Biddeford/Bucaramanga (KB) – Karolina Rojas hat ein Foto veröffentlicht, sie selbst, ihre kleine Tochter und Johan Sebastián Durán Guerrero. Darunter schrieb sie, sie liebe ihn, er sei ihr Alles gewesen, und sie finde keine Worte für diesen Schmerz. Er möge auf sie alle aufpassen und sie nicht allein lassen. Sie flehe ihn darum an. Am Montagmorgen erschoss ein Beamter der Einwanderungsbehörde ihn auf einer Kreuzung in Biddeford.

Das Heimatschutzministerium erklärt, der Beamte habe aus Sorge um die öffentliche Sicherheit geschossen. Wer in jenem Viertel wohnt, hört diesen Satz anders. Es habe überhaupt keine Bedrohung gegeben, sagt die Anwohnerin Mary Hayes, bis jene angefangen hätten, um 7 Uhr morgens auf ein Auto auf offener Straße zu feuern. Ihre Nachbarschaft sei eine Arbeitergegend, in der die Menschen an einem Montagmorgen aufstünden, um zur Arbeit zu fahren. Man sei eine Stadt der Arbeit und der alten Fabriken, sagt sie, das Herz von Maine.

In diesem Satz steckt der ganze Vorgang. Die erfundene Gefahr, vor der die Beamten die Öffentlichkeit angeblich schützten, betrat die Straße erst mit ihnen. Vor ihrem Eintreffen gab es dort einen Mann in einem Kleinwagen und Menschen, die sich für die Frühschicht fertig machten. Nach ihrem Eintreffen gab es Einschusslöcher in einer Windschutzscheibe und einen Toten auf dem Asphalt. Die Behörde beschreibt die Lage, die sie selbst geschaffen hat, und leitet aus dieser Beschreibung ihre Rechtfertigung ab, ein Verfahren, das in jedem Rechtsstaat als das gilt, was es ist.

Beantworten lässt sich davon derzeit nichts, weil die Beamten keine Körperkameras trugen. Offen bleibt, wie nah der Schütze am Fahrzeug stand, ob überhaupt jemand den Fahrer zum Anhalten aufforderte und worin die Behörde die Gefahr für die Öffentlichkeit erkannt haben will. Die Generalstaatsanwaltschaft von Maine, die gemeinsam mit den Bundesbehörden ermittelt, hält fest, ersten Aussagen zufolge sei der Fahrer in Richtung des Beamten geflohen. Bereits das widersprechicht dutzenden von unabhängigen Aussagen. Dessen Name bleibt unveröffentlicht, er ist vom Dienst suspendiert. Daniel Boucher, hörte den Verletzten sagen, er habe versucht anzuhalten.

Öffentliche Sicherheit heißt inzwischen in Amerika, dass Schüsse in einer schlafenden Straße fallen. Fluchtversuch heißt, dass ein Mann sagt, er habe versucht anzuhalten. Wer die Namen derart verdreht, regiert nicht mehr über eine Wirklichkeit, sondern über deren Beschreibung, und genau darin liegt die eigentliche Gefahr für die Öffentlichkeit.

Am Mittwochmorgen legte der Präsident nach. Man dürfe eines der wichtigsten und wirksamsten Werkzeuge der Behörde zur Verbrechensbekämpfung nicht aufgeben, schrieb er in Großbuchstaben, nämlich die Verkehrskontrolle. Einen Tag zuvor hatten Regierungsvertreter die Beamten angewiesen, die meisten Fahrzeugkontrollen auszusetzen, nach den Schüssen von Maine und jenen von Houston eine Woche davor. Damit steht die Anweisung der eigenen Regierung gegen das Wort ihres Präsidenten, und die Beamten auf der Straße dürfen raten, welches von beidem gilt, wenn sie das nächste Mal die Hand an die Waffe legen.
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Heimatschutzminister Markwayne Mullin ließ die Frage, ob die Kontrollen nun wieder erlaubt seien, unbeantwortet und teilte stattdessen mit, oberstes Ziel des Ministeriums sei die Sicherheit der eigenen Beamten und die Entfernung von Kriminellen aus den Straßen. Wer sich illegal im Land aufhalte, werde festgenommen und abgeschoben, wo immer er sich befinde. Er solle jetzt gehen. Wer sich einer Festnahme zu entziehen versuche, begebe sich in Gefahr. Der letzte Satz verdient Aufmerksamkeit, denn er ist keine Warnung, sondern eine Ankündigung. Der Grenzbeauftragte Tom Homan mahnte, man müsse die Ermittlungen abwarten, Beamte würden zur Rechenschaft gezogen, sollten sie unangemessen oder rechtswidrig gehandelt haben.
Nach diesen Aussagen hat man sofort bei Gerichten interveniert, um gegebenenfalls eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Da werden wir alle nicht mehr locker lassen.

Parallel dazu begann die Behörde, den Toten zu beschreiben. Am Mittwoch teilte sie mit, Durán Guerrero sei 25 Jahre alt gewesen und am 1. September 2023 illegal über die Südgrenze eingereist. Zuvor war er als 26-Jähriger geführt worden. Recherchen, Gespräche und Hilfsorganisationen widerlegen das. Er hatte eine gültige Arbeitserlaubnis besessen und mit seiner Partnerin und der kleinen Tochter in der Nachbarschaft gelebt. Senator Angus King gab an, Mullin habe ihm gesagt, die Beamten hätten einen Haftbefehl vollstrecken wollen, der sich nicht gegen den Erschossenen richtete. Das Ministerium selbst erklärte, man habe die Adresse einer Person mit rechtskräftiger Abschiebeanordnung überwacht und ein von dort kommendes Fahrzeug stoppen wollen.
Die Reihenfolge dieser Mitteilungen ist aufschlussreich. Zuerst schoss ein Beamter, dann räumte das Ministerium ein, den Falschen getroffen zu haben, und schließlich lieferte es das Einreisedatum nach. Der Name wurde nicht vollständig geführt, die Altersangabe war falsch und musste durch Journalisten und der kolumbianischen Botschaft an die Homeland übermittelt werden.
Eine Bundesbehörde tötet einen Menschen, stellt fest, dass er nicht einmal gesucht wurde, und durchsucht daraufhin seine Papiere. Nicht um zu erklären, weshalb geschossen wurde, sondern damit es heißen kann, es habe ja nur einen Illegalen erwischt. Aber – kein fehlender Stempel im Pass. Wer den Tag der Einreise eines Menschen auf den Kalender genau kennt, aber nicht sagen kann, warum dieser Mensch sterben musste, hat sich für einen Terrorstaat entschieden, in dem Recht und Unrecht ausgesetzt sind und eine Behörde darüber befindet, wer leben darf und wer zu sterben hat.
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Die Bilanz lässt sich zählen. Mindestens 10 Menschen starben seit Beginn der Abschiebeoffensive bei Einsätzen der Behörde, mindestens 4 von ihnen in Fahrzeugen. John Sandweg, unter Barack Obama kommissarischer Leiter der Behörde, schätzt die Zahl der Schüsse bei Verkehrskontrollen unter Trump auf rund 18. Am Dienstag starb in Florida ein Mann auf der Flucht vor Beamten unter einem Sattelzug. Die republikanische Senatorin Susan Collins drängte Mullin, sämtliche nicht dringlichen Fahrzeugkontrollen einzustellen.
Gouverneurin Janet Mills forderte den Kongress in einem Brief auf, die Behörde zur Achtung des Rechts zu zwingen, bevor weitere Familien einen Angehörigen verlören. Werde sie nicht grundlegend reformiert, sei es Zeit, sie abzuschaffen. Biddefords Bürgermeister Liam LaFountain verlangt ein dauerhaftes Verbot der Verkehrskontrollen und fragt, warum die Beamten keine Körperkameras trugen, während seine eigene Polizei seit fast 10 Jahren damit ausgerüstet ist. Eine Behörde, die in Milliarden an Steuergeld schwimme und eine solche Grundaufgabe nicht erfülle, sei damit selbst verurteilt. Die Stadt bietet der Familie und allen betroffenen Anwohnern psychologische Hilfe an, was bereits alles darüber sagt, was jener Morgen mit diesem Viertel gemacht hat.

Wir haben mittlerweile auch mit der Familie in Kolumbien gesprochen. Wilson Guerrero, ein Onkel des Getöteten, schildert diesen unbeschreiblich grausamen Moment, den Verlust eines Sohnes und Neffen, und nennt ihn schlicht traurig und schmerzhaft. Sein Großvater sagt, man habe Johan Sebastián kaltblütig ermordet. Der 25-Jährige lebte seit gut 3 Jahren in den Vereinigten Staaten, wohin ihn nach den Worten des Onkels das Fieber des amerikanischen Traums getrieben habe, die Aussicht auf eine bessere Grundlage für ein Leben zurück in Kolumbien.
Er arbeitete als Reinigungskraft und fuhr Essenslieferungen aus, gelegentlich half er in einer Tierarztpraxis aus, und er besaß seine Genehmigungen und seine Sozialversicherung, um in Ruhe arbeiten zu können. Angst vor den Einsätzen der Einwanderungsbehörde habe er nie gehabt, sagt der Onkel, denn er habe alles richtig gemacht und seine Papiere ordentlich beschafft. Zuletzt sprach er davon, bald zu Besuch zu kommen, weil ihm die Familientreffen fehlten. Er habe seiner Tochter eine gute Ausbildung sichern und seinen Eltern helfen wollen. Am Montag verließ er das Haus, um zur Arbeit zu fahren, wo er um 7.30 Uhr beginnen sollte. Draußen warteten sie bereits auf ihn. Es war seine Frau, die der Familie berichtete, was geschehen war. Die Einwanderungsbehörde habe ihm das Leben genommen. Sie hat den gesamten Vorfall mit angesehen und ist nach Angaben des Onkels seither zutiefst verängstigt.
In Houston verlangt Bürgermeister John Whitmire, die Texas Rangers zu beauftragen, denn die Zuständigkeit liege beim Bund, und dieser kontrolliere die Beweise. Polizeichef J. Noe Diaz jr. hat eine unabhängige Untersuchung förmlich beantragt, Whitmire fordert eine Pause der Kontrollen für 90 Tage. Die Staatsanwaltschaft von Harris County versucht unterdessen, 3 Zeugen der Schüsse auf Lorenzo Salgado Araujo, der keine Vorstrafen hatte und 35 Jahre im Land lebte, mit Sondervisa vor der Abschiebung zu schützen. Daniel Tirado Pantoja, Jose Rojas und Victor Salgado, der Bruder des Getöteten, sitzen in Haft und bestreiten die Darstellung des Ministeriums. Über die Visa entscheidet dieselbe Behörde, der ein Gericht im Mai vorläufig untersagte, Menschen mit laufendem Visumsantrag festzuhalten.

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Wie weit das Schweigen reicht, zeigt Minnesota. Ramsey County verklagt die Regierung, weil das Ministerium seit Monaten keine Auskunft über die Festnahme des amerikanischen Staatsbürgers ChongLy Thao erteilt, den Beamte im Januar bei Frost aus seinem Haus in St. Paul zerrten. Es stehe außer Frage, dass Recht gebrochen wurde, sagt Sheriff Bob Fletcher. Man stehe hier und habe nichts gehört, sagt der zuständige Anwalt Hao Nguyen.
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Kolumbiens scheidender Präsident Gustavo Petro nennt die Sache eine gezielte Tötung durch die amerikanische Regierung. Am Haus der Familie in Kolumbien versammelten sich Angehörige zu einer Mahnwache, mehr als 4.000 Kilometer von jener Kreuzung entfernt, auf der noch am Abend Blut auf dem Zebrastreifen zu sehen war.
Mahnwache in Bucaramanga (Barrio La Victoria) am Haus der Familie von Johan Sebastián Durán Guerrero
Am Ende steht die Frage, wem die Straße gehört. Die Regierung beantwortet sie mit einem Werkzeug, das sie in Großbuchstaben verteidigt, obwohl ihre eigenen Fachleute es gerade aussetzen wollten. Die Menschen in Biddeford beantworten sie anders. Sie sagen, es habe an jenem Morgen keine Gefahr gegeben, bis die Gefahr in Westen und mit Waffen anrückte. Und in einer Wohnung dieser Stadt sitzt eine Frau, die ein Foto einer glücklichen Familie ins Netz gestellt hat und einen Toten bittet, auf sie aufzupassen.
Amerika, wie tief bist du gesunken.
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