher Zolghadr, zugleich Kommandeur der Revolutionsgarden. Amerika dürfe Iran nie wieder bedrohen und müsse den Krieg gegen das Land und seine bewaffneten Verbündeten in der Region dauerhaft beenden. Dazu solle es die Seeblockade der iranischen Häfen aufheben, das Militär abziehen, die Kriegsschäden vollständig ersetzen und die eingefrorenen Vermögen bedingungslos freigeben, die Sanktionen inbegriffen. Es sind die Forderungen eines Siegers, nicht die eines Landes, dessen Häfen blockiert und dessen Anlagen getroffen wurden. Wer so verhandelt, will nicht das Ende der Auseinandersetzung, sondern ihre Fortsetzung mit dem Federhalter.

Aus Washington kam zunächst nichts. Die USA hatten darauf bestanden, erst eine annehmbare Regelung für Hormus zu erreichen und dann die Blockade zu lösen. Das im Juni unterzeichnete Übergangsabkommen sah einen Zeitplan für die Sanktionen und einen Plan für Entschädigungen als Teil eines endgültigen Vertrags vor, auch über die eingefrorenen Vermögen sollte verhandelt werden. Die 60-Tage-Frist dafür läuft in gut einer Woche ab, sie ließe sich verlängern. Was Teheran nun verlangt, dreht die Verhandlung weg von der Fahrrinne, hin zu der Frage, wer den Krieg verloren hat. Ein Zeitplan für Sanktionen und ein Plan für Entschädigungen lassen sich nur aushandeln, solange beide Seiten dasselbe Ergebnis anerkennen. Hier erkennt keiner es an.
Das Teheraner Symphonieorchester und sein Chor führen am 6. August 2026 im Vahdat-Saal in Teheran „Khosoof“ („Mondfinsternis“) auf. Das Werk des iranischen Komponisten Mohammad-Saeid Sharifian behandelt Aschura und die Schlacht von Kerbela, eines der wichtigsten religiösen Ereignisse des schiitischen Islam.
Der Außenminister Abbas Araghtschi gab sich zuversichtlicher. Über die Schifffahrt, vor allem über eine Transitroute, stehe man kurz vor einer Einigung, sagte er, die Öffnung der Straße aber hänge an weiteren Bedingungen, und schuld an der Lage sei ein amerikanischer Bruch des Übergangsabkommens. Zwei Botschaften an einem Tag, die eine voller Zuversicht, die andere voller Bedingungen, und beide aus derselben Hauptstadt. Iran erklärte zugleich, mit dem Nachbarn Oman kurz vor einer eigenen Vereinbarung über die Verwaltung der Meerenge zu stehen, die zwischen beiden Ländern verläuft. Oman, der stille Vermittler, sprach von einer positiven und sachlichen Atmosphäre und verurteilte zugleich die Angriffe auf Schiffe. Vor dem Krieg galt Hormus als offenes Gewässer für alle, jetzt entscheidet einer, wer hindurchdarf und zu welchem Preis.
Denn der Krieg ruht nicht auf dem Wasser. Am frühen Samstag wurde ein Schiff des staatlichen Öl- und Gasunternehmens ADNOC aus Abu Dhabi bei der Durchfahrt durch Hormus angegriffen, wie die Vereinigten Arabischen Emirate mitteilten; Iran habe die Rakete abgefeuert. Verletzt wurde niemand, zum Ort und zu möglichen Schäden schwieg das Unternehmen. Seit Kriegsbeginn im Februar aber seien mehr als 12 Schiffe des Unternehmens mit Raketen und Drohnen getroffen worden, ein Besatzungsmitglied sei getötet, 20 weitere verletzt worden. Ein britisches Zentrum für maritime Handelsüberwachung meldete später, östlich der omanischen Stadt Khasab habe ein Geschoss ein Schiff getroffen und ein Feuer entfacht, das gelöscht werden konnte; ob es dasselbe Schiff war, blieb offen. Mehr als 12 getroffene Frachter in einem halben Jahr sind keine Zwischenfälle mehr, sie sind ein Zustand.
Während die alten Fronten schwelen, entstehen neue Bündnisse. Am Freitag unterzeichneten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei ein Verteidigungsabkommen, nach dem ein Angriff auf eines der 3 Länder als Angriff auf alle gilt. Gegen niemanden richte es sich, sagte der türkische Außenminister Hakan Fidan, solange kein Staat feindselig auftrete; schriftlich festgelegt sei keine gemeinsame Bedrohung. Wer Hilfe wolle, müsse sie förmlich erbitten, und sie reiche von geheimdienstlichen Hinweisen bis zur Entsendung von Truppen. Ein Sekretariat soll in Saudi-Arabien entstehen, weitere Staaten hätten Interesse bekundet, und Ägypten, ein natürlicher Partner, werde in der nächsten Phase erwartet. Der alte Grundsatz, ein Angriff auf einen sei ein Angriff auf alle, wandert damit auf eine neue Achse, weg vom Westen, hin zu einer Ordnung, in der die drei Hauptstädte füreinander einstehen. Wen das schützen und wen es abschrecken soll, bleibt unausgesprochen, doch niemand in der Region muss lange raten.
Anderswo flammt ein alter Krieg wieder auf. Jemens Militär griff die vom Iran gestützten Huthi an, als Antwort auf deren jüngste Attacken im Zentrum und Osten des Landes; getroffen worden seien Stellungen und Mittel der Rebellen an mehreren Abschnitten, sagte der Sprecher Oberst Madschid al-Nazili, mehr nicht. Die Zuspitzung zwischen den Huthi und der anerkannten Regierung samt der von Saudi-Arabien geführten Koalition droht den Bürgerkrieg wieder zu entzünden, den eine Waffenruhe 2022 stillgelegt hatte. Der Iran-Krieg hat die Karten neu gemischt, und in Jemen fallen sie zuerst wieder.
Nur ein Konflikt bewegt sich in die andere Richtung. In der Türkei nahm ein Gesetz für den Frieden mit den kurdischen Aufständischen die erste Hürde, ein Ausschuss billigte es, die Nationalversammlung dürfte in der kommenden Woche folgen. Die Arbeiterpartei Kurdistans, die PKK, hatte im vergangenen Jahr angekündigt, die Waffen niederzulegen und sich aufzulösen; das Gesetz regelt die Entwaffnung und die Rückkehr einiger Mitglieder, wirksam, sobald der Sicherheitsrat der Türkei die Auflösung und die Abgabe aller Waffen bestätigt. Seit den 1980er Jahren hat dieser Krieg Zehntausende das Leben gekostet, die Türkei und ihre westlichen Verbündeten führen die PKK als Terrororganisation. Dass ausgerechnet hier ein Krieg enden soll, während anderswo neue beginnen, ist die einzige gute Nachricht des Tages, und auch sie hängt an einer Bestätigung, die noch aussteht, wie so vieles an diesem Tag.
So steht die Region zwischen zwei Zeiten. Die Waffen schweigen mancherorts, doch der Friede, den man sich darunter vorstellt, ist keiner. Er ist ein Waffenstillstand mit offener Rechnung, an der Meerenge wie auf den Frachtern, die weiter brennen. Ein Krieg endet nicht mit dem letzten Schuss, sondern mit der Einigung über den Preis, und davon ist Hormus so weit entfernt wie am ersten Tag. Ein Waffenstillstand ist kein Frieden, er ist eine Pause, in der beide Seiten nachladen, an Argumenten wie an Munition. Wer den Preis nicht zahlt, hält die Waffe bereit. Bis dahin bleibt die schmale Straße, was sie im Krieg war, ein Engpass, durch den die Welt hindurchmuss und an dem einer die Hand hält.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten