Ein Anruf kommt rein, das Telefon klingelt, man geht nicht ran – und trotzdem könnte der Angriff bereits laufen. Sicherheitsforscher der Firma Calif aus Palo Alto haben einen Handy-Wurm gebaut, der ohne Link, ohne Datei und ohne irgendeine Aktion des Opfers auskommt. Getestet wurde der Angriff auf WeChat, einer vor allem in China verbreiteten Nachrichtenplattform mit mehr als 1,4 Milliarden aktiven Nutzern im Monat. Das eigentlich Beunruhigende daran betrifft aber nicht nur WeChat. Der Wurm funktionierte nach Angaben der Forscher auf Apples iOS ebenso wie auf Googles Android und zeigt, wie weit Angriffe auf Smartphones inzwischen gehen können, ohne dass der Besitzer überhaupt einen Fehler machen muss. Calif nennt das Werkzeug WeWorm. Sobald ein WeChat-Konto übernommen war, konnte ein Angreifer private Nachrichten lesen und verschicken, Anrufe tätigen und das Konto kontrollieren. Zusammen mit weiteren Sicherheitsfehlern hätte sich nach Angaben des Unternehmens sogar das gesamte Telefon übernehmen lassen. Besonders brutal daran: Es hätte nicht gereicht, den Anruf einfach zu ignorieren. Calif-Chef Thai Duong erklärte, der Angriff funktionierte sowohl beim Abheben als auch dann, wenn das Telefon weiter klingelte. Nur wer den Anruf wenige Sekunden nach dem ersten Klingeln aktiv ablehnte, hätte die Übernahme verhindern können.
Danach hätte sich der Angriff selbst weiterbewegen können. WeChat gibt gespeicherten Kontakten mehr Rechte und Vertrauen als unbekannten Nummern. Genau das nutzte WeWorm aus. War eine Nummer erst übernommen, konnte der Wurm die gespeicherten Kontakte des Opfers erreichen, dort weitere Konten übernehmen und von diesen wiederum weiterziehen. Vinh Nguyen, früher leitender Datenwissenschaftler bei der US-Geheimdienstbehörde NSA und heute beim Council on Foreign Relations, bezeichnete den Angriff als einen der beunruhigendsten Fälle dieser Art, die er bislang gesehen habe. Innerhalb weniger Stunden hätten seiner Einschätzung nach Hunderte Millionen Geräte erreicht werden können. Computerwürmer, die sich selbst verbreiten, gibt es seit Jahrzehnten. Neu ist, dass ein solcher Angriff mobile Geräte mit den beiden großen Betriebssystemen treffen kann, ohne dass jemand auf einen schädlichen Link tippen oder eine Datei öffnen muss. Calif brauchte nach eigenen Angaben etwas mehr als eine Woche, um das Werkzeug zu bauen. Dabei nutzte das Team frei verfügbare Modelle für künstliche Intelligenz sowie leistungsfähige Systeme aus den USA. Welche genau eingesetzt wurden, verrät das Unternehmen nicht.
Tencent, der chinesische Konzern hinter WeChat, bestätigte die Schwachstelle und schloss sie, nachdem Calif das Unternehmen informiert hatte. Nach Angaben von Tencent gibt es keinen Hinweis darauf, dass Nutzer tatsächlich betroffen waren. Ein Update der App sei für Kunden nicht notwendig gewesen. Das Weiße Haus wurde vor der öffentlichen Bekanntgabe ebenfalls unterrichtet. Damit blieb WeWorm ein Forschungsangriff und wurde nicht als laufende Angriffswelle auf Millionen Telefone entdeckt. Genau das darf bei der Einordnung nicht verloren gehen. Trotzdem zeigt der Fall, wie viel schneller Sicherheitslücken heute gefunden und für funktionierende Angriffe genutzt werden können. Früher konnten bislang unbekannte Fehler in Betriebssystemen oder Apps auf illegalen Märkten Millionen Dollar wert sein. Solche Schwachstellen waren selten und ihre Nutzung verlangte oft jahrelange Erfahrung. Heute können leistungsfähige Systeme Forschern einen erheblichen Teil dieser Arbeit abnehmen. Calif hatte bereits im Mai mit einer frühen Version des Anthropic-Modells Mythos Sicherheitsmechanismen in Apples macOS umgehen können. Anthropic selbst erklärte im April, Mythos habe Tausende bislang unbekannte Sicherheitsfehler in großen Betriebssystemen und Internetbrowsern gefunden, darunter Probleme, die seit Jahrzehnten im Programmcode lagen.
Noch baut eine Maschine solche Angriffe nicht einfach allein. Duong sagt ausdrücklich, dass sein Team WeWorm ständig begleiten musste und menschliche Erfahrung weiterhin nötig war. Doch genau dort verändert sich die Lage. Wenige Spezialisten können in wesentlich kürzerer Zeit Dinge bauen, für die früher deutlich mehr Personal und Zeit nötig gewesen wären. OpenAI und mehr als 100 große Technologieunternehmen warnten deshalb zuletzt vor einer kommenden Welle von Angriffen, bei denen künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle spielen dürfte. Sam Altman sagte vergangene Woche bei einem Treffen der G20-Staaten in North Carolina, in der Cybersicherheit werde einiges sehr schiefgehen, wenn nicht schnell gehandelt werde. Bill Gates bezeichnete den Umgang mit diesen Gefahren zuletzt als eine der dringendsten Aufgaben weltweit. Für Smartphone-Nutzer bleibt WeWorm vorerst kein Angriff, vor dem man jetzt konkret Angst haben muss. Die WeChat-Lücke ist geschlossen, und es gibt keinen Hinweis auf betroffene Nutzer. Die Vorstellung, dass Vorsicht allein schützt, bekommt allerdings einen schweren Schlag. Bei diesem Angriff hätte niemand auf etwas Falsches klicken müssen. Das Telefon musste nur klingeln.
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