In Kiew schlugen russische Raketen ein, bevor die Warnsirenen einsetzten. Auch in Charkiw kamen die ersten Explosionen vor dem Alarm. Wer in diesen Städten Schutz suchte, bekam die Nachricht von der Gefahr erst, als sie längst über den Häusern angekommen war. Nach den Angriffen vom späten Montagabend, dem 12. Oktober, steht eine Frage im Raum, deren Beantwortung über das Schicksal von Menschen entscheidet: Warum fehlte die rechtzeitige Warnung?
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte jetzt, dass sein Land in dieser Woche von ausländischen Partnern keine Geheimdienstinformationen über den bevorstehenden Raketenangriff auf Kiew erhalten habe. Bereits am Morgen hatte Luftwaffensprecher Jurij Ihnat im ukrainischen Fernsehen auf die fehlenden Erkenntnisse verwiesen. Solche Vorfälle seien auch früher aufgetreten, etwa in Grenzregionen. Falls diesmal technische Probleme vorgelegen hätten, würden Fachleute diese gemeinsam mit den Partnern untersuchen und beheben, versicherte er. Beruhigend klingt das nur, solange man die Reihenfolge vergisst: erst die Explosion, dann die Sirene.
Der ukrainische Militärfachmann Serhij „Flash“ Beskrestnow hatte am Vortag ebenfalls auf wiederkehrende Schwierigkeiten beim Informationsaustausch hingewiesen. Seiner Einschätzung nach hätten die ausländischen Nachrichtendienste die Raketenstarts schlicht nicht erfasst. Für eine Aussetzung der Zusammenarbeit gebe es keinen Anhaltspunkt. Eine andere Erklärung folgte am Nachmittag aus der ukrainischen Regierung. Außenminister Andrij Sybiha erklärte beim Warschauer Sicherheitsforum, die Vereinbarungen über den Austausch von Geheimdienstinformationen zwischen Washington und Kiew seien weiterhin gültig. Der Alarm sei verspätet ausgelöst worden, weil Russland einen besonderen Waffentyp eingesetzt habe. Welche technische Ursache tatsächlich ausschlaggebend war, blieb damit ungeklärt.
Die Ungewissheit trifft auf einen politischen Streit, der weit über eine ausgefallene Warnung hinausreicht. Mehrere ausländische Berichte unter Berufung auf Informanten hatten zuvor geschildert, Washington habe Kiew damit gedroht, die Weitergabe solcher Informationen auszusetzen, falls ukrainische Streitkräfte ihre Angriffe auf russische Energieanlagen fortsetzten. Entsprechende Warnungen seien am vergangenen Wochenende an Diplomaten in der Ukraine und in Europa gegangen. Auch die Lieferung von Munition und militärischer Ausrüstung im Rahmen bestehender Beschaffungen habe die Trump-Regierung demnach infrage gestellt. Eine Drohung ist noch keine tatsächlich verhängte Sperre. Gerade deshalb wiegt die fehlende Warnung schwer: Über dem Unterschied zwischen politischem Druck und technischem Versagen liegt der Rauch der Einschläge.
Am Sonntag, dem 11. Oktober, hatte Donald Trump eine Energie-Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine für in Kraft getreten erklärt. Selenskyj zufolge habe die Ukraine seither weder russische Energie- noch Ölanlagen angegriffen. Moskau habe Trumps Aufforderung hingegen missachtet und ukrainische Energieanlagen sowie weitere lebenswichtige Einrichtungen beschossen. Innerhalb dieser 2 Tage seien 19 Regionen des Landes getroffen worden. Die russischen Angriffe ließen nach seiner Darstellung keinen Zweifel daran, dass Moskau seine Angriffe fortsetzen wolle. Während in Washington über eine Vereinbarung gesprochen wird, zählen ukrainische Städte die Schäden.
Besonders schwer traf es Charkiw. Dort wurden bei dem nächtlichen Angriff nach den zuletzt vorliegenden Angaben mindestens 41 Menschen verletzt. Ein Gebäudeteil eines Mehrfamilienhauses stürzte ein. Was im diplomatischen Verkehr als verspätete Übermittlung behandelt werden kann, misst sich vor Ort in Sekunden zwischen Einschlag und Warnung. Ob Geheimdienste einen Start übersahen oder eine besondere russische Waffe ihre Überwachung überforderte, müssen die Verantwortlichen klären. Dass der Informationsaustausch laut Kiew fortbesteht, beantwortet die drängendste Frage noch lange nicht: Warum erreichte die Warnung die Menschen erst nach den Raketen?
Fortsetzung folgt …
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