Donald Trump wollte Kanada treffen. Jetzt sitzen republikanische Politiker in Kansas da und versuchen, den eigenen Präsidenten davon abzuhalten, 1.500 Arbeitsplätze in ihrem Bundesstaat mitzutreffen. Trumps Drohung, Bombardier vom amerikanischen Markt auszuschließen, kommt dort nämlich ganz anders an als im Weißen Haus. Bombardier ist zwar kanadisch, beschäftigt in den USA aber rund 3.500 Menschen. Mehr als 40 Prozent davon arbeiten in Wichita. Für Kansas bedeutet Trumps Ankündigung deshalb nicht irgendeinen neuen Schlag gegen Ottawa, sondern die ziemlich konkrete Frage, was aus 1.500 amerikanischen Jobs wird.

Der republikanische Senator Dr. Roger Marshall hat offenbar verstanden, wie gefährlich ihm Trumps Bombardier-Drohung wenige Wochen vor seiner Wiederwahl werden kann. Er sagt, er werde für die 1.500 Arbeitsplätze in Kansas kämpfen und habe die Sache bereits persönlich ins Oval Office getragen. Allzu viel plötzlich entdecktes soziales Gewissen sollte man daraus allerdings nicht herauslesen. Marshall war früher selbst Arzt und verklagte in dieser Zeit rund 700 Patienten wegen offener Rechnungen. 81 von ihnen wurden im Zusammenhang mit diesen Schulden sogar festgenommen. Auf die Forderungen wurden regelmäßig 18 Prozent Zinsen aufgeschlagen, bei einigen Patienten ließ man Bankkonten pfänden. Heute präsentiert sich derselbe Roger Marshall als Kämpfer für die wirtschaftliche Sicherheit von 1.500 Familien in Kansas.
Sein republikanischer Kollege Jerry Moran ist ebenfalls bei der Trump-Regierung vorstellig geworden. Er wolle sicherstellen, dass der Präsident überhaupt weiß, welchen Anteil Bombardier an der Wirtschaft in Kansas hat. Zwei republikanische Senatoren müssen ihrem republikanischen Präsidenten also gerade erklären, was dessen eigene Drohung in einem republikanischen Bundesstaat anrichten könnte. Damit nicht genug. Auch Ron Estes, republikanischer Abgeordneter aus Kansas, stellt sich gegen den Kurs. Er lehnt Zölle gegen die Luftfahrtindustrie ab und erinnert Trump daran, dass Bombardier eine große amerikanische Lieferkette trägt, Wartung und Reparaturen in den USA betreibt und Maschinen des Unternehmens sogar für wichtige Aufgaben der amerikanischen nationalen Sicherheit genutzt werden. Aus dem angekündigten Schlag gegen eine kanadische Firma wird damit ziemlich schnell ein Schlag gegen amerikanische Beschäftigte, amerikanische Zulieferer und Teile der amerikanischen Luftfahrt.
Bombardier hängt stark am US-Markt. Rund die Hälfte der Verkäufe des Unternehmens geht in die Vereinigten Staaten. Würde Trump seine Drohung wirklich durchziehen, wäre das für den Hersteller schwer genug. Für die Republikaner in Kansas kommt aber noch etwas anderes dazu: Die Demokraten brauchen die Sache nicht einmal kompliziert aufzubereiten. Adam Hamilton, der gegen Marshall um den Senatssitz antritt, schreibt schlicht, Bombardier sichere 1.500 Familien in Kansas gute Jobs – und nun versuche der Präsident, genau das wegzunehmen.

Marshall steht damit in einer Lage, die Trump ihm vermutlich nicht in den Wahlkampf schreiben wollte. Er muss gleichzeitig Republikaner bleiben, Trump nicht offen zum Gegner machen und seinen Wählern erklären, warum er im Oval Office dafür kämpft, dass Trump eine angekündigte Maßnahme nicht umsetzt. Das ist kein theoretischer Handelsstreit mehr. In Wichita hängen Namen, Gehälter und Familien daran. Noch schräger wird die Sache, weil bis heute niemand sauber erklären kann, wie Trump Bombardier überhaupt aus dem amerikanischen Markt werfen will. Drei auf Luftfahrtrecht spezialisierte Anwälte sagen, es sei unklar, wie die Regierung die Lieferung von Geschäftsflugzeugen stoppen könnte, die längst von der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA zugelassen sind. Das Weiße Haus hat dazu bislang nichts erklärt.
David Hernandez, Anwalt bei Vedder Price in Washington, formuliert es ohne Umweg: „Das ergibt keinen Sinn.“ Einer seiner Mandanten soll Ende Oktober einen Bombardier-Jet bekommen und fragte ihn bereits, ob Trumps Drohung nun zum Problem werde. Noch ist kein Flugzeug blockiert worden. Trotzdem müssen Kunden schon wieder überlegen, ob eine Bestellung, die heute gültig ist, in einigen Wochen noch ausgeliefert werden darf. „Schon wieder“ passt hier tatsächlich. Trump hatte Bombardier bereits im Februar bedroht. Damals wollte er im Streit über die Zulassung von Flugzeugen des amerikanischen Konkurrenten Gulfstream Aerospace Bombardier-Maschinen die amerikanische Zulassung entziehen. Daraus wurde nichts. Transport Canada genehmigte später die amerikanischen Jets, die Drohung verlief im Sand. Nur die Unsicherheit bei Käufern und Unternehmen war vorher trotzdem da.
Auch die größte nordamerikanische Luftfahrtgewerkschaft IAM will von einem Ausschluss der Bombardier-Jets nichts wissen. Auf der Käuferseite scheint bislang ebenfalls niemand in Panik zu verfallen. Der kanadische Luftfahrtrechtler Ehsan Monfared sagt, bei amerikanischen Käufern gebrauchter Bombardier-Geschäftsflugzeuge seiner Mandanten sehe er derzeit keinen Rückzug.

Monfared nennt noch einen Punkt, den das Weiße Haus vermutlich ebenfalls nicht völlig uninteressant findet. Bombardier verkauft keine Kleinwagen. Die Kundschaft für solche Geschäftsflugzeuge ist vermögend, und darunter dürften auch Unterstützer und große Geldgeber der Trump-Regierung sein. Ein tatsächliches Verbot könnte also ausgerechnet Menschen die bestellten Flugzeuge verhageln, die Trump politisch ganz gern bei Laune hält. Monfared glaubt deshalb, dass zu viele Bestellungen aus diesem Umfeld betroffen sein könnten, als dass die Drohung am Ende tatsächlich umgesetzt wird. Die rechtliche Grundlage hält er ohnehin für fragwürdig.
Die Börse hatte nicht darauf gewartet, ob Trump es diesmal ernst meint. Bombardier verlor nach Handelsbeginn zunächst 6,4 Prozent. Später lag die Aktie noch 3,6 Prozent im Minus. Der Auslöser liegt im immer härteren Streit zwischen Washington und Ottawa. Kanada hat Gegenzölle auf amerikanische Waren im Wert von rund 20 Milliarden Dollar verhängt, Trump antwortete darauf unter anderem mit seiner Bombardier-Drohung. Die Luftfahrt war von seinem bisherigen Handelskrieg weit weniger getroffen worden als etwa die Autoindustrie. Jetzt zieht er auch sie hinein.
Nur hat Trump sich diesmal einen Gegner ausgesucht, dessen amerikanische Beschäftigte ausgerechnet in Kansas sitzen. Und deshalb stehen Roger Marshall, Jerry Moran und Ron Estes nun nicht hinter ihm, sondern versuchen ihn zu bremsen. Drei Republikaner aus Kansas verteidigen einen kanadischen Flugzeugbauer gegen den Präsidenten der eigenen Partei, weil 1.500 amerikanische Jobs auf dem Spiel stehen. Genau da wird aus „America First“ plötzlich eine ziemlich unangenehme Rechnung für die eigenen Leute.
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