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Hinter Glas bis zur Abschiebung – ICE-Gefängnis verbietet Familien selbst die Umarmung

VonTEAM KAIZEN BLOG

15. September 2026

Am 21. Februar ging Samantha Sanchez mit ihrem Mann Allen Tayson zu einem Termin bei U.S. Immigration and Customs Enforcement in San Jose. Es sollte um die Anpassung seines Aufenthaltsstatus gehen. Rund 10 Minuten nachdem Tayson aufgerufen worden war, kam ein Mitarbeiter zu Sanchez und ihren Kindern, 5 und 14 Jahre alt. Ihr Mann werde festgehalten. Sanchez habe ein Klingeln im Ohr gehört und ihren Herzschlag immer lauter gespürt. Ihre Tochter habe an ihrem Shirt gezogen und gefragt, wo ihr Vater sei. Der Sohn habe versucht, seine Mutter zu beruhigen. Nachdem die Familie aus dem Gebäude begleitet worden war, saß Sanchez 20 Minuten im Auto. Fahren konnte sie nicht. Sie rief ihren Bruder an.

Die Familie Tayson reiste im Dezember 2025 nach Lake Tahoe in Kalifornien, um dort Weihnachten und den Geburtstag ihrer Tochter zu feiern

Ein Gedanke hielt sie zunächst aufrecht: Sobald Tayson in eine Einwanderungshaftanstalt verlegt werde, könne die Familie ihn wenigstens besuchen. Sie stellte sich vor, ihren Mann wieder berühren zu können. Dann wurde er in die California City Detention Facility gebracht. Dort trennt Plexiglas Familien voneinander. Sanchez ist inzwischen 7,5 Monate schwanger. Ihr Mann habe seit der Festnahme ihren wachsenden Bauch nicht berührt und keinen Tritt seines ungeborenen Kindes gespürt. Bei keinem Arzttermin habe er dabei sein können. Eine Umarmung, draußen kaum der Rede wert, wird hinter solchen Mauern plötzlich zum unerreichbaren Luxus.

Die California City Detention Facility ist nach den vorliegenden Angaben die einzige Einwanderungshaftanstalt Kaliforniens, die keine Kontaktbesuche erlaubt. Die meisten dort festgehaltenen Menschen haben keinen strafrechtlichen Hintergrund. Trotzdem können Monate vergehen, während ihre Verfahren laufen und Angehörige sie nur durch eine Scheibe sehen. Familien kämpfen gleichzeitig darum, Geld für Anwälte aufzubringen. Ausgerechnet die persönliche Begegnung, die ihnen ein wenig Sicherheit geben könnte, endet am Glas. CoreCivic, das die Einrichtung betreibt, beantwortete eine Anfrage zu dieser Praxis nicht.

Vor Taysons Festnahme lebte die Familie einen ziemlich gewöhnlichen Alltag. Gerade deshalb fehlt heute so viel. An Wochenenden machten sie Ausflüge durch Kalifornien oder unternahmen etwas mit den Kindern. Sonntags ging es morgens gemeinsam zum Einkaufen, anschließend zum Mittagessen. Später wurden Wäsche und Haushalt erledigt. Im Winter fuhren sie nach Lake Tahoe, im Sommer nach Disneyland. Einige dieser Reisen hielten sie auf YouTube fest. Tayson habe seine Zeit bewusst seiner Familie gewidmet und versucht, seinen Kindern Erinnerungen zu geben, die ihm selbst beim Aufwachsen gefehlt hätten.

Sanchez steht heute früh auf, bevor die Kinder wach werden. Dann weint sie. Sie wolle diesen Moment hinter sich bringen, bevor ihre Kinder sie sehen. Besonders schwer sei der Gedanke, dass auch das ungeborene Baby ihren Schmerz und Stress mitbekomme. Danach wische sie die Tränen weg, wasche ihr Gesicht und versuche, den nächsten Tag zu tragen. Normalität kann manchmal aus kaum mehr bestehen als einer geschlossenen Badezimmertür.

Tayson droht die Abschiebung auf die Philippinen. Dort war er seit seinem 9. Lebensjahr nicht mehr. Seine Familie hat er bislang sogar gebeten, ihn in California City nicht zu besuchen. Der Grund liegt genau vor dem Besucherstuhl: die Scheibe. Vor mehr als 10 Jahren war Tayson bereits einmal inhaftiert gewesen und durfte auch damals keinen Kontaktbesuch empfangen. Sein Sohn war noch ein Kleinkind. Als er den Vater umarmen wollte, lief er gegen das Glas. Tayson wolle seinen Kindern diese Erfahrung kein 2. Mal zumuten. Also bleiben Telefonate und Bildanrufe. Doch selbst diese Verbindung läuft mit Gebührenzähler. Die Gespräche kosten nach den vorliegenden Angaben zwischen 7 und 25 Cent pro Minute und werden deshalb häufig früher beendet. Sanchez arbeitet wegen ihrer Schwangerschaft derzeit nicht. Das Einkommen ihres Mannes fehlt. Lebensmittel und Babyausstattung müssen bezahlt werden. Hinzu kommen die Kosten des Verfahrens. Selbst ein längeres Gespräch mit dem eigenen Vater wird unter solchen Bedingungen zu einer Entscheidung über Geld.

Auch die Kinder bezahlen auf andere Weise. Taysons Sohn blieb nach der Festnahme vier Wochen der Schule fern, um mit der Situation zurechtzukommen. Seine 5-jährige Tochter frage jeden Tag nach ihrem Vater und bete für ein Wunder, das ihn nach Hause bringe. Sie wolle wissen, wann sie ihren Vater sehen könne. Wann er wieder ihre Hand halten dürfe. Sanchez könne ihr nur sagen, dass sie warten müssten. Aus diesem Warten ist inzwischen organisierter Widerstand entstanden. Tayson und Hunderte weitere Menschen in der California City Detention Facility arbeiten mit dem California Collaborative for Immigrant Justice und der California Immigrant Youth Justice Alliance zusammen. Interfaith Movement for Human Integrity beteiligt sich ebenfalls, ebenso das Rapid Response Network of Kern. Die Kampagne heißt Hugs Beyond Bars. Ihre Forderung ist beinahe erschütternd schlicht: Menschen in Einwanderungshaft sollen ihre Angehörigen bei einem Besuch berühren dürfen.

Samantha Sanchez und ihr Mann Allen Tayson bei einem gemeinsamen Aufenthalt am Lake Tahoe in Kalifornien im Jahr 2025.

Valeria Suarez, Organisatorin für Gemeinwesen und Recht beim California Collaborative for Immigrant Justice und führend bei Hugs Beyond Bars, habe in Gesprächen mit Inhaftierten immer wieder denselben Schmerz gehört. Besonders schwer wiege für viele, ihre Familien nicht umarmen zu können. Manche Angehörige verzichteten deshalb vollständig auf Besuche hinter Plexiglas. Dabei verfügt die California City Detention Facility bereits über einen Besuchsraum. Das Gebäude wurde früher vom California Department of Corrections and Rehabilitation als Gefängnis genutzt. Die räumliche Möglichkeit ist also vorhanden.

Ein Bericht des California Department of Justice führt Personalmangel als Grund dafür an, dass keine Kontaktbesuche stattfinden. Zugleich stellte das Ministerium fest, CoreCivic verstoße mit der Verweigerung gegen seine eigene Richtlinie. Das Unternehmen hatte dem California Department of Justice zuvor eine Besuchsregelung vorgelegt, nach der körperlicher Kontakt erlaubt sein sollte. Auf Papier existiert die Umarmung bereits. Zwischen Papier und einem Kind, das seinen Vater anfassen will, liegt offenbar eine Personalplanung. Edwin Carmona-Cruz, Co-Geschäftsführer des California Collaborative for Immigrant Justice, sieht darin die Logik privater Haftanstalten. CoreCivic habe die Mittel, um die verlangten Leistungen bereitzustellen. Weniger Geld für den Betrieb auszugeben bedeute jedoch mehr Gewinn für die Aktionäre, so seine Einschätzung. Noch schwerer wiegt sein zweiter Vorwurf. Die harten Bedingungen könnten seiner Ansicht nach darauf zielen, Inhaftierte so weit zu zermürben, dass sie Abschiebungspapiere unterschreiben und ihren Rechtsweg aufgeben.

Tayson beschreibt genau diese Wirkung aus seinem Schlafsaal. Hoffnungslosigkeit und seelische Erschöpfung seien dort ständig sichtbar. Menschen würden eher ihre rechtlichen Möglichkeiten aufgeben, weil sie die Bedingungen nicht länger aushielten. Einige bekämen vor ihrer Abschiebung keine letzte Umarmung von ihren Angehörigen. Andere könnten sich nicht von einem todkranken Familienmitglied verabschieden. Für Tayson selbst rückt eine weitere Möglichkeit bedrohlich nahe: Sein Kind könnte geboren werden, ohne dass er es halten darf. Der Geburtstermin nähert sich. Seine nächste Anhörung ist erst im Dezember.

Mindestens sieben Schlafsäle innerhalb der California City Detention Facility haben laut Suarez inzwischen Briefe an den Leiter der Einrichtung geschrieben und Kontaktbesuche verlangt. Hugs Beyond Bars hat außerdem mehr als 1.200 Unterschriften gesammelt. Die Kampagne fordert den kalifornischen Senator Alex Padilla auf, eine gemeinsame Initiative im Kongress anzustoßen. Weitere Abgeordnete sollen dadurch Druck auf U.S. Immigration and Customs Enforcement und CoreCivic ausüben. Zugleich sollen sie mit den inhaftierten Organisatoren sprechen und deren Berichte aus erster Hand hören.

Suarez versteht den Kampf als Teil eines schon lange von Inhaftierten selbst getragenen Widerstands gegen die Bedingungen in solchen Einrichtungen. Sanchez hält öffentliche Beteiligung ebenfalls für entscheidend. Viele Einwandererfamilien hätten Angst, sich zu äußern. Manche glaubten auch, ihre Stimme könne ohnehin nichts verändern. Gemeinsam könne sich dieses Gefühl verändern. Solange noch etwas Kampf übrig sei und Menschen zusammenhielten, wüssten sie wenigstens, dass sie nicht allein seien, sagt Sanchez. Carmona-Cruz betrachtet Kontaktbesuche lediglich als einen Schritt auf einem längeren Weg. Menschen sollten ihre Einwanderungsverfahren wieder außerhalb solcher Haftanstalten führen können, mitten in ihren Gemeinden und bei ihren Familien. Die Einrichtungen selbst gehörten seiner Auffassung nach geschlossen. Sein Argument ist radikal und zugleich sehr einfach: Aus diesen Orten komme für die Betroffenen nichts Gutes.

Bis dahin kämpft eine schwangere Frau darum, dass ihr Mann ihre Hand wieder berühren darf. Ein 5-jähriges Mädchen wartet darauf, dass sein Vater ihre Hand hält. Zwischen beiden steht Plexiglas, bezahlt und organisiert von einem System, das eine Umarmung inzwischen wie ein Sicherheitsrisiko behandelt.

Fortsetzung folgt …

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