Es gibt einen Brief des Philosophen Seneca an seinen Freund Lucilius, in dem er die Muskelnarren des alten Rom verspottet. Es sei töricht, schrieb er vor bald 2000 Jahren, seine ganze Kraft darauf zu verwenden, die Arme dick und den Nacken breit zu machen; habe man sich damit erschöpft, bleibe für den Geist nichts übrig, und der sei doch das Einzige, worauf es ankomme. Man müsse diesen Brief nur aufschlagen, um zu begreifen, dass die amerikanische Regierung des Jahres 2026 an einer sehr alten Krankheit leidet, für die es sehr alte Diagnosen gibt.
Der Anlass ist ein Mann von 66 Jahren, der über das Amt für die staatliche Kranken- und Altenversicherung gebietet und der es für eine gute Idee hielt, seinen 3,3 Millionen Anhängern im Netz einen fachmännischen Rat zu erteilen. Mehmet Oz, einst Fernseharzt, heute Verwalter der Gesundheit eines halben Kontinents, stellte sich in seinen Garten und kündigte etwas Kinderleichtes an. Es heiße Kniebeuge, sagte er, alle hätten schon davon gehört.
Dann folgte die Anleitung, die in die Geschichte der öffentlichen Belehrung eingehen wird. Man dürfe sich nicht nach vorn lehnen, sondern müsse sich zurücksetzen, als sei der Hintern im Begriff, die Klobrille zu berühren. So gehe man zurück, sagte er, und berühre. Es ist ein Bild von solcher Würde, dass man es dem obersten Hüter der Volksgesundheit kaum nachsprechen mag.
Doch die eigentliche Pointe lieferte nicht die Sprache, sondern die Schwerkraft. Auf dem Weg zurück in die Senkrechte lag sein Schwerpunkt zu weit hinten, die Arme ruderten, und in kleinen Schritten rückwärts rettete er sich vor dem Sturz. Es ist der Augenblick, in dem die Kniebeuge, die er kinderleicht genannt hatte, ihn beinahe zu Boden gelegt hätte. Ein zweiter Versuch folgte sogleich, diesmal vorsichtiger, weniger tief. Übe es, sagte er dabei, es komme dann von selbst.
Man halte hier inne. Ein normaler Mensch hätte den missglückten ersten Versuch gelöscht. Oz entschied sich, das Wanken zu senden. Nicht aus Versehen, sondern als Lehrstück. Es ist die reine Form der Selbstdarstellung, in der die Botschaft, seht her, ich bin ein Vorbild, wichtiger wird als die kleine Tatsache, dass das Vorbild soeben fast umgefallen ist. Es blieb nicht bei den Beinen. Auch flottes Gehen empfahl er dem Herzen, und dann kam die Anatomie. Die Schlagadern seien so eine Art großes Rohr, sagte er und klopfte auf eine Schautafel. Manchmal würden sie starr, und starre Schlagadern wolle man nicht, man wolle sie geschmeidig. So klingt medizinische Aufklärung, wenn ein Mann, der einmal ein Rohr gesehen hat, ein ganzes Gefäßsystem erklärt. An den Klimmzügen am Klettergerüst immerhin scheiterte er nicht; schon im Februar hatte er mit dem Verteidigungsminister an einem Ast geturnt.
Und damit ist er nur der jüngste Name auf einer Liste, die von Monat zu Monat länger wird. Es ist zur Sitte in dieser Regierung geworden, sich beim Sport zu filmen, was schon deshalb bemerkenswert ist, weil der Präsident selbst dem Sport zeitlebens misstraut. Er glaubt tatsächlich, der Körper verfüge nur über eine feste Menge Energie, die man beim Bewegen aufbrauche. Ein Herrscher, der Bewegung für Verschwendung hält, umgeben von Ministern, die nichts lieber tun, als sich in Bewegung zu zeigen. Der Hofstaat turnt, während der Fürst spart.
An der Spitze der Liste steht der Verteidigungsminister, 45 Jahre alt und ebenfalls vom Bildschirm gekommen, der am Vorabend des Krieges mit Iran im Februar einen Film von sich mit Soldaten in West Point verbreitete. Wenige Tage zuvor hatte er die Hantelbank gedrückt, während sein Sohn sicherte. Man stelle sich das Verhältnis der Dinge vor: Ein Land steht vor dem Krieg, und der zuständige Minister sorgt sich um die saubere Ausführung des Bankdrückens.
Der Gesundheitsminister wiederum, 72 Jahre alt, zeigt seine Übungen stolz in Jeans, an die er sich gewöhnt habe, seit er jahrelang erst wandern und dann ins Fitnessstudio ging. Gemeinsam mit dem Verteidigungsminister trägt er eine Fitnessprüfung im Zeichen des gesunden Amerika aus. Und der Verkehrsminister, 54, reihte sich schon im Dezember ein, als er mit dem Gesundheitsminister an einem Flughafen bei der Hauptstadt in einem abgesperrten Teil der Halle ein Klimmzugturnier veranstaltete, zwischen den Reisenden, gleich neben den Toiletten.
Seneca hätte an dieser Regierung seine Freude gehabt, im Sinne des Spottes. Sie übt den Körper vor laufender Kamera und lässt den Verstand unbeaufsichtigt. Sie zeigt Kraft und meint Schwäche, denn wer sich unablässig beim Stemmen filmen lässt, hat für das Denken keine Kraft mehr übrig, und vielleicht ist genau das der Sinn der Übung. Der oberste Gesundheitsverwalter jedenfalls hat der Nation in einer einzigen Kniebeuge mehr über den Zustand ihrer Führung verraten, als jede Rede es könnte. Er wollte zeigen, wie man sicher steht. Er zeigte, wie man fällt.
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