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„Schweig. Oder wir kommen wieder.“ Die Stasi nannte es Zersetzung – ICE nennt es Strafverfolgung

VonTEAM KAIZEN BLOG

Juni 29, 2026

Paigelynn Gonyea hat 100.000 Follower auf TikTok, wo sie Komödien und Hautpflegeprodukte bespricht. Auf Instagram, wo ihr 33.000 Menschen folgen, postet sie gelegentlich Politisches. Im Januar 2026, wenige Tage nach der Erschießung von Renée Macklin Good durch den ICE-Agenten Jonathan Ross in Minnesota, teilte sie ein Foto von Ross mit der Bildunterschrift: „Ich denke, heute wäre ein guter Tag für Jonathans Anklagerhebung.“ Ross ist bis heute nicht angeklagt.

Am 23. Juni 2026, einem Dienstag, arbeitete Gonyea als Wahlhelferin in der Zentralbibliothek von Syracuse, New York. Es war Wahltag. Während einer ruhigen Pause zwischen den Wählerinnen und Wählern bekam sie eine Mailbox-Nachricht von jemandem, der sich als Sonderagent des Heimatschutzministeriums vorstellte und eine Nummer aus New Jersey hinterließ. „Wir waren gerade bei Ihrer Wohnung“, sagte die Stimme, und er füge hinzu, er habe ihre Nummer von ihrem Lebenspartner. „Wir rufen Sie wegen eines Beitrags an, von dem wir glauben, dass Sie ihn auf Instagram gepostet haben, in dem Sie im Januar einen ICE-Agenten gedoxxt haben.“

Gonyea hat nach eigenen Angaben nie die Adresse eines ICE-Agenten veröffentlicht. Doxxing bezeichnet üblicherweise das Veröffentlichen sensibler persönlicher Informationen wie Adressen und Telefonnummern. DHS erklärte nachträglich, Gonyea habe eine Adresse gepostet und damit eine Bundesstraftat begangen. Beweise dafür legte die Behörde nicht vor. Gonyeas Reaktion: „Wo ist die Adresse? Ich habe meine sozialen Medien sorgfältig durchgesehen und sehe keine Adresse.“ Gonyea rief den Agenten zurück und erklärte, sie sei gerade im Wahllokal tätig. Der Agent wollte, dass sie nach draußen kommt. Sie wollte nicht. „Ich vertraue dem Umgang mit ICE-Agenten in keiner Weise“, sagte sie. Ihre Kollegin Sheilia Milledge, 70 Jahre alt und auf einen Gehstock angewiesen, wollte ebenfalls nicht, dass Gonyea das Gebäude verlässt. „Es werden zu viele Menschen von ICE entführt, und ich kann nicht hinter ihr herlaufen“, sagte Milledge.

Gonyea bat die Agenten stattdessen, hereinzukommen. Ein Mann und eine Frau mit ICE-Abzeichen betraten die Bibliothek. Milledge und ein weiterer Wahlhelfer filmten die Szene. Milledge ist auf dem Video zu hören, wie sie versucht, Stadtbeamte anzurufen. Was dann folgte, hat der republikanische Wahlbezirksleiter Kevin Ryan später als „Verwechslungskomödie von Anfang bis Ende“ bezeichnet – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Komödien harmlos enden.

Die Agenten hatten eine Akte über Gonyea. Darin: ihr Name, ihre Adresse, ihr Geburtsdatum, Größe, Gewicht, Augenfarbe. Sie verlangten, dass sie ein Dokument unterzeichne, das feststellte, ihr Instagram-Konto könnte gegen ein Bundesgesetz verstoßen haben, das es verbietet, einen Bundesbeamten zu bedrohen oder einzuschüchtern. Das Dokument stammte vom ICE Office of Professional Responsibility, und es trug oben in Großbuchstaben die Warnung: „SIE KÖNNTEN GEGEN BUNDESRECHT VERSTOSSEN.“ Darunter: „OPR fordert Sie auf, das genannte Verhalten unverzüglich zu entfernen und/oder einzustellen.“

Das Dokument ist eine offizielle Verwarnung von ICE, der US-Einwanderungsbehörde, genauer gesagt von deren Büro für interne Verantwortlichkeit. Es richtet sich an Paigelynn Gonyeas Instagram-Konto „TURNDAPAIGEOFFICALL“ und trägt die fettgedruckte Überschrift „SIE KÖNNTEN GEGEN BUNDESRECHT VERSTOSSEN“. Das Schreiben behauptet, der Account habe Anlass zu der Annahme gegeben, er verstoße gegen amerikanisches Bundesstrafrecht – jene Bestimmungen, die es verbieten, Bundesbeamte zu bedrohen, einzuschüchtern oder persönliche Informationen über sie mit der Absicht zu veröffentlichen, Gewalt zu fördern. Gonyea wird ausdrücklich aufgefordert, das „genannte Verhalten unverzüglich zu entfernen und einzustellen“. Abschließend wird festgehalten, dass die Übergabe dieses Schreibens dokumentiert wurde und bei weiteren „kriminellen Aktivitäten“ berücksichtigt werde.

Was das Dokument nicht enthält: einen konkreten Beitrag, eine spezifische Aussage, einen einzigen Beweis dafür, dass tatsächlich persönliche Informationen eines Beamten mit Gewaltabsicht geteilt wurden. Es benennt kein nachgewiesenes Vergehen, sondern eine bloße Möglichkeit – formuliert jedoch so, als wäre das Urteil bereits gefällt.

Verfassungsrechtlich ist das ein erheblicher Eingriff. Bundesbeamte erschienen persönlich bei Gonyea und verlangten die Löschung politischer Äußerungen – ohne Anklage, ohne richterlichen Beschluss, ohne Nachweis einer Straftat. In der amerikanischen Verfassungstradition gilt ein solcher staatlicher Vordruck zur Unterbindung von Meinungsäußerungen als schwerster Angriff auf die Redefreiheit. Der Erste Zusatzartikel der US-Verfassung schützt politische Rede – insbesondere die öffentliche Forderung nach Rechenschaft für staatliche Gewalt – mit dem höchsten rechtlichen Standard. Dieses Dokument behandelt genau diese Rede als potenzielles Verbrechen.

Gonyea unterschrieb nicht. Sie löschte auch keinen einzigen Beitrag.

Das Betreten eines Wahllokals durch bewaffnete Bundesbehörden ist nach Bundesrecht illegal. Ob die Agenten bewaffnet waren, ist unklar. Ein kürzlich verabschiedetes Gesetz des Staates New York verbietet Einwanderungsbehörden darüber hinaus ausdrücklich den Zutritt zu Wahllokalen. Ryan, der als republikanischer Wahlkommissar die Szenerie aus erster Hand verfolgte, sagte, das Eintreten der Agenten sei ein Fehler gewesen. Er fragte sich auch, warum die Agenten ausgerechnet an diesem Tag kamen, um Gonyea wegen eines fünf Monate alten Social-Media-Beitrags zu konfrontieren.

Diese Frage ist die eigentliche. Nicht die rechtliche – obwohl die rechtliche schon für sich genommen niederschmetternd ist. Sondern die politische: Warum Wahltag? Warum ein Wahllokal? Warum die Aufforderung, nach draußen zu kommen, statt ein formelles Verfahren einzuleiten? Das Heimatschutzministerium hat bislang nicht beantwortet, welcher Beitrag genau den Besuch ausgelöst hat – obwohl die Agenten Gonyea bestätigten, dass es um den Ross-Beitrag ging, und sie einen Ausdruck des Screenshots in ihrer Akte sehen konnte.

Perry Grossman von der New York Civil Liberties Union benennt den rechtlichen Kern: „Die Forderung nach staatlicher Rechenschaft für die Tötung eines amerikanischen Staatsbürgers ist eine hoch geschützte Form des politischen Ausdrucks. Wenn dies die Art von Rede ist, die die Regierung, dass DHS verfolgen will, dann versuchen sie, den Ersten Zusatzartikel und den Umfang des zulässigen öffentlichen Diskurses grundlegend neu zu definieren. Und das ist falsch. Das ist absurd.“ Grossman hat recht, und er ist in seiner Bewertung noch zurückhaltend. Was Gonyea getan hat, ist nicht nur rechtlich geschützt. Es ist das, was eine demokratische Öffentlichkeit tun soll, wenn ein Staatsbediensteter einen Menschen erschießt: sie benennt ihn, verlangt Konsequenzen, hält das Geschehen in der Erinnerung. Jonathan Ross hat Renée Macklin Good in Minnesota erschossen. Gonyea hat ein Foto von Ross geteilt und geschrieben, heute wäre ein guter Tag für seine Anklagerhebung. Kein Aufruf zur Gewalt. Kein Druck auf seine Familie. Kein Erscheinen vor seiner Wohnung. Ein Kommentar auf Instagram.

Fünf Monate später erschienen Bundesagenten vor ihrer Wohnung. Dann in ihrem Wahllokal. Mit einer Akte. Mit einem Dokument, das sie aufforderte, ihre Meinung zu löschen.

Gonyea hat nach dem Vorfall das Dokument, die Mailbox-Nachricht und das Video auf Instagram veröffentlicht. Ihre Bildunterschrift enthielt das Wort „gedoxxt“ – in ihrer Absicht als ironisches Zitat, nicht als Geständnis. Dass DHS diesen Ironie-Marker ignorierte und stattdessen postwendend erklärte, sie habe tatsächlich gedoxxt, ohne dafür Beweise vorzulegen, vervollständigt das Bild. Man bewirft jemanden mit einem Vorwurf, legt keine Beweise vor, und wenn die Person fragt, wo denn die Beweise seien, schweigt man.

Wer Macht mit Papier ausübt, ohne Beweis und ohne Richter, betreibt keine Justiz – er betreibt Gehorsam.

George Orwell hat ein Buch geschrieben über einen Staat, der nicht nur Handlungen kontrolliert, sondern Gedanken – der Sprache umschreibt, Vergangenheit tilgt und den Bürger dazu bringt, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Gonyea sagt, sie denke beim Blick auf das, was ihr passiert ist, immer wieder an „1984“. „Das war eines meiner Lieblingsbücher als Kind. Ich dachte nur nicht, dass ich in einer Zeit leben würde, in der es beginnt, Parallelen zu ziehen.“

Das Buch erschien 1949. Es war eine Warnung, keine Anleitung. Und doch: eine Behörde erscheint fünf Monate nach einem Instagram-Kommentar in einem Wahllokal, hat eine Akte mit physischen Merkmalen der Person dabei, verlangt die Unterschrift unter ein Dokument, das die Löschung von Meinungsäußerungen fordert, behauptet ohne Beweis, eine Straftat sei begangen worden, und betritt dabei einen Raum, den das Gesetz ausdrücklich schützt. Wer in diesem Ablauf keine Parallele zu Orwells Überwachungsstaat sieht, liest das Buch mit anderen Augen als Gonyea.

Die größere Frage ist, wie viele Gonyeas es gibt, die keine 100.000 TikTok-Follower haben. Die keinen Perry Grossman anrufen können. Die keine Kollegin mit einem Telefon dabeihaben, die filmt. Für die der Besuch der Agenten das Ende der politischen Äußerung bedeutet – nicht weil sie ein Dokument unterschreiben, sondern weil sie es nicht mehr wagen, überhaupt zu posten. Das ist das Ziel der Einschüchterung. Nicht die einzelne Person zum Schweigen zu bringen, sondern die vielen, die zusehen. Wenn die Botschaft lautet, dass ein Instagram-Kommentar über einen Todesschützen fünf Monate später Bundesagenten ins Wahllokal bringt, dann rechnen alle, die ähnliche Kommentare erwägen, dieses Risiko ab. Die meisten werden entscheiden, dass es das nicht wert ist.

Das nennt man in der Verfassungsrechtslehre Chilling Effect – den abschreckenden Effekt, der entsteht, wenn Strafverfolgung nicht das Ziel hat, eine bestimmte Person zu verurteilen, sondern eine gesamte Kategorie von Äußerungen verstummen zu lassen. Gonyea hat nicht unterschrieben. Sie hat nicht gelöscht. Aber der Staat hat bereits gewonnen, wenn die nächste Person, die einen ICE-Agenten beim Namen nennt, zweimal nachdenkt, bevor sie auf „Posten“ drückt. Paigelynn Gonyea dachte als Kind, „1984“ sei ein Buch über eine andere Zeit und eine andere Welt. Sie lebt jetzt in einer Zeit, in der Bundesagenten an Wahltagen in Wahllokale gehen, um Frauen aufzufordern, ihre Kommentare zu löschen. Jonathan Ross ist noch immer nicht angeklagt. Renée Macklin Good ist noch immer tot. Und das Heimatschutzministerium hat noch immer keine Beweise für die Adresse vorgelegt, die es Gonyea vorwirft, veröffentlicht zu haben.

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2 Comments
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Merle
Merle
14 Stunden vor

Echt richtig krass. Danke für diesen Bericht.

Ela Gatto
11 Stunden vor

Danke, dass Ihr das sichtbar macht.

Für all die, die glauben die USA sind noch das Land, dass es vor 2 Jahren war.

Einschüchterung, so funktionieren Diktaturen.
Stasi, Gestapo, FSB etc.

Sie Alle agieren so im Regierungsauftrag.
ICE setzt sich über geltende Gesetze hinweg.

ICE erscheint illegal in einem Wahllokal.
Bedroht eine Wahlhelferin und sendet damit ein Signal an alle Anwesenddn.
Wer gegen Trump, ICe etc ist… wir wissen wer ihr seid.

Hoffentlich hat das auch rechtliche Konsequenzen.

Und typisch Republikaner.
Es war ein Mißverständnis…. nein, war es nicht.
Es war falsch, dass die ICE Beamten das Wahllokal betreten haben.
Nein es war illegal und ER hatte sofort reagieren müssen.

Und wenn ICE das Gewicht von Gonyea kennt, haben sie wohl Zugang zu ihren medizinischen Faten.
Es sei denn, sie postet es regelmäßig.

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