Um 6:49 Uhr setzen Händler Milliarden auf Trumps Rückzieher. Die CFTC soll nicht hinsehen

VonTEAM KAIZEN BLOG

13. Oktober 2026

Zufall trägt keine Uhr. Wissen trägt eine.

Am Morgen des 23. März, mitten im Irankrieg, schließen einige Händler an den US-Terminmärkten Geschäfte über Milliarden Dollar ab, gedrängt in ein Fenster von zwei Minuten um 6:49 Uhr. Sie wetten darauf, dass der Aktienindex S&P 500 steigt und der Ölpreis fällt. 15 Minuten später entscheidet Präsident Donald Trump, die iranischen Kraftwerke doch nicht anzugreifen. Die Schlagzeile schickt den Ölpreis nach unten, die Kurse folgen der Wette. Die Gewinne fallen erheblich aus. Tim Skirrow, der bei Energy Aspects das Derivategeschäft leitet, kennt für eine solche Abfolge nur 2 Erklärungen. Entweder habe jemand unglaubliches Glück gehabt, oder er habe etwas gewusst. Glück lässt sich nicht vorladen. Wissen dagegen hat einen Absender und einen Weg, der aus dem Raum, in dem entschieden wird, bis zu dem Bildschirm führt, auf dem jemand kauft. In diesem Fall misst der Weg 15 Minuten. Reichlich Zeit für ein Gerücht, knapp bemessen für einen Zufall.

Diesen Weg nachzuzeichnen gehört zum Handwerk der Commodity Futures Trading Commission, kurz CFTC, jener Bundesbehörde, die Amerikas Derivatemärkte beaufsichtigt. Ihre Analysten bemerken die verdächtigen Ölgeschäfte, wie sie solche Geschäfte immer bemerken. Sie sammeln die Daten und reichen ihre Erkenntnisse an die Ermittlungsabteilung weiter, wo Juristen sitzen, die auf genau dieses Rechtsgebiet spezialisiert sind. Dort soll entschieden werden, ob wegen möglichen Handels mit Vorwissen weiter ermittelt wird. So unaufgeregt läuft das seit Jahren, getragen von langjährigen Fachleuten auf einem festen Aktenweg.

Die Grafik zeigt das Handelsvolumen von Ölterminkontrakten pro Minute am 23. März 2026 zwischen 6:30 und 7:30 Uhr New Yorker Zeit. Neonblau steht für WTI (West Texas Intermediate), eine amerikanische Rohölsorte, die als wichtiger Maßstab für den US-Ölpreis dient. Neonrot kennzeichnet Brent, die international maßgebliche Rohölsorte aus der Nordsee. Die Balkenhöhe zeigt die Anzahl der gehandelten Kontrakte, wobei jeder Kontrakt eine festgelegte Ölmenge umfasst. Gegen 6:49 Uhr steigt das Handelsvolumen plötzlich deutlich an, rund 15 Minuten bevor Donald Trump seine Entscheidung bekannt gibt, iranische Kraftwerke vorerst nicht anzugreifen. Innerhalb von nur 2 Minuten wechseln Ölterminkontrakte im rechnerischen Wert von mehr als 760 Millionen Dollar den Besitzer. Nach Trumps Veröffentlichung um 7:04 Uhr erreicht das Handelsvolumen weitere Spitzenwerte. Der entscheidende Verdacht betrifft die auffälligen Geschäfte vor seiner Ankündigung. Die Grafik dokumentiert deren Zeitpunkt und Umfang, beweist allerdings noch nicht, dass die beteiligten Händler über vertrauliche Informationen verfügten.

Unsere Recherche basiert auf folgenden Originaldokumenten und unabhängig veröffentlichten Handelsauswertungen:

Den historischen Börsendaten der CME Group und der Intercontinental Exchange (ICE), ausgewertet am 27. März 2026, insbesondere der minutengenauen Darstellung der Ölterminkontrakte; den zeitgenössischen Handelsauswertungen der Financial Times vom 23. März 2026; der archivierten ursprünglichen Truth-Social-Mitteilung von Donald Trump vom 23. März 2026 um 7:05 Uhr New Yorker Zeit sowie ihrer später veröffentlichten korrigierten Fassung; den offiziellen Veröffentlichungen der US-Terminmarktaufsicht CFTC zur Zuständigkeit ihrer Marktüberwachung und Ermittlungsabteilung sowie den dokumentierten Untersuchungsforderungen des US-Senats vom 9. April 2026.

Dann greift Mel Gunewardena ein. Er berät Michael Selig, den Trump an die Spitze der CFTC gesetzt hat. Personen, die den Vorgang kennen und ungenannt bleiben wollen, schildern es so: Gunewardena habe einen Vorgesetzten der Marktüberwachung angewiesen, die Weiterleitung zurückzuziehen. Er habe sogar versucht, den Weg zur Ermittlungsabteilung ganz zu sperren und die Daten über die Geschäfte selbst einzusammeln. In der Überwachungsabteilung habe zunächst niemand gewusst, wie mit dieser Anweisung umzugehen sei. Eine solche Rücknahme sei zuvor kaum jemals verlangt worden, wenn überhaupt. Damit hätte derselbe Mann, der den Weg zur Aufklärung sperren wollte, auch bestimmt, welche Daten auf diesem Weg noch liegen.

Mel Gunewardena

Der Eingriff ist ohne Beispiel. Aitan Goelman, der die Ermittlungsabteilung von 2014 bis 2017 leitete, antwortete auf die allgemeine Frage nach einem solchen Schritt mit einem Satz, der keine Höflichkeit mehr kennt: In keiner früheren Regierung, die er kenne, wäre das bloß ungewöhnlich gewesen; es wäre schlicht nie geschehen. Den Mitarbeitern erschwere es die Arbeit, wenn sie wüssten, dass ihnen jederzeit der Boden unter den Füßen weggezogen werden könne. Eine Aufsicht arbeitet von unten nach oben: Erst sehen die Fachleute, dann urteilen die Juristen. Die Anweisung aus dem Beraterkreis des Vorsitzenden sollte diese Richtung umkehren und das Urteil kassieren, bevor überhaupt jemand urteilen durfte.

Gunewardena kennt beide Seiten des Tisches. Er war Führungskraft bei Goldman Sachs und bei State Street Corp. Schon in Trumps erster Amtszeit arbeitete er für die CFTC; erst wenige Wochen vor dem Vorfall wurde er eingestellt, als Leiter der Abteilung für internationale Angelegenheiten und leitender Marktberater des Vorsitzenden. Um eine Stellungnahme gebeten, lehnt die Behörde jeden Kommentar ab. Gunewardena lässt die Anfrage unbeantwortet. Was nicht weitergereicht wird, bleibt Zufall. Amtlich beglaubigt.

Derweil arbeitet die Trump-Regierung daran, die CFTC zur zentralen Aufsicht über Prognosemärkte wie Kalshi und Polymarket zu machen. Solche Märkte leben von der stillen Abmachung, dass niemand die Zukunft früher kennt als die anderen. Ausgerechnet die Behörde, deren Akte gerade zurückgeholt werden sollte, soll künftig über Wetten auf die Zukunft wachen. Dem Weißen Haus hilft der Vorfall kaum, die Vorwürfe verbotenen Handels mit Vorwissen zu entkräften. Seit der Irankrieg im Februar begann, häufen sich solche Vorgänge, in denen das Geld der Nachricht um Minuten vorauseilt.

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