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Bart und Umwege: Russlands Merkblatt gegen den eigenen Tod

VonTEAM KAIZEN BLOG

4. August 2026

Bevor der Offizier morgens losfährt, geht er in die Hocke und leuchtet unter das eigene Auto. Radkästen und Unterboden, die Stellen, an denen eine Ladung klebt. Es ist kein Einfall eines Ängstlichen, es ist Dienstvorschrift. Russlands Verteidigungsministerium verteilt unter Soldaten und Zivilbeschäftigten ein Papier für den Fall eines drohenden Anschlags. Das Papier heißt Standardunterweisung für den Bediensteten und seine Angehörigen zum Verhalten bei Hinweisen auf ein geplantes Attentat, gestützt auf die Erfahrung der Sicherheitsbehörden. Adressat ist, wer beim Ministerium oder der Rosgwardija arbeitet und eine Todesdrohung ukrainischer Dienste erhalten hat.

Der Feind, so das Papier, lese die Namen aus offenen Quellen und Messenger-Diensten, präge sich Wohnort und Tagesablauf ein und suche sich dann die Methode. Also solle der Bedienstete verschwinden, ohne den Ort zu wechseln. Keine Spur mehr in den sozialen Netzwerken, neue Nummer, neues Telefon, Anrufe nur von bekannten Nummern. Jeden Tag ein anderer Weg, und weg mit allem, was den Standort verrät, bis zur Smartwatch und zum Schrittzähler. Wer ihm zweimal begegnet oder ihn und seinen Wagen fotografiert, ist verdächtig. Und das Gesicht soll ein anderes werden, Brille und Bart, dazu eine fremde Frisur und andere Kleidung, damit der General im Spiegel jemand anderes wird.

Das Dokument warnt russische Soldaten und ihre Familien vor gezielten Anschlägen durch ukrainische Geheimdienste und empfiehlt umfangreiche Schutzmaßnahmen. Dazu gehören häufig wechselnde Fahr- und Arbeitswege, das Meiden fester Routinen, die Kontrolle von Wohnung und Fahrzeug auf Sprengsätze, Vorsicht bei Paketen und Lieferdiensten sowie der Verzicht auf Ortungsdienste und soziale Netzwerke. Außerdem wird geraten, persönliche Daten zu entfernen, das äußere Erscheinungsbild zu verändern, nur bekannte Anrufer anzunehmen und Familienangehörige ebenfalls auf mögliche Anschläge vorzubereiten.

Ein eigener Abschnitt gehört dem Auto, dem liebsten Sarg dieses Krieges. Am besten keines fahren, sonst fern der Wohnung parken, unter Kameras, und vor jeder Fahrt absuchen. Das Papier erklärt, wo die Bombe sitzt und wann sie hochgeht, beim Anlassen oder am Türgriff, per Zeitzünder oder aus der Ferne. Dann die kleine Choreografie der Angst, keine Lieferdienste, keine Pakete von Fremden, nicht mit Unbekannten in den Aufzug, die Tür verstärkt, im Erdgeschoss ein Gitter vors Fenster. Bewaffnen solle er sich mit Reizgas oder einem Elektroschocker, auch eine Waffe mit begrenzter Wirkung wird genannt. Den Ernstfall übe er mit der Familie, die das Blatt kennen soll, und den Kontakt zu den Sicherheitsbehörden regle er vorab, damit im Notfall rasch jemand erfährt, dass es so weit ist.

Die Anweisungen konzentrieren sich auf den Schutz von Wohnung, Fahrzeug und persönlichem Verhalten. Empfohlen werden unter anderem verstärkte Türen und Fenster, regelmäßige Kontrollen von Auto und Wohnumfeld auf Sprengsätze oder Manipulationen, das Meiden fester Routinen und wechselnde Park- sowie Fahrwege. Außerdem sollen unbekannte Pakete und Lieferdienste gemieden, auf verdächtige Personen geachtet und Soldaten sich sowohl praktisch als auch psychologisch auf mögliche Anschläge vorbereiten.

Es lohnt, kurz innezuhalten. Ein Staat entstand einst aus dem Versprechen, den Menschen die Furcht vor dem gewaltsamen Tod zu nehmen, dieses eine Grauen im Tausch gegen Gehorsam. Nun reicht derselbe Staat seinen Offizieren eine Anleitung, wie sie ebendiese Furcht überleben. Die Männer, die den Tod verschicken, sollen sich vor ihm ducken. Schulman spottet leise, das Blatt passe schlecht zu jenen Generälen, die sich trotz der Warnungen in Restaurants feiern lassen.

Und die Toten sind nicht wenige. Am Abend des 1. August 2026 riss eine Explosion das Moskauer Lokal Balzi Rossi auseinander, wo der Oberbefehlshaber der Luft- und Weltraumkräfte Alexander Tschaiko Geburtstag feierte; ob er dort saß, ob er gemeint war, bestätigt niemand offiziell, mehrere Gäste starben, mehr als 20 wurden verletzt. Im Juni 2026 zerlegte eine Autobombe in Balaschicha ausgerechnet den General Damir Dawydow, der die Armee mit Munition versorgte. Im Februar 2026 fingen mehrere Kugeln den Vizechef des GRU Wladimir Alexejew, er überlebte. Fanil Sarwarow aus der Ausbildungsabteilung des Generalstabs starb im Dezember 2025 an einer Bombe unter dem Wagen. Im Mai 2025 zerfetzte eine Explosion in Stawropol Saur Gurzijew, der an der Einnahme Mariupols beteiligt gewesen war und zuletzt stellvertretend die Stadtverwaltung von Stawropol leitete. Eine Autobombe in Balaschicha tötete im April 2025 Jaroslaw Moskalik von der Hauptoperativen Verwaltung. Igor Kirillow, der die ABC-Abwehr befehligte, zerriss es im Dezember 2024 vor seiner Moskauer Haustür. Im November 2024 starb in Sewastopol Kapitän zur See Waleri Trankowski, Stabschef einer Raketenbootbrigade der Schwarzmeerflotte. Im Oktober 2024 erschossen Unbekannte bei Moskau Oberst Nikita Klenkow, eben erst aus dem Krieg heimgekehrt.

Weiter zurück verliert sich die Spur kaum. Im September 2024 meldete der ukrainische Militärgeheimdienst den Tod des Drohnenkommandeurs Alexej Kolomejzew, doch Moskau bestätigte nichts, und das kremlnahe Kriegsprojekt WarGonzo erklärte ihn für lebendig und pensioniert. Im Juli 2024 sollte es den GRU-Offizier Andrei Torgaschow treffen, erwischt wurde ein Namensvetter, und Torgaschow selbst sagte, er sei nie gemeint gewesen. Am Beginn, im Juli 2023, fiel der frühere U-Boot-Kommandant Stanislaw Rschizki beim Morgenlauf in Krasnodar, wo er stellvertretend die Abteilung für Mobilmachung leitete; verurteilt wurde ein russisch-ukrainischer Staatsbürger, Sergej Denissenko.

Das Merkblatt liest sich, als wäre die Front nach innen gekippt, bis unter das eigene Auto. Wer den Tod bestellt, dem legt der eigene Dienst nahe, sich einen Bart wachsen zu lassen und morgens einen anderen Weg zu nehmen.

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