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Erfurt, hundert Jahre danach – der Zirkus in einer verlorenen Zeit

VonTEAM KAIZEN BLOG

5. Juli 2026

Manche Orte tragen ihr Gedächtnis wie eine Narbe, und wer sich für sie entscheidet, entscheidet sich immer auch für das, was sie erinnern. Die AfD hat für ihren Bundesparteitag am ersten Juliwochenende Erfurt gewählt, jene Stadt, in der die NSDAP vor genau einem Jahrhundert zusammenkam. Man kann darüber streiten, wie viel Absicht in einem Kalenderdatum steckt, doch Jens-Christian Wagner, der die Gedenkstätte Buchenwald leitet, ließ am Rande der Proteste keinen Zweifel. Ein Zufall sei das mit Sicherheit nicht, sagte er, und es widere ihn an. Man braucht diesem Satz nichts hinzuzufügen. Eine Partei, die in Teilen als gesichert rechtsextrem gilt, stellt sich auf einen Boden, auf dem die deutsche Geschichte schon einmal ins Rutschen geriet, und behauptet zugleich, sie sei nichts weiter als eine Partei unter Gleichen.

Der Auftakt geriet zur kleinen Choreografie der Selbstbeherrschung. Um Punkt zehn Uhr begann der Parteitag, und diese Pünktlichkeit war keine organisatorische Nebensache, sondern die erste Botschaft. Tino Chrupalla, der Co-Vorsitzende, machte aus ihr sogleich einen Sieg über die Gegner. Die Antifa habe ihr eigenes Störmanöver verschlafen, spottete er, der frühe Vogel fange eben den Wurm. Was wie eine Kalendersprüchlein klingt, war in Wahrheit die Kernidee des ganzen Wochenendes. Eine Partei, deren Parteitage über Jahre im Streit versanken, wollte diesmal das Gegenteil vorführen. Ordnung. Verlässlichkeit. Das ruhige Gesicht einer Volkspartei. Man sei geeint wie nie zuvor, verkündete Chrupalla, und dieser Satz war weniger Beschreibung als Kostüm.

Denn unter dem Kostüm blieb die alte Gestalt sichtbar. Die Doppelspitze aus Chrupalla und Alice Weidel wurde bestätigt, doch die Zahlen verrieten mehr, als der Führung lieb sein konnte. Weidel kam auf einundachtzig Prozent und übertraf damit sogar ihr Ergebnis von vor zwei Jahren. Chrupalla dagegen fiel auf siebzig Prozent, rund zehn Punkte unter seinen Wert vom Parteitag in Essen. Er trug es mit dem angestrengten Frohsinn dessen, der eine Schramme zum Orden umdeuten muss, und erklärte, man habe zwei zu eins gewonnen, nicht zwei zu null. Der Riss aber bleibt, ein leiser Denkzettel, den ihm die eigenen Leute mitgaben, mitten hinein in die vorgeführte Einigkeit.

Weidel führte an diesem Tag vor, wie man das Schroffe in weiche Watte packt. Rigoros werde man abschieben, sagte sie, denn Deutschland habe Besseres verdient. In diesem einen Satz steckt die ganze Technik der neuen AfD. Die Härte bleibt unangetastet, doch sie kleidet sich in die Sprache der Sorge um das Land, als ginge es um Fürsorge und nicht um Ausschluss. 2026 nannte Weidel ein Superwahljahr, und sie stimmte die Delegierten auf Erfolge ein, auf erste Meilensteine. Bemerkenswert war, was fehlte. Die Migration, jahrelang das schlagende Herz jeder AfD-Rede, trat zurück, an ihre Stelle rückte das Wort Energie, ein Begriff, der harmloser klingt und in mehr Wohnzimmer passt. Auch das ist Verkleidung. Die Themen werden inzwischen nach ihrer Anschlussfähigkeit ausgewählt, nicht mehr nach ihrer Wucht.

So verwundert es nicht, dass der eigentliche Gewinner des Parteitags nicht der Lauteste war, sondern der Geschmeidigste. Ulrich Siegmund, fünfunddreißig Jahre alt, Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, verkörpert die neue hoch bedenkliche Generation, die in der Sache kompromisslos bleibt und im Auftreten glatt geworden ist. Im September könnte er nach der Landtagswahl erstmals in Regierungsverantwortung gelangen. Björn Höcke hingegen, der rechtsextreme Landeschef Thüringens, erntete offiziell das braune Abstellgleis, fungiert aber wie der Chef im Schatten, ein Rolle die nicht nur zu ihm passt, sondern ihn auch perfekt beschreibt. Sein enger Vertrauter Stefan Möller, Co-Landeschef und Bundestagsabgeordneter, wurde mit gut sechsundsiebzig Prozent zu einem der Stellvertreter im Bundesvorstand gewählt. Höckes Macht wächst also weiter, während er selbst im Halbschatten bleibt, und gerade das macht sie schwerer greifbar. Wer nicht mehr vorne stehen muss, um zu bestimmen, hat die gefährlichere Form der Herrschaft erreicht.

Möller gab sich alle Mühe, als der Gemäßigte zu erscheinen, und lieferte dabei einen Satz, der tiefer blicken ließ, als er wollte. Mit Höcke sei er seit zwölf Jahren zusammen und seit zwölf Jahren verheiratet, aber nicht miteinander, und eine Marionette sei er gewiss nicht. Zugleich beschrieb er den angeblichen Wandel seiner Partei. Zwischen 2015 und 2017 habe man auf den Demonstrationen noch gerufen, alle Migranten müssten fort, heute wisse man, dass der eigene Wähler das gar nicht verlange. Es ist die Sprache der Läuterung, doch sie beschreibt keine Umkehr, sondern eine Rechnung. Nicht die Gesinnung hat sich gewandelt, nur ihre Verpackung.

Wie brüchig diese Verpackung ist, zeigte sich immer dort, wo die Regie versagte. Kay Gottschalk, der bisherige Stellvertreter, der sich nicht kampflos verabschieden wollte, führte allen Ernstes die Niederlagen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf die offenen Grenzen zurück. Ecuador und Paraguay hätte man vor der Grenzöffnung mit der alten Mannschaft weggefegt, behauptete er. Der Satz ist so absurd, dass man auflachen möchte, bis einem aufgeht, dass er die Denkweise offenlegt, die unter der professionellen Politur unverändert weiterschlägt. Gottschalk unterlag in der Kampfabstimmung gegen Sven Tritschler, der auf Maß und Modernisierung setzte und Strukturen forderte, die zu einer Volkspartei passten. So zog sich durch den ganzen Tag ein stilles Ringen zwischen jenen, die die Radikalität verwalten wollen, und jenen, die sie noch offen hinaustragen.

Wenn eine Partei das Volk gegen das Fremde aufhetzt und eine Regierung ihm zugleich das Recht nimmt, ihr auf die Finger zu sehen, dann treffen sich zwei Wege an einem Punkt. Die AfD verspricht Reinheit und liefert Feindbilder, Schwarz-Rot verspricht Ordnung und schafft die Transparenz ab, die jede Ordnung erst kontrollierbar macht. Wer der Öffentlichkeit das Licht ausknipst, tut es nie aus Versehen. Wir haben im Kampf gegen Trumps Amerika gelernt, wie das endet, dort, wo ein Foto in Haft führt und ein Satz im Netz die Beamten an die Tür bringt. Die Dunkelheit beginnt nie mit dem Verbot des Sehens, sondern mit der Gewöhnung daran, nichts mehr sehen zu wollen.

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Am aufschlussreichsten aber war, was die Führung gar nicht erst geschehen ließ. Gleich zu Beginn verschwand ein Antrag zur sogenannten Unvereinbarkeitsliste von der Tagesordnung, jener Liste, die Organisationen benennt, deren frühere Mitglieder nicht aufgenommen werden dürfen, linksextreme wie rechtsextreme. Manche Delegierte, unter ihnen Höcke, wollten sie aufweichen und hatten einen Antrag unterschrieben, der die Regeln deutlich lockern sollte. Eine offene Aussprache darüber hätte der Partei kurz vor den Wahlen ein weiteres Bild vom eigenen Extremismus beschert, und so wurde der Punkt vertagt. Weidel empfahl, der neue Vorstand solle die Liste binnen eines Jahres überarbeiten, und tadelte zugleich, das hätte längst geschehen müssen. Die Radikalisierung wird also nicht verhindert, sie wird terminiert, verschoben auf die Zeit nach den Wahlen, wenn die Aufmerksamkeit weitergewandert ist.

Während drinnen die Partei an ihrem geordneten Selbstbildnis feilte, entfaltete sich draußen das eigentliche Geschehen dieses Wochenendes. In der Spitze zählte die Polizei bis zu einunddreißigtausend Menschen, die gegen den Parteitag auf die Straße gingen, in Demonstrationen, Kundgebungen und Gottesdiensten. Luisa Neubauer und Christoph Bautz von Campact nannten den Protest ein Festival der wehrhaften Demokratie. Man habe verhindert, so Neubauer, dass dieser Parteitag geräuschlos ablaufe, der Widerstand gegen die AfD sei tief in der Zivilgesellschaft verwurzelt. DGB-Chefin Yasmin Fahimi trat auf, ebenso der frühere Ministerpräsident Bodo Ramelow, der sagte, diese Stadt stehe für Freiheit, für Vielfalt, für ein gemeinsames buntes Leben. Über Erfurt zog ein Kleinflugzeug ein Banner mit der schlichten Aufschrift, dass Nazis nervten, und vor der Messe entrollten Demonstranten eine große Regenbogenfahne.

Der Protest blieb nach Einschätzung der Polizei ganz überwiegend friedlich. Einsatzleiter Thomas Quittenbaum dankte den Teilnehmenden, die ihre Grundrechte verantwortungsvoll wahrgenommen hätten. Am Abend fiel die Zwischenbilanz nüchtern und für die Demonstranten günstig aus. Achtundvierzig Straftaten und elf Ordnungswidrigkeiten, gezählt bei Zehntausenden Menschen. Wer so viele auf die Straße bringt und dabei unter fünfzig Straftaten bleibt, hat vorgeführt, dass sich Empörung und Anstand nicht widersprechen müssen.

Und doch verlangt die Wahrheit, wir reden hier von ganz wenigen Ausnahmen, dass an diesem Tag nicht jede Handlung unter dem Banner der Demokratie auch demokratisch war. Aus einem Zug des Bündnisses Widersetzen heraus wurde ein Reporterteam, wir müssen den Club so nennen, des rechtslibertären Portals Apollo News angegriffen. Zuerst die Beschimpfungen, eine Frau rief mehrfach, man solle sich …, na Sie wissen schon was wir meinen, dann das Schubsen, die Verfolgung, schließlich die Schläge. Einem Mitarbeiter sei gegen den Hinterkopf getreten worden, berichtete der Chefredakteur, seine Kollegen seien mit Platzwunden, Schürfwunden und Prellungen versorgt worden, der Angriff habe erst geendet, als die Polizei eintraf. Ob die beschriebenen Verletzungen der Tatsache entsprechen liess sich nicht belegen. Schon zuvor hatten Flaschenwürfe aus einer Versammlung zwei Journalisten verletzt, einer musste im Krankenwagen behandelt werden. Am Bahnhof stellte die Bundespolizei bei vier Personen Schlagstöcke und Pyrotechnik sicher, ein Bürgerbüro der AfD wurde mit Farbe und Pyrotechnik beworfen.

Diese Vorfälle gehören in diesen Artikel. Wer für die Demokratie auf die Straße geht, verliert seine Sache in dem Moment, in dem er ihre Regeln bricht. Pressefreiheit gilt auch dann, wenn einem die Richtung eines Mediums missfällt, Apollo News wird nicht der AfD zugeordnet, berichtet aber sehr regierungs- und migrationskritisch und gilt vielen linken Gruppen als Gegner. Auch wir lehnen das Medium ab. Das ändert nichts an der einfachen Wahrheit. Das Unrecht bleibt Unrecht, die Polizei ermittelt, und so muss es sein. Eine Demokratie beweist ihre Wehrhaftigkeit nicht dadurch, dass sie ihre Gegner zum Schweigen bringt, sondern dadurch, dass sie es unterlässt, obwohl sie es könnte.

Hier liegt die eigentliche Spannung dieses Wochenendes, und sie ist älter als jede Tagespolitik. Die AfD setzt darauf, dass Wiederholung irgendwann als Normalität durchgeht, dass die Gewöhnung leise verschiebt, was ein Land noch für sagbar hält. Höcke selbst sprach es in seiner Begrüßung mit entwaffnender Offenheit aus. Drinnen in der Halle herrsche Positivität und Fröhlichkeit, draußen Hass und Hetze. Die Brandmauer habe seine Partei groß gemacht, nun sei man die stärkste Kraft im Land. Er sprach von den Verlierern der Geschichte, die draußen stünden, und den Gewinnern, die drinnen säßen. Es ist die Umkehrung aller Verhältnisse, in der die Mahnenden zu Hetzern werden und die Ausgrenzenden zu Verfolgten, und diese Umkehrung ist so alt wie die Verführung selbst.

Denn die Frage, die über Erfurt hing, ist keine des Tages, sondern des Gewissens. Ob eine Gesellschaft ihre eigene Geschichte noch zu lesen vermag, während sie sie schreibt. Ein Jahrhundert nach dem NSDAP-Parteitag in derselben Stadt eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei tagen zu sehen, die von einem großartigen, volkssouveränen Deutschland spricht, ist ein Anlass zur Wachsamkeit. Die Geschichte kehrt nicht als genaue Kopie zurück, sie kehrt als Möglichkeit wieder, als Angebot, es diesmal geschehen zu lassen. Was Erfurt zeigte, war beides in einem. Eine Partei, die gelernt hat, ihre Radikalität zu verwalten, und eine Gesellschaft, die gelernt hat, sich ihr entgegenzustellen.

Am Ende bleibt ein doppeltes Bild, und es lässt sich nicht auflösen. Drinnen die Delegierten, die von den Protesten nichts mitbekamen und in der geschlossenen Halle ihre Einigkeit besangen. Draußen die vielen Tausend, die bezeugten, dass der Widerspruch noch atmet. Dazwischen jene Brandmauer, von der Höcke höhnt, sie habe ihn erst groß gemacht. Vielleicht ist das die bitterste Einsicht dieser Tage. Eine Mauer allein schützt nicht, wenn hinter ihr die Bequemlichkeit wächst. Was schützt, sind die Menschen, die investigativen Journalisten und all jene Kräfte, die hinsehen, wo andere wegschauen, die sich nicht einschüchtern lassen, die beim Namen nennen, was beim Namen genannt werden muss, und die aufstehen, ohne dabei selbst zu dem zu werden, wogegen sie aufstehen. Beides lag an diesem Wochenende in Erfurt offen zutage, die Gefahr und die Antwort auf sie. Welche von beiden sich durchsetzt, entscheidet nicht die Partei in der Halle. Es entscheiden jene, die draußen stehen und morgen noch hinsehen, wenn die Kameras längst weitergezogen sind.

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