Die Vereinigten Staaten führen einen Krieg gegen den Iran, ihre Einwanderungspolizei erschießt Menschen an Kreuzungen, und der Verteidigungsminister hat am Mittwoch eine andere Notlage erkannt. Pete Hegseth kündigte ein Untersuchungsprogramm für Testosteronmangel in der Truppe an, damit die Soldaten auf ihrem absolut besten Niveau arbeiten könnten. Ab 30 wird jährlich gemessen, im Rahmen der ohnehin vorgeschriebenen Untersuchungen. Wer jünger ist, darf sich freiwillig melden. Die Hormontherapie, ließ er in einem Video wissen, bleibe selbstverständlich freiwillig.
Auf die Frage, welche Krankheit er mit dem Programm bekämpfen wolle, verwies das Verteidigungsministerium auf ebenjenes Video, in dem der Minister die Truppe stark und widerstandsfähig halten will und dem modernen Gefechtsfeld eine maximale psychologische Bereitschaft abverlangt. Welche Studien dem zugrunde liegen, beantwortete das Ministerium nicht. Ob Soldatinnen im Übergang zu den Wechseljahren auf entsprechende Hormone untersucht werden, ebenfalls nicht.
Verteidigungsminister Pete Hegseth hat angekündigt, dass das Pentagon künftig für alle aktiven Soldatinnen und Soldaten ab dem 30. Lebensjahr jährliche Testosteron-Untersuchungen vorschreiben wird. Nach seinen Angaben soll die Maßnahme die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte verbessern. Wird bei einem Soldaten oder einer Soldatin ein niedriger Testosteronspiegel festgestellt, besteht die Möglichkeit, eine Testosteronersatztherapie zu erhalten.
Medizinisch ist das Vorhaben in einem Satz erledigt. Die geltenden Leitlinien raten von flächendeckenden Testosteronmessungen ausdrücklich ab. Vorgesehen ist das Gespräch mit Menschen, die unter entsprechenden Beschwerden leiden, dazu 2 getrennte Blutuntersuchungen mit dauerhaft niedrigen Werten. Alles andere produziert vor allem eines: Messwerte.
Friedrich Nietzsche, dessen Satz über das, was einen nicht umbringt, in jedem Fitnessstudio dieser Welt an der Wand klebt, spottete im selben Buch über die Verbesserer der Menschheit, die den Menschen zurichten und dabei schwächer machen, während ihnen die Stärke nicht von den Lippen geht. Man ahnt, was er von einer Armee gehalten hätte, die ihre Kampfkraft in Nanogramm pro Deziliter sucht. Wer erst messen muss, ob er ein Mann oder Frau ist, hat die Frage beantwortet.
Es gehe ausdrücklich nicht um künstliche Leistungssteigerung, sagt Hegseth. Der Satz hat eine Vorgeschichte. Seit Jahren stehen Spezialkräfte und namentlich die Navy SEALs unter Verdacht, mit Testosteron und Verwandtem nachzuhelfen. Als 2022 ein Rekrut während der Ausbildung starb, fand man bei ihm unter anderem Testosteron, und dahinter kam ein Ausmaß an Substanzgebrauch zum Vorschein, das zuvor niemand einräumen wollte. Ein Jahr später kündigte die Marine an, künftig auf jede hormonelle Substanz zu testen, die mit Testosteron verwandt ist und Muskelwachstum fördert. Dieselbe Streitkraft misst also einmal, um es zu finden, und künftig, um es zu verschreiben.

Der zeitliche Zusammenhang ist ebenfalls kein Zufall. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy jr. und andere in dieser Regierung arbeiten daran, Ärzten die Verschreibung von Testosteron zu erleichtern, und die Arzneimittelbehörde FDA schlug im vergangenen Monat vor, die Grenzen für Gele, Tabletten, Pflaster und Spritzen zu lockern. Zugelassen sind die Mittel bislang allein für Männer mit Hypogonadismus, einer Erkrankung mit drastisch niedrigen Werten. In der Bewegung um Kennedy gilt das Hormon dagegen als Mittel, um jünger auszusehen und geistig frisch zu bleiben, was die medizinische Fachwelt nicht mitträgt.
Fair bleiben: Die Forschung hat Testosteron zuletzt entlastet, im vergangenen Jahr strich die FDA den Warnhinweis zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Studien der Gesundheitsinstitute an älteren Männern zeigten Verbesserungen bei Erektionsstörungen und Libido, dazu einen kleinen Effekt auf die Stimmung. Bei Müdigkeit, Gedächtnis und Wohlbefinden fand sich wenig bis nichts. Andere Arbeiten deuten auf mehr Muskelmasse und Knochendichte. Übersetzt heißt das: Ausgerechnet jene maximale geistige Bereitschaft, mit der Hegseth sein Programm begründet, ist der einzige Bereich, in dem das Hormon nachweislich nichts ausrichtet.
Die Senatorin Tammy Duckworth, Irakveteranin, fand die passende Beschreibung. Das klinge für sie nach geschlechtsangleichender Behandlung, sagte sie, jener Art von Medizin also, die derselbe Minister transgeschlechtlichen Soldaten verweigert. Die Abgeordnete Chrissy Houlahan, Luftwaffenveteranin, sieht bewiesen, dass Hegseth seine Anweisungen aus den hintersten Winkeln der Männerforen bezieht. Beide fordern Hormontests für Frauen wie Männer, weil sich damit früh Fruchtbarkeitsprobleme erkennen ließen, unter denen Militärangehörige beiderlei Geschlechts häufiger leiden als der Rest der Bevölkerung. Von einem Minister, der Frauen nicht im Gefecht sehen will, Beförderungen blockiert und Kommandeurinnen entlassen hat, wird das schwerlich kommen.
Bleibt die schönste Volte dieser Amtszeit. Im April schaffte Hegseth die Grippeimpfpflicht ab und berief sich dabei auf medizinische Selbstbestimmung und Religionsfreiheit. Im Juni erkrankten in der Grundausbildung der Luftwaffe knapp 300 Menschen an Grippe. Die Spritze, die vor Krankheit schützt, ist Zwang. Die Spritze, die Muskeln verspricht, ist Fürsorge.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English