Es gibt eine bestimmte Art von Lüge, die nicht darin besteht, etwas Falsches zu sagen, sondern darin, etwas Offensichtliches zu bestreiten. Donald Trump hat diese Kunst in drei verschiedenen Szenen der vergangenen Tage perfektioniert, und jede für sich ist erhellend. Zusammen ergeben sie ein Porträt – keines, das er sich gewünscht hätte.
Das erste Bild zeigt Trump auf seinem Golfplatz, ein iPhone 17 Pro Max lässig in der Hand. Nichts Besonderes, möchte man meinen. Männer mit Telefonen sieht man überall. Aber dieser Mann hat ein eigenes Telefon auf den Markt gebracht. Das Trump Mobile T1 existiert als Produkt, wird an Unterstützer verkauft, als patriotische Alternative zu den Geräten der Tech-Oligarchen positioniert. Es ist eine weitere Ware in einem Verkaufsimperium, das Socken, Bibeln, Turnschuhe, Parfum und Kryptowährungen umfasst. Und der Mann, der das T1 verkauft, läuft mit einem iPhone herum. Der Händler glaubt nie so fest an seine Ware wie der Kunde, dem er sie andreht – das ist die älteste Wahrheit des Marktes, in eine einzige Geste gegossen. Es geht nicht um das Produkt, es geht ums Abkassieren. Es war immer ums Abkassieren.

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Das zweite Bild ist das des Reflecting Pool vor dem Lincoln Memorial, und es ist das unfreiwillig komischste Epos der amerikanischen Innenpolitik dieses Sommers. Trump ließ das Becken für Amerikas 250. Jahrestag in „American Flag Blue“ streichen. Das Ergebnis: Die neue Auskleidung blätterte ab, die Farbe schwamm oben, Algen blühten, tote Enten trieben. Dann, als wäre das nicht genug, erklärte Trump, Vandalen hätten mit Messern und Rasierklingen einen 350 Fuß langen Schnitt in die Auskleidung geritzt. Für diese Behauptung gibt es keine Beweise. Ein Gerichtsdokument belegte lediglich einen Vorfall mit einem scharfen Gegenstand vom 9. Juni – weit entfernt von Trumps Version einer organisierten Sabotageaktion im Dienste der Deep-State-Anti-Pool-Bewegung, die offenbar nichts Besseres zu tun hat, als nachts in ein nationales Becken zu steigen und an Folien herumzuschneiden. Fotos: Keine!

Inzwischen patrouillieren Nationalgardisten und Park-Polizei das Becken. Mobile Überwachungstürme summen im Juniwind. Ein Mann wurde verhaftet, weil er abblätternde Farbe berührt hatte. Ein Luftwaffenveteran fotografierte das Denkmal durch einen Maschendrahtzaun. Lincoln, dessen steinernes Abbild über allem wacht, schweigt. Er tut das seit 1922. Aber man hat das Gefühl, dass er Fragen hätte.

Joe Biden sprach am Samstagabend beim Parteitag der Demokraten in Maryland über genau diese Szene, und er tat es mit der Schärfe eines Mannes, der nach Jahrzehnten politischer Zurückhaltung beschlossen hat, dass es an der Zeit ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Sein Zitat ist in seiner Lakonie fast literarisch: „Er bringt seinen eigenen Namen am Kennedy Center an. Er lässt einen Triumphbogen zu seinen eigenen Ehren errichten. Und er engagiert sogar seinen eigenen Poolbauer, um den Reflecting Pool zu sanieren. Meine Güte. Was für ein Versager.“
Man muss diesen Satz langsam lesen, um seinen Rhythmus zu verstehen. Biden zählt auf, aber er kaskadiert nicht – er lässt jeden Punkt fallen wie einen Stein, und der letzte Stein ist am schwersten. „Was für ein Versager.“ In der Sprache der amerikanischen Politik ist das ein seltenes Wort. Es ist kein Wort der Würde, kein Wort des staatsmännischen Anstands. Es ist ein Urteil. Und dann fügte Biden hinzu: „Der Reflecting Pool spiegelt etwas zurück, das noch schlimmer ist als der Narzissmus und die Inkompetenz im Kern dieser Regierung. Es ist die Korruption. Die schamlose, offensichtliche Korruption. In einem Ausmaß, das in keiner Regierung der amerikanischen Geschichte je gesehen wurde.“
„Der Reflecting Pool spiegelt etwas wider, das noch schlimmer ist als der Narzissmus und die Inkompetenz im Zentrum dieser Regierung. Er spiegelt die Korruption wider. Die Korruption. Die dreiste, unverhohlene Korruption. Korruption in einem Ausmaß, wie es sie in der amerikanischen Geschichte unter keiner Regierung je gegeben hat. Trump hat seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus Milliarden Dollar verdient. Für mich ist das schlicht unglaublich. Er kennt keine Scham. Ehrlich gesagt, es ist beschämend für dieses Land. Trump ist das völlig egal. Mit dem Präsidentenamt Geld zu verdienen, ist einer der Gründe, warum er Präsident sein will.“
Das ist der härtere Satz. Und er ist präziser als er klingt. Die Eitelkeitsprojekte – der Bogen, das Kennedy Center, der Pool – sind nicht bloß Symptome eines übergroßen Egos. Sie sind Ausdruck einer Verwechslung, die für Trump charakteristisch ist und die im Kern korrupt ist: die Verwechslung von Staat und Selbst, von öffentlichem Raum und persönlichem Besitz, von nationaler Feier und persönlicher Vermarktung. Ein Präsident, der seinen Namen an ein Kulturzentrum hängt, das er nicht gegründet hat, der ein nationales Denkmal in seine Lieblingsfarbe streichen lässt, der einen Triumphbogen zu seinen eigenen Ehren auf der National Mall errichten lässt – dieser Präsident hat aufgehört, Präsident zu sein, und angefangen, Hausherr zu spielen. Das Haus gehört ihm nicht. Es gehört dem Volk. Der Pool auch. Und Lincoln darin auch, der ziemlich sicher nicht in einem blauen Becken hinter Maschendraht dargestellt werden wollte.
Das dritte Bild ist das komischste, aber in seiner Weise das aufschlussreichste. Fox News berichtete von der Great American State Fair auf der National Mall mit der Schlagzeile, Tausende von Menschen feierten gemeinsam. „Wir feiern auf der großen Great American State Fair. Tausende Menschen feiern heute gemeinsam mit uns.“ Die Bilder, die gleichzeitig um die Welt gingen, zeigten etwas anderes: leere Stühle, einen lichten Rasen, Lücken wo Massen hätten stehen sollen. Trump selbst hatte auf der Bühne darum gebettelt, zum 4.-Juli-Auftritt zu kommen. „Euer Lieblingspräsident wird sprechen, also erscheint bitte“, sagte er – ein Satz, der allein dadurch, dass er ausgesprochen werden musste, seine eigene Niederlage enthielt. Man fragt sich ernsthaft, was Fox News im Müsli hat. Die Antwort ist nüchterner als die Frage: Ein Sender, der zwanzig Jahre damit verbracht hat, eine bestimmte Wirklichkeit zu konstruieren, kann nicht einfach aufhören, wenn die Bilder nicht mehr passen. Er konstruiert weiter. Er sagt „Tausende“ und zeigt leere Stühle und hofft, dass die Zuschauer der Sprache glauben und nicht den Augen.
Es ist dieselbe Logik wie beim Trump Mobile T1, dasselbe Prinzip wie beim Reflecting Pool: Nicht die Realität zählt, sondern die Behauptung über die Realität. Nicht das Produkt zählt, sondern der Verkauf. Man hat eine Ware, man verkauft sie, man behauptet, dass sie gut ist, und wenn sie schlecht ist, findet man jemanden, der sie sabotiert hat. Der Vandal im Becken. Die böse Presse, die leere Stühle zählt statt volle. Die Tech-Oligarchen, deren Telefon man heimlich benutzt, während man das eigene vertickt.

„Volles Haus!“ (Ja, die Veranstaltung läuft gerade.) – Great American State Fair. (27. Juni 2026)
Die drei Szenen hängen zusammen, weil sie dieselbe Struktur haben. Das Telefon, das niemand benutzt, der es verkauft. Der Pool, der zerfällt, dessen Zerfall auf Saboteure geschoben wird, und der nun von Soldaten bewacht werden muss. Die Menge, die nicht da ist und trotzdem beschworen wird. In allen drei Fällen ist die Lüge keine große, dramatische Falschaussage. Es ist das beharrliche Bestreiten des Offensichtlichen – dass man nicht sehen soll, was man sieht, dass man nicht glauben soll, was vor einem liegt, dass man dem Erzähler mehr trauen soll als der Realität.
Der Begriff für diesen Mechanismus kommt aus dem Theater: Gaslighting, nach einem britischen Theaterstück von 1938, in dem ein Mann seiner Frau einredet, die Dinge, die sie wahrnimmt, existierten nicht. Was Trump praktiziert, ist keine Ideologie, kein kohärentes Weltbild, keine tragfähige politische Philosophie. Es ist Verkauf. Es war immer Verkauf. Der Pool, der Bogen, das Telefon, die Menge, das Kennedy Center – alles Ware. Und wer kauft, zahlt. Immer. Biden hat es „Versager“ genannt. Das ist das Wort eines Mannes, der die Sprache seines Gegners benutzt, um ihn dort zu treffen, wo es wehtut. Es trifft. Das präzisere Wort ist trotzdem ein anderes: Händler. Einer, der sein ganzes Leben lang verkauft hat, was er selbst nie glaubte, und der gelernt hat, dass das keine Schwäche ist – solange die Kunden nicht aufhören zu kaufen.
Der Reflecting Pool ist noch immer blau. Die Farbe blättert noch immer ab. Fox News berichtet noch immer von Tausenden. Das Trump Mobile T1 wartet noch immer auf seinen ersten Nutzer im Oval Office. Und Lincoln schaut noch immer zu – mit dem Gesicht eines Mannes, der sehr viel gesehen hat, und dem das hier nicht das Schlimmste davon ist, aber auch nicht das Stolzeste.
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Danke für diese Zusammenfassung.
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man drüber lachen.
Eine Posse in vielen Akten, die immer im Narzissmus von Trump münden.
Biden bringt es exactly auf den Punkt.
Wobei MAGA natürlich über ihn herziehen wird.
Biden und Obama, die Lieblingsfeinde von MAGA.
Wenn was nicht läuft, ist einer von Beiden Schuld.
Oder sogar Beide.
Die unglaublichen Mengen beim State Fair werden genau so verzweifelt, entgegen jeder physischer Beweise, beschworen wie niedrige Benzinpreise, niedrigere Lebensmittelpreise, Rabatte von 500% auf Medikamente etc.
Und so lange gute 35% der US-Bürger Yrump unterstützen, wird sich daran so schnell nichts ändern. 😞
Ist denn bis jetzt überhaupt ein Trumpphone ausgeliefert worden?
https://www.20min.ch/story/flop-trotz-mega-hype-trump-soehne-werben-fuer-us-handy-geliefert-wird-nichts-103560806
https://kaizen-blog.org/die-abzocke-geht-weiter-das-goldene-trump-handy-wie-aus-made-in-usa-ploetzlich-ein-umgelabeltes-china-smartphone-wird/
Als Acht-, vielleicht Neunjährige las ich dieses Märchen das erste Mal. Und es hat mir ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert. Ich bin mir ziemlich sicher: ein Grinsen, ein Lächeln der Schadenfreude zog sich über mein Gesicht, bis heute, wenn ich mir vorstelle, dieser Typ läuft an den -ungläubig und verwirrt dreinschauenden- Menschen vorbei und macht sich auf seiner eigenen Parade zum Gespött eines kleinen Kindes. Eines KLEINEN Kindes.
Heute wird es mir fast übel vor Ekel, es schaudert mich und ich werde traurig, wütend oder ich fühle mich so hilflos und ängstlich, wenn ich an DES KAISERS NEUEN KLEIDER denke.
Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Des Kaisers neue Kleider
Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und liebte es nicht, spazieren zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und eben so, wie man von einem Könige sagt, er ist im Rathe, sagte man hier immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe.“
In der großen Stadt, in welcher er wohnte, ging es sehr munter zu; an jedem Tage kamen viele Fremde da an. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger; sie gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, das man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster wären nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, besäßen die wunderbare Eigenschaft, daß sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.
„Das wären ja prächtige Kleider!“ dachte der Kaiser; „wenn ich die anhätte, könnte ich ja dahinter kommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen; ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muß sogleich für mich gewebt werden!“ Und er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen möchten.
Sie stellten auch zwei Webstühle auf und thaten, als ob sie arbeiteten; aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Stuhle. Frischweg verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.
„Ich möchte doch wohl wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!“ dachte der Kaiser. Aber es war ihm ordentlich beklommen zu Muthe, wenn er daran dachte, daß Derjenige, welcher dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es nicht sehen könne. Nun glaubte er zwar, daß er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen Andern senden, um zu sehen, wie es damit stände. Alle Menschen in der ganzen Stadt wußten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und Alle waren begierig, zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.
„Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden!“ dachte der Kaiser. „Er kann am Besten beurtheilen, wie das Zeug sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und Keiner versieht sein Amt besser, als er!“ –
Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten, „Gott behüte uns!“ dachte der alte Minister und riß die Augen auf; „ich kann ja nichts erblicken!“ Aber dieses sagte er nicht.
Beide Betrüger baten ihn, gefälligst näher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen: aber konnte nichts sehen, denn es war nichts da. „Herr Gott!“ dachte er, „sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und dieses darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, daß ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!“
„Nun, Sie sagen nichts dazu?“ fragte der Eine, der da webte.
„O, es ist niedlich! ganz allerliebst!“ antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde es dem Kaiser sagen, daß es mir sehr gefällt.“
„Nun, das freut uns!“ sagten die Weber, und darauf nannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister paßte gut auf, damit er dasselbe sagen könnte, wenn er zum Kaiser zurückkäme, und das that er.
Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold, das sie zum Weben brauchen wollten, Sie steckten Alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher, an dem leeren Webstuhle zu arbeiten.
Der Kaiser sandte bald wieder einen andern ehrlichen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stände und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm gerade, wie dem Ersten; er sah und sah, weil aber außer dem leeren Webstuhle nichts da war, so konnte er nichts sehen.
„Ist das nicht ein hübsches Stück Zeug?“ fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, welches gar nicht da war.
„Dumm bin ich nicht!“ dachte der Mann; „es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge? Das wäre komisch genug, aber das muß man sich nicht merken lassen!“ und so lobte er das Zeug, welches er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja es ist ganz allerliebst!“ sagte er zum Kaiser.
Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge.
Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, während es noch auf dem Webstuhle sei. Mit einer ganzen Schaar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dort gewesen, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser und Faden.
„Ist das nicht prächtig?“ sagten die beiden alten Staatsmänner, die schon einmal da gewesen waren. „Sehen Ew. Majestät, welches Muster, welche Farben!“ Und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, daß die Andern das Zeug wohl sehen könnten.
„Was!“ dachte der Kaiser, „ich sehe gar nichts! Das ist ja schrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein?
Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte!“ – „O, es ist sehr hübsch!“ sagte er. „Es hat meinen allerhöchsten Beifall!“ Und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl, denn er wollte nicht sagen, daß er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, welches er bei sich hatte, sah und sah und bekam nicht mehr heraus, als die Andern; aber sie sagten, wie der Kaiser: „O, das ist hübsch!“ Und sie riethen ihm, diese neuen, prächtigen Kleider das erste Mal bei der großen Procession, die bevorstand, zu tragen. „Es ist herrlich, niedlich, ercellent!“ ging es von Mund zu Mund; man schien allerseits innig erfreut darüber, und der Kaiser verlieh den Betrügern den Titel: Kaiserliche Hofweber.
Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem die Procession stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten über sechzehn Lichter angezündet. Die Leute konnten sehen, daß sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertig zu machen. Sie thaten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten mit großen Scheeren in die Luft, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Nun sind die Kleider fertig!“
Der Kaiser mit seinen vornehmsten Cavalieren kam selbst dahin, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider! Hier ist der Rock! Hier der Mantel!“ und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnenwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Leibe; aber das ist gerade die Schönheit davon!“
„Ja!“ sagten alle Cavaliere; aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.
„Belieben Ew. kaiserliche Majestät jetzt Ihre Kleider allergnädigst auszuziehen,“ sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen anziehen, hier vor dem großen Spiegel!“
Der Kaiser legte alle seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm jedes Stück der neuen Kleider anzögen, welche fertig wären; und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.
„Ei, wie gut sie kleiden! Wie herrlich sie sitzen!“ sagten Alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist eine köstliche Tracht!“ –
„Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, welcher über Ew. Majestät in der Procession getragen werden soll,“ meldete der Oberceremonienmeister.
„Seht, ich bin ja fertig!“ sagte der Kaiser. „Sitzt es nicht gut?“ Und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel, denn es sollte scheinen, als ob er seinen Schmuck recht betrachte.
Die Kammerherren, welche die Schleppe tragen sollten, griffen mit den Händen nach dem Fußboden, gerade als ob sie die Schleppe aufhöben; sie gingen und thaten, wie wenn sie Etwas in der Luft hielten; sie wagten nicht, es sich merken zu lassen, daß sie nichts sehen konnten.
So ging der Kaiser in Procession unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Gott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich; welche Schleppe er am Kleide hat, wie schön das sitzt!“ Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sah, denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht, wie diese.
„Aber er hat ja nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind. ‚Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!“ sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.
„Aber er hat ja nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, sie hätten Recht; aber er dachte bei sich: „Nun muß ich die Prozession aushalten.“ Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.
Hans Christian Andersen (1805-1875)
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