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Auf der USS Abraham Lincoln versuchen verzweifelte Matrosen, über Bord zu gehen, seit 250 Tagen ohne Land

VonTEAM KAIZEN BLOG

14. August 2026

Am 3. August ging auf der USS Abraham Lincoln ein Mann über Bord. Die See war rau, er trug eine Rettungsweste, ein Hubschrauber der Bordstaffel holte ihn binnen einer Stunde aus dem Wasser, unverletzt. Die Marine nennt es eine Situation seelischer Belastung. Es ist der deutlichste Fall, nicht der einzige. Nach übereinstimmenden Berichten haben mindestens 2 weitere Matrosen versucht, sich über die Reling zu stürzen, einen dritten rissen Kameraden im letzten Moment zurück. Der Gerettete vom 3. August wurde an Bord versorgt und zur weiteren Behandlung von der Lincoln verlegt. Ein Rettungshubschrauber gegen die eigene Verzweiflung, das ist der Zustand dieses Einsatzes. Das Schiff ist im 9. Monat auf See, 250 Tage ohne festen Boden, ein Rekord der jüngeren Zeit. An Bord 5.000 Seeleute und Marineinfanteristen, festgezurrt an den Krieg gegen Iran, der in seinen 6. Monat geht. Geplant waren 7 Monate.

Am 7. August saßen in San Diego rund 200 Angehörige dem geschäftsführenden Marinestaatssekretär Hung Cao gegenüber. Eine Frau warf ihm vor, die Führung habe das Vertrauen zerstört. Eine andere erzählte, ihr Mann habe ihr an jenem Tag geschrieben, er hoffe, am Morgen nicht mehr aufzuwachen. Annabelle Loma berichtete, ihr Mann habe zu springen versucht, nachdem man seine Zeit auf See immer weiter verlängerte; jetzt sitze er in medizinischem Gewahrsam und fürchte, dass 13 Dienstjahre mit einer unehrenhaften Entlassung enden, nur weil er ausgebrannt sei. Maria Rodriguez erzählte, ihr Mann und einige Kameraden hätten einen anderen von der Kante geholt, ehe er hinüberging.

Es sind nicht die Sätze von Weichlingen. Wer 13 Jahre gedient hat und nun an der Reling steht, ist nicht schwach geworden, sondern verbraucht, und in diesem Unterschied liegt der ganze Skandal. Was die Menschen zermürbt, ist nicht allein die Dauer. Der Abgeordnete Mike Levin aus Kalifornien nennt verschimmelte Duschen und kaputte Toiletten, oft kein warmes Wasser, zu wenig Essen und keine einfachen Mittel der Hygiene; ein Dutzend Familien hätten inzwischen dasselbe geschildert, und er verlangt eine vollständige Untersuchung. Senator Richard Blumenthal schrieb an Verteidigungsminister Pete Hegseth, die Lincoln sei so lange ohne Halt auf See wie kein Träger zuvor, und fordert, eine überparteiliche Delegation des Kongresses an Bord zu lassen. Als schon im April Bilder von zugeteiltem Essen und Berichte über Wassermangel kursierten, tat Hegseth alles als Falschmeldung ab.

Und die Marine selbst? Auf Anfrage dankte ein Sprecher für die Widerstandskraft der Truppe. Während aber Angehörige von Sprungversuchen erzählen und man am 3. August einen Mann aus dem Wasser ziehen musste, will das Kommando keinen Anstieg von Suizidgedanken oder Suizidversuchen bemerkt haben. Sauberes Wasser und gesunde Mahlzeiten seien gesichert, die Klimaanlagen liefen. Auch ein Netz aus Seelsorgern und Beratern stehe bereit. Wer je in einer Behördenzeile Zuflucht gesucht hat, kennt den Trost solcher Sätze. Zwischen diesem Papier und dem Mann im Wasser vom 3. August liegt ein ganzer Ozean.

Der Weg hierher war absehbar. Am 21. November verließ die Lincoln San Diego, bestimmt für den Pazifik, ehe man sie in den Nahen Osten umlenkte. Nur an zwei Tagen betrat die Mannschaft seither Land, im Dezember auf Guam und im Juli in Oman. Ablösung ist unterwegs, der Verband der USS George Washington, gerade fertig mit einem Besuch in Vietnam, nimmt Kurs auf die Region. Bis sie eintrifft, zählt an Bord jeder Tag doppelt. Für die an Bord kam jede Verlängerung als ein weiteres Stück Ewigkeit.

Widerstandskraft: Es ist das Wort, mit dem eine Führung die Last auf jene schiebt, die sie im Stich lässt. Wer Menschen 250 Tage als Werkzeug seines Krieges gebraucht und ihnen das Einfachste verweigert, behandelt sie nicht als Zweck, sondern als Mittel, und tauft das Ergebnis dann Tapferkeit. Dankbarkeit im Mund der Führung ist wohlfeil, solange sie nichts kostet, denn sie beginnt nicht bei der Rede im Saal, sondern beim warmen Wasser, das niemand liefert. Eine Untersuchung aus dem Vorjahr fand, dass fast die Hälfte der eingesetzten Seeleute keine ausreichende Hilfe gegen den Druck an Bord erhält, und mahnte angesichts der hohen Selbsttötungsraten im Militär dringend bessere Versorgung an. Man wusste es längst. Wer das weiß und dennoch verlängert, wählt gegen die eigenen Leute. Am Ende bleibt ein Schiff, das den Feind bekämpft und die eigene Mannschaft verliert, und die Frage, wen die größte Flotte der Welt hier eigentlich schützt.

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