Donald Trump möchte eine dritte Amtszeit. Zumindest redet er darüber, als wäre die amerikanische Verfassung ein Papier, das sich nach Belieben neu falten ließe. Am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, sitzt er im Oval Office und verkündet, die Grenze der Vereinigten Staaten sei so sicher wie nie. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit gelte das, behauptet er. Dann korrigiert er sich: „Oder meiner dritten Amtszeit, je nachdem, wie man es definieren möchte.“ Er hätte gern die dritte, fügt er hinzu, allerdings ohne die Ergebnisse der zweiten. Hinter dieser sonderbaren Rechnung steht die alte Lüge vom angeblich gestohlenen Wahlsieg 2020. Der 22. Zusatzartikel zur Verfassung erlaubt höchstens zwei Wahlen zum Präsidenten. Trump spricht trotzdem, als könne er eine Niederlage durch häufiges Bestreiten irgendwann aus der Geschichte entfernen.
„Wir haben jetzt also eine Grenze, die mit großem Abstand so sicher ist wie nie zuvor. Das ist seit dem Beginn meiner zweiten Amtszeit so, oder meiner dritten, je nachdem, wie man es definieren möchte. Und ich will die Ergebnisse dieser Amtszeit nicht. Ich hätte gern die dritte Amtszeit, aber ich will die Ergebnisse der zweiten Amtszeit nicht.“
Der Anlass für diese Ausführungen ist eine neue Initiative des Justizministeriums gegen Betrug mit Steuergeldern. Trump stellt dafür 25 Millionen Dollar in Aussicht. Über die Internetseite Fraud.gov sollen Amerikaner mutmaßliche Veruntreuung melden können. Findet jemand einen Betrug über eine Milliarde Dollar und kann nachweisen, dass sein Hinweis entscheidend war, verspricht Trump 1 Prozent Belohnung. Er rechnet vor, dass dies auch bei Beträgen von 10 Milliarden oder 200 Milliarden Dollar gelte. Sogar 400 Milliarden erwähnt er. Journalisten könnten ebenfalls mitmachen, scherzt er, sofern ihre Zeitung zustimme. Vielleicht würden sie den Beruf anschließend aufgeben, weil Geldverdienen plötzlich so einfach geworden sei. Ein erheblicher Unterschied zwischen einem vollmundigen Versprechen und einer tatsächlich auszahlbaren Prämie bleibt unerklärt.
Kurz nachdem Trump aufgehört hat zu reden, sinkt sein Kopf. Seine Augen fallen zu und öffnen sich wieder. Während Vizepräsident JD Vance spricht, sitzt der 80-Jährige am Präsidentenschreibtisch und wirkt zeitweise eingeschlafen. Was die Aufnahmen zweifelsfrei zeigen, sind die geschlossenen Augen und das Absinken des Kopfes; ob er tatsächlich schlief, lässt sich daraus nicht mit Sicherheit feststellen. Für eine Regierung, deren Chef wenige Minuten zuvor über eine weitere Amtszeit sprach, sind die Bilder reichlich eigentümlich. Vance redet weiter. Trump sitzt hinter dem Schreibtisch, die Lider gesenkt. Eine Staatsführung kann sich vor der Öffentlichkeit vieles zurechtlegen. Kameras haben die unangenehme Eigenschaft, einfach weiterzulaufen.
Auch Nick Shirley ist im Oval Office. Der konservative Internetfilmer erhält nach Recherchen 10.000 Dollar. Berühmt wurde er mit Anschuldigungen gegen von Somaliern betriebene Kindertagesstätten in Minnesota. Bei seinen Besuchen deutete er verschlossene Türen und verweigerten Zutritt als Hinweise auf erschlichene Fördergelder. Dass ein unbekannter Mann keinen freien Zugang zu Räumen voller Kinder bekommt, dürfte zunächst jeden vernünftigen Betreiber beruhigen. Später teilte die zuständige Behörde in Minnesota mit, mindestens zwei der gezeigten Einrichtungen seien bereits seit Jahren geschlossen gewesen. Unabhängig davon hatte es tatsächlich Betrugsermittlungen im Bundesstaat gegeben, bereits während der Regierung Biden. Mehr als 90 Personen wurden angeklagt, mindestens 60 verurteilt. Die Unterscheidung zwischen nachgewiesenen Straftaten und öffentlich verbreiteten Verdächtigungen ist offenbar weniger einträglich als ein aufsehenerregendes Video.
Dann beginnen die Fragen. Eine Reporterin möchte etwas wissen, Trump unterbricht sie lautstark: „Warten Sie! Pst! Nein, nein, nein!“ Er wiederholt seine Aufforderung und nimmt einen männlichen Kollegen dran. Im Haus des Präsidenten wird eine Journalistin zur Ruhe ermahnt, weil sie ihre Arbeit erledigen will. Niemand hatte sie eingeladen, Beifall zu spenden. Eine Pressekonferenz wäre ein ziemlich sinnloses Schauspiel, wenn der Präsident allein bestimmen dürfte, welche Antworten ihm gefallen.
Andrew Feinberg, Washington-Korrespondent der britischen Zeitung The Independent, fragt nach den Belohnungen. Weshalb seien lediglich ein Prozent vorgesehen, wenn Hinweisgeber nach dem amerikanischen Gesetz gegen falsche Forderungen an den Staat unter bestimmten Voraussetzungen zwischen 10 und 25 Prozent erhalten könnten? Das Gesetz stammt aus dem Jahr 1863. Die rechtlichen Verfahren unterscheiden sich; gerade deshalb verdient die Frage eine Antwort. Trump und Vance reagieren gereizt und verlangen zu wissen, für wen Feinberg arbeite. Er nennt seine Zeitung. Eine Erklärung der unterschiedlichen Vergütungen wäre jetzt möglich gewesen. Offenbar ist die Auskunft über die Person interessanter als die Auskunft über das Geld.
„Hey! Ich weiß nicht, wer zum Teufel Sie sind, aber Sie sollten verdammt vorsichtig sein!“
Etwa fünf Minuten später stellt Feinberg erneut eine Frage. Trump erkennt ihn anscheinend nicht wieder, richtet den Finger auf ihn und fährt ihn an: „Ich weiß verdammt noch mal nicht, wer Sie sind, aber passen Sie bloß auf!“ Feinberg hält später fest, er habe sich erst wenige Minuten zuvor vorgestellt. Die Worte kommen aus dem Mund eines Präsidenten, der über staatliche Befugnisse verfügt und öffentlich einen fragenden Journalisten warnt. Welche Folgen der Mann befürchten soll, bleibt unausgesprochen. Ein erhobener Finger kann mitunter mehr Einschüchterung enthalten als eine lange Rede. Feinberg lässt sich dennoch nicht vertreiben.
„Warten Sie, warten Sie! Ruhe. RUHE!!!! Was stimmt denn nicht mit Ihnen? Sind Sie KRANK?“
Bei einer weiteren Begegnung einige Minuten später wird Trump erneut laut. „Ruhe. Ruhe! Was stimmt denn mit Ihnen nicht? Sind Sie krank?“ Feinberg antwortet: „Nicht, dass ich wüsste, Sir.“ Trump setzt nach: „Ich glaube tatsächlich, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt.“ Vom Unterschied zwischen ein Prozent und möglichen 25 Prozent ist man inzwischen weit entfernt. Der Präsident fragt öffentlich nach dem Gesundheitszustand des Journalisten, ohne dafür einen erkennbaren Anlass zu haben. Feinberg bleibt ruhig. Seine Stimme muss nicht lauter werden, damit die Zuschauer begreifen, wie sich die beiden Männer gerade verhalten.

Vance verbreitet den Wortwechsel anschließend im Internet und nennt Feinberg einen „schwachsinnigen Journalisten“. Der Reporter antwortet: „Herr Vizepräsident, wenn Sie mich schon beleidigen wollen, haben Sie wenigstens den Mut, mein Benutzerkonto zu markieren.“ Vance ist der 2. Mann im amerikanischen Staat. An diesem Nachmittag findet er Zeit, einen Journalisten öffentlich zu verhöhnen, dessen ursprüngliche Frage weiterhin eine nachvollziehbare Begründung verdient. Für die Regierungsinitiative entsteht daraus kein zusätzlicher Dollar. Zumindest hat die Öffentlichkeit erfahren, welchen Stellenwert sachliche Nachfragen beim Vizepräsidenten genießen.
Der polnische Journalist Jakub Wiech weist auf einen bitteren Widerspruch hin: Der amerikanische Präsident fahre einen Reporter an und nenne ihn wegen einer Frage krank; danach kämen Vertreter seiner Regierung nach Europa, um Vorträge über Meinungsfreiheit zu halten. Ein Präsident muss Journalisten weder schätzen noch ihre Fragen mögen. Das Amt verlangt allerdings mehr als die Fähigkeit, Menschen vor laufenden Kameras zurechtzuweisen. Wo Macht auf unbequeme Fragen mit persönlicher Einschüchterung reagiert, wird aus einem gewöhnlichen Pressetermin eine Warnung an alle, die künftig nachhaken möchten.
Und über diesem Nachmittag liegt Trumps beiläufige Bemerkung zur dritten Amtszeit. Sie fällt 2 Wochen vor den Kongresswahlen, während Bundesbehörden Wahlunterlagen und Maschinen beschlagnahmen und die Regierung Zugang zu Wählerverzeichnissen verlangt. Gegen demokratisch regierte Bundesstaaten werden Verfahren angestrengt; die Grundlage einzelner Vorwürfe ist umstritten. Ob Trump daraus tatsächlich einen Versuch ableiten will, die verfassungsrechtliche Grenze zu umgehen, ist offen. Seine wiederholte Behauptung über die Wahl 2020 bleibt falsch. Republikaner im Kongress haben ihn bislang nur selten wirksam begrenzt, während Gerichte wiederholt Vorhaben seiner Regierung stoppten. Dieser politische Hintergrund verleiht seinen Worten Gewicht, auch wenn er sie beiläufig ausspricht.
Ein Präsident, der von einer dritten Amtszeit spricht, während er einen Reporter bedroht und wenig später mit geschlossenen Augen an seinem Schreibtisch sitzt: All das geschieht während eines einzigen Termins. Der Anlass war die Bekämpfung von Betrug. Feinberg wollte verstehen, wie die versprochenen Zahlungen funktionieren. Trump hätte die Rechnung erklären können. Stattdessen bekam der Journalist einen bösen Blick und die Drohung, bloß aufzupassen. Vor ihm stand der Schreibtisch des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Erbärmlich.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English