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Grönland, Zölle, NATO – und jetzt der Fußball. Wie Trump sich einen neuen Streit mit Europa schafft

VonRainer Hofmann

7. Juli 2026

Es gibt eine Steigerung des Absurden, bei der man irgendwann nicht mehr weiß, ob man lachen oder erschrecken soll, und die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa hat diesen Punkt an diesem Montag erreicht. Nach Grönland, nach den Zöllen, nach dem Streit um die NATO ist es nun der Fußball, an dem sich der nächste Konflikt entzündet. Belgische Politiker und europäische Fußballfunktionäre reagierten mit Empörung darauf, dass ein gesperrter amerikanischer Spieler ausgerechnet vor dem Achtelfinale gegen Belgien wieder zugelassen wurde. Man muss sich das einen Augenblick vergegenwärtigen. Die transatlantische Beziehung steht seit anderthalb Jahren unter Druck, in dieser Woche reisen die Staats- und Regierungschefs zu einem mit Spannung erwarteten NATO-Gipfel in die Türkei, und mitten in diese ohnehin geladene Lage platzt ein Streit um eine rote Karte.

Der Reihe nach, denn die Vorgeschichte gehört dazu. Trump begann das Jahr 2026 mit der Drohung, sich Grönland einzuverleiben, ein autonomes Gebiet Dänemarks, das wiederum Mitglied der NATO ist, ein Vorstoß, der die Grundfesten des Bündnisses erschütterte. Er ging die europäischen Regierungen wegen des Iran-Krieges an und warf ihnen vor, die Vereinigten Staaten in diesem Konflikt nicht unterstützt zu haben. Seine Regierung drohte damit, die in Europa stationierten Truppen zu verringern, jene Truppen, die als entscheidendes Abschreckungsmittel gegen Russland gelten, und er fuhr jene Länder an, die aus seiner Sicht zu wenig für ihr Militär ausgeben. Die europäischen Politiker wollten den Gipfel in Ankara nutzen, um vorzuführen, wie viel mehr sie inzwischen für ihre Verteidigung aufwenden, in der Hoffnung, Trump und die Vereinigten Staaten im Bündnis zu halten. Die Lage ist ernst, während Russland seine Angriffe auf die Ukraine verschärft. Ein Schlag in der vergangenen Woche kostete einunddreißig Menschen das Leben, ein weiterer am Montagmorgen mindestens zwölf.

In diese Lage hinein also griff Trump zum Telefon, nicht wegen der Toten in der Ukraine, nicht wegen des Gipfels, sondern wegen einer roten Karte. In der vergangenen Woche rief er den Präsidenten der FIFA, Gianni Infantino, an und bat um eine Überprüfung der Sperre von Folarin Balogun, dem besten Torschützen der amerikanischen Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft, der nach einem Platzverweis für ein Spiel gesperrt worden war. Man lasse die Verhältnismäßigkeit dieses Vorgangs einen Moment auf sich wirken. Während die Diplomaten eines ganzen Kontinents um den Zusammenhalt des westlichen Bündnisses ringen, sorgt sich der amerikanische Präsident um die Aufstellung seiner Fußballmannschaft.

Die FIFA hob die Sperre am Sonntag auf, und in Belgien reagierte man mit Fassungslosigkeit. Maxime Prévot, der belgische Außenminister und selbst ein früherer Schiedsrichter, erklärte, die Entscheidung könne das erklärte Bekenntnis der FIFA zum Fairplay untergraben. Diese Entscheidung werfe viele Fragen auf, sagte er, und wenn tatsächlich ein Telefonat der Grund für diese unbegreifliche Entscheidung sei, dann komme das einer Aushöhlung der grundlegendsten Regeln des Fußballs und des Sports gleich. Der belgische Fußballverband erklärte, ihm bleibe keine andere Wahl, als die Spielberechtigung des Spielers anzufechten, und zeigte sich zutiefst besorgt über das Verfahren.

Es kam, wie es in solchen Konstellationen kommen musste. Die Berufung Belgiens wurde abgewiesen, und zwar mit einer Begründung von fast schon zynischer Eleganz. Der Antrag sei unzulässig, weil der belgische Verband nicht Partei des Verfahrens sei und daher keine Berechtigung habe, gegen die Entscheidung Berufung einzulegen. Man versteht die Konstruktion sofort. Wer nicht am Tisch sitzt, darf nicht mitreden, auch dann nicht, wenn es um sein eigenes Spiel geht. Die UEFA, der europäische Fußballverband, sprach von einer roten Linie, die überschritten worden sei, und nannte die Entscheidung beispiellos, unbegreiflich und nicht zu rechtfertigen. Der belgischen Mannschaft wurde zwar das Recht auf eine Berufung zugestanden, doch ob eine Entscheidung vor dem Anpfiff am Montagabend überhaupt möglich sein würde, war offen. Man gewährt das Recht auf Widerspruch und sorgt zugleich dafür, dass er zu spät kommt, um noch zu wirken.

Besonders aufschlussreich ist die Rolle Infantinos. Der FIFA-Präsident hat Trump seit Langem umworben. Im vergangenen Jahr verlieh er ihm den ersten FIFA-Friedenspreis, während Trump vergeblich um den Friedensnobelpreis warb. Man muss diesen Satz zweimal lesen. Ein Friedenspreis, verliehen vom Weltfußballverband, an einen Mann, der zur selben Zeit einen Krieg im Iran führte. Es ist eine Auszeichnung, die mehr über den Verleiher aussagt als über den Geehrten, und sie erklärt viel über die Bereitwilligkeit, mit der ein Anruf aus dem Weißen Haus in eine geänderte Entscheidung mündete.

Trump selbst bestätigte am Montag im Weißen Haus, dass er Infantino angerufen habe, um gegen die rote Karte zu protestieren und um eine Überprüfung zu bitten. Er habe das Spiel gesehen und als Sportliebhaber festgestellt, dass es kein Foul gewesen sei, nicht einmal ein Regelverstoß. Zugleich versuchte er, seinen Einfluss herunterzuspielen. Er habe Infantino nicht gesagt, was er tun solle, er könne ihm das gar nicht sagen, und er glaube auch nicht, dass Infantino die Entscheidung getroffen habe. Es sei ein Ausschuss gewesen, und der habe richtig entschieden, weil es eben kein Foul gewesen sei und man ein Spiel mit den besten Spielern sehen wolle. Man kennt diese Rhetorik. Erst greift man ein, dann erklärt man, man habe gar nicht eingegriffen, und am Ende war es ohnehin die richtige Entscheidung, die auch ohne einen zustande gekommen wäre. Es ist die Kunst, den Stein zu werfen und die Hand hinter dem Rücken zu verstecken.

Infantino wiederum erklärte, er habe mit Trump regelmäßig über Angelegenheiten der Weltmeisterschaft gesprochen. Im Gespräch habe er dargelegt, dass es ein laufendes rechtliches Verfahren vor den unabhängigen Justizorganen der FIFA gebe und der Fall zu gegebener Zeit von den zuständigen Gremien entschieden werde. So funktioniere das System der FIFA, und dieses Prinzip werde er immer hochhalten.

Es ist eine Erklärung, die das Gegenteil dessen behauptet, was tatsächlich geschah, und gerade darin liegt ihre Dreistigkeit.

Man beruft sich auf die Unabhängigkeit der eigenen Gremien in genau dem Moment, in dem diese Gremien einem präsidialen Anruf nachgegeben haben. Der amerikanische Botschafter in Belgien, Bill White, setzte dem auf der Plattform X die Krone auf mit dem Satz, Präsident Trump würde sich niemals in die inneren Abläufe der FIFA einmischen. Man weiß nicht, ob man über so viel Chuzpe lachen oder den Kopf schütteln soll.

Die eigentliche Frage aber reicht über den Rasen hinaus, und sie lautet, ob dieses Possenspiel die diplomatischen Spannungen weiter anheizt. Mujtaba Rahman von der Eurasia Group glaubt nicht, dass der Fußballstreit allein die transatlantische Beziehung weiter destabilisieren werde. Doch er diene den europäischen Regierungen als rechtzeitige Erinnerung daran, wie Trump agiere, ungebunden an Regeln oder Normen, im rücksichtslosen Verfolgen einer Politik, die Amerika in allem an die erste Stelle setze. Es ist dieselbe Haltung, die hinter der Drohung gegen Grönland stand, hinter dem Handelskrieg, hinter dem Feilschen um die NATO. Nur zeigt sie sich diesmal in einer Form, die so klein und so lächerlich ist, dass gerade darin ihre Botschaft liegt. Wo kein Regelwerk vor einem Anruf sicher ist, ist auch kein Bündnis vor einer Laune sicher.

Jacob Funk Kirkegaard vom belgischen Institut Bruegel bringt es auf den Punkt. Die politischen Führungen Europas dürften die Fußballaffäre als weiteres Beispiel dafür sehen, wie die Vereinigten Staaten unter Trump zu einem gesetzlosen, ungebundenen Ort geworden seien. Für die Rechten in Europa, die sich ohnehin schon von Trump distanziert hätten, werde es langfristig noch schwerer, sich mit ihm zu verbünden. Kurzfristig aber, so Kirkegaard, brauchten die europäischen Regierungen Trumps Unterstützung beim Gipfel in Ankara dringend, weil die Ukraine amerikanische Patriot-Luftabwehrsysteme im Kampf gegen Russland benötige. Also werde man den Streit nicht suchen. Und damit ist das ganze Dilemma Europas in einem Satz gefasst. Man erkennt die Zumutung, man benennt sie sogar, und man schluckt sie dennoch hinunter, weil man auf die Raketen angewiesen ist, die nur der eine liefern kann.

Am treffendsten kommentierte den Vorgang ausgerechnet niemand aus der Politik. Auf die Bitte um eine Stellungnahme verwies die Sprecherin des belgischen Premierministers Bart De Wever auf einen Instagram-Beitrag, der der Katze des Premierministers zugeschrieben wird. Rote Karte, heißt es dort auf Niederländisch, ich spiele trotzdem. Es ist der ehrlichste Satz in dieser ganzen Angelegenheit, und er stammt von einer Katze. Denn genau darum geht es. Wer mächtig genug ist, spielt trotzdem, ganz gleich, was die Regel sagt.

Was bleibt, ist ein Bild, das man nicht mehr los wird, weil es so klein ist und so viel bedeutet. Ein Präsident, der einen Krieg führt und einen Friedenspreis trägt, greift zum Telefon, um eine rote Karte aus der Welt zu schaffen, und der mächtigste Sportverband der Erde fügt sich. Europa schaut zu, empört und ohnmächtig, und beißt sich auf die Zunge, weil es die Raketen braucht. Es ist erst der Fußball. Aber wer geglaubt hat, dass es beim Fußball bleibt, hat die vergangenen anderthalb Jahre nicht verstanden.

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Anja
Anja
9 Stunden vor

Gott sei Dank haben die Belgier die Antwort auf dem Platz gegeben. Vielleicht hat die ganze Aufregung den amerikanischen Spielern eher geschadet als genutzt. Die Belgier konnten ihre Wut als Motivation nutzen.

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