Das Vermögen von Gouverneur Jim Pillen ist im Schweinestall gewachsen, und die Hände, die es mehrten, gehörten oft Menschen, die er heute als „die Schlimmsten der Schlimmen“ bezeichnet. Der republikanische Gouverneur von Nebraska stützt Donald Trumps harte Einwanderungspolitik ohne Abstriche, auf jeder Kundgebung und in jeder Rede. Sein millionenschweres Schweinezuchtunternehmen aber wuchs nach übereinstimmenden Berichten auf den Schultern hispanischer Arbeiter ohne legalen Aufenthaltsstatus. Die lauteste Stimme gegen die Papierlosen hat sie im eigenen Betrieb über Jahre am dringendsten gebraucht. Ein Mann kann gegen etwas Wahlkampf führen und zugleich davon leben, wenn er nur laut genug das eine vom anderen trennt. Zwischen der Kanzel und dem Kassenbuch liegt bei ihm eine kurze, gut ausgeleuchtete Strecke.

Als Gouverneur hat Pillen die Strafverfolgung des Staates eng an die Einwanderungsbehörde ICE gebunden. Ein früheres Gefängnis ließ er zu einem Einwanderungszentrum umbauen und gab ihm den fast heiteren Namen „Cornhusker Clink“, als handle es sich um eine Sehenswürdigkeit und nicht um einen Ort des Wegsperrens. Menschen ohne geregelten Aufenthalt nennt er „kriminelle illegale Ausländer“. Die Sprache verrichtet ihre Arbeit, noch bevor die Beamten anrücken, weil sie aus Nachbarn und Kollegen einen Bestand macht, den man sortiert. Das Wort „kriminell“ nimmt die Abschiebung vorweg und erspart die Frage, wer diese Menschen jenseits ihres Aufenthaltsstatus eigentlich sind. Der Zorn auf sie endet allerdings dort, wo dieselben Menschen den Gewinn mehren.

In seinem eigenen Unternehmen war ihr Einsatz nach wochenlanger Recherche ein „offenes Geheimnis“. Mindestens 20 der Farmen sollen Beschäftigte ohne Aufenthaltsstatus geführt haben. David Armendariz, ein früherer Arbeiter aus Mexiko ohne Papiere, berichtet, das Unternehmen habe seinen gefälschten Ausweis anstandslos angenommen. „Jeder weiß, dass das nicht dein Name ist, aber sie fragen dich nicht, wie du wirklich heißt“, sagt er. Mit den Jahren, so seine Schilderung, seien immer mehr hispanische Arbeiter gekommen, viele von ihnen ohne Status. Offen log niemand, doch das gemeinsame Wegsehen war die Bedingung des Geschäfts. Das Unternehmen braucht keine Fälschung, die täuscht, es braucht nur eine, die niemand zu prüfen wagt.

Die Beschäftigung ohne Papiere folgt kaum dem Zufall, sie folgt einem Verfahren mit klaren Regeln. Gefragt und geprüft wird nicht; entgegengenommen wird, was auf dem Tisch liegt. Der Rest gilt als Sache des Arbeiters. So entsteht ein Arbeitsverhältnis, das sich jederzeit bestreiten lässt, weil offiziell niemand etwas wusste. Der Papierkram stimmt, die Wirklichkeit stimmt nicht. Die Lücke dazwischen ist eingeplant. Der Betrieb gewinnt willige Hände zu niedrigem Lohn, der Arbeiter die Erlaubnis zu bleiben, solange er unsichtbar bleibt. Das Schweigen ist der wahre Vertrag zwischen beiden.
Die Fleischwirtschaft dieses Landes ruht seit Langem auf Menschen, die schwer zu ersetzen und leicht zu entlassen sind. Die Angst vor der Abschiebung hält den Lohn niedrig und den Widerspruch klein, weil ein Mensch, der jederzeit verschwinden kann, selten auf eine Pause pocht. Genau diese Angst ist der Rohstoff, aus dem Betriebe wie das von Pillen ihren Vorteil ziehen, lange bevor ein Gouverneur sie in Politik übersetzt. Der Zaun, den er den einen baut, hält die anderen zugleich gefügig.

Die Behörde, die Pillen als Gouverneur gegen andere in Stellung bringt, hat sein eigenes Unternehmen jahrelang in Ruhe gelassen. 15 Jahre lang habe ICE die Farmen weder geprüft noch inspiziert, teilte sie auf Anfrage mit. Strenger wurde das Unternehmen erst, als Pillen 2022 nach dem Gouverneursamt griff. Von da an stellte es mexikanische Einwanderer mit eigenen Visa ein. Kontrolle ist in diesem Land eine Frage des Willens, und der Wille richtet sich selten gegen die eigene Kasse. Die Sorgfalt kam mit der Kandidatur, keinen Tag früher.
Am aufschlussreichsten ist ein Datum. An dem Tag, an dem Pillen seine erste Kampagne für das höchste Amt des Staates begann, trat Pillen Family Farms dem staatlichen Prüfsystem E-Verify bei, das den Beschäftigungsstatus der Arbeitnehmer kontrolliert. Registerunterlagen belegen diesen Gleichlauf bis auf den Tag genau. Ein Zufall wäre denkbar, doch er müsste sich den unwahrscheinlichsten Tag dafür ausgesucht haben. Ein Prüfsystem gegen illegale Arbeit kam ins Haus, sobald die Arbeit zum Wahlkampfrisiko wurde. Ordnung war lange verzichtbar, solange niemand hinsah, und wurde über Nacht zur Pflicht, als das Licht der Öffentlichkeit näher rückte.
Die Akten reichen weiter als die Aussagen einzelner Arbeiter. Eine Bundesklage aus dem Jahr 2021 gegen Pillen Family Farms wiegt am schwersten. Ein früherer Mitarbeiter aus dem Personalbereich habe dem Unternehmen vorgeworfen, wissentlich Menschen ohne Aufenthaltsstatus beschäftigt und Namen in den Unterlagen verändert zu haben. Auch von manipulierten Beschäftigungsnachweisen sei die Rede gewesen. Das Unternehmen bestritt die Vorwürfe. 2022 beendeten beide Seiten das Verfahren, ohne dass ein Gericht darüber urteilte, und damit gelten die Vorwürfe nicht als bewiesen. Ein Vergleich schließt die Tür zu dem Saal, in dem die Wahrheit förmlich festgestellt würde, und beide Seiten wissen, warum sie diese Tür gern geschlossen halten.
Neben der Klage stehen die Verfahren gegen die Beschäftigten selbst, und hier tritt die Schieflage offen zutage. Zwischen 2015 und 2024 wurden nach Gerichtsakten mindestens 12 von ihnen wegen falscher oder gestohlener Identitäten angeklagt. 9 wurden verurteilt, 3 erschienen nicht vor Gericht. Pillen Family Farms selbst saß in keinem dieser Verfahren auf der Anklagebank. Die Strafe trifft die Hand, die den falschen Ausweis vorlegt, und verschont das Haus, das ihn wissentlich entgegennimmt. Bei Wholestone Prestage, an dem die Familie Pillen eine Minderheit hält, wurden seit 2019 mindestens 56 Beschäftigte wegen falscher Ausweispapiere angeklagt. Diese Fälle sind dem Unternehmen der Familie nicht zuzurechnen, doch sie zeichnen dasselbe Bild einer Branche, die von Menschen lebt und sie zugleich der Gefahr überlässt.

Pillen selbst bestreitet, von der illegalen Beschäftigung gewusst zu haben. Sein Sprecher erklärt, der Gouverneur habe niemals wissentlich einen Menschen ohne Aufenthaltsstatus eingestellt und bei der Prüfung sogar mehr getan, als das Gesetz verlange. Dieser Satz behauptet mehr, als die Aktenlage trägt, denn ein Betrieb, der E-Verify erst am Tag der Kandidatur einführt, ist den gesetzlichen Anforderungen kaum vorausgeeilt. Derselbe Sprecher rühmt Pillens Bilanz als die stärkste in der Geschichte Nebraskas und verweist auf die Hilfe des Bundes bei der Abschiebung von nahezu 1.000 Menschen. Die Zahl soll Stärke zeigen, doch sie zählt Menschen, deren Arbeit dieselbe Wirtschaft trägt, die sie verstößt. Die demokratische Bewerberin um das Amt, Lynne Walz, hält dagegen, in 4 Jahren habe Pillen vor allem gezeigt, dass sein Reden und sein Handeln auseinanderfielen. Den Preis zahlten stets dieselben, die Arbeiter und die Familien ohne Wahlkampfscheck.
Pillen steht mit dieser Doppelmoral nicht allein in seiner Partei. Die Härte gegen die Schwächsten steht bei vielen als Programm im Schaufenster, während dieselbe Arbeit im Hinterhof des eigenen Betriebs oder bei den Spendern gebraucht wird. Die Abschiebung von nahezu 1.000 Menschen wird als Leistung vorgezeigt, die Herkunft des eigenen Reichtums bleibt im Schatten. So leistet sich die Strenge ihre stille Ausnahme, und diese Ausnahme trägt fast immer den Namen des eigenen Hauses. Diese Ordnung teilt die Papierlosen in die guten, die schuften und schweigen, und die schlechten, die man zur Abschreckung vorführt. Beide sind dieselben Menschen, an verschiedenen Tagen betrachtet.
Der Fall steht nicht für sich. Einwanderung und Arbeitsmarkt sind fest ineinander verhakt, und viele Betriebe beschäftigen wissentlich Menschen ohne Papiere aus Mexiko und dem übrigen Lateinamerika, weil billige Hände unter geringer Aufsicht die Gewinne heben. Für Leute wie Pillen zählt vor allem diese Rechnung, während die Arbeiter zugleich jenes Risiko der Strafverfolgung tragen, das dem Eigentümer erspart bleibt. Der Arbeiter riskiert Anklage und Abschiebung, der Eigentümer riskiert bestenfalls eine unbequeme Schlagzeile. Genau hier liegt die politische Sprengkraft: Heute lässt Pillen Nebraska mit ICE zusammenarbeiten und nennt Menschen ohne Status „kriminelle illegale Ausländer“, während eine lange Spur aus Akten und Zeugen zeigt, dass eben solche Arbeiter in seinem Firmenumfeld tätig waren. Sauber bleibt festzuhalten, dass die bisherigen Unterlagen nicht beweisen, Pillen habe die illegale Beschäftigung persönlich und wissentlich angeordnet. Zwischen dem, was er über andere sagt, und dem, was in seinen Ställen geschah, liegt die Laufbahn eines Mannes, der die Latte immer nur an die Nachbarn hält.
Aber mit Pillen ist die Geschichte nicht zu Ende
Dieselbe Spaltung steht, ein Blick über den Atlantik genügt, mitten in Deutschland im Antragsbuch der AfD. Öffentlich führt die Partei den härtesten Kampf gegen die Zuwanderung, in ihren eigenen Bundestagsdrucksachen aber ruft sie nach ausländischen Händen und möchte sie zugleich billiger halten als die inländischen. Was in Nebraska der stille Griff zur fremden Hand ist, steht bei ihr schwarz auf weiß im Papier.

Im Frühjahr 2020, als die Corona-Regeln die Grenzen schlossen, verlangte der agrarpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Stephan Protschka, die osteuropäischen Saisonarbeiter wieder und in größerer Zahl ins Land zu lassen. Ohne die erfahrenen Erntehelfer aus Osteuropa, erklärte er, sei ein großer Teil der Ernte vom Obst bis zum Hopfen gefährdet. Fast 280.000 solcher Kräfte kämen jährlich zur deutschen Obst- und Gemüseernte, rechnete er vor, und die erlaubten 40.000 je Monat genügten nicht, die Sondereinreisen seien erheblich auszuweiten. Auch die Hopfenernte führte er ins Feld und begrüßte es, als die Regierung die Erntehelfer aus Osteuropa tatsächlich wieder kommen ließ. Die Partei, die sonst den Zaun predigt, bat hier ausdrücklich um Durchlass.

Vier Jahre später drehte sich der Ton. Im Juni 2024 brachte die Fraktion um Frank Rinck und Stephan Protschka den Antrag 20/11940 ein, der die Betriebe für maßgeblich auf ausländische Saisonkräfte angewiesen erklärte und zugleich eine Ausnahme vom gesetzlichen Mindestlohn für kurzfristig Beschäftigte mit Lebensmittelpunkt im Ausland verlangte. Verräterisch ist die Begründung: Eine solche Ausnahme schade den Saisonarbeitern nicht, denn sie könnten frei entscheiden, ob und zu welchem Lohn sie kämen, und ihren Lohn selbst aushandeln. Die Freiheit, die man ihnen zuschreibt, besteht darin, für weniger zu arbeiten oder gar nicht.

Am 2. Juli 2025 gab die Abgeordnete Gerrit Huy dem eine Überschrift, die den deutschen Mindestlohn zum Untergang der heimischen Obst- und Gemüsebauern erklärte. Für die ausländischen Saisonarbeiter, sagte sie, sei der Einsatz auch bei geringerem Lohn äußerst attraktiv, sonst kämen sie nicht. Die konkrete Grenze zog erst der Fraktionsantrag vom 9. September 2025 um Bernd Schattner und René Springer: Die ausländischen Saisonkräfte sollten aus dem Mindestlohn herausfallen und nur noch 70 Prozent des geltenden Satzes erhalten, die 70-Tage-Regel dazu auf 115 Tage steigen. Begründet wurde die Ungleichheit mit den niedrigeren Lebenshaltungskosten in den Herkunftsländern. Bemessen wird der Lohn damit an der Not im Herkunftsland, während die Arbeit auf deutschem Boden dieselbe bleibt.
Der Bundestag lehnte den Antrag am 6. November 2025 ab, alle anderen Fraktionen stimmten dagegen. Am 23. Januar 2026 stellte die Bundesregierung fest, ein eigener, geringerer Mindestlohn allein für kurzfristige Saisonkräfte stelle nach deutschem wie europäischem Recht eine unzulässige Diskriminierung dar. Der Vorschlag, der den Bauern helfen sollte, endete als Lehrstück darüber, wen die Partei sich als Arbeiter 2. Klasse denkt. Das Doppelte liegt offen zutage. Eine Ernte, die ohne die Fremden verloren wäre, verträgt sich schlecht mit einem Lohn, der eben diese Menschen unter alle anderen setzt. Die Not des einen wird zum Rabatt des anderen, und der Betrieb spart genau dort, wo der Mensch sich am wenigsten wehren kann. Genau diese Rechnung nennt die Partei dann Schutz der Heimat.

Noch schwerer, doch getrennt zu betrachten, wiegt der Fall des sächsischen Landtagsabgeordneten Jörg Dornau. Am 7. August 2024 stellte das Präsidium des Sächsischen Landtags fest, dass er seine Beteiligung am belarussischen Unternehmen Zybulka-Bel und seine Tätigkeit als dessen Direktor nicht fristgerecht angezeigt hatte, und verhängte ein Ordnungsgeld von 20.862 Euro, das das Verwaltungsgericht Leipzig am 10. Dezember 2025 bestätigte. Ein unabhängiges belarussisches Medium schilderte im September 2024, auf dieser Zwiebelfarm hätten politische Gefangene gearbeitet. Für einen Häftling seien 30 belarussische Rubel am Tag an die Haftanstalt geflossen, von denen etwa 20 dem Gefangenen zufallen sollten, zusammen rund 5 Euro, und ein früherer Häftling habe Dornau dort persönlich gesehen.
Ob diese Arbeit erzwungen war, ist nicht abschließend bewiesen, und die Aussagen gehen auseinander. Der erste Häftling nannte sie ausdrücklich freiwillig und zog sie den Zuständen im Gefängnis vor, ein weiterer schilderte sie als faktisch unfrei und berichtete, man habe ihn an einem Tag an einen Heizkörper gekettet. Die Staatsanwaltschaft Leipzig leitete am 20. Dezember 2024 kein Verfahren ein. Sie hielt fest, die Beschäftigung sei damit nicht widerlegt, es fehle allein der Anfangsverdacht für eine in Deutschland verfolgbare Tat. Seit dem 4. Februar 2026 ermittelt sie in anderer Sache gegen ihn, wegen möglicher Umgehung der EU-Sanktionen bei Ausfuhren nach Belarus, und ließ dafür Räume und Fahrzeuge durchsuchen.
Zwischen Nebraska und Sachsen liegt ein Ozean und kein großer Unterschied. Hier wie dort lebt die Rechte, die am lautesten gegen den Fremden zu Felde zieht, von dessen billiger und stiller Arbeit, Pillen will ihn abschiebbar und günstig, die AfD will ihn eingelassen und unter Tarif. Der Feind am Mikrofon und die Hand im Feld sind derselbe Mensch, und beide Seiten wissen es.
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