Auf seinem eigenen Konto stellt Donald Trump eine alberne und doch gefährliche Bildmontage ein, auf dem Kim Jong Un an einem altmodischen Telefon sitzt, umringt von seinen Generälen, und mit banger Miene fragt: „Hey Donald, we cool… right?“ Der Herrscher über ein Land der Lager und der Raketen erscheint darin als nervöser Kumpel, der sich beim mächtigen Freund vergewissert, dass alles in Ordnung sei. Das Bild stammt nicht von einem Spaßvogel, es kommt vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, gepostet vor aller Augen und unter dem Beifall Zehntausender. Und es schmeichelt dem Absender, denn der Tyrann erscheint als Bittsteller, der beim Chef anfragt, ob dieser noch zufrieden sei. Trump genießt sichtlich die Rolle dessen, bei dem sich sogar ein Diktator rückversichern muss.

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Kim herrscht über ein Volk, das er einsperrt und aushungert, und über Sprengköpfe, die halbe Kontinente bedrohen. Hinter jedem der stummen Uniformierten im Hintergrund steht ein Apparat, der Familien verschwinden lässt und Kinder für die Sünden der Väter bestraft. All das schrumpft in der Aufnahme auf einen Anruf unter Freunden. Von den Menschen in den Lagern spricht das Bild nicht, sie sind die Abwesenden, weggeschnitten, damit der Scherz gelingt. Ihr Verschwinden aus dem Blick ist die erste Bedingung dafür, dass man über ihren Kerkermeister lachen kann. Ein Bild, das seine Opfer aus dem Rahmen hält, spricht den Täter frei, noch ehe eine Frage gestellt ist.
Auf diese Weise wird das Ungeheure handlich. Eine Atomdiktatur in einen Witz zu verwandeln nimmt ihr den Schrecken und dem Betrachter die Pflicht, sie ernst zu nehmen. Das Lachen wirkt wie ein Betäubungsmittel, es legt sich über die Hungernden und die Erschossenen und macht aus dem Regime eine Figur der Unterhaltung. Der Witz entwaffnet den Widerspruch, bevor er sich formt, denn ernst zu werden, wo alle lachen, macht zum Spielverderber. Ein Volk, das über seinen Feind lacht, hört auf, ihn zu fürchten, und hört bald auch auf, ihn zu bekämpfen. Darin liegt der Dienst, den der Witz dem Diktator leistet, er nimmt ihm die Fratze und lässt ihm die Waffen.
Ein einzelner Fehlgriff ließe sich verzeihen. Doch das Bild reiht sich in eine lange Folge, in der Trump sich neben die Großen der Geschichte montiert und den Despoten die Hand reicht. Erst kürzlich pries er das prächtige Verhältnis zu ebendiesem Kim, auf anderen Aufnahmen pflanzt er die Fahne auf ein gekapertes Schiff. Auf wieder anderen reitet er neben George Washington durch goldene Säle, und Plakate rufen schon eine dritte Amtszeit aus, die es amtlich nicht geben dürfte. Was hier wirkt, hat Methode. Das Publikum gewöhnt sich, die Kanzleien gewöhnen sich, und die Gewöhnung ist der stille Sieg. Jedes einzelne Bild wäre für sich ein Ärgernis, die Masse macht daraus einen Zustand, an dem sich niemand mehr stößt.

Hinter Kim stehen im Bild seine Generäle, stumm und ergeben. Um Trump herum steht dasselbe, eine Reihe von Zuträgern, die zu allem nicken. Und um beide legt sich ein dritter Kreis, die Staatskanzleien der Welt, die zu diesem Auftritt nichts sagen. Am schwersten wiegt der äußerste Ring, denn von ihm erwartete man Einspruch. Ein General in Pjöngjang schweigt aus Angst, eine Regierung in Europa aus Berechnung, und die zweite Stille wiegt schwerer als die erste. Angst entschuldigt manches, Berechnung entschuldigt nichts.
Nicht nur Kim liest dieses Schweigen. In Moskau und in Peking sitzen Männer, die genau wohlwollend verfolgen, wie billig eine Diktatur davonkommt, sobald sie den amerikanischen Präsidenten zum Freund hat. Sich einzuschmeicheln kauft frei, das ist die Lektion, und sie verbreitet sich schneller als jede Drohung. Jeder ungestrafte Auftritt dieser Art ist eine Einladung an den nächsten Gewaltherrscher, es ebenso zu versuchen. Was in Washington als Gag durchgeht, wird in fernen Hauptstädten als Erlaubnis gelesen. Die Ordnung der Welt hängt auch daran, was ihre Mächtigen unwidersprochen lassen.
Sippenhaft: In Nordkorea werden nicht nur vermeintliche Gegner bestraft, sondern auch ihre Angehörigen – sogenanntes „guilt-by-association punishment“, also Bestrafung allein wegen familiärer Verbindung.
Ein Scherz bleibt harmlos, solange der Scherzende nichts in der Hand hält. Dieser hält die Codes einer Weltmacht. „Sind wir cool?“ trägt dann die ganze Substanz einer Außenpolitik, die aus Zuneigung zu starken Männern besteht und aus wenig sonst. Was als leichter Gruß daherkommt, ist die Sprache, in der über das Leben von Millionen verfügt wird. Zwischen dem Grinsen und dem roten Knopf liegt nur die Laune eines Mannes, der beides in derselben Stunde bedient. Ein Staatsmann trennt das Amt von der Person, dieser Präsident vermischt beides und macht die Weltlage zum Stoff seiner Laune.
In Nordkoreas politischen Lagern verschwinden Menschen ohne ordentliches Verfahren, werden gefoltert, zu Zwangsarbeit gezwungen und teils willkürlich hingerichtet.
Einst sprach das höchste Amt der Vereinigten Staaten für Grundsätze, oder gab wenigstens vor, es zu tun. Nun spricht es in Scherzbildern, und der Unterschied zwischen Führung und Unterhaltung löst sich auf. Wo früher eine Erklärung stand, steht heute eine Bildunterschrift, die ein Tyrann als Freundschaftsbeweis lesen darf. Ein einziger Satz eines gewichtigen Regierungschefs, der die Sache beim Namen nennt, würde den Zauber brechen. Dass dieser Satz ausbleibt, wiegt schwerer als das Bild selbst.
Aktuell recherchieren wir seit Wochen zu einem besonders erschütternden Kapitel des nordkoreanischen Systems: Kinderarbeit unter Zwang. Selbst Minderjährige werden in sogenannte „Shock Brigades“ eingezogen und zu gefährlichen Arbeiten in Kohlebergwerken oder auf Baustellen verpflichtet. Besonders betroffen sind Kinder aus armen Familien, während Wohlhabendere sich dieser staatlich organisierten Ausbeutung teilweise durch Bestechung entziehen können. Der Artikel wird im Oktober 2026 erscheinen.
„Junge Menschen in den Städten im ganzen Land zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie dem Zwang der Behörden entgehen können, sich für schwierige und harte Einsatzorte zu melden. Einige laufen inzwischen mit Bestechungsgeldern von einem Funktionär zum nächsten.“

Und die Welt schaut zu und schweigt. Staatschefs, die sich sonst zu jedem Zwischenfall äußern, finden zu diesem Bild kein Wort. Man nennt es Diplomatie und meint doch nur Duldung, in feine Worte gekleidet. Jedes ausbleibende Wort aber ist eine Lehre für den Diktator, dass Grausamkeit am obersten Tisch nichts kostet. Jeder Tag ohne Widerrede senkt die Schwelle für den nächsten. Ein Tyrann, den man heute niedlich macht, verbilligt die Untat von morgen, weil er bereits als harmlos in den Köpfen sitzt. Was gestern ein Skandal gewesen wäre, ist heute ein Beitrag unter vielen, und die freie Welt beantwortet das „Sind wir cool?“ mit einem Schweigen, das der Fragende als Ja verbucht. Kein Sprengkopf muss fallen, damit ein Regime gewinnt, es genügt, dass die Welt sich an seinen Anblick gewöhnt.
Wie viele Menschen Nordkorea allein 2026 hingerichtet hat, weiß niemand. Das Regime veröffentlicht keine Zahlen. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren jedoch weiterhin öffentliche Exekutionen; ein neuer Bericht erfasste für 2020 bis 2024 mindestens 148 Hingerichtete – und bezeichnet selbst diese Zahl ausdrücklich nicht als vollständig.
Man muss sich fragen, was noch geschehen muss, ehe die Politiker dieser Welt den Mund aufbekommen. Ein Präsident macht aus einem Massenmörder einen Spielkameraden, öffentlich und ohne Scham, und die Ernsten der Erde ziehen es vor, wegzusehen. Jeder wartet, dass ein anderer den Anfang macht, und so wartet die ganze Reihe, während die Bilder weiterlaufen. Wenn schon dieses nicht aufschreckt, bleibt die Frage, welches es je täte.
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