„Kurznachrichten“ ist heute fast das falsche Wort. Hinter den Meldungen vom 15. September stehen 3 große Geschichten, und jede für sich zeigt, wie weit politische Realität inzwischen von den beruhigenden Sätzen entfernt ist, die Regierungen gern darüberlegen.
In den USA bereiten sich Demokraten, Bürgerrechtsgruppen und Aktivisten auf einen möglichen Eingriff der Trump-Regierung in die Midterms vor. 10.000 Freiwillige sollen Wahllokale beobachten, Juristen beschäftigen sich bereits mit möglichen Beschlagnahmungen von Stimmzetteln. Die Sorge reicht bis zu ICE-Beamten vor Wahllokalen. Wenn eine Demokratie schon vor der Wahl Notfallpläne für die Wahl braucht, ist etwas gewaltig schiefgelaufen.
Dann der Iran-Krieg. Der erste umfassende Bericht der US-Regierungsaufsicht räumt Waffenlücken ein, Hunderte beschädigte oder zerstörte Gebäude auf US-Basen und Verluste von bis zu 30 Reaper-Drohnen. Dazu kommen tote Soldaten und Milliardenkosten. Während Trump einen neuen amerikanischen Rüstungsrekord verkündet, braucht die Industrie nach Einschätzung von Fachleuten womöglich rund 3 Jahre, um wichtige Bestände wieder aufzufüllen.
Und Russland schießt in der Ukraine mit westlicher Präzision. Amerikanische Hornady-Geschosse und finnische Lapua-Komponenten landen in russischer Scharfschützenmunition. Mehr als 10 Millionen Geschosse aus NATO-Staaten gelangten seit 2022 nach Russland. Besonders bitter: Der Mann hinter dem russischen Waffenhersteller besitzt Verbindungen zu einem toskanischen Weingut, das nach Beginn des Großangriffs auf die Ukraine noch mehr als 100.000 Euro aus EU-Agrarfonds erhielt. In Russland Waffen, in Italien Förderung aus Brüssel. Manchmal schreibt sich die Absurdität ganz ohne Hilfe.
Die heutigen Kurznachrichten sind deshalb keine Sammlung kleiner Meldungen. Es sind 3 große Geschichten mit zahlreichen Haupt- und Zwischenüberschriften, weil jede davon mehr verdient als 20-30 Zeilen und ein Schulterzucken.
Demokraten bauen Schutzring um die Midterms – 10.000 Freiwillige sollen Wahllokale beobachten

Donald Trump versucht seit Monaten, die Regeln der Zwischenwahlen zu verändern. Seine Regierung wollte strengere Nachweise der Staatsbürgerschaft für die Registrierung durchsetzen. Danach sollte der United States Postal Service eine zentrale Rolle bei der Frage erhalten, welche Wähler Briefwahlunterlagen bekommen. Gerichte stoppten mehrere dieser Vorhaben. Trotzdem läuft der politische Druck weiter, während in einigen Bundesstaaten die ersten Stimmzettel längst verschickt werden. Im Kongress unterstützte Trump ein Gesetz mit noch weitergehenden Änderungen des Wahlrechts. Im Senat steckt es fest, weil Demokraten und auch einzelne Republikaner Widerstand leisten. Zuvor hatte Trump bereits versucht, Wahlregeln per Präsidentenerlass neu zu ordnen. Auch dort schritten Gerichte ein. Der Versuch, die Briefwahl über den Postal Service stärker unter Bundeskontrolle zu bringen, wurde ebenfalls gestoppt.

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Parallel verlangt Trump von republikanisch geführten Bundesstaaten neue Wahlkreiszuschnitte, damit seine Partei zusätzliche sichere Sitze im Repräsentantenhaus erhält. Dazu kam der ungewöhnliche republikanische Parteitag mitten im Zwischenwahlkampf. Präsidentenparteien verlieren bei Zwischenwahlen traditionell häufig Sitze. Trump behandelt diese Erfahrung offenbar wie eine Naturgewalt, die man durch genügend Eingriffe vielleicht doch noch überlisten kann. Das Weiße Haus weist die Sorgen zurück. Sprecherin Lauren Bis erklärte, Ängste um die Wahl würden von „extremen liberalen Demokraten“ geschürt. Maßnahmen wie Ausweispflichten seien vernünftige Sicherungen, damit ausschließlich Amerikaner über amerikanische Wahlen entschieden. Die Gegenseite sieht denselben Vorgang aus einer anderen Richtung: Ein Präsident verändert kurz vor einer Wahl Regeln, deren Ausgang über seine Mehrheit im Kongress entscheidet. Selbst die Definition von Vorsicht ist inzwischen parteipolitisch geworden.
ICE vor dem Wahllokal – Denver und Bürgerrechtsgruppen ziehen gegen die Regierung vor Gericht

Die Vorstellung bewaffneter Einwanderungsbeamter vor amerikanischen Wahllokalen ist inzwischen konkret genug für eine Klage. Die Stadt Denver und mehrere Bürgerrechtsorganisationen verlangen von einem Bundesgericht, U.S. Immigration and Customs Enforcement den Einsatz an Wahlorten ausdrücklich zu verbieten. Sie berufen sich auf ein Gesetz aus der Zeit des Bürgerkriegs, das bewaffnete Bundesbeamte an Wahllokalen untersagt. Die Trump-Regierung hat über Monate erklärt, ICE werde bei den Zwischenwahlen nicht zur Kontrolle von Wählern eingesetzt. Ganz geschlossen ist die Tür inzwischen trotzdem nicht. Heimatschutzminister Markwayne Mullin erklärte, einzelne Einsätze könnten stattfinden, wenn Beamte eine bestimmte Person suchten oder Ermittlungen führten. Im vergangenen Jahr wurden bereits vereinzelt ICE-Beamte an Wahllokalen gesehen, meist mit genau dieser Begründung.

Juan Proaño, Geschäftsführer der League of United Latin American Citizens, hält die Gefahr für größer. Die Regierung verbreite die Behauptung, Menschen ohne Staatsbürgerschaft würden wählen, und spreche gleichzeitig über das Heimatschutzministerium sowie ICE an den Wahllokalen. Für Proaño läuft das auf Einschüchterung hinaus, die besonders lateinamerikanische Wähler treffen könne. Damit steht plötzlich eine sehr alte Frage wieder im Raum: Wie frei ist eine Wahl, wenn ein Wähler auf dem Weg zur Urne zuerst an bewaffneten Bundesbeamten vorbeigehen muss? Selbst wenn niemand kontrolliert wird, steht die Uniform bereits dort. In einer angespannten Gesellschaft reicht manchmal die Anwesenheit, damit Menschen umkehren. Denver will diese Probe gar nicht erst stattfinden lassen.
17 Szenarien für November – Aktivisten und Journalisten proben den Widerstand gegen einen Eingriff in die Wahl

Indivisible hat bereits 17 mögliche Szenarien durchgespielt, die im November eintreten könnten. Dazu gehört der Einsatz von ICE an Wahllokalen. Auch die Nationalgarde taucht in den Planspielen auf, obwohl das Pentagon erklärt hat, derzeit keine Entsendung von Soldaten zu Wahllokalen zu planen. Ezra Levin sagt trotzdem, die wichtigste Aufgabe bleibe zunächst banal: möglichst viele Menschen sollen tatsächlich wählen. Das Bündnis „No Kings“, das während Trumps 2. Amtszeit große Proteste organisiert hat, startet deshalb eine Kampagne für frühe Stimmabgabe. Am 17. Oktober sollen Kundgebungen den Höhepunkt bilden. Dahinter steht eine zweite Vorbereitung. Sollte die Regierung im November aggressiv in die Wahl eingreifen, wollen linke Organisationen und traditionelle Bürgerrechtsgruppen schnell Menschen auf die Straße bringen.

Einige sehen Minneapolis als mögliches Vorbild. Bei den Protesten gegen die dortige Einwanderungsoffensive wurden im Januar 2 Aktivisten von ICE-Beamten erschossen. Die Regierung fuhr ihren harten Einsatz gegen die Stadt später zurück. Für Aktivisten zeigte diese Erfahrung, dass öffentlicher Widerstand politischen Druck erzeugen kann, selbst wenn der Preis erschreckend hoch war. Kidus Girma von der linken Sunrise Movement rechnet damit, dass sich im November ein ähnlicher Moment ergeben könnte. Beschäftigte und Studenten müssten sich dann zusammentun und deutlich machen, dass die Regierung nicht darüber entscheide, wer gewählt werde oder ein Amt antreten dürfe. Das klingt nach einer Sprache, die man früher mit umkämpften Demokratien weit entfernt von Washington verbunden hätte. Heute wird sie für die amerikanischen Zwischenwahlen geprobt.
Die Vorbereitung selbst ist bereits eine Nachricht. Eine Wahl, für die Bürgerrechtsgruppen Protestpläne schreiben, Juristen Richter vorbereiten und politische Parteien Tausende Beobachter anwerben, trägt ihre Krise schon Wochen vor dem ersten ausgezählten Stimmzettel mit sich.
Pentagon-Bericht räumt Waffenlücken ein – Trump verkündet gleichzeitig den nächsten Rüstungsrekord

Der erste umfassende Bericht der US-Regierung zu den Folgen des Iran-Kriegs fällt deutlich weniger beruhigend aus als die öffentlichen Beschwichtigungen aus Washington. Die Aufsicht des Pentagon hält fest, dass der Krieg Lücken in wichtigen Waffenbeständen hinterlassen und Engpässe bei der Nachproduktion offengelegt habe. Nach Einschätzung von Fachleuten könnte es rund 3 Jahre dauern, moderne Raketen und Abfangwaffen wieder auf den Stand vor dem Krieg zu bringen. Genau diese Sorge hatte das Pentagon über Monate zurückgewiesen und erklärt, die Streitkräfte verfügten über alles, was sie für jeden Konflikt benötigten. Donald Trump reagierte am Montag mit seiner eigenen Wirklichkeit. Die USA produzierten mehr „erlesene und erstklassige Waffen“ als jemals zuvor in ihrer Geschichte, schrieb der Präsident. Jeden Tag würden neue Waffen an die Truppen im Nahen Osten geliefert. Der Bericht seiner eigenen Regierung klingt weniger feierlich.

Die Untersuchung umfasst den Zeitraum vom 1. April bis 30. Juni und führt Erkenntnisse der Aufsicht im Verteidigungsministerium sowie des Außenministeriums zusammen. Auch die U.S. Agency for International Development floss in die Prüfung ein. Nach 6 Monaten Krieg steht damit erstmals offiziell auf Papier, was Washington zuvor nur ungern aussprach: Moderne Waffen lassen sich schneller verschießen, als Fabriken sie ersetzen können. Ein Raketenlager lässt sich eben nicht mit einem Beitrag in sozialen Medien auffüllen.
Iran traf Hunderte Gebäude auf US-Basen – Bahrain zwang das Militär zu 18 Tagen Umweg

Iranische Angriffe haben nach Angaben der US-Regierungsaufsicht Hunderte Gebäude und andere Einrichtungen auf amerikanischen Militärstützpunkten beschädigt oder zerstört. Betroffen waren Anlagen in Kuwait und Bahrain. Auch Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate tauchen in der Bilanz auf. Saudi-Arabien und Irak wurden ebenfalls getroffen, ebenso Oman und Jordanien. Damit liegt erstmals eine breitere offizielle Bestandsaufnahme dessen vor, was iranische Raketen und Drohnen an amerikanischer Infrastruktur angerichtet haben.
Besonders schwer traf es den Marinestützpunkt in Bahrain. Die Anlage dient der U.S. Navy als wichtiges Versorgungszentrum für die Region und wurde mit iranischen Drohnen sowie ballistischen Raketen angegriffen. Das U.S. Central Command musste anschließend Teile seiner Versorgung auf weiter entfernte Standorte verlagern. Einer davon war Diego Garcia, die amerikanisch-britische Militärbasis im Indischen Ozean. Aus einem regionalen Nachschubweg wurde damit eine Reise von 14 bis 18 Tagen. So lange dauerten laut Bericht einzelne Versorgungskreisläufe für Operationen im Nahen Osten. Der amtierende Marineminister Hung Cao beschrieb den Zustand von Bahrain erheblich weniger technisch: Iran habe die Basis „zur Hölle gebombt“. Eine Arbeitsgruppe prüfe inzwischen, wie umfangreich die Reparaturen ausfallen müssten, damit die Marine ihre Kräfte dort dauerhaft weiter versorgen könne. Militärische Reichweite misst sich manchmal plötzlich in der Zahl der Tage, die ein Ersatzteil unterwegs ist.
Bis zu 30 Reaper-Drohnen verloren – Iran traf auch amerikanische Tankflugzeuge am Boden
Die materielle Bilanz des Iran-Kriegs reicht weit über beschädigte Gebäude hinaus. Dutzende amerikanische Flugzeuge und Drohnen wurden laut Regierungsbericht zerstört oder beschädigt. Besonders teuer fiel der Verlust der MQ-9 Reaper aus. Bis zu 30 dieser Drohnen seien zerstört worden. Jede einzelne kostet rund 30 Millionen Dollar. Schon diese Zahl ergibt eine Rechnung, die selbst im Pentagon nicht mehr zwischen den Fußnoten verschwindet. Auch die Luftbetankung traf es hart. 7 KC-135 wurden beschädigt oder zerstört. Fünf davon traf iranische Munition, während die Maschinen in Saudi-Arabien am Boden standen. Ein weiteres KC-135 stürzte im Irak nach einer Kollision mit einem anderen Tankflugzeug ab. Dabei kamen 6 US-Soldaten ums Leben.
Diese sechs Todesfälle führt der Bericht als Folge eines nicht feindlichen Ereignisses. Gleiches gilt für den Piloten eines Hubschraubers, der ins Arabische Meer stürzte. Weitere 11 Soldaten werden dagegen als im Kampf gefallen geführt. Todesfälle gab es in Kuwait und Irak. Weitere wurden aus Jordanien sowie Saudi-Arabien gemeldet. Damit bekommt der Krieg eine nüchterne zweite Bilanz neben den politischen Reden: verlorene Flugzeuge, abgeschossene Drohnen und Tote, deren Einordnung davon abhängt, ob eine feindliche Rakete oder eine Kollision sie das Leben kostete. Für die Familien ändert diese Spalte wenig.
184 Millionen Dollar Schäden an US-Botschaften – 9.000 Amerikaner mussten evakuiert werden
Auch die amerikanische Diplomatie zahlte für den Krieg mit Beton und Geld. Iranische Angriffe beschädigten US-Einrichtungen im Irak und in Kuwait. Weitere Treffer gab es in Saudi-Arabien sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der geschätzte Schaden an diplomatischen Einrichtungen beläuft sich auf 184 Millionen Dollar. Diese Summe war bislang nicht öffentlich beziffert worden. Dazu kamen weitere Kosten des Außenministeriums von 113 Millionen Dollar. Fast 80 Millionen davon entfielen auf Notfallmaßnahmen und vorbereitete Evakuierungen. Seit den ersten amerikanisch-israelischen Angriffen auf Iran am 28. Februar brachte die Trump-Regierung rund 9.000 US-Bürger aus Ländern im Nahen Osten sowie aus Europa heraus. Die meisten Evakuierten kamen aus Israel. Danach folgten Irak und Jordanien.
Bis Ende Juni kostete die Evakuierungsaktion mehr als 11 Millionen Dollar. Sie lief über private und kommerzielle Flüge, hinzu kamen Transporte auf dem Land sowie über das Wasser. Das Außenministerium verzichtete später darauf, das Geld von Evakuierten zurückzufordern. Die einzelnen Reisewege hätten sich nach eigener Einschätzung kaum vollständig dokumentieren lassen. Besonders teuer waren 1.200 Evakuierungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Reisen führten unter anderem nach Istanbul und Athen. Auch Washington gehörte zu den Zielen. Allein diese Transporte kosteten mehr als 4 Millionen Dollar. Krieg kennt viele Rechnungen. Manche kommen als Einschlag, andere als Flugticket.
37,5 Milliarden Dollar Kriegskosten – gleichzeitig verkauft Washington Waffen für mehr als 44 Milliarden

Verteidigungsminister Pete Hegseth bezifferte die bisherigen Kosten des Iran-Kriegs Ende Juli vor dem Kongress auf 37,5 Milliarden Dollar. Während amerikanische Lager schrumpften und Basen beschädigt wurden, lief daneben ein anderer Geldstrom in die Gegenrichtung. Das Außenministerium meldete innerhalb des untersuchten Zeitraums mehr als 44 Milliarden Dollar an neuen militärischen Verkäufen in die Region.
Der größte Anteil ging an Saudi-Arabien. Verkauft wurden Militärhubschrauber sowie Munition samt Unterstützung. Hinzu kamen hochpräzise Waffensysteme. Katar und Kuwait erhielten ebenfalls Lieferungen im Milliardenbereich. Weitere Verkäufe gingen an die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Israel. Die Nachfrage kam in einer Region zustande, in der Iran während des Krieges fast jedes Land angriff, das amerikanische Militärstützpunkte beherbergte. Verbündete kauften deshalb zusätzliche Waffen, während Washington selbst mit Lücken in seinen Beständen kämpfte. Der Krieg füllte damit Auftragsbücher genau in dem Moment, in dem die eigenen Depots dünner wurden.
Hegseths 37,5 Milliarden Dollar erfassen dabei nur die bisherigen amerikanischen Kriegskosten. Schäden an diplomatischen Einrichtungen und Evakuierungen laufen in anderen Rechnungen. Gleichzeitig warnt die Regierungsaufsicht vor jahrelangen Engpässen bei moderner Munition. Auf dem Papier kann ein Krieg also gleichzeitig Milliarden verbrennen und Milliarden an Verkäufen erzeugen. Nur die Rakete weiß nicht, auf welcher Seite der Bilanz sie steht.
Russlands Scharfschützen schießen mit US- und Finnland-Munition – mitten im Krieg gegen die Ukraine

Die russische Armee erhält inzwischen Scharfschützenmunition aus eigener Fertigung, in der amerikanische und finnische Präzisionsgeschosse stecken. Damit ist eine neue Stufe erreicht. Bislang waren vor allem ausländische Komplettpatronen oder von Scharfschützen selbst zusammengesetzte Ladungen bekannt. Nun baut der russische Waffenhersteller Promtechnologija solche Komponenten offenbar regulär in Munition ein, die zusammen mit ORSIS-Scharfschützengewehren an die Truppe geht. Anfang April 2026 berichtete ein kriegsnaher russischer Telegram-Kanal über Patronen für ORSIS 5000. Verwendet worden seien amerikanische Hülsen von Peterson und Geschosse von Hornady. Das Hornady-Geschoss habe 11,53 Gramm gewogen. Hersteller der fertigen Patrone sei Promtechnologija gewesen. Beim Schießen auf 300 Meter hätten 10 Treffer auf engem Raum gelegen. Angegeben wurden 0,5 MOA, was auf diese Entfernung ungefähr einem Trefferkreis von 4,5 Zentimetern entspricht. Für Scharfschützen ist das genau die Art Präzision, für die solche Geschosse gekauft werden.
Nur drei Tage später folgte die nächste Information. Die amerikanischen Geschosse seien in dieser Zusammenstellung nur noch in sehr kleiner Zahl verfügbar. Für die Scharfschützengewehre 6W12 würden inzwischen Geschosse vom Typ Scenar des finnischen Herstellers Lapua geliefert. Das Gewicht blieb bei 11,53 Gramm, als Treibladung wurde russisches Pulver Irbis 570 genannt. Die Hülsen trugen die Kennzeichnung ORSIS. Ausgerechnet im 5. Jahr des russischen Großangriffs auf die Ukraine muss ein russischer Rüstungsbetrieb also weiterhin auf westliche Präzisionsgeschosse zurückgreifen, um eigene Scharfschützenmunition in gewünschter Qualität herzustellen.
Der Umfang reicht weit über einzelne Schachteln hinaus. Zwischen März 2022 und Februar 2024 gelangten nach den vorliegenden Daten mehr als 10 Millionen Geschosse aus NATO-Staaten nach Russland. Darunter befanden sich große Mengen für die weitreichenden Kaliber .338 Lapua Magnum und .375 CheyTac. Gemessen am gesamten Munitionsverbrauch des Krieges sind diese Mengen klein. Für Scharfschützen sieht die Rechnung anders aus. Russische Hersteller fertigen zwar inzwischen eigene Präzisionsgeschosse, Schützen und Waffenbauer bescheinigen amerikanischen sowie finnischen Produkten jedoch weiterhin die bessere Treffergenauigkeit. Sanktionen können einen Markt erschweren. Eine Kugel fragt an der Front allerdings nicht mehr, welchen Zollstempel sie einmal getragen hat.
Von Glock bis Lapua – Russlands ORSIS-Werk lebt seit Jahren von westlicher Waffentechnik
Promtechnologija ist kein Betrieb, der erst nach Beginn des Ukraine-Krieges zufällig auf westliche Bauteile gestoßen wäre. Das Unternehmen wurde 2009 gegründet und baute seine Produktion mit umfangreicher europäischer sowie amerikanischer Hilfe auf. Bereits 2012 vereinbarte die Firma mit Glock GmbH die Montage österreichischer Pistolen in Russland. Geplant waren Glock 17 sowie Glock 34. Später kam Glock 35 hinzu. Die erste Versuchsserie der russischen Montage umfasste mehr als 2.000 Waffen. Nach der Annexion der Krim wurde das Vorhaben offiziell beendet. Die Lieferbeziehung verschwand damit offenbar weit weniger vollständig. Noch im November 2023 importierte Promtechnologija 100 Glock 43 und weitere 100 Glock 19 Gen5.
2013 folgte die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Hersteller ArmaLite. In Russland sollten halbautomatische AR-10 und M-15 montiert werden. Amerikanische Komponenten sollten mit russischen Läufen kombiniert werden. Auch diese Vereinbarung wurde später beendet. Einige Jahre danach erklärte das Werk bei Moskau, seine eigene Variante des AR-10 vollständig lokalisiert zu haben. Nach dem europäischen Waffenembargo von 2014 begann Promtechnologija außerdem mit der Montage der italienischen Flinte Marocchi Si 12 aus gelieferten Bauteilen. Beim italienischen Hersteller saß damals mit Oleg Beneditschuk ein Russe auf dem Posten des Vizepräsidenten. Sanktionen können sehr streng aussehen, solange niemand fragt, welche Kiste gerade durch das Werkstor fährt.
Auch finnische Komponenten tauchten schon lange vor der jetzigen Lieferung an russische Soldaten auf. 2019 wurde eine ORSIS-Patrone im Kaliber .308 Winchester öffentlich getestet. Verwendet wurden hochpräzise Lapua-Scenar-Geschosse und Lapua-Hülsen aus Finnland. Schon 2014 hatten russische Waffenforen ORSIS-Munition mit finnischen Hülsen sowie Scenar-Geschossen beworben. Hinzu kam Pulver von VihtaVuori. Der jetzige Einsatz westlicher Geschosse in militärischer Scharfschützenmunition ist daher kein plötzliches technisches Wunder. Er setzt eine lange Geschichte fort, in der russische Waffenproduktion immer wieder von westlichen Komponenten profitierte. Heute gehen diese Patronen an Soldaten, die in der Ukraine schießen. Der Abstand zwischen einem europäischen Zulieferer und einem russischen Scharfschützen kann erstaunlich kurz sein.
Mehr als 10 Millionen westliche Geschosse gelangten nach Russland – und die Spur führt auch durch die EU

Russland fertigt eigene Geschosse für .308 Winchester und .338 Lapua Magnum. Der Barnauler Patronenbetrieb produziert solche Munition, ebenso Hersteller in Nowosibirsk. Auch Techkrim gehört dazu. Trotzdem suchen russische Schützen weiter amerikanische und finnische Präzisionsgeschosse. Der Grund liegt in der Genauigkeit. Hochwertige Scharfschützengeschosse werden mit engen Toleranzen bei Gewicht sowie Form hergestellt. Ihre Flugbahn ist berechenbarer, der Einfluss von Wind geringer. Gerade auf große Distanz zählt jeder Millimeter, den eine Fabrik vorher sauber gearbeitet hat. Russische Scharfschützen verwendeten westliche Geschosse deshalb sowohl in regulären Armeeeinheiten als auch bei Wagner.
Zwischen März 2022 und Februar 2024 wurden mehr als 10 Millionen Geschosse aus NATO-Staaten nach Russland eingeführt. Ein Teil der Lieferungen dürfte über die Europäische Union gelaufen sein. Dafür gibt es konkrete Spuren. Die russische Firma IF Tetis erhielt am 8. Juni 2022 eine Konformitätserklärung für eine Partie amerikanischer Hornady-Geschosse. Die dazugehörigen Prüfunterlagen waren bereits am 28. April 2022 in Finnland ausgestellt worden. Zuständig war das Lapua Test Shooting Lab, Prüfnummer 393/16. Zu diesem Zeitpunkt lief der russische Großangriff auf die Ukraine bereits seit mehr als 2 Monaten.
Später wurde die Nachverfolgung schwieriger. Die russische Akkreditierungsbehörde stellte nach Veröffentlichungen über westliche Waffenlieferungen die Veröffentlichung bestimmter Konformitätserklärungen für mehrere Zollgruppen ein. Damit lässt sich die tatsächliche Menge neuer Lieferungen nur noch schwer vollständig beziffern. Der Markt selbst schweigt allerdings nicht. Am 28. Januar 2026 kündigte das russische Waffenhaus Orel eine neue Lieferung von Hornady-Munition an. Das Geschäft gehört zur Unternehmensgruppe des Waffenhändlers Michail Chubutija, einem Geschäftspartner der Beretta-Gruppe. Ende August und Anfang September erschienen innerhalb von nur 5 Tagen 7 Verkaufsanzeigen für Hornady-Geschosse von 5 verschiedenen Anbietern in einer russischen Verkaufsgruppe. Papier kann verschwinden. Ware hinterlässt andere Spuren.
Russische Waffen, westliche Kugeln – und in der Toskana fließen weiter EU-Subventionen
Hinter Promtechnologija steht Konstantin Nikolajew, ein russischer Unternehmer mit Verbindungen weit hinein in den Machtapparat. Der Waffenbetrieb entstand mit Unterstützung aus dem Umfeld des damaligen Vizepremiers Dmitri Rogosin, der für die russische Rüstungsindustrie zuständig war. Bis 2012 arbeitete dessen Sohn Alexej Rogosin als stellvertretender Generaldirektor bei Promtechnologija. Nach öffentlichen Vorwürfen wegen möglicher Interessenkonflikte verließ er die Firma. Später übernahm Rogosins Neffe Roman eine führende Rolle. Dazu kommen Verbindungen zur Familie des FSB-Generals Sergej Beseda. Eine Firma, die mit dessen Sohn Alexej verbunden war, erhielt aus Nikolajews Strukturen 187 Millionen Rubel und 25 % an einem gemeinsamen Unternehmen zur Herstellung von Wärmebildtechnik.

2013 wurde besonders geschäftig. Ein zyprisches Unternehmen Nikolajews überwies mehr als 5 Millionen Dollar an den Sohn des FSB-Generals. Im selben Jahr schloss Promtechnologija seine Vereinbarung mit ArmaLite. Nikolajew kaufte außerdem das Weingut La Madonnina im toskanischen Bolgheri. Die Investition lag bei rund 40 Millionen Euro. La Madonnina befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft berühmter italienischer Weingüter. Eigentümer ist die zyprische Cetrezza Trading. Diese gehörte früher einer Gesellschaft auf den Britischen Jungferninseln, deren wirtschaftlich Berechtigter Nikolajew war. Heute steht hinter Cetrezza der Magic Forest Trust. Dessen Eigentümer sind nicht öffentlich bekannt.
Die Verbindung verschwand trotzdem nicht sauber aus den Unterlagen. Cetrezza hielt 85 % an der Weinhandlung Enoteca Tognoni in Livorno. Nikolajew selbst besaß dort bis 2024 weitere 5 %. Während seine Unternehmen in Russland Waffen fertigen und westliche Munition in das Land gelangt, wurde La Madonnina in Italien weder beschlagnahmt noch von öffentlicher Förderung abgeschnitten. In den vergangenen 10 Jahren erhielt das Weingut 135.600 Euro aus europäischen Agrarfonds. Davon wurden 107.800 Euro nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine ausgezahlt.
Die europäischen Regeln verlangen eigentlich, wirtschaftlich Berechtigte hinter geförderten Unternehmen zu prüfen. Die Praxis endet früher. Anfragen bei der italienischen Finanzaufsicht UIF und bei der Antikorruptionsbehörde ANAC ergaben, dass deren Datenbanken teilweise nicht einmal die wirtschaftlich Berechtigten italienischer Firmen zuverlässig ausweisen. Bei ausländischen Firmenkonstruktionen wird es noch dünner. So kann ein Mann öffentlich als Besitzer eines Weinguts auftreten, während italienische Stellen nach eigener Datenlage keine belastbare Verbindung feststellen können. In Russland produziert sein Umfeld Waffen. In Italien bekommt der Wein weiter Geld aus Brüssel. Das ist keine feine Ironie mehr. Das ist eine Rechnung mit europäischem Absender.
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Leider ist das keine Ueberaschung. Ganz Europa, auch die sogenannte neutrale Schweiz, macht auf Umwegen Geschäfe mit Russland.
Die Sanktionen werden elegant umschifft. Dank euch unabhängigen Journalisten werden immer mehr Machenschaften aufgedeckt.
… aktuell scheint es mehr ein bewerb zu sein, wer ist noch schlimmer – es sind schon merkwürdige zeiten, bedenklich was noch kommt