Neben den Größen der Kryptobranche stand Trump diese Woche im Weißen Haus und lobte die Rechenzentren in Worten, die im Zwischenwahlkampf gerade niemand in den Mund nehmen möchte. Wäre er Bürgermeister oder Gouverneur und bekäme die Chance auf eine große KI-Anlage, sagte er, würde er sie unbedingt wollen, die Zahl der Arbeitsplätze sei enorm und die Steuern seien es auch. Was der Präsident als Gewinn preist, behandelt seine eigene Partei inzwischen als Gift. Der Widerwille gegen diese Anlagen reicht durch das ganze Spektrum. Manche sind größer als ein Fußballstadion und ziehen mehr Strom als eine Kleinstadt. Die Anwohner fürchten steigende Stromrechnungen und leergepumpte Brunnen. Schlechte Luft und Lärm kommen hinzu, und ganze Gemeinden verlieren ihr Gesicht. Zugleich kassieren die Betreiber jene Steuervergünstigungen, mit denen die Bundesstaaten um ihre Ansiedlung wetteifern.
Trump: „Wenn ich Bürgermeister einer Stadt oder Gouverneur eines Bundesstaates wäre und die Chance hätte, ein großes Rechenzentrum zu bekommen, würde ich es auf jeden Fall haben wollen.“
Trump verkauft die Anlagen als Bedingung dafür, den Wettlauf um die künstliche Intelligenz gegen China zu gewinnen, eine seiner höchsten Prioritäten. Die Sorge um die Strompreise habe er anerkannt und früher gesagt, es sei nur fair, wenn die Unternehmen ihre Kosten selbst trügen. Diese Woche räumte er ein, die Branche brauche etwas Hilfe bei der Öffentlichkeitsarbeit. Er habe große Technologiefirmen zu freiwilligen Zusagen bewegt, die Verbraucher vor höheren Stromkosten zu schützen, und dringe auf einfachere Genehmigungen, damit sie eigene Kraftwerke errichten. Kraftwerke aber wachsen nicht über Nacht. James Henson, der das überparteiliche Texas Politics Project an der University of Texas in Austin leitet, hört im Weißen Haus vor allem Taubheit. Es sei eine weitere Ebene, auf der die Regierung die politische Stimmung überhöre, bestenfalls taub, schlimmstenfalls gleichgültig gegenüber den eigenen Kandidaten. Zwischen dem Wettlauf gegen China und dem Brunnen im eigenen Garten liegt die Strecke, auf der Wahlen entschieden werden.
Von Nevada bis Pennsylvania machen Bewerber beider Parteien die Rechenzentren zum Angriffspunkt, und die Getroffenen rücken hastig von den Projekten ab. Das Thema kennt keine Parteilinie, es folgt der Wasserleitung und der Stromrechnung. In Ohio, einem Zentrum des Baubooms, warnte das National Republican Senatorial Committee am Dienstag in einem internen Papier, Senator Jon Husted könne über die Anlagen seinen Sitz verlieren. Der Demokrat Sherrod Brown nennt ihn in seiner Werbung das Gesicht der Rechenzentren in Ohio, während Bürger Unterschriften für ein Verbot neuer Bauten sammeln.
Ein Rechenzentrum in Florida zeigt am Morgen, wie groß der Energieverbrauch solcher Anlagen sein kann: Reihe um Reihe springen Generatoren an, während dichter schwarzer Rauch aufsteigt. Rechenzentren können inzwischen Strommengen verbrauchen, die mit dem Bedarf ganzer Städte vergleichbar sind. Der Anblick wirft eine unangenehme Frage auf: Während Klimaschutz sonst ständig eingefordert wird, scheint der enorme Energieverbrauch der KI-Infrastruktur plötzlich deutlich weniger zu stören, sobald wirtschaftliche und technologische Interessen im Spiel sind.
Das Papier gesteht ein, das Thema sei den ganzen Wahlkampf über unterschätzt worden. Brown setze es ein, weil es wirke, heißt es darin, die Anlagen hingen Husted wie ein Anker um den Hals. Verliere er ihretwegen, werde das die Politiker im ganzen Land dazu bringen, sich vom nächsten Projekt fernzuhalten. Zugleich rät das Papier zu einer Mittellage, Rechenzentren nur nach einer Zustimmung der Anwohner und nur, wenn die Betreiber ihren Strom und ihr Wasser selbst tragen, ebenso die übrige Versorgung.
Die Zahlen stützen den Befund. Einer Befragung vom Juli zufolge lehnt eine Mehrheit der Wähler ein Rechenzentrum in der eigenen Nachbarschaft ab. Vor der Wahl im November rangiert das Thema hinter den Lebenshaltungskosten, doch in einer Umfrage vom Juni nannten immerhin 4 von 10 Wählern die KI-Rechenzentren als wichtig für ihre Stimme.
In Nevada verband der Demokrat Aaron Ford Trumps Auftritt sofort mit dem republikanischen Gouverneur Joe Lombardo, beide marschierten bei den Anlagen im Gleichschritt. Die beiden seien die größten Antreiber der Branche im Staat und dienten nur ihren milliardenschweren Freunden, während die Bürger den Preis zahlten. Ford will neue Steuervergünstigungen im Umfang von 200 Millionen Dollar stoppen und bestehende Projekte auf ihre Zusagen prüfen. Die Betreiber sollten ihren Strom selbst zahlen und Nevadas Wasser schonen, und den Kommunen wolle er helfen, verbindliche Vereinbarungen mit ihnen auszuhandeln.
Texas führte den Sinneswandel vor. Gouverneur Greg Abbott hatte im vergangenen November Googles Zusage über 40 Milliarden Dollar gefeiert und den Staat zum Epizentrum der KI-Entwicklung erklärt. Gefeiert wurde die Ansiedlung gestern, heute sucht man den Notausgang. Nun greift ihn die Demokratin Gina Hinojosa dafür an, und Abbott lenkt ein, will die Umsatzsteuerbefreiung streichen und Projekte für eine Prüfung ihres Verbrauchs verzögern. Trump nannte die Kehrtwende jüngst einen Fehler. Aus Abbotts Büro hieß es, die Sicherheit der Texaner und die Stabilität von Netz und Wasser gingen vor, die Texaner müssten an erster Stelle stehen.
Selbst Trumps eigene Leute greifen nach dem Thema. In Wisconsin brandmarkt der republikanische Abgeordnete Tom Tiffany, von Trump gestützt und Bewerber ums Gouverneursamt, seinen Gegner in einem Werbespot als das Rechenzentrums-Gesicht der Demokraten, mit dessen eigenem Satz, Wisconsin könne zum Rechenzentrum der ganzen Welt werden. Dabei lobte Tiffany die Technik im Januar selbst und stimmte im Dezember für ein überparteiliches Gesetz, den SPEED Act, der solche Projekte beschleunigen soll und im Senat bisher liegen blieb. Der Demokrat David Crowley, den die Umweltgruppe Clean Wisconsin stützt, hält dagegen, Tiffany sage das eine und tue das andere und laufe vor der eigenen Bilanz davon. Crowley verlange ein Vetorecht der Gemeinden und nenne die Anlagen zugleich einen Teil der modernen Wirtschaft, der dem Staat nützen könne. Ein Moratorium lehnen beide ab, strengere Regeln verlangen beide.
Ein Präsident allein hält den Preis noch für ein Geschenk, seine Partei zählt ihn in verlorenen Sitzen. Die Anlage, die einst Wohlstand versprach, wird zum Wort, das im Wahlkampf niemand mehr aussprechen mag. Die Zukunft, die als Notwendigkeit gegen China verkauft wird, kommt bei den Anwohnern als höhere Rechnung und als sinkender Brunnen an. Der Anker, den das eigene Komitee beschreibt, hängt an mehr Hälsen als dem einen in Ohio.
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