Es gibt einen Mechanismus, den Militärs und Philosophen gleichermaßen kennen, und er hat keine eingebaute Bremse. Jede Vergeltung ist die Antwort auf eine vorherige Tat und gleichzeitig der Anlass für die nächste. Wer in diesem Mechanismus steckt, kann immer behaupten, nur zu reagieren. Genau das geschieht seit Donnerstag zwischen den USA und dem Iran, und mit jeder Nacht wird die Kette länger.
Am frühen Sonntagmorgen Ortszeit griff das US-Militär erneut Ziele im Iran an – die dritte Runde in einem Schlagabtausch, der am Donnerstag begann und die Verhandlungen zur Beendigung des Iran-Kriegs zu untergraben droht. Die USA bezeichneten die Angriffe als „direkte Antwort“ auf einen iranischen Angriff früher am Tag auf einen Öltanker in der Straße von Hormus. Ein britischer Schiffsbeobachter meldete, der Tanker sei von einem Geschoss getroffen worden. Iranische Offizielle haben den Angriff nicht für sich reklamiert.

Die Chronologie dieser Eskalation ist wichtig, weil jede Seite sie für sich auslegt. Am Donnerstag griff Iran das Containerschiff Ever Lovely an, als es die Meerenge passierte. In der Nacht zum Freitag antworteten die USA mit Schlägen auf iranische Raketen- und Drohnenstellungen – sechs Kampfjets trafen vier Ziele entlang der Straße von Hormus und auf der Insel Qeshm, die Operation dauerte etwa 90 Minuten. Am Samstag startete Iran Angriffsdrohnen auf Bahrain, offenbar als Vergeltung für die US-Schläge. Daraufhin schlugen die USA in der Nacht zum Sonntag erneut zu – diesmal umfassender. Und Iran reagierte mit einem dritten Schlag.
Amerikanischen Militärschläge gegen ausgewählte Ziele im Iran hat das US-Zentralkommando Aufnahmen veröffentlicht, die Angriffe auf zehn verschiedene Ziele im Iran sowie in der Straße von Hormus zeigen.
Was die USA am Samstagabend trafen, ging über die Ziele vom Freitag hinaus. US Central Command erklärte, man habe iranische „militärische Überwachungsinfrastruktur, Kommunikationssysteme, Luftabwehrstellungen, Drohnenlager und Minenlegerkapazitäten“ angegriffen, während die Schläge vom Freitag auf „Raketen- und Drohnenlager sowie Küstenradaranlagen“ beschränkt gewesen seien. Der iranische Staatssender meldete Explosionen in den Küstenstädten Sirik, Kong und Bandar-e Lengeh nahe der Straße von Hormus. Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA nannte die Schläge eine „Verletzung des Waffenstillstands“.
Die iranische Revolutionsgarde erklärte ihrerseits, sie habe am frühen Sonntagmorgen mit Drohnen und ballistischen Raketen acht amerikanische Ziele angegriffen – eine US-Marinebasis in Bahrain und die Luftwaffenbasis Ali Al Salem in Kuwait. Bahrains Innenministerium meldete heulende Alarmsirenen und rief die Bürger auf, den nächstgelegenen sicheren Ort aufzusuchen. Kuwaits Armee erklärte, sie reagiere auf „feindliche Raketen- und Drohnenbedrohungen“; die zu hörenden Explosionen seien das Geräusch von Luftabwehrsystemen, die anfliegende Geschosse abfingen. Die frühere iranische Drohnenattacke auf Bahrain am Samstag hatte aus zwei Angriffsdrohnen bestanden – eine wurde abgeschossen, die andere landete harmlos in einem abgelegenen Flugfeldbereich. Bahrain warf Teheran vor, „die Sicherheit zu destabilisieren, Chaos zu exportieren und die regionale Stabilität zu untergraben“, meldete aber keine Schäden.

Der Tanker, der am Samstag getroffen wurde, ist die Kiku, ein knapp 335 Meter langer Tanker unter panamaischer Flagge, der zwei Tage zuvor das Ölfeld Al Shaheen in Katar verlassen hatte und am Sonntag im emiratischen Hafen Fujairah erwartet wurde. US Central Command erklärte, die Kiku sei von einer iranischen Einweg-Angriffsdrohne getroffen worden. Iran hat das nicht bestätigt. Der Angriff dürfte weitere Schiffe davon abhalten, die Wasserstraße zu passieren – jene Wasserstraße, die Iran als Teil des Waffenstillstands wieder zu öffnen zugesagt hatte.

Trump begleitete die Eskalation mit einer Drohung, deren Wortlaut man sich genau ansehen muss. Auf Truth Social schrieb er, Iran habe den Waffenstillstand verletzt, die USA hätten mit Schlägen auf Raketen- und Drohnenlager sowie Küstenradaranlagen geantwortet. Dann: „Es könnte ein Punkt kommen, an dem wir nicht länger in der Lage sind, vernünftig zu sein, und gezwungen sein werden, die Aufgabe, die wir sehr erfolgreich begonnen haben, militärisch zu vollenden. Wenn das geschieht, wird die Islamische Republik Iran nicht mehr existieren!“

Das sind keine diplomatischen Wörter. Es ist die Ankündigung eines Regimewechsels, möglicherweise einer Vernichtung, vorgetragen im Satzbau eines Mannes, der Vernunft als Gnade darstellt, die er gewähren oder entziehen kann. „Nicht länger in der Lage, vernünftig zu sein“ – als wäre Vernunft eine Laune und nicht eine Verpflichtung. Wer so spricht, hat den Waffenstillstand, den er selbst unterzeichnet hat, bereits innerlich aufgekündigt.
Bemerkenswert ist, was dieser Eskalation vorausging. Vor den Schlägen der letzten Tage hatte das Abkommen, das Anfang des Monats unterzeichnet wurde, eine relative Ruhe in der Region erzeugt. Eine zweite, schwierigere Verhandlungsphase über Irans Atomprogramm hatte in der Schweiz begonnen. Mehr Schiffe passierten die Straße von Hormus. Und es gab Anzeichen für Fortschritte bei einem von der Trump-Regierung unterstützten Abkommen, das die zweite Front des Krieges im Libanon beenden sollte. All das steht nun auf der Kippe. Denn auch im Libanon ist die Lage fragil. Die Trump-Regierung verkündete am Freitag ein Abkommen zwischen Israel und dem Libanon, das den Konflikt dort beenden soll. Es sieht vor, dass israelische Streitkräfte sich aus einem kleinen Teil des von ihnen besetzten Gebiets im Südlibanon zurückziehen und Platz für die libanesische Armee machen. Naim Qassem, der Anführer der Hisbollah, erklärte das Abkommen – das faktisch die Entwaffnung der Gruppe verlangt – am Samstag für „null und nichtig“. Premierminister Benjamin Netanyahu verteidigte die schrittweise Vereinbarung, die es israelischen Truppen erlaubt, vorerst in fast dem gesamten besetzten Gebiet zu bleiben. Hardliner in seiner Koalition kritisieren den Deal trotzdem: Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir nannte ihn „einen riesigen Fehler“ und behauptete, nur Israels Militär könne man zutrauen, die Hisbollah zu bekämpfen.
Gleichzeitig kündigte Netanyahu an, eine israelische Delegation werde bald nach Washington reisen, um über Irans Atomprogramm zu sprechen. Die Israelis würden „klarstellen, was Israels Interessen“ in den Atomgesprächen seien. In Israel wird Trumps anfängliches Rahmenabkommen mit Iran weithin als zu viele Zugeständnisse an Teheran betrachtet. Viele zweifeln, dass Trump sein Versprechen einlösen wird, ein endgültiges Abkommen zu erreichen, das Irans Atomprojekt substanziell einschränkt.
Hier zeigt sich die eigentliche Struktur des Problems. Trump hat mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft: einen Waffenstillstand mit Iran, Atomverhandlungen in der Schweiz, ein Libanon-Abkommen, das die Hisbollah ablehnt, und einen israelischen Verbündeten, der das Iran-Abkommen für zu weich hält. Jeder dieser Bälle ist mit den anderen verbunden. Wenn der Schlagabtausch in der Straße von Hormus eskaliert, gerät die Atomverhandlung in Gefahr. Wenn die Hisbollah das Libanon-Abkommen torpediert, eröffnet sich die zweite Front neu. Wenn Israel auf härtere Bedingungen drängt, wird das Iran-Abkommen instabiler. Es ist ein System, in dem jede Bewegung an einem Punkt alle anderen Punkte erschüttert.
Die Ölmärkte spiegeln diese Unsicherheit. Die Preise waren nach dem iranischen Angriff am Donnerstag gestiegen, fielen am Freitag aber wieder auf Vorkriegsniveaus. Die US-Schläge auf Iran erfolgten, nachdem die Märkte für das Wochenende geschlossen hatten – was bedeutet, dass die volle Marktreaktion auf die jüngste Eskalation erst am Montag sichtbar wird. Analysten beschreiben, was zwischen den beiden Seiten geschieht, als gegenseitiges Austesten von roten Linien. Jede Seite prüft, wie weit sie gehen kann, ohne die andere zu einem vollständigen Krieg zu provozieren. Vorerst, sagen sie, scheint keine Seite erpicht darauf, zum offenen Krieg zurückzukehren. Das ist die optimistische Lesart. Die pessimistische lautet: In einem System gegenseitiger Vergeltung, in dem beide Seiten behaupten, nur zu reagieren, gibt es keinen natürlichen Endpunkt. Jede Antwort ruft die nächste hervor. Irgendwann überschätzt eine Seite die rote Linie der anderen, und aus dem Austesten wird Krieg.
Trump hat geschrieben, es könnte ein Punkt kommen, an dem die USA „die Aufgabe militärisch vollenden“ werden. Der Iran feuert ballistische Raketen auf amerikanische Basen in Bahrain und Kuwait. Die Hisbollah erklärt ein Friedensabkommen für nichtig. Israel reist nach Washington, um auf härtere Bedingungen zu drängen. Und in der Mitte all dessen liegt ein Waffenstillstand, der elf Tage hielt, bevor die erste Drohne flog.
Es gibt eine alte Einsicht über Vergeltungslogik: Wer das letzte Wort haben will, sorgt dafür, dass es nie ein letztes Wort gibt. Beide Seiten wollen das letzte Wort. Beide nennen ihren Schlag eine Antwort. Und solange jeder Schlag eine Antwort ist, wird der nächste nicht lange auf sich warten lassen.
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